Buchdruck und Normierung

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Der Buchdruck wird von vielen als die größte Medienrevolutionen vor der heute stattfindenden digitalen Revolution verstanden. Zwischen beiden Medienrevolutionen werden Bezüge hergestellt und Vergleiche gezogen. Zudem wird der Buchdruck als determinierend für die Entwicklung der heutigen Nationalsprachen betrachtet. Bevor wir uns mit dem Buchdruck selbst beschäftigen, müssen wir uns erst einmal mit der Bedeutung von Medien anhand von verschiedenen Medientheorien beschäftigen.

Bei Giesecke stimmen die Jahreszahlen nicht. Bei dem herangezogenen Buch handelte es sich um die 4. Ausgabe. Die Angaben sollten lauten (1991 / 4 2006)

--EB 20:51, 17. Apr. 2018 (CEST) Die Bibliographie muss überarbeitet werden; nicht alle Angaben sind korrekt

Inhaltsverzeichnis

Medien und Medienrevolutionen

Nach Kloock und Spahr (1997: 237) ist die Schrift eines der grundlegenden Medien in unserer Kulturgesellschaft, welches es uns ermöglicht Informationen zu erzeugen, zu speichern und zu verbreiten. Zudem ist sie "einer der 'Grundpfeiler' menschlicher (westlicher) Zivilisation." In dem Kapitel "Oralität und Literalität" wollen Kloock und Spahr die Forschungsergebnisse zu diesem Medium vorstellen. An diesen Forschungsergebnissen wird, so Kloock und Spahr (1997: 237), deutlich, "daß Reflektionen über die Medienabhängigkeit unseres Denkens, unserer Wahrnehmung, unserer Kultur so neu nicht sind."

Kategorisierung von Medien

Der Ökonom Harold A. Innis vertrat laut Kloock und Spahr (1997: 47) schon in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts die These, dass die Geschichte als Abfolge kultureller Epochen zu betrachten ist, die von den jeweils dominanten Kommunikationsmedien geprägt sind. Dies bedeutet, dass die Formen der sozialen Organisation, und im speziellen die Strukturen von Wissen und Herrschaft, von den Techniken der Kommunikation bestimmt werden.[1] Laut Innis, so Kloock und Spahr (1997: 47), verursacht nämlich jedes Medium eine spezielle Tendenz der Kommunikation.[2]

Auf Zeit oder Raum bezogene Medien

Grundsätzlich lassen sich nach Innis, so Klook und Spahr (1997: 47), Medien in zwei Kategorien unterteilen, nämlich in Medien, die sich entweder auf die Zeit oder auf den Raum beziehen. Erstere ermöglichen eine Kommunikation mit zeitlicher Orientierung und letztere eine Orientierung am Raum. Zu den zeitorientierten Medien rechnet Innis laut Kloock und Spahr (1997: 47) zum Beispiel Stein- oder Tontafeln [3] als "dauerhafte, aber schwer transportable Medien", Papier [4] als kurzlebiges und leicht transportierbares Material ordnet er dagegen den raumorientierten Medien zu. An diese Unterscheidung schließen sich, laut Kloock und Spahr (1997: 47), zwei unterschiedliche Gesellschaftsformen an. Innis verbindet nämlich zeitorientierte Kommunikationsmedien mit Gesellschaftsformen, die auf Tradition, Dauer und Religion basieren und die sozial in stabile, hierarchische Strukturen gegliedert sind, raumorientierte Kommunikationsmedien hingegen werden mit expandierenden Reichen verknüpft, in denen die organisierte Zirkulation von Wissen zu wissenschaftlichem Fortschritt führt und welche eine abstrakte politische Autorität innehaben. Als Beispiele für erstere nennt Innis, laut Kloock und Spahr (1997: 47), Ägypten, welches als stabil, statisch und entwicklungsunfähig beschrieben wird, für letztere das neuzeitliche Europa, welches zwar dynamisch und innovativ ist, jedoch auch instabil. Beide Formen der Kultur werden so Kloock und Spahr (1997: 47-48) aufgrund der Dominanz einer Kommunikationsweise von Innis als problematisch angesehen, da eine ideale Gesellschaftsform nur durch eine Harmonie der Kommunikationsformen erreicht werden kann. Als Beispiel für eine solche ideale Gesellschaftsform wird von Innis, so Kloock und Spahr (1997: 48) das antike Griechenland angeführt, da dort während des Übergangs zwischen oraler und literaler Kultur ein Gleichgewicht zwischen Raum- und Zeitorientierung hergestellt werden konnte.

Heiße und kalte Medien

Auch McLuhan unterscheidet laut Kloock und Spahr (1997: 53-54) zwischen zwei Arten von Medien, nämlich „heiße“ Medien und „kalte“ Medien. Zu den „heißen“ Medien gehören bei McLuhan zum Beispiel das Buch, das Radio, der Film und die Photographie. Bei „heißen“ Medien geht es darum, dass sie nur einen Sinn erweitern. Sie sind reich an Details. „Kalte“ Medien sind bei McLuhan zum Beispiel Comics, die Karikatur, die Sprache oder auch das Telefon. Sie sind detailarme Medien und verlangen Ergänzungen bzw. Vervollständigungen. Vor- und Nachteile der beiden Arten von Medien wägt McLuhan so Kloock und Spahr (1997: 54) aber nicht ab. Sein Konzept der Wahrnehmung ist vielmehr auf ein harmonisches Zusammenspiel der Sinne gerichtet, welches zum Beispiel durch den Tastsinn erreicht wird, den McLuhan als eine dynamische Einheit des Empfindens versteht. Für McLuhan setzt so Kloock und Spahr (1997: 55) eine komplexe Wahrnehmung die maximale Beteiligung aller Sinne voraus. [5]

Einteilungen der Geschichte

Wie Kloock und Spahr (1997: 59) ausführen, teilt McLuhan die Geschichte in vier Epochen ein: in die „orale Stammeskultur“, die „literale Manuskript-Kultur“, die „Gutenberg-Galaxis“ und das „elektronische Zeitalter“. Zäsuren zwischen den einzelnen Epochen werden dabei durch das Auftreten neuer Medien wie der Schrift, des Buchdrucks oder der Elektrizität markiert. Im Folgenden wird die Einteilung der Geschichte allgemeiner gefasst, indem die Phasen als Oralität, Literalität, Gutenberg-Galaxis und digitale Revolution bezeichnet werden.

Oralität

Die erste Epoche der „oralen Stammeskultur“ wird laut Kloock und Spahr (1997: 59-60) von McLuhan als eine „Welt des Ohres“ bezeichnet. Typische Eigenschaften dieser durch Oralität geprägten Kulturen sind für ihn „Dynamik, Diskontinuität und Simultaneität“. Das Sinnesorgan „Ohr“ erhält die größte Bedeutung für die Organisation des täglichen Lebens während andere, wie das Auge, in den Hintergrund treten. Daraus resultiert eine enge wechselseitige Abhängigkeit der verschiedenen Akteure voneinander. McLuhan geht laut Kloock und Spahr (1997: 60) sogar so weit, von einer „Tyrannei des Ohres über das Auge“ zu sprechen.

Oral-Poetry-Forschung

Wie laut Kloock und Spahr (1997: 240-241) aus den Erkenntnissen der Oral-Poetry-Forschung hervorgeht, spielten in oralen Kulturen Rhythmus und Melodie für das Gedächtnis eine besondere Rolle, denn Sprache ist für das Gedächtnis einfacher zu replizieren, wenn sie durch Rhythmus und Melodie geleitet wird. Kloock und Spahr beziehen sich dabei auf Milman Parry. Dieser hat in den 1930er Jahren nachgewiesen, dass Ilias und Odyssee Ergebnisse einer oralen Improvisationskunst und Mnemotechnik sind. Sie basieren nämlich auf mündlichen Kompositionsregeln. Diese sind in Form von metrisch zugeschnittenen Formeln, den sogenannten Hexametern strukturiert, welche aus Wortgruppen bestehen, bei denen beigefügten Adjektiven oder Attributen eine besondere Bedeutung zukommt. Als Beispiel führen Kloock und Spahr (1997: 241) das Adjektiv polymetis (klug) an, das als Attribut fortwährend bei Odysseus erscheint und ihn erst ins Metrum des Verses bettet. In der Folge kann Reimen als eine Mnemotechnik verstanden werden. Mit dieser Mnemotechnik erfolgte, wie Kloock und Spahr (1997: 241) ausführen, nach Parrys These kein wortwörtliches Memorieren, sondern nur das Erstellen eines Fundus an feststehenden Phrasen, welcher den groben Inhalt des Werkes vorgab. Dies ermöglichte dem jeweiligen Vortragenden metrisch korrekte Verse in endloser Zahl herzustellen und jeweils neu zusammenzustellen. Als Beleg für die starke Betonung auf Rhythmik und Melodie nennt Parry nach Kloock und Spahr (1997: 241) die Tatsache, dass Vorträge mit Musik und Tanz kombiniert wurden.[6]

Kloock und Spahr (1997: 241-242) verweisen an dieser Stelle auf Albert Lord, der 1960 in seinem Werk The Singer of Tales, das 1965 mit dem Titel Der Sänger erzählt auf Deutsch erschienen ist, anhand von Tonaufzeichnungen slawischer Erzähldichtungen[7] Parallelen zu antiken, griechischen Dichtungen zog. Abhängig vom Publikum, der Stimmung des Poeten und anderen sozialen und psychologischen Faktoren wurden Dichtungen in Form von Liedern nämlich nie zweimal auf die selbe Weise vorgetragen.

Orale Noetik

Mit der oralen Noetik beschäftigte sich laut Kloock und Spahr (1997: 242) zuerst Eric Havelock. Sein Interesse galt Kloock und Spahr der Beschreibung der mentalen Strukturen des oralen Denkens, wobei Orale Noetik etwa mündliche Geistesverfassung bezeichnet. Laut Kloock und Spahr (1997: 243) ging Havelock aufbauend auf Parrys Forschungen davon aus, dass Wissen in der präliteraten Kultur narrativ übermittelt wurde, d. h. was als erinnernswert galt, wurde zum Inhalt von Erzählungen. Havelock meint, so Kloock und Spahr (1997: 243), dass der Mensch in einer schriftlosen Gesellschaft über komplexere Ursache-Wirkungsprinzipien nicht nachdenken und sie sich nicht merken muss. Deshalb galt in oralen Kulturen auch oft das Prinzip des "Deus ex machina", d. h. nicht erklärbare Phänomene wie Wettererscheinungen werden den Göttern zugeschrieben. Dies ist für Havelock, so Kloock und Spahr (1997: 243), ebenfalls die Ursache für den Animismus sogenannter primitiver schwarzer Völker. Oralen Kulturen fehlt nämlich laut Havelock die Fähigkeit zu einem kausalen Denken und zur Abstraktion, weshalb sie seiner Ansicht nach auch zu keinen großen technischen Leistungen wie dem Bau oder der Reparatur einer Maschine in der Lage sind. Weiterhin fehlen präliteraten Kulturen Objektivität und eine kritische Distanz. Sie werden stattdessen dominiert von Bildhaftigkeit und Emotionalität. In diesen Zusammenhang stellt Havelock nach Kloock und Spahr (1997: 244) auch die Tatsache, dass Angehörige oraler Kulturen sich nicht als autonomes Ich erfahren, sie also nicht in der Lage sind, sich zu erinnern, zu denken oder eigene Standpunkte zu vertreten. Dies erleichtert das Durchsetzen von moralischen Prinzipien und sozialen Regeln, da es zu keiner inhaltlichen Auseinandersetzung kommen kann. Havelock sieht nach Kloock und Spahr (1997: 244) den Dichter in oralen Kulturen in der Rolle des "unhinterfragte[n], geistige[n] Führer[s], der in seinem Gedächtnis das verbindliche Wissen speicherte, verwaltete, organisierte und publizierte". Er spielte damit eine wichtige Rolle für das kulturelle Gedächtnis, wobei das wiedergegebene Wissen jedoch nicht kritisch, analytisch oder individuell hinterfragt wurde.

Auch Jack Goody beschäftigt sich mit der oralen Noetik. Jack Goody weist, so Kloock und Spahr (1997: 244), darauf hin, dass die auf das Mündliche bezogenen Kommunikationsformen geprägt werden durch eine stärkere Direktheit und Konkretizität. Goody sieht dies, laut Kloock und Spahr, in einem positiveren Kontext als Havelock, denn seiner Meinung nach wird hierbei Wissen gründlicher sozialisiert. Benannt wird, so Goody, lediglich, was von sozialer Bedeutung ist, der Rest wird vergessen. So kann es vorkommen, dass Mythen, Gottheiten und heiliges Wissen gemäß ihrer sozialen Funktion im Laufe der Zeit verschwinden oder sich verändern. Goody beschreibt, so Kloock und Spahr (1997: 245), die Speicherung von Wissen illiterater Kulturen damit, dass die Gegenwart ihre Ökonomie der Erinnerung einschreibt: Genealogien verändern sich beispielsweise zum Zwecke der Klärung von Rechtsstreitigkeiten, denn ohne Aufzeichnungen und Chronologien kann die Gesellschaft nicht in Konflikt mit ihrer Vergangenheit kommen.

Walter J. Ong relativiert diese Sichtweise. Er sieht laut Kloock und Spahr (1997: 245) einen Zusammenhang zwischen der Mentalität oraler Kulturen und deren Artikulationsweise. Die Faktoren, an denen sich Ong dabei orientiert, sind nach Kloock und Spahr (1997: 245):

  1. ein additiver Satzstil
  2. ein weniger syntaktischer Satzstil
  3. die Kennzeichnung des Satzstils durch Klischees (wiederkehrende Formeln)
  4. die Redundanz

Letztere wird hierbei als das markanteste Merkmal hervorgehoben.

Redundanz steht für Ong, so Kloock und Spahr (1997: 245-246) im Zusammenhang mit der Flüchtigkeit der gesprochenen Worte, welche unmittelbar nach ihrem Ausspruch verfliegen. Um erinnert zu werden, muss eine Aussage also nicht nur eingängig und formelhaft sein, sondern mehrfach wiederholt werden. Diese Notwendigkeit führt Ongs Meinung nach, so Kloock und Spahr (1997: 246), zu einer traditionalistischen und konservativen Denkweise, denn neues Wissen zu erringen und dieses zu speichern ist mühsam und aufwändig. Skepsis gegenüber intellektuellen Experimenten und neuen Denkweisen ist die Folge. Geistige Arbeit bedeutet in oralen Kulturen vielmehr Erinnerungsarbeit. So besitzen diese auch keine analytischen Kategorien, sondern das Denken geschieht stets in einem unmittelbaren Lebens- und Handlungszusammenhang.

Alexander Romanowitsch Lurija hatte, so Kloock und Spahr (1997: 246-247) schon 1931/32 Feldstudien in Usbekistan und Kirgisien durchgeführt, in welchen er feststellte, dass illiterate Kulturen oder Personen keine Abstraktion kennen, sondern beispielsweise für geometrische Figuren stets Bezeichnungen von vertrauten Objekten verwenden. Weiterhin fand Lurija laut Kloock und Spahr (1997: 247) heraus, dass kategoriales Denken für illiterate Kulturen oder Personen unwichtig ist und sie nicht zu Syllogismen - also "Schlußfolgerungen auf Grund von übermittelten Aussagen" - in der Lage sind. Ihr Denken ist dagegen geprägt durch konkrete Lebenserfahrungen. Weiterhin fehlen ihnen Selbsteinschätzung und Selbstwahrnehmung: Sie können ihre Persönlichkeit oder ihren Charakter nicht selbst benennen.

Für Ong zeigen laut Kloock und Spahr (1997: 247) die Forschungen von Alexander Romanowitsch Lurija, dass sich illiterate Kulturen nicht mit Dingen wie geometrischen Figuren, abstrakten Kategorien, formallogischen Denkprozessen, Definitionen oder zergliedernden Selbstanalysen auseinandersetzen, da diese dem text- bzw. schriftgeprägten Denken entspringen. Der orale Mensch lebt stattdessen in einer Welt der Intersubjektivität und Ganzheitlichkeit.

Über den Unterschied zwischen nicht schriftlicher und schriftlicher Informationsüberlieferung philosophierte, so Kloock und Spahr (1997: 247), schon Plato. Für ihn garantierte, laut Kloock und Spahr (1997: 248) ausschließlich die mündliche Rede eine zuverlässige Übermittlung und Aneignung von Wissen. Der Kern liegt hier in der Interaktion zwischen Redner (Lehrer) und Gegenüber (Schüler), von denen stets einer weiß und der andere Fragen stellt. Texte hingegen, so Plato nach Kloock und Spahr (1997: 248), antworten nicht, wenn man ihnen Fragen stellt. Die Schrift bedeutete für Plato nach Kloock und Spahr (1997: 249) die Trennung des Wissenden vom Wissen, sie war für ihn oberflächlich, undialektisch, unanalytisch und erzeugte Missverständnisse, außerdem schwächte sie das Gedächtnis.

Literalität

Mit der Einführung der Schrift, besonders der phonetischen Alphabetschrift, die aufgrund der Bedeutungslosigkeit des einzelnen Zeichens einen hohen Grad an Abstraktion aufweist, findet, so Kloock und Spahr (1997: 60), für McLuhan der Wandel hin zur „Manuskript-Kultur“ statt. Die nun vorhandenen Möglichkeiten zur räumlichen Darstellung und Wahrnehmung von Wissen bilden laut McLuhan „die Grundlage für das Erkennen von Regel- und Gesetzmäßigkeiten“. Während in der Oralen Kultur vor allem das Ohr als Sinnesorgan bedeutsam war, so McLuhan, laut Kloock und Spahr (1997: 61-62) weiter, sind in der Manuskript-Kultur nun mehrere Sinne beteiligt, da mittelalterliche Handschriften aufgrund ihrer Beschaffenheit vor allem laut vorgelesen werden. Bücher sind noch kein Massenprodukt, sondern wertvolle Einzelstücke, die in mühevoller Handarbeit kopiert werden. Dabei kommt es oft zu Veränderungen oder Ergänzungen durch den Abschreibenden, sodass diese Texte im Ergebnis oft eine große Heterogenität an sprachlichen Stilen und rhetorischen Mitteln aufweisen.

Schrift als Notationssystem

Vor etwa 7000 Jahren begann, wie Kloock und Spahr (1997: 237) unter Bezug auf Harald Haarmanns Universalgeschichte der Schrift von 1990 ausführen, die Schriftkultur der Menschheit. Die meisten Sprachen besitzen, laut Kloock und Spahr (1997: 237), aufgrund fehlender Verschriftlichungen keine Literatur, weshalb es auch keine Zeugschaft ihrer Existenz gibt. Lediglich 13% aller lebenden Sprachen sind, so Kloock und Spahr (1997: 237) verschriftet. Die ältesten dokumentierten Schriftfunde stammen, so Kloock und Spahr (1997: 237) aus Ägypten und Mesopotamien. Dabei handelt es sich um Zeichen, Erinnerungsspuren und Wiedererkennungsmerkmale.

Die Schriftforschung unterscheidet, laut Kloock und Spahr (1997: 237-238), zwischen piktographischen, ideogrammatischen Schriften und Silbenschriften und deren Mischformen. Kloock und Spahr (1997: 238) geben zu Bedenken, dass nicht jedes semiotische Zeichen laut sprachwissenschaftlicher Definition auch als Schrift gilt, Schrift erfordert nämlich ein System visueller Zeichen, welches genau kodiert sein muss. Von Schrift kann erst gesprochen werden, "wenn Schriftzeichen beginnen, Phoneme zu repräsentieren, also die menschliche Rede selbst, ihr Klang, notiert wird." Nach Kloock und Spahr (1997: 239) geben Buchstabenzeichen, die für Einzellaute stehen, Sprache am genauesten wieder.

Die Buchstabenschrift der Phönizier gilt als erste Buchstabenschrift und bildet, so Kloock und Spahr (1997: 239) die Basis für viele andere semitische Schriften. Die semitischen Schriftsysteme kennen laut Kloock und Spahr (1997: 239) jedoch keine Buchstaben für Vokale, erst die Griechen konnten diese in ihr Alphabet einbetten. Mit ihrem Alphabet konnten die Phoneme nun so sortiert werden, dass sie mit Hilfe eines Zeichensystems, welches 20 bis 30 Zeichen umfasst, eindeutig darstellbar und lesbar waren. Nicht phonetische Schriftsysteme benötigen im Gegensatz dazu einen riesigen Vorrat an Zeichen.

Die Schrift stellt, laut Kloock und Spahr (1997: 240) für viele Gesellschaften den zentralen kulturellen "Gedächtnisspeicher" dar, d. h. Schrift als solche ist eine Mnemotechnik, die einen Akt des Wiedererkennens und Erinnerns garantiert.

Phonetisches Schriftsystem

Indem er die Überlegenheit der gesamten westlichen Kultur als Ergebnis eines Mediums, nämlich des phonetischen Schriftsystems begreift, vertritt Havelock nach Kloock und Spahr (1997: 250) die weitreichendste medientheoretische These. Die Griechen schufen seiner Meinung nach nicht nur ein besonderes Schriftsystem, sondern auch die Grundlage für Literalität und die literale Grundlage des modernen Denkens.

Nach Havelock besteht, wie Kloock und Spahr (1997: 250) ausführen, die Einzigartigkeit dieses Schriftsystems in der vollständigen und flüssigen Wiedergabe von gesprochener Rede. Diese Wiedergabe war zum ersten Mal kontextunabhängig, da sich das Alphabet ausschließlich auf den Klang bezieht. Dieser wird in kleinste Einheiten gespalten und direkt auf räumliche Äquivalente reduziert. Wenige, aber präzise Schriftzeichen bedingen eine gute Lesefertigkeit, die eine enorme Demokratisierung ermöglichen kann. Literalität verliert so ihren Elitestatus, Schreiber und Beamte werden abgelöst und das Schreiben an sich wird nicht mehr als geheime und magische Fähigkeit begriffen.

Die akustische Effizienz des Alphabetes ermöglicht nach Havelock, so Kloock und Spahr (1997: 250-251), die Automatisierung des Lese- und Schreibprozesses, da die einzelnen Zeichen bedeutungslos und eindeutig festgelegt sind, weshalb sie schnell erkannt und flüssig gelesen werden können. Einen weiteren Vorteil des Alphabets sah Havelock, laut Kloock und Spahr (1997: 251) darin, dass nun auch andere Sprachen im selben Schriftsystem ausgedrückt, Übersetzungsprozesse beschleunigt und immer mehr Texte zwischen verschiedenen Kulturen ausgetauscht werden konnten. Zudem lagen aufgrund der Ablösung oraler Mnemotechniken durch die flüssige Transkription mündlicher Berichte Aussagen nun als Artefakte vor und mussten nicht mehr gemerkt werden. Die damit verbundene Freisetzung geistiger Energien führte nach Havelock, wie Kloock und Spahr (1997: 251-252) sagen, zu einer starken Expansion des Wissens, denn dem Menschen wurde dadurch nicht nur die Last des Erinnerns genommen, sondern neue, unerwartete und unvertraute Aussagen und Ideen wurden produziert, die dann auch wieder gelesen werden konnten.

Nach Kloock und Spahr (1997: 252-253) gewinnt der abendländische Mensch bei Havelock vor allem Verfügungsgewalt über sein Gedächtnis. Sowohl eine kritische Distanzierung zwischen Wahrnehmen und Denken als auch eine Art Selbstbewusstsein werden ermöglicht. Die Schrift bringt also die Selbstreflektion mit sich, der Mensch nimmt sich als autonomes Selbst und nicht mehr als ein der Natur und dem Schicksal ausgeliefertes Wesen wahr. Das Gedächtnis des Menschen wird erstmals frei für individuelle Reflexion und Erinnerung, womit auch die These einhergeht, dass Schrift und Seele eine Allianz darstellen.

Orale Gesellschaften passen sich nach Kloock und Spahr (1997: 252) stets aktuellen Gegebenheiten an und löschen nicht mehr benötigtes oder widersprüchliches Wissen. Dieser Vorgang wird laut Kloock und Spahr (1997: 252) von Goody und Watt als "strukturelle Amnesie" bezeichnet. In einer Schriftkultur hingegen wächst, so Kloock und Spahr (1997: 252), das Repertoire an Büchern und Quellen stetig, wodurch die Selektion aus der Masse zunehmend problematisch wird. Kloock und Spahr (1997: 252) nennen zwei Bereiche intellektueller Techniken, die die Griechen nach Goody entwickelten: die Epistemologie, welche Wahrheit von Meinung zu trennen versucht, und die Taxonomie, welche Gebiete des Wissens und der Erkenntnis unterscheidet.

Die genannten Medientheorien schreiben nach Kloock und Spahr (1997: 253) also der Alphabetschrift eine grundlegende Transformation sowohl der Wahrnehmung und des Denkens als auch der Struktur kultureller Überlieferungen zu. Sprache wurde durch diese Alphabetschrift objektiviert und standardisiert. Darüber hinaus ermöglicht sie die Herausbildung komplexerer gesellschaftlicher Organisationsformen und strukturiert Politik, Ökonomie und Religion. Schrift wird als Mittel der "Wirklichkeitsbewältigung und der herrschaftlichen Repräsentation" gesehen. Gesetze und Anordnungen werden festgehalten, Verhaltensregeln und Kommunikationsanweisungen fixiert. Die Schrift wird zum beherrschenden, ordnenden und kontrollierenden Medium.

Kloock und Spahr (1997: 254) gehen zum Schluss noch auf die Kritik von Lévi-Strauss ein. Dieser sieht, so Kloock und Spahr (1997: 254), die Schrift nämlich nicht als das kulturbringende Moment an, sondern die Entdeckung der Landwirtschaft und Viehzucht. Durch die Schrift änderte sich seiner Meinung nach das Wissen nur, es wuchs aber nicht wirklich an. Lediglich die Gründung von Städten und Reichen sieht er als Folge der Entwicklung der Schrift, ebenso wie die Integration vieler Menschen und deren Einteilung in Klassen. Hierfür nennt Lévi-Strauss laut Kloock und Spahr (1997: 254) besonders China und Ägypten, da dort seiner Meinung nach tausende Menschen zugunsten des Baus von Denkmälern ausgebeutet wurden, was nur in Schriftkulturen möglich ist.

Die Gutenberg-Galaxis

Die Erfindung und Entwicklung des Buchdrucks und die damit einhergehende „Mechanisierung der Schreibkunst“ lässt, wie Kloock und Spahr (1997: 62-63) ausführen, in den Augen von McLuhan das Buch von einem einmaligen Wertgegenstand zu einem „Massenprodukt“ und „Konsumgut“ werden. Mit der maschinellen Umsetzung einer ehemaligen "Handfertigkeit" verändert sich für ihn aber nicht nur die Produktion von Büchern, sondern es geht damit auch eine gewisse Statik des Denkens einher. Die Merkmale dieser Technologie und somit der neuen Epoche sind nach Kloock und Spahr (1997: 63) für McLuhan „Kontinuität, Homogenität und Wiederholbarkeit“. Gleichzeitig findet wieder eine Konzentration auf ein einzelnes Sinnesorgan statt, nämlich das Auge, weshalb Kloock und Spahr (1997: 63) von einer "Dominanz des Gesichtssinns" sprechen. An die Stelle der offenen Wissensstrukturen der oftmals anonymen Manuskripte treten laut Kloock und Spahr (1997: 63) nun Autoren, die einen festen Standpunkt vertreten. Mit dieser Individualisierung sind nach McLuhan, wie Kloock und Spahr (1997: 63-64) fortfahren, auch das Auftauchen "starrer Haltungen" sowie die Konzentration auf bestimmte Aspekte unter Vernachlässigung anderer verbunden. Mit der neuen Art, Wissen zu verbreiten und zu vervielfältigen, geht so Kloock und Spahr (1997: 64) auch eine neue Art und Weise, zu denken einher, die ebenso wie die Typografie einem Uniformierungsprozess unterliegt. Des Weiteren spielen laut Kloock und Spahr (1997: 64-65) durch den Buchdruck ermöglichte räumliche, systematisierende Darstellungen wie Schemata und Diagramme eine wichtige Rolle bei der Entwicklung einer zunehmend rationalen und formalisierten Wissenschaft. Diese neuartige Wissenschaft, die sich auf der Grundlage der vom Buchdruck angestoßenen Uniformierungsprozesse in Sprache, Denken und Wissen entwickelt, orientiert sich zunehmend am empirisch Messbaren, an der mathematischen Logik und einer formalisierten Beweisführung. Dabei konstatiert McLuhan so Kloock und Spahr (1997: 65) eine "Trennung von Gefühl und Verstand".

Die Einführung der gedruckten Schrift führt nicht nur zu einer Vereinheitlichung des Schriftsystems, sondern laut Kloock und Spahr (1997: 255), die sich hierbei auf McLuhan beziehen, auch zu einer "Uniformierung der Wahrnehmungs- und Darstellungsstile" der westlichen Zivilisation auf Kosten verschiedenster "Bedeutungs- und Wahrnehmungsmöglichkeiten". Eine Begleiterscheinung des Buchdrucks, so McLuhan Kloock und Spahr (1997: 255) zufolge, ist der Durchbruch der euklidischen Perspektive, die einerseits zum Charakteristikum der Moderne wird und andererseits eine fixierte Sichtweise der Menschen auf die Welt erzeugt. Damit einher geht für McLuhan, Kloock und Spahr zufolge (1997: 255), die Verstumpfung und Unterentwicklung des synästhetischen Empfindungsvermögens hin zu einer sich visuell quantifizierenden und homogenisierten Gesellschaft; oder wie es Kloock und Spahr (1997: 255) ausdrücken: "Mit der Typographie als Leitmedium einer Kultur werden Welten von Bedeutungs- und Wahrnehmungsmöglichkeiten geopfert". Der Buchdruck nämlich ist für McLuhan nach Kloock und Spahr (1997: 255) Auslöser für die hegemoniale Stellung des "quantifizierenden Augensinns" gegenüber den anderen Sinnen, die in oralen Kulturen sehr viel ausgeprägter zu sein scheinen.

Eben diese durch die Typographie hervorgerufene Homogenisierung schafft, so Kloock und Spahr (1987: 256) nach McLuhan die Grundpfeiler für ein "umfassendes Markt- und Preissystem", welches wiederum den Prozess der Vereinheitlichung durch seine Verbreitungsmöglichkeiten begünstigt.

Einen weiteren wesentlichen Einfluss der Druckerpresse stellt McLuhan nach Kloock und Spahr (1997: 65-66) bei der Herausbildung von Nationalbewusstsein fest. Der Buchdruck hat nämlich in seinen Augen zu einer Vereinheitlichung von Orthografie und Grammatik und somit zu einer Normierung der Sprache geführt, welche die Grundlage für Nationalliteratur bildet. Zudem wird die Landessprache zum „Massenmedium“, zu einem Mittel „der zentralen staatlichen Lenkung der Gesellschaft“. Medien wie Flugschriften und Bücher können schließlich durch den Buchdruck schnell vervielfältigt werden und somit eine große Zahl von Menschen erreichen. Für McLuhan werden nach Kloock und Spahr (1997: 66) dadurch zwei gegensätzliche Effekte hervorgerufen: Einerseits wird mit dem Auftauchen des modernen "Autors" die Entwicklung des Individualismus begünstigt, andererseits führt das Massenmedium Buch auch zu einem "rigorosen Zentralismus".

Auch historische Ereignisse wie die Französische Revolution sind, so Kloock und Spahr (1997: 66-67), McLuhan zufolge auf den Buchdruck zurückzuführen. So entspricht beispielsweise die Forderung nach Gleichheit der durch das moderne Buch vorangetriebenen „Gleichschaltung des Lebens und der Einzelnen“. Wenn gleiche Rechte für alle gefordert werden, so ist dies, so Kloock und Spahr (1997: 67), für McLuhan nur durch Anpassung der Einzelpersonen an ein gemeinsames Schema möglich. Wer sich dieser Anpassung nicht unterziehen möchte, erfährt Ausgrenzung. Den freien Bürger charakterisiert McLuhan laut Kloock und Spahr (1997: 67) wie folgt: "'individuell, uniform, gleichgeschaltet, angepaßt' und 'visuell'". Diese „Enge der Uniformität“ ist für McLuhan ein Negativmerkmal der „Gutenberg-Galaxis“, der er, so Kloock und Spahr (1997: 67), insgesamt äußerst kritisch gegenübersteht.

Das elektronische Zeitalter

McLuhan war laut Kloock und Spahr (1997: 41) überzeugt, dass nach dem Ende der Gutenberg-Galaxis die wissenschaftlichen Methoden, die mit dem Medium Buch in Zusammenhang stehen, nicht mehr gültig sind, sondern dem neuen Leitmedium Elektrizität eine "neue Form des Denkens" folgen musste.

Laut Kloock und Spahr (1997: 41) war McLuhan aber nicht daran gelegen, eine konsistente Theorie nach dem Vorbild der dominierenden Wissenschaftsauffassung zu präsentieren. Sein theoretisches Universum setzt sich vielmehr, so Kloock und Spahr (1997: 41), aus einem "kaleidoskopartigen Gebilde von Ideen" zusammen, das mit der gängigen Form der Linearität bricht und diese durch die Figur des Mosaiks ersetzt. Mittels des Mosaiks, bei dem der Analogieschluss eine wichtige Rolle spielt, will er laut Kloock und Spahr (1997: 42) eine gewisse Lebendigkeit in das Theoretische einfließen lassen und eine aktive Beteiligung und Kreativität der Lesenden fordern. Kloock und Spahr (1997: 42) sehen hier eine Nähe zu Oswald Spengler, der in "Formel", "Gesetz" und "System" mathematische Denkfiguren sieht, die nur in Bezug auf tote Formen Geltung erlangen, wohingegen die Analogie das Mittel zum Verstehen des Organischens und Lebendigens ist. McLuhan ist nach Kloock und Spahr (1997: 42) generell der Meinung, dass die Kunst "eher in der Lage [ist], mit der medialen Situation des 20. Jahrhunderts umzugehen als jede Art von Theorie". Eine wissenschaftliche Reflexion von einem festen Standpunkt aus sah McLuhan dagegen, so Kloock und Spahr (1997: 43) weiter, als ein Produkt des Buchdrucks und deshalb als überholt an, da die Elektrizität eine weltweite Verbindung der Menschen zum "global village" bewirkt und die Menschen heute in mehreren Kulturen zeitgleich leben lässt.

Nach Kloock und Spahr (1997: 43-44) wertete der Medientheoretiker McLuhan auch vorzeitliches Denken oder "anderes" Wissen nicht als primitiv ab, sondern kritisierte die Moderne und den Eurozentrismus. Veranschaulicht wird diese neue Art des Denkens laut Kloock und Spahr (1997: 44-45) in der 1967 erschienen Schrift "The Medium Is The Message", in der das Medium Buch im Buch selbst durch das Aufbrechen von Lesegewohnheiten aufgehoben werden soll (keine Seitenzahlen, wechselndes Layout, Spiegelschrift) und ein Mosaik aus Textpassagen, Karikaturen, Fotos usw. entsteht, das eine mehrdimensionale Auslegung seiner Behauptungen ermöglicht. Durch wiederkehrende Widersprüche, die Geduld und Phantasie fordern, sollen die Lesenden zum eigenen Denken angeregt und kulturelle und wissenschaftliche Grenzen überwunden werden.

Nach Kloock und Spahr (1997: 48) ist die Grundlage von McLuhans Medientheorie die Annahme, dass jedes Medium oder jede Technik die Dimensionen von Raum und Zeit verändert und generell die Schemata, in denen die Welt wahrgenommen wird, bestimmt. Deshalb ist, so Kloock und Spahr (1997: 48) weiter, nach McLuhan die Botschaft eines Mediums, was es mit dem Menschen macht und nicht dessen Inhalt, so wie es auch der programmatische Titel "The medium is the Message" seiner Schrift Understanding Media von 1964 suggeriert. Für McLuhan ist laut Kloock und Spahr (1997: 49) der „Inhalt“ eines Mediums ein anderes Medium. So ist Sprache also der Inhalt der Schrift, die Schrift selbst ist wiederum Inhalt des Buchdrucks und der Buchdruck ist der Inhalt des Telegrafen und dieser Inhalt verschleiert die Wirkungsweise der Medien und lenkt von ihren eigentlichen Effekten ab.

Ausweitung des Körpers

Um die Wirkungsweise und das Wesen medialer Botschaften zu charakterisieren, nutzt McLuhan laut Kloock und Spahr (1997: 49) physiologische und wahrnehmungstheoretische Thesen. Für McLuhan ist, wie laut Kloock und Spahr (1997: 50) schon aus dem Untertitel "The extensions of man" von Understanding Media hervorgeht, jede Technik eine Ausweitung des menschlichen Körpers. Eine solche Ausweitung ist für McLuhan, so Kloock und Spahr (1997 : 51), selbst wieder das Resultat einer "Amputation", die einen schweren Eingriff in den Körper darstellt und dem Mensch seine Fähigkeit zu Erkenntis nimmt. Eine solche "Selbstamputation" schließt also "Selbsterkenntnis aus". McLuhan behandelt, laut Kloock und Spahr (1997: 52) diese Verbindung von Körper und Technik als anthropologische Tatsache, d. h. er macht daran eine Veränderung des körperlichen Zustandes und damit der Wahrnehmung fest. Die Technik bestimmt, so Kloock und Spahr (1997: 53) für McLuhan die Art und Weise, wie der Mensch die Welt wahrnimmt und erfährt. Medien bezeichnet McLuhan laut Kloock und Spahr (1997: 53) deshalb auch als Metaphern, die Erfahrungen eine Form geben.

Im Medium Computer sieht McLuhan, so Kloock und Spahr (1997: 73), eine Ausweitung des menschlichen Gehirns, welche nun immer mehr die Steuerung im Bereich Technik übernimmt. Nach Kloock und Spahr (1997: 74) sieht McLuhan im Programmieren eine Möglichkeit, die Einflüsse der Medienpluralität auf die Gesellschaft im Gleichgewicht zu halten, sodass die Wahrnehmung nicht manipuliert werden kann. Programmierer erschaffen laut McLuhan, so Kloock und Spahr (1997: 75) Produkte gänzlich durch ihre Programmierung, sodass der Mensch die Natur übertrumpft und nun selbst erschafft. Um neue Möglichkeiten mithilfe der Technik zu erschließen und sich somit von den natürlichen Wirklichkeiten zu lösen, bedarf es laut McLuhan aber eines kreativ spielenden Menschen.

The Global Village

Nach Kloock und Spahr (1997: 68-69) ist für Marshall McLuhan das Ende der Gutenberg-Galaxis mit dem Aufkommen der Elektrizität erreicht, da mit der Elektrizität nicht mehr nur einzelne Teile des Körpers ausgeweitet werden, wie bei früheren Medien, sondern der ganze Körper, und an die Stelle der Zerlegung von Bewegungsabläufen nun eine "organische Einheit von ineinandergreifenden Abläufen" tritt. McLuhan sieht, nach Kloock und Spahr (1997: 69), in dieser umfassenden Ausweitung die Möglichkeit, die Technik und damit auch den Menschen in der technologischen Welt zu erkennen. Die Verbindung zwischen sinnlicher Wahrnehmung und den neuen technologischen Medien ist, so Kloock und Spahr (1997: 70), für McLuhan unauflösbar und notwendig, um einen bewussten Umgang mit diesen Medien zu ermöglichen.

Laut Kloock und Spahr (1997: 70) sieht McLuhan im 20. Jahrhundert einen Übergangs- und Umbruchprozess, der anfangs von einem Miteinander von alt und neu und später von einer Ablösung zugunsten letzterem gekennzeichnet ist. Dabei spielen Ängste vor den neuen Medien sowie auftretender Konservatismus im Denken und Handeln der Menschen eine nicht zu unterschätzende Rolle. McLuhan sieht, nach Kloock und Spahr (1997: 70), in seiner Zeit ein völliges Rückspiegeldenken, das heißt, es wird versucht "die Aufgaben von heute mit den Werkzeugen von gestern und den Vorstellungen von gestern zu lösen". In diesem rückwärtsgewandten Blick sieht McLuhan, so Kloock und Spahr (1997: 70), eine Gefahr. Durch seine Schriften, in denen er sowohl alte wie auch neue Medien beschreibt, versucht er laut Kloock und Spahr (1997: 70) die Menschen zum emanzipativen Mediengebrauch und somit ihrer eigenen Emanzipation anzuleiten.

Durch die fortschreitende Vernetzung, die die Elektrizität mit sich brachte, befindet sich, laut Kloock und Spahr (1997: 71-72) die Welt in den Augen von McLuhan immer mehr in einem Global Village, wo räumliche und zeitliche Distanzen aufgebrochen werden und somit einzelne Individuen stärker miteinander verstrickt sind als vorher. Das globale Dorf ersetzt somit Individualismus und Nationalismus, die der Gutenberg-Galaxis angehörten. McLuhan fordert weiterhin, so Kloock und Spahr (1997: 72), eine neue Form der Politik, die durch aktive Teilnahme eines jeden an Gesellschaft und Politik charakterisiert ist.

Kritische Rezeption

Laut Kloock und Spahr (1997: 39) erlangte der Anglist Marshall McLuhan durch seine provokanten Thesen zur Medientheorie große Popularität. Die zentrale Hauptaussage seiner Theorie lautet "The medium is the message". Die beiden Hauptschriften von Marshall McLuhan, die Anfang der 1960er Jahre unter den Titeln "The Gutenberg Galaxy" (1962) und "Understanding Media" (1964) erschienen, fielen, so Kloock und Spahr, zunächst vor allem in Kanada und in den USA auf fruchtbaren Boden.

In der BRD fanden nach Kloock und Spahr (1997: 40) die Schriften von McLuhan dagegen zu dieser Zeit wenig Anklang, weil ein großer Teil der Linken, u. a. Hans Magnus Enzensberger, "in ihm einen politischen Gegner sah". Erst in den 1980er Jahren wurden, so Kloock und Spahr (1997: 40), die Ansichten McLuhans neutral und gründlich diskutiert. Heute stützen sich laut Kloock und Spahr (1997: 40) fast alle medientheoretischen Ansätze, explizit oder implizit, auf seine Thesen. Dabei fällt, so Kloock und Spahr (1997: 40), allerdings auf, dass seine Schriften nicht als einheitliche Theorie behandelt werden, "sondern eher als Steinbruch, aus dem bestimmte Ideen genutzt werden können und andere nicht."

Kloock und Spahr (1997: 57-58) erwähnen auch, dass McLuhan die Begriffe „Medium“ und „Technik“ oft als Synonyme gebraucht, was zu Ungereimtheiten führen kann, v. a. wenn man pauschalisiert. Die Betrachtung von Kultur und Gesellschaft lässt bei McLuhan tatsächlich keinen Raum für soziale, politische oder ökonomische Faktoren, was laut Kloock und Spahr (1997: 58) zu einem universalistischen Anspruch für die Medientheorie führt, für welchen McLuhan mehrmals Kritik bekommen hat. So hat laut Kloock und Spahr (1997: 58-59) zum Beispiel Umberto Eco die These von McLuhan „The Medium Is the Message“ als vage und vieldeutig betitelt, da hier sowohl der Code als auch der Kanal die Botschaft ausmachen können.

Der Buchdruck

die Angaben zu Giesecke müssen überprüft werden

Bedeutung der Alphabetschrift

Kloock und Spahr (1997) greifen ebenfalls die Schrift von Giesecke (1991) auf und verdeutlichen seinen Standpunkt, dass die Verbreitung eines Mediums vor allem auch von der Bedeutung abhängig ist, die diesem zugesprochen wird (Kloock / Spahr 1997: 257-258). Durch den gemeinschaftlichen Kode konnten nun soziale Gemeinschaften und deren Begrenzungen geschaffen werden, sodass es nicht nur zur "Demokratisierung von Wissen [sondern auch zur] Utopie einer nationalen Kommunikationsgemeinschaft" (Kloock / Spahr 1997: 260) kommt. Kloock und Spahr (1997: 262-263) nehmen die Idee von Giesecke (1991) wieder auf, dass unter anderem durch die Entstehung von nationalen Kommunikationsgemeinschaften ein Nationalbewusstsein erwacht, das mit nationalen Gedanken gefüllt werden musste mit Hilfe des Buchdrucks.

Typographisches Schriftsystem

Michael Giesecke greift, so Kloock und Spahr zentrale Ansatzpunkte von Eisenstein in seinem 1991 erschienenen Buch Der Buchdruck in der frühen Neuzeit auf. Giesecke will, so Kloock und Spahr (1997: 257) die Typographie als Leitmedium in ein "komplexes System bzw. Kommunikationsmodell" eingebettet wissen, denn nur so sei es möglich zu verstehen, weshalb der Buchdruck in Europa von so großem Erfolg geprägt war und welche gesellschaftlichen Veränderungen er mit sich brachte. Für Giesecke steht nämlich, so Kloock und Spahr (1997: 257-258) weiter, der Erfolg einer Technologie in interdependeter Beziehung zu der ihr von der Gesellschaft bei der Umsetzung gesellschaftlicher Ansprüche beigemessenen Bedeutung. Nach Giesecke gelingt es dem Buchdruck, so Kloock und Spahr (1997: 258), zwei wesentliche Bestrebungen der damaligen Gesellschaft zu befriedigen: zum einen die Demokratisierung des Wissens und zum anderen die Vision einer nationalen Kommunikationsgemeinschaft. Die Verallgemeinerung des Wissens lässt sich allerdings nur aufgrund einer sich abzeichnenden Marktwirtschaft denken, die nunmehr das Wissen reguliert. Damit vollzieht sich laut Kloock und Spahr (1997: 259) "der Übergang von einem autoritär und hierarchisch organisierten Informationssystem hin zu einer Selbstregulation". Auch das gesellschaftliche Verlangen nach einer nationalen Kommunikationsgemeinschaft sieht Giesecke, so Kloock und Spahr (1997: 261), durch den Buchdruck und seine typographischen Standardsprachen begünstigt: "Dem Kode des Typographeums wird [...] die Macht zugeschrieben, soziale Gemeinschaften zu schaffen und zu begrenzen".

Jedoch nicht allein die genannten gesellschaftlichen Faktoren begründen bei Giesecke, wie Kloock und Spahr (1997: 262) fortfahren, den Erfolg des Buchdrucks, sondern auch das von Gutenberg optimierte Druckverfahren spielt dabei eine wichtige Rolle. Besonders hervorzuheben gilt es dabei nach Giesecke die Verwendung von Blei als Material für die Lettern sowie die Erfindung der Gießform als austauschbares und wiederverwendbares Instrument: "Die Gießform muß also als der eigentliche Kern der Gutenberg-Erfindung gesehen werden. In ihr materialisiert sich das wesentliche Prinzip aller späteren automatischen Maschinen" (Kloock / Spahr 1997: 262). Gutenbergs Motivation war laut Giesecke nach Kloock und Spahr (1997: 262-263)jedoch eine andere. Ihm sei es vielmehr um die Verbesserung des Schreibens und um eine Ästhetisierung der Schrift gegangen.

Für Giesecke stellt sich aber, so Kloock und Spahr (cf. 1997: 263-264) noch eine andere Frage, die er in den bisherigen Forschungen vernachlässigt sieht und zwar, wie ein nicht-orales Informationssystem Wahrnehmungsprozesse regelt, sodass diese intersubjektiv wiederholbar und überprüfbar werden. Es war also, Giesecke zufolge, notwendig Modelle zu finden, die Informationen intersubjektiv nachvollziehbar machten. Dafür wiederum spielte die "Auswahl des Gesichtssinns als Ausgangspunkt für die Modellierung der Wahrnehmung" (Kloock und Spahr 1997: 264) eine entscheidende Rolle. Da sich schon in der Antike gezeigt hat, dass das Auge ein besonders leicht zu technisierendes und normierendes Sinnesorgan ist, gerät dieses auch in den Fokus von Albrecht Dürer, Leon Battista und Leonardo da Vinci, die, wie Kloock und Spahr (1997: 265) ausführen, "differenzierte Modelle, normative Regelungen des Sehens" schufen, welche "sich sukzessive in der Malerei und der Wissenschaft durchsetzten". Dementsprechend basiert laut Giesecke, so Kloock und Spahr (1997: 265), "die neuzeitliche Wahrnehmungs und Erkenntnistheorie auf dieser sich damals herausbildenden monosensualen Wahrnehmung". Kloock und Spahr (1996: 265-266) schließen mit zwei Thesen: erstens kann der "Durchbruch des typographischen Informations- und Kommunikationssystems" nur durch die Kenntnisnahme dieser "Kodierungs- und Standardisierungsleistungen der Wahrnehmung" verstanden werden und zweitens müssen moderne "Konzepte von Wissen, Wahrheit und Wissenschaft" stets in Relation mit der typographischen Medientechnik gesehen werden. Insofern gilt es laut Giesecke Geistesgeschichte "neu zu schreiben, als eine Geschichte der typographischen Information".

Bedeutung der Sinne und der Stellung des Autors

Mit der Erfindung des Buchdrucks kommt laut Giesecke insbesondere der optischen Wahrnehmung des Menschen eine besondere Gewichtung zu: „Je mehr Wissen die Gesellschaft nach den neuzeitlichen Prinzipien in den gedruckten Büchern gespeichert hat, desto mehr prämiert sie das Auge und wertet andere Sinneserfahrungen ab“ (Giesecke 1996: 12). Diese erkenntnistheoretische Auffassung hebt sich, so Giesecke, selbstverständlich drastisch von der durch das christliche Mittelalter geprägten Zeit ab, die auf dem Prinzip der Verkündigungstheorie beruht und somit auf ein kommunikatives Grundkonzept zurückzuführen ist (cf. Giesecke 1996: 12). Die Vorstellung der Gläubigen vom Erwerben „wahrer Erkenntnis“ basiert hier, laut Giesecke, auf der Annahme, dass Informationen entweder unmittelbar von Gott oder von Anderen verkündet werden: „Nicht das 'äußere' Auge, mit dem die Neuzeit ihr 'wahres Wissen' produziert, sondern das Hören auf 'innere' Stimmen, ermöglicht in der alten Zeit Erkenntnisgewinn“ (Giesecke 1996: 13). Ebenso wie Maria ihre Nachrichten durch Mittler wie Engel, Tauben, Träume oder Zeichen empfängt, erhalten auch die anderen Gläubigen ihre Botschaften (cf. Giesecke 1996: 13). So entsteht auch Gieseckes und gleichzeitig Kloock und Spahrs (cf. 1997: 264)Frage der intersubjektiven Wahrnehmung, dass alle Leser ihre Gedanken mit dem des Autors koppeln bzw. vergleichen können, die von Kloock und Spahr sogenannte Entemotionalisierung und Entsynästhesierung eines Textes. Sodass Informationen und Wissen nur dann als wahr hingenommen werden können, wenn sie für andere nachvollziehbar bewiesen wurden. Wie kann nun die Wahrnehmung so "programmiert" werden, dass jedwede Information intersubjektiv nachvollziehbar wird? (cf. Kloock / Spahr 1997: 265). Die Antwort wird mit Dürers Methodologie des Beschreibens, Vergleichens, Typisierung und Messung gegeben. Durch die genaue Beschreibung des Ausgangspunktes, mit Hilfe der Perspektivlehre und der typographischen Medientechnik, wird die Perspektivübernahme des Autors ermöglicht.

In der Neuzeit hingegen ist Informationsbeschaffung nach Giesecke geprägt durch die Entschlüsselung der klassischen Selbsttypisierung von Autoren. Die Autoren fühlen sich, so Giesecke, "nicht mehr als 'stilum' Gottes und die Leser teilen die neue Einschätzung der Autoren“ (Giesecke 1996: 13). Das Erwachen des Autorenbewusstseins in der Neuzeit ist nach Giesecke (1996: 14) durch Wille und Sinn gekennzeichnet, die einen Schreiber „[...] zu einem unverwechselbaren Schöpfer von geistigen Werken“ machen.

Nachdem sich die Kommunikation, wie Giesecke (1996: 9) ausführt, von einer Face-to-face-Situation bei öffentlichen Reden und Ansprachen hin zu einem neuen System der Informations-Übertragung in Buchform verändert hat, müssen die Leser (die neben den Autoren den zweiten Schnittpunkt zwischen Umwelt und Druckerzeugnis markieren) dementsprechend die Vorgehensweise ("Software") des Autors nachvollziehen können, um die im Buch enthaltenen Informationen im realen Leben (der Umwelt) anwenden zu können. Dabei muss, so Giesecke (1996: 11), eine gemeinsame Sprache gefunden werden, die es dem Autoren ermöglicht, seine Geschichte so zu erzählen, dass der Leser, eine ihm völlig fremde Person, diese ohne zusätzliche Erklärungen nachvollziehen und verstehen kann, auch wenn sie durchaus Strukturen beschreiben kann, die "im Verlauf der Jahrhunderte zerstört worden sind". Um diese Sprache zu erreichen, muss der Autor, laut Giesecke (1996: 10), abgesehen von der Beherrschung der Alphabetschrift, die Perspektive beachten, die er bei dieser Geschichte einnimmt. Giesecke (1996: 10-11) erläutert dies anhand eines Holzschnitts von Albrecht Dürer, bei dem der Autor / Urheber als das Auge dient, das lediglich die Punkte festhält, die sich von der Netzhaut auf die Projektionsfläche (das Buch) übertragen lassen. Bücher werden also nach Giesecke (1996: 11) erst durch die Alphabetschrift in Kombination mit perspektivisch verständlichem Scheiben zu selbstständigen Kommunikationsmedien.

Nach Klock und Spahr wurden durch das durch Gutenberg ermöglichte Schriftsystem die Wahrnehmungs- und Darstellungsstile vereinheitlicht, sodass sich "Abstrahierung, Spezialisierung, Fragmentierung, Typologisierung, Proportionierung" allseits in der Gesellschaft durchsetzen konnten. Zudem konnten alle Informationen, die vorher nur oral zugänglich waren, nun auch visuell wiedergegeben werden. McLuhan ist, so Kloock und Spahr, allerdings der Meinung, dass dadurch unsere Wahrnehmungs- und Empfindungsvermögen verstumpfen und eine „riesige uniformierte Gedächtnismasse“ entsteht (McLuhan 1995: 265 ff; zit. n. Kloock / Spahr 1997: 255).

Die unmittelbaren Folgen der Erfindung des Buchdrucks

Die unmittelbaren Folgen der Erfindung des Buchdrucks nach Giesecke

Die Buchkultur als informationsverarbeitendes System verdrängte laut Giesecke die älteren skriptographischen und oralen Systeme. Der Siegeszug dieses typographischen Informationssystems wurde, so Giesecke, von vielen, sich gegenseitig beeinflussenden Faktoren begünstigt und vorangetrieben. Die Erfindung Gutenbergs war also lediglich ein Element, d.h. ein Ereignis in einem komplexen Funktionsgefüge. Neuerungen, die den Durchbruch der eingeführten Technologie begleiteten und ermöglichten, waren laut Giesecke u.a.: - Der freie Markt wird fortan als kommunikatives Netzwerk genutzt, über das die gedruckten Ergebnisse verbreitet werden - Formen von Informationen, die zuvor noch nicht handschriftlich oder mündlich tradiert wurden, werden nun für den Druck neu gewonnen. - Von den Autoren werden alternative Formen der Wahrnehmung und der Informationsdarstellung erprobt. - Käufer und Leser, von Giesecke als "Effektoren" definiert, werden in den neuen Informationskreislauf miteinbezogen (cf. Giesecke 1996: 4). Im Folgenden sollen einige dieser Aspekte vertieft werden.

Nach Giesecke (1996: 5) wurde das Buch zu einer Ware, die sich auf dem freien Markt schnell verbreiten ließ. Der Buchdruck wurde dadurch zu einem kommerziellen Gewerbe, sodass dem Besitz von Geld bei dem Erwerb und der Verbreitung von Büchern eine größere Bedeutung zukam. Dies ist auch daran erkennbar, dass sich die Verleger in den Vorworten an den Leser als "Käufer" wandten. Giesecke arbeitet einige Unterschiede dieser neuen Strukturen im Vergleich zu der Verbreitung von Manuskripten im Mittelalter heraus: Im Mittelalter verblieben die Handschriften in den institutionellen Netzen, in denen die Schriften gemäß hierarchischer Strukturen weitergegeben wurden. Dabei mussten die Informationen jede Instanz durchlaufen. Sie wurden also zum Beispiel vom Mönch zum Abt, vom Abt zum Ordensoberen, vom Ordensoberen zum Bischof und von dort zur nächsthöheren Instanz weitergegeben. Die Handschriften dienten dabei eher der Vorbereitung und Unterstützung der Rede (cf. Giesecke 1996: 5). Im freien Markt hingegen entscheiden nach Giesecke (1996: 6) die Autoren und Drucker, welche Informationen an die Öffentlichkeit gelangen sollen und jeder hat Zugang zu den Druckerzeugnissen. Die marktwirtschaftlichen Netze sind nicht hierarchisch, sondern haben eine "sternförmige Struktur". Dadurch wird der Instanzenweg des Mittelalters aufgehoben und es findet eine "Abkürzung der Kommunikationsbahnen" statt (cf. Giesecke 1996: 7).

Die neuzeitlichen Autoren weisen laut Giesecke (1996: 14) in ihren Werken darauf hin, dass ihre Texte dem "Gemeinwohl" dienen. Damit verschwindet Gott als Informationsquelle und es entfällt auch die Gewohnheit, Gott für das Werk zu danken. Nach Giesecke (1996: 14) verlieren im Protestantismus mündliche Beichte oder die Sakramente an Bedeutung, während dem nunmehr gedruckten Wort die ausschlaggebende Bedeutung zukommt ("solum scriptura". Vor dem Buchdruck wurde laut Giesecke (1996: 14) das vorhandene Wissen nur innerhalb der Familie, des Handwerks und der Institutionen weitergegeben. Mit dem Buchdruck wird dieses Wissen laut Giesecke (1996: 15) öffentlich und allgemein zugänglich, sodass es überprüft werden und dazu auch Stellung bezogen werden kann. Dies war, so Giesecke, der Grundstein für die neuzeitliche beschreibende Naturwissenschaft. Viele meinten jedoch so Giesecke (1996: 15), die Vergesellschaftung des Wissens würde gerade Handwerker um ihre Kunden bringen, da diese durch den Erwerb des Fachwissens letztere nicht mehr in Anspruch zu nehmen bräuchten und diese somit ihre Lebensgrundlage verlieren würden. Durch die massenhafte Verbreitung gedruckter Texte wird das Handeln und das Erleben der Menschen nach Giesecke (1996: 15) standartisiert, da sich immer mehr Menschen nach den gleichen Beschreibungen in den Büchern richten.

In unserer Gesellschaft hat sich nach Giesecke (1996: 1) eine Umorientierung in den Leitbildern vollzogen, sodass eine Entwicklung von der "Industriegesellschaft" oder "christlichen Gesellschaft" hin zur "Computer-Kultur" oder auch "Fernsehgesellschaft" stattfand. Nach Giesecke (1996 : 1) sind gemeinschaftsbildende Faktoren unserer heutigen Gesellschaft vor allem kommunikative Prozesse und deren Medien, wobei die "Information" auch im wirtschaftlichen Kontext eine bedeutende Rolle einnimmt. Kommunikation beschreibt Giesecke (1996: 2) als einen "Spezialfall" der Informationsverarbeitung, bei dem Prozessoren aneinander gekoppelt werden um ein informatives Problem zu lösen. Diese Prozessoren müssen heute nicht mehr nur Menschen sein, sondern auch technische Prozessoren wie Computer können die Informationsverarbeitung übernehmen. Autoren nehmen in diesem System laut Giesecke (1996: 2) die Funktion einer "Schnittstelle" ein, indem sie Umweltinformationen wahrnehmen und diese in handschriftlichen Texten verarbeiten. Giesecke führt dazu aus: "Die Manuskriptform ist eine notwendige Bedingung für die weitere typographische Verarbeitung" (Giesecke 1996: 2). Durch diese nicht mehr mündlich dargebotenen Informationen kann in Druckereien und Verlagen die Gutenberg´sche Technik verwendet und Texte können vervielfältigt werden, sodass sich eine "Beschleunigung" des Informationsaustauschs vollzieht. Die rasche Durchsetzung von Gutenbergs Erfindung lässt sich mit einer positiven ideologischen Aufladung erklären und wird als Mittel zur Volksaufklärung und zum Wissenserhalt gesehen. (cf. Giesecke 1996: 2)

Entsprechend der Renaissance, so Kloock und Spahr (1997: 263) weiter, ging es auch für Gutenberg neben seinem Primärziel, der Geschwindigkeit der Verbreitung von Information, um die Harmonie aller Teile und die Ästhetisierung der Schrift und der Intersubjektivität der Dinge, um diese Vereinheitlichung des Schriftbildes ebenfalls zu erreichen, erschuf er diese systematisch varrierbare Maschine. "Die Wiederverwendbarkeit der Form ermöglichte auch die Reproduktion identischer Lettern."(Kloock / Spahr 1997: 262). Mit diesen Lettern hat er "Artmodelle" erschaffen und diese anschließend harmonisch standardisiert und sein Ähnlichkeitsideal mit dem Druck des "monumentalsten Werk überhaupt" als erstes bewiesen: das Alte und Neue Testament (cf. Kloock / Spahr 1997: 263).

Die unmittelbaren Folgen der Erfindung des Buchdrucks nach Eisenstein

Die Bedeutung der Buchdruckerpresse für die Zivilisationsgeschichte der westlichen Kultur untersucht laut Kloock und Spahr (1997: 256) Elisabeth Eisenstein in ihrem 1979 veröffentlichten Buch The Printing Press as an Agent of Change.

Die Anfangsphase einer Umstellung mit weitreichenden Folgen - vom Handschriftenwesen auf den Buchdruck

Eisenstein untersucht den Veränderungsprozess, der mit der Erfindung des Buchdrucks in Europa Einzug hielt. Hinsichtlich der Erfindung geht es ihr aber nicht um die Vorgänge in der Werkstatt Gutenbergs, sondern sie konzentriert sich vielmehr auf die dadurch entstehende Berufsgruppe, die auf dem vorherrschenden Absatzmarkt ihre Nische fand und so ihren Profit steigern wollte, so Eisenstein (1997: 12). Innerhalb von etwa 50 Jahren etablierte sich laut Eisenstein (1997: 13) nämlich ein ganzer Berufsstand, der Einzug "in jedem wichtigen Gemeindezentrum" hielt.

Eisenstein (1997: 13) spricht von einer "Revolution im Bereich der Medien und der Kommunikation". Diese Revolution besteht, so Eisenstein (1997: 13), aus einer Vielzahl von Erfindungen und Entwicklungen im Laufe des 15. Jahrhunderts. Eine dieser Entwicklungen ist die Verkürzung der Arbeitszeit, die nötig war, um ein Buch zu erstellen und die damit gegebene Möglichkeit mehr Bücher zu produzieren. Bislang ging man, so Eisenstein (1997: 13), von einer stetigen Zunahme der Buchproduktion aus, was nach einer evolutionären Entwicklung klingt. Tatsächlich muss man aber, so Eisenstein (1997: 13), von dieser Entwicklung ein eher revolutionäres Bild haben, da die Buchproduktion explosionsartig zunahm.

Die genaue Anzahl der handschriftlichen Bücher oder auch der Arbeitsstunden, die für die Erstellung einer handschriftlichen Kopie eines Buches von Nöten waren, ist heute, so Eisenstein (1997: 13-14), zwar kaum noch feststellbar, ein paar Vergleiche lassen sich aber anstellen. So produzierte die Rispoli-Druckerei in der Zeit, in der ein Schreiber ein einziges Exemplar kopieren konnte, 1025 Kopien. Auch die Qualität einer Kopie, also einer identischen handschriftlichen Anfertigung, muss, so Eisenstein (1997: 16), vor Erscheinen des Buchdrucks als fragwürdig angesehen werden. Besonders schwierig war es, so Eisenstein (1997: 16-17), eine identische Kopie eines naturwissenschaftlichen Werkes herzustellen, da sich hier gebildete Männer mit dem Kopieren von Tafeln, Diagrammen und unbekannten Termini befassen mussten. Mit dem Buchdruck bekamen die Gelehrten laut Eisenstein (1997: 17) dagegen "Zeit zu Beobachtung und Forschung".

Nach Eisenstein (1997: 17-18) gilt es zu beachten, dass die Einführung des neuen Werkstoffs Papier im 13. Jahrhundert nicht vergleichbare Auswirkungen hatte. Durch das Papier wurde zwar, so Eisenstein (1997: 18), sowohl der Briefverkehr, als auch die Zahl der geschriebenen Werke erhöht, doch die eigentliche Arbeitszeit wurde nicht verkürzt. Durch die Nachfrage nach Papierwaren entstanden, so Eisenstein (1997: 18), Schreibwarenhändler, genannt Cartolai. Diese vertrieben, so Eisenstein (1997: 18) zwar manchmal ebenfalls Bücher, jedoch eher beiläufig. Auch Buch-Einzelhändler wie Vespasiano da Bisticci erkannten laut Eisenstein (1997: 18) ihre Verkaufsnische, doch ließen sich damit keine großen Summen an Geld verdienen.

Mit dem Aufkommen des Buchdrucks, wurden Buch-Einzelhändler, die nur auf handgeschriebene Werke schworen, nach Eisenstein (1997: 19) nach und nach aus dem Geschäft verdrängt, darunter auch Vespasiano da Bisticci, der 1478 sein Geschäft schließen musste. Nach 1478 treten dann nach Eisenstein (1997: 19) auch die ersten Buchgroßhändler auf. Durch das Aufkommen des Buchdrucks verloren, so Eisenstein (1997: 19), nicht nur handgeschriebene Bücher mehr und mehr an Wert, sondern Buchbinder, Rubrikatoren, Buchmaler und Kalligraphen bekamen viel mehr Arbeit als vorher. Zeitgenössischen Beobachtern erschien nach Eisenstein (1997: 19) "die Steigerung der Produktion [...] so bemerkenswert, daß sie Anspielungen auf ein Eingreifen übernatürlicher Kräfte machten."

Was die Qualität der gedruckten Bücher betrifft, so waren, laut Eisenstein (1997: 20) die frühen Drucke so stark an die Originale angelehnt, dass Unterschiede kaum erkennbar waren. Trotz der Bemühungen, "Handschriften möglichst originaltreu" zu reproduzieren, waren aber, so Eisenstein (1997: 20), die Verfahrensweisen bei der Herstellung völlig andere, als die, die die Schreiber anwandten. Statt sich an der "augenscheinlichen Kontinuität" aufzuhalten, bietet es sich laut Eisenstein (1997: 20) geradezu an, "den Unterschied zwischen den beiden ungleichen Produktionsweisen" zu unterstreichen. Während nämlich, so Eisenstein (1997: 20-21), die äußere Form und damit ebenmäßige Spationierung, einheitliche Lettern und symmetrisches Design für die Handschriftenschreiber besonders wichtig waren, brauchten Schriftsetzer andersgeartete Anweisungen, die auf einer mehrmaligen Durchsicht des Textes basierten. Das Ziel, das diese Durchsicht leitete, änderte sich laut Eisenstein (1997: 21) innerhalb nur einer Generation radikal. Die Buchdrucker erkannten nämlich, dass sie sich an die Bedürfnisse der Leser anpassen mussten, wenn sie ihren Absatz vergrößern wollten.

Bereits vor 1500 stand, laut Eisenstein (1997: 21), den Schriftsetzern eine Vielzahl an Möglichkeiten zur Verfügung, mit denen sie ihre Texte gestalten konnten. So gab es skalierte Buchstaben, Kapitelüberschriften, Fußnoten, Inhaltsverzeichnisse, hochgestellte Ziffern, Querverweise und vieles mehr. Die immer mehr zur Regel werdenden Titelseiten begünstigten, laut Eisenstein (1997: 21) das Anlegen von Bücherlisten, die Herstellung von Katalogen und die Eigenwerbung. Auch konnten, so Eisenstein (1997: 21), durch Holzschnitte und Kupferstiche Illustrationen einfacher vervielfältigt werden, als durch Handzeichnungen, was nicht zuletzt die naturwissenschaftliche Fachliteratur revolutionierte. Zwar gab es bei den verwendeten Holzblöcken Verschleißerscheinungen, doch konnte deren Haltbarkeit nach Eisenstein (1997: 22) enorm verlängert werden, wenn man die abgenutzten Stellen erneut schärfte oder Konturen wieder hervorhob. Zudem konnten laut Eisenstein (1997: 22) so neben Buchstaben und Zeichnungen auch mathematische Tafeln, Zahlen und Formeln leichter vervielfältigt werden. Auch wurden so Eisenstein (1997: 22) Bilder Texten zugeordnet, indem Inschriftbänder, Ziffern-Buchstabenschlüssel, Hinweiszeilen verwendet wurden, was wiederum für die naturwissenschaftliche Fachliteratur besonders wichtig war. Eisenstein (1997: 23) hebt die Bedeutung der Kombination von Buchstaben, Ziffern und auch Bildern hervor, denn durch die wechselseitige Wirkung erlangten sie eine noch größere Bedeutung, als jeweils für sich allein.

Die Berufsgruppen der Schreiber und Illuminatoren sind, so Eisenstein (1997: 23), durch die Kombination verschiedener Drucktechniken in Bedrängnis gekommen. Mit der Einführung des Buchdrucks wurden laut Eisenstein (1997: 23) auch verschiedene Berufsgruppen zusammengeführt, die zuvor getrennt voneinander agiert haben. So kam es zu einer "Neukoordinierung der Kopf- und Handarbeit". Im Bereich des Buchdrucks arbeiteten laut Eisenstein (1997: 23) Vertreter aus den Bereichen Kirche und Universität, sowie Metallarbeiter, Mechaniker, Astronomen, Kupferstecher, Ärzte und Maler zusammen. Auch finanzielle Fragen förderten nach Eisenstein (1997: 23) den Kontakt der am Buchdruck interessierten Gruppen. So kamen reiche Kaufleute und Gelehrte über das Medium Buch in Kontakt. Eine neue Verbindung zwischen Stadt und Universität entstand. Die Organisation und Regulierung von Arbeitskräften, Finanzmitteln und lukrativen Auftraggebern gehörten, nach Eisenstein (1997: 23-26) zu den Aufgaben von Druckermeistern. Ihre Werkstätten wurden so Eisenstein (1997: 26) zu Kulturzentern, die "bodenständige Literaten und berühmte Ausländer" anzogen und die "sowohl einen Ort der Begegnung wie auch der Nachrichtenübermittlung für eine sich ausdehnende kosmopolitische Gemeinschaft der gelehrten Welt" darstellten. Drucker, wie Aldus Manutius können laut Eisenstein (1997: 26) als Prototypen der frühen Kapitalisten gesehen werden, deren Aufgabenbereiche vielfältiger waren, als die der Handschriftenschreiber.

"Der Wandel vom Handschriftenschreiber zum Buchdrucker" stellt, so Eisenstein (1997: 26) "einen beruflichen Entwicklungssprung dar". Viele der bahnbrechenden Aktivitäten standen nach Eisenstein (1997: 26) mit dem Wandel vom Einzelhandel zum industriellen Großhandel in Verbindung. Damit einher gehen so Eisenstein (1997: 26) Markterschließung, das Zurückdrängen von Konkurrenten durch die Herstellung besserer Produkte oder Werbung sowie die Pflege von Kontakten. Auch Managementaufgaben, so Eisenstein (1997: 27-28) angefangen bei Rohstofforganisation über Auslastungskapazitäten von Maschinen bis hin zu Personalmanagement gehören dazu. Der kommerzielle Aspekt dieser Arbeit erreichte einen ganz anderen Stellenwert als der früherer Handschriftenschreiber. Auch ihre Werke versahen die Drucker, laut Eisenstein (1997: 28) auf der ersten Seite mit Werbung für ihre Arbeit und ihre Arbeitsstätte, anders als die Handschriftenschreiber vor ihnen, die sich erst in der letzten Zeile ihres Werkes benannten. Von dieser Neuordnung profitierten, so Eisenstein (1997: 28), nicht nur die Drucker, sondern auch Autoren, Künstler, Rechenmeister, Instrumentenmacher, Professoren und Prediger, da sie so ihren Wirkungskreis und damit ihre Berühmtheit enorm steigern konnten. Wie diese neue Art der Werbung auch andere Unternehmen begünstigte und deren Absatzmarkt erweiterte, sollte laut Eisenstein (1997: 28) noch viel mehr untersucht werden.

Hinsichtlich der Rezeption der Drucke in der Bevölkerung kann man, nach Eisenstein (1997: 28-29), kaum Aussagen treffen, da nicht genügend Quellen vorliegen, die uns Aufschluss über die Alphabetisierungsrate geben könnten. Eisenstein (1997: 29) konzentriert sich daher vorrangig auf die Entwicklungen bei den alphabetisierten Bevölkerungsgruppen und auf deren soziale Zusammensetzung. Sie kommt dabei zu dem Ergebnis, dass Schriftlichkeit nie dem Adel und dem höheren Klerus vorbehalten war, und dass durch die Entwicklung der Druckerpressen auch nicht die arbeitende, bäuerliche Bevölkerung zum Lesen gebracht wurde. Wahrscheinlicher ist es, so Eisenstein (1997: 29), "dass viele ländliche Gegenden erst nach dem Eintritt ins Eisenbahnzeitalter von dieser Entwicklung berührt wurden" und anfangs nur eine "relativ kleine und überwiegend urbane Bevölkerungsgruppe" von der Verlagerung des Handschriftenwesens auf den Buchdruck betroffen war.

Was die schreib- und lesefähige Bevölkerung, das Lesepublikum oder die Vorlieben für bestimmte Genres betrifft, so warnt Eisenstein (1997: 30) davor, hier eine Zuordnung zu bestimmten Ständen, Berufen oder Schichten vorzunehmen. Plausibel scheint Eisenstein (1997: 30) dagegen, dass alle Schichten "eine Abneigung gegen die lateinische Pedanterie teilten". Auch ist es laut Eisenstein (1997: 30) schwierig, den sozialen Status mit dem Lesen von in Latein oder in der Landessprache geschriebenen Büchern zu verbinden, da zwischen Lateinkenntnissen und sozialen Schichten keine eindeutige Beziehung festgestellt werden kann. In Acht nehmen muss man sich laut Eisenstein (1997: 30-31) auch bezüglich der Buchtitel. So ist die Biblia pauperum praedicatorum beispielsweise nicht an arme Menschen gerichtet, sondern an Prediger, deren Latein-Kenntnisse nicht ausreichend waren und die so illustrierte Bücher zu Hilfe zogen, um die Bibel leichter verstehen zu können. Auch muss, so Eisenstein (1997: 31) eine Unterscheidung zwischen den tatsächlichen Lesern und Käufern der Bücher und der anvisierten Zielgruppe gemacht werden. Hinweise auf die Zielgruppe, die in Buchtiteln und Vorworten enthalten sind, zeigen uns, so Eisenstein (1997: 31), gerade noch nicht die tatsächlichen Leser und Leserinnen. Laut Eisenstein (1997: 32) lohnt es sich daran zu erinnern, "dass die Kluft zwischen Werkstättenpraxis und Klassenzimmertheorie" im ersten Jahrhundert des Buchdrucks sichtbar wurde.

Auch eine Unterscheidung zwischen Lese- und Schreibfertigkeit und "gewohnheitsmäßigem Bücherlesen" muss, so Eisenstein (1997: 32), bedacht werden. Durch den Buchdruck war die Möglichkeit sich selbst nur durch das Lesen eines Textes Dinge beizubringen, weitaus größer als noch zu Zeiten des Handschriftenwesens. So war es laut Eisenstein (1997: 32) durch fleißiges Studieren möglich, sich mehr Wissen anzueignen, als der Lehrmeister besaß. Auch wurde durch den Buchdruck nach Eisenstein (1997: 32-33) die gesamte Art zu Denken verändert. So war es nicht mehr nötig, sich mit Gedächtnisstrategien wie Reim und Rhythmus Dinge zu merken oder sich anhand von Bildern Gedanken herzuleiten. Auch der Status von Bildern veränderte sich laut Eisenstein (1997: 33) durch den Buchdruck. So flammte in christlichen Kreisen der Bilderstreit erneut auf, da Reformatoren wie Calvin auf das 2. Gebot Bezug nahmen, wonach Bilder von Gott nicht zulässig waren. Die Ansicht, dass gerade Bilder für Analphabeten einen wichtigen Zugang zum Verständnis darstellten, wies Calvin laut Eisenstein (1997: 33) zurück und forderte stattdessen dazu auf, ihnen das Lesen zu lehren. Deutlich wird hier, so Eisenstein (1997: 33), der Wandel "von der Bildkultur zur Wortkultur". Gleichzeitig verloren aber so Eisenstein (1997: 33) weiter, Bilder gerade nicht an Bedeutung, sondern ihr Druck nahm zu und auch die protestantische Propaganda bediente sich Bildern. Allerdings, so Eisenstein (1997: 34) veränderte sich durch den Buchdruck der Wirkungsbereich von Bildern und es entstanden neue Möglichkeiten für Bilder schaffende Künstler. Des Weiteren entstand so Eisenstein (1997: 34) in Folge des Buchdrucks ein ganz neues Genre, nämlich das didaktische Bilderbuch für Kinder. Auch in wissenschaftlichen Bereichen wie der Architektur, Geometrie oder Geographie nahm so Eisenstein (1997: 35) die Bedeutung der Bilder im Vergleich zur Schrift zu. Durch den Buchdruck entstanden zudem, so Eisenstein (1997: 35) Möglichkeiten, sowohl das Anschauungsmaterial zu vermehren, als auch die Art der Instruktionen zu vereinfachen. Gerade der Bereich der ikonographischen und nichtphonetischen Kommunikation entwickelte sich rasch und gewann an Bedeutung. Der Wandel "von der Bildkultur zur Wortkultur" muss nach Eisenstein (1997: 35) also neu überdacht und erweitert werden. Zudem lässt sich, so Eisenstein (1997: 35-36) eine einfache Formel, die die Entwicklungen, welche der Buchdruck mit sich brachte, eindeutig beschreibt, gerade nicht finden.

Einige Grundzüge der Druckkultur

In ihren Ausführungen zu den Grundzügen der Druckkultur kritisiert Elisabeth Eisenstein (1997: 39) die lediglich randläufige Erwähnung der weitereichenden Folgen des Buchdrucks. Die Theoretiker ihrer Zeit gingen, nach der Auffassung Eisensteins (1997: 39), zu wenig auf die Einflüsse der Standardisierung im Bereich der Wissenschaften ein und ließen sich vorschnell zu der Erklärung hinreißen, die große Anzahl von Vervielfältigungen älterer Theorien in den Anfängen des Buchdruckzeitalters sei Beweis dafür, dass der Buchdruck keine Auswirkung auf die Verbreitung neuer Theorien gehabt hätte, sondern lediglich ältere Theorien standardisiert und flächendeckend verbreitet hätte. Laut Eisenstein (1997: 39) kann aber die Formulierung neuer Theorien sowohl auf "eine vermehrte Produktion alter Texte" als auch auf die neuen Charakterzüge des Buchdruckes, im Vergleich zu den alten, zurückgeführt werden.

Eisenstein (1997: 39-40) merkt an, dass in bisherigen Abhandlungen über den Buchdruck diverse Aspekte hinter dominanten Fragestellungen zurückbleiben. Beispielsweise liegt, so Eisenstein (1997: 39-40), ein starker Fokus auf der Verbreitung der Alphabetisierung, während es nur wenige Untersuchungen zu den Auswirkungen des Buchdrucks auf bereits alphabetisierte Sektoren gibt. Des Weiteren wird nach Eisenstein (1997: 40) der Buchdrucker zu einem "Presseagenten" degradiert, bei welchem die Leistung allein durch die Höhe der Auflagen und den "Grad der Verbreitung der Publikationen" gemessen wird. Zwar ist es, so Eisenstein (1997: 40) richtig, dass "durch eine gedruckte Ausgabe mehrere Kopien eines bestimmten Textes 'in alle Himmelsrichtungen verbreitet wurden'", es wurden aber gleichzeitig "auch verschiedene Texte, die sich zuvor in alle Richtungen verloren hatten, jetzt zur Konvenienz eines einzelnen Lesers in größere Nähe zueinander gebracht." Laut Eisenstein (1997: 40) konnten Bücher nun überall, zu vergleichsweise niedrigen Preisen, erworben und mitgenommen werden, zum Beispiel in das häusliche Arbeitszimmer oder in die eigene Bibliothek. Eisenstein (1997: 40) sieht darin die Grundlage für einen Perspektivwechsel in Forschung und Wissenschaft, denn für die Konsultation verschiedener Bücher musste man nun kein "umherziehender Scholar" mehr sein und selbst sesshafte Forscher gaben die Tendenz auf, sich nur mit einem Text ausführlich zu befassen und diesen zu erklären, da sie nun zwischen verschiedenen Quellen Bezüge herstellen konnten, um Sachverhalte zu klären. Eisenstein (1997: 40) bezeichnet dies als den Beginn der „Ära intensiver Querverweise zwischen einem Buch und dem nächsten“. So konnte "ein ernsthafter Student", nach Eisenstein (1997: 40), nun "seine Bemühungen daran setzen, sich Lehrmaterial in größerem Umfang durch private Lektüre zu erarbeiten als ein Student oder sogar ein reifer Gelehrter hatte meistern müssen oder meistern hatte hoffen können", bevor durch den Buchdrück Bücher in "reicher Auswahl wohlfeil zur Verfügung standen." Eisenstein (1997: 40) weist damit darauf hin, dass die Auswirkungen des Buchdrucks über die standardisierte Verbreitung eines Einzelwerks hinausgingen, denn die Möglichkeit, auf mehrere Werke gleichzeitig zuzugreifen, die durch die beginnende Reihenproduktion von Büchern entstand, war ein Triebmittel für gänzlich neue Ansätze in der Wissenschaft des 16. Jahrhunderts. So wurde, nach Eisenstein (1997: 41), ein höheres Ausmaß an "Widersprüchen und Meinungsvielfalt" wahrgenommen, als dies bei den mittelalterlichen Kommentatoren der Fall war und zwar schon deshalb, weil eine vielfältige Auswahl an Texten zur Verfügung stand. Weiterhin trug der Buchdruck laut Eisenstein (1997: 41) dazu bei, bisher verschlüsselte Informationen, welche durch die vermehrte "Produktion atristotelischer, alexandrinischer und arabischer Texte" verfügbar wurden, zu entschlüsseln. Die Auswirkungen des Aufeinanderprallens verschiedener Theorien und Ansätze war laut Eisenstein (1997: 41) insbesondere in der Medizin und Astronomie spürbar, also in Fachbereichen, in denen bisher stets Tradiertes von Generation zu Generation weitergegeben worden war und in denen nun Zweifel am Althergebrachten aufkamen, die zur Entwicklung neuer Ansätze und der Kombination verschiedener Traditionen und Wissenschaftszweige führten. Laut Eisenstein (1997: 41) sollte auch daran gedacht werden, dass "die für die Produktion gedruckter Ausgaben verantwortlichen neuen Berufsgruppen" als erste an einem interkulturellen Austausch teilhatten." Als neue Berufsgruppen führt Eisenstein (1997: 41) die folgenden auf: Buchstabengießer, Korrektoren, Übersetzer, Redakteure, Illustratoren, Druckwarenhändler, Verfasser von Registern etc.

Eisenstein (1997: 41) weist zudem darauf hin, dass in der Anfangszeit die Buchdrucker die ersten waren, die das in ihrer Druckerei gedruckte Buch lasen und sich diese auch selbst wertvolle Sammlungen von gedruckten Büchern aufbauten. Die Druckerwerkstätten übten laut Eisenstein (1997: 42) auch eine hohe Anziehungskraft auf Gelehrte und Literaten aus. Dies kann so Eisenstein (1997: 42) erklären, warum so oft bemerkt wird, dass"ein beachtlicher Anteil an innovativer Arbeit sowohl auf dem Gebiet der Wissenschaft wie auch auf dem [sic] Gelehrsamkeit außerhalb der akademischen Zentren", in der frühen Neuzeit geleistet wurde. Auch der neue und sich als so fruchtbar erweisende "Erfahrungsaustausch zwischen Künstlern und Gelehrten oder Praktiker nund Theoretikern" lässt sich laut Eisenstein (1997: 42) durch die Anziehungskraft der Buchdruckereien erklären. So förderte der Buchdruck, nach Eisenstein (1997: 42), also "Formen kombinatorischer Aktivität" (sozialer und intellektueller Natur) und wandelte die "Beziehungen sowohl zwischen Gelehrten als auch zwischen Ideensytemen". Eisenstein (1997: 42) weist jedoch auch darauf hin, dass der interkulturelle Austausch eine widersprüchliche Stimulation geistiger Aktivitäten zur Folge hatte. Für "Verwirrung sorgende Querströme" ergeben sich nach Eisenstein (1997: 42) aus dem Umstand, "daß neue Bindeglieder zwischen den Wissensgebieten geschmiedet wurden, noch ehe die alten durchtrennt waren."So waren, nach Eisenstein (1997: 42), "im Zeitalter des Handschriftenwesens" magische und okkulte Künste mit technischem Handwerk und Mathematik verbunden. Als der Buchdruck erfunden war, wurden so Eisenstein (1997: 42) auch okkulte Überlieferungen gedruckt. Nach Eisenstein (1997: 42) erklärt sich das noch immer hohe Ansehen, das okkulte Künste in "der gelehrten Welt während der frühen Neuzeit" hatten, wenn bedacht wird wie Aufzeichnungen "aus den alten Kulturen des Nahen Ostens [...], im Zeitalter des Handschriftenwesens überliefert worden sind." Während sich einige dieser Aufzeichnungen laut Eisenstein (1997: 42) nämlich "zu in ihrer Bedeutung überschätzten Fragmenten reduziert" hatten, welche jedoch weiterhin "in bestimmten Berechnungssystemen" (z.B. Medizin, Landwirtschaft, etc.) eine Rolle spielten, waren andere "zu unergründlichen Zeichen geschrumpft." Da aber kosmische Zyklen und Lebenszyklen zur Erfahrung aller gehören, ließen sich laut Eisenstein (1997: 42) in "den Fragmenten und Zeichen gemeinsame Elemente entdecken", was die Annahme eines gemeinsamen Ursprungs, einer gemeinsamen Quelle plausibel erscheinen lies. Diese, nach Eisenstein (1997: 42), Annahme eines Urtextes, welcher vom "Erfinder der Schrift niedergeschrieben worden sei und angeblich alle Geheimnisse der Schöpfung enthielt", schien, ebenso wie die Annahme einer Verfälschung der "in diesem Urtext enthaltenen Lehren [...] im Verlauf der Invasionen barbarischer Völker", einleuchtend. Als Beispiel führt Eisenstein (1997: 44-45) den Corpus Hermeticorum an, der zwar erst in der nachchristlichen Ära kompiliiert worden war, von dem aber lange geglaubt wurde, dass er in der Zeit vor Platon entstanden sei und Platon selbst beeinflusst habe. Der Buchdruck brachte, laut Eisenstein (1997: 45), zudem gleichzeitig sowohl eine Mystifizierung als auch eine Entmystifizierung verschiedener Schriftsysteme mit sich. Verloren so, nach Eisenstein (1997: 45), Schriften wie das Griechische, Hebräische oder Westaaramäische einen Teil ihres geheimnisvollen Charakters, verstärkte sich dieser bei anderen Schriften (z.B. bei den Hieroglyphen) noch. Nach Eisenstein (1997: 45) wurden den Hieroglyphen, "[welche] mehr als drei Jahrhunderte vor ihrer Entzifferung in Drucktypen gesetzt [wurden]", von Unwissenden willkürliche Bedeutungen zugewiesen oder sie wurden von "Architekten und Kupferstechern einfach als Ornamente verwendet". Moderne Wissenschaftler können, nach Eisenstein (1997: 45), nicht verstehen, weshalb die Hyroglyphen während des Zeitalters der Aufklärung überall erschienen. Eisenstein (1997: 45) resümiert: "Wenn wir uns mit den Auswirkungen des Buchdrucks auf die Gelehrsamkeit befassen, dürfen wir also nicht nur an neue Formen der Aufklärung denken: Der Buchdruck förderte auch neue Formen der Mystifikation." Weiterhin ergänzt Eisenstein (1997: 45), dass nicht nur neues, gesichertes Wissen durch den Buchdruck verbreitet wurde, sondern auch esoterische Schriften, welche auf Humbug basierten.

Die am weitesten verbreiteten Bücher waren in den Anfangszeiten des Buchdrucks laut Eisenstein (1997: 45) praktisch orientierte Werke wie Kalender, Elementarbücher und Katechismen. Zudem gingen die Fortschritte in der Wissenschaft nach Eisenstein (1997: 45-46) einher mit einer neuen, stark fokussierten und zielorientierten Frömmigkeit sowie mit einem erhöhten Bedürfnis nach Anleitung und Rat in Bezug auf Leben und Alltag. Ratgeber, die von Alltagshinweisen bis zu (vornewtonschen) Erklärungen des Universums alles beinhalteten, enthielten laut Eisenstein (1997: 46) oft unbewiesenes, okkultes und irreführends Material.

Insgesamt muss so Eisenstein (1997: 46) davon ausgegangen werden, dass "viele unterschiedliche Auswirkungen, jede davon mit wichtigen Konsequenzen, mehr oder minder zur selben Zeit erfolgten." Würde das mehr beachtet, wäre auch besser zu verstehen,dass der Buchdruck sowohl eine stärkere Loslösung von der Kirche als auch eine verstärkte Bindung an dieselbe hervorgerufen hat. Zudem würden verschiedene Periodisierungsdebatten überflüssig., Durch den Buchdruck rückten, so Eisenstein (1997: 46), "einige alte und vielbenutzte Texte mehr ins Licht" und viele "mittelalterliche bildliche Darstellungen der Welt" wurden viel mehr verbreitet als im Mittelalter selbst. Neue Medien, wie Holzschnitt und Kupferstich, sind laut Eisenstein (1997: 47) als Teil eines komplexen Prozesses zu sehen, "mit dessen Hilfe lange existierende Schemata in neuen visuellen Formen präsentiert wurden.“

All diese Aspekte werden laut Eisenstein (1997: 47) durch den Begriff der „Standardisierung“, die häufig als Hauptauswirkung des Buchdrucks dargestellt wird, nicht ausreichend ausgedrückt. Während Standardisierung in diesem Zusammenhang die Tatsache beschreibt, dass der Buchdruck vielen den Zugang zu ein und demselben Text ermöglichte, sollte laut Eisenstein (1997: 47) nicht außer Acht gelassen werden, dass durch den Buchdruck auch einzelnen der Zugang zu vielen verschiedenen Texten ermöglicht wurde.

Die Gelehrtenrepublik weitet sich aus
Die Spaltung der westlichen Christenheit: Ein neuer Blick auf die Voraussetzungen der Reformation
Die Wandlungen des Buches der Natur: Der Buchdruck und der Aufschwung der modernen Wissenschaft

Die Progressivität des Buchdruckes als Initiator für gesellschaftlichen Wandel

Die Neuerungen des Buchdruckes wirkten sich nach Giesecke in weitreichendem Maße auf den Umgang und die Weitergabe von Informationen in der Gesellschaft aus. Wissen wurde nun nicht mehr einfach wie in oralen Kulturen innerhalb kleiner, sozialer Netzwerke geteilt, sondern konnte jetzt über große Entfernungen nachhaltig verbreitet werden. Das erstellen einer typografischen Information hatte nicht einfach nur das Potential die Weitergabe von beispielsweise Kräuterwissen von Mutter zu Tochter zu ersetzen, sondern schaffte zudem die Möglichkeit solcherlei Informationen mit anderem, bereits gesammelten Wissen abzugleichen und weiterzuverarbeiten. Somit konnte ein unbegrenzter Informationsspeicher eingerichtet werden, der fähig ist stets neuen Input aufzunehmen. "Immer mehr neue Informationen müssen dem System zugeführt werden, damit es am Laufen bleibt" (Giesecke 1996: 661). Laut Giesecke bildete sich ein Informationskreislauf heraus, welcher, einmal in Gang gekommen, eine Eigendynamik entwickelte. Giesecke erläutert dies anhand eines Models nach welchem der Autor über seine Wahrnehmung Informationen aus seiner Umwelt entnimmt, diese als psychische Informationen verarbeitet und niederschreibt. Hierdurch wandelt er sie in seine private und "ikonische" (Giesecke 1996: 657) Information um. Anschließend entsteht durch das Vermarkten eine gesellschaftliche Information, da jedes Mitglied der Gesellschaft nun Zugang erlangen kann. Durch den Kauf durch eine bestimmte Person erfolgt das Umschlagen zu einer erneut privaten, ikonischen und zunächst sprachlichen Information, welche wiederum eine psychische Information formt. Beeinflusst das entnommene Wissen das nachfolgende Handeln des Lesers, welches nachfolgend wieder Einfluss auf das Wirken neuer Autoren nimmt, so entsteht ein typographischer Informationskreislauf, welchen Giesecke (1996: 657) auch als ein "endloses Band" bezeichnet. Dieser Kreislauf führt zu einem stetigen Erweitern des Systems. Durch die erhöhte Reichweite der typographischen Information wurde nach Giesecke das Abwarten neuer Erfahrungen zur Erkenntnisbildung nicht mehr zwingend notwendig. So konnten industrielle Arbeitsvorgänge nun visualisiert und verbreitet werden, wodurch vorrangig sensomotorisch vorhandenes Wissen nun auch sprachlich repräsentiert wurde. Intuitive Erfahrungswerte wurden also durch logische Schlüsse ergänzt und verschriftlicht, dadurch wiederum überprüfbar und reflektierbar gemacht. In der Folge vollzog sich eine Trennung von Praxis und Theorie, welche von Giesecke als "Brauch" und "Verstand" betituliert werden. Der Austausch zwischen beiden Welten stellte einen Wendepunkt für die damals übliche Erkenntnistheorie und aus jetziger Sicht die Ausgangsbasis für die moderne Wissenschaft dar. Wurde die intensive Auseinandersetzung mit einer Kunst als Maîtrise verstanden, so erscheint diese nun als erfühlte Wissen suspekt. Es entwickelt sich die Wertschätzung einer Distanz zwischen dem Betrachter und dem Betrachteten, um weg von der üblichen Subjektivität des Alltags zu einer professionellen Objektivität zu gelangen. "Erprobt waren letztlich auch nur die Verfahren, deren Erprobung man beobachtet hatte. Das Gehörte und auch die eigene Intuition müssen noch einmal mit den Augen überprüft werden" (Giesecke 1996: 677). Galt bislang das Erstellen von Texten in jeder Form als Kunst, geschah nun eine Herauslösung der sachlich, analytisch Verfassten und in Masse verbreiteten typographischen Medien aus dem althergebrachten Kanon der Künste. Die Wissenschaft, welche in der Gesellschaft bislang vielmehr als eine Art von Maîtrise und Weistum gesehen wurde, erlangte nun durch ihren Wandel hin zur Rationalität an Bedeutsamkeit. Aufgrund der Verbreitung durch den Buchdruck gab es nun keine Legitimation zur Geheimhaltung von Wissen mehr. Die Wissenschaft rückte merklich aus dem kleinen Kreis der Jünger der Wissenschaft in die Öffentlichkeit und galt nunmehr als Angelegenheit der Gemeinschaft. Dies hatte harsche gesellschaftliche Kritik zur Folge, wurde das Lernen aus Büchern für „unmöglich und jedenfalls verwerflich“ (Giesecke 1996: 683) gehalten. Das Gespräch zwischen Experten und Laien solle, nach der Auffassung von Kritikern, nun vollends durch das Lesen von Sachbüchern ersetzt werden. Ein bedeutender Befürworter dieser Theorie war Valentin Ickelsamer, der Verfasser des Werks Teutschen Grammatica, welcher das Buch als Medium zum Selbststudium bzw. als Handreichung für Hausunterricht innerhalb der Familie etablieren wollte. Wurde das Ersetzen des Lehrers durch ein Buch von didaktischer Seite zunächst schwer verurteilt, so erfreute sich hingegen das Lehrwerk als ergänzender Bestandteil des Unterrichts zunehmender Beliebtheit. In der Folge galt es sich mit der Thematik auseinanderzusetzen, welche Lehrinhalte denn überhaupt sinnvoll durch Bücher vermittelt werden konnten und welche nicht. Eine weitere Problematik fand sich in dem Vorwissen, welches der einzelne Leser zum Verstehen der Schrift benötigte. Gab es in jeder Zunft eine gemeinsame Schnittmenge an Grundwissen über die behandelte Thematik, so konnte dieses nun nicht mehr als a priori vorausgesetzt gelten. Folglich mussten viele Manuskripte vor dem Druck aufgearbeitet und erweitert werden, um dem einfachen Leser grundlegende Informationen zur Thematik vor zu entlasten.

Die typographische Vernetzung der gesellschaftlichen Kommunikation zum gemeinen Nutzen der deutschen Nation (1520-1555)

Das Handelsnetz als Medium der typographischen Kommunikation

Im Gegensatz zu älteren Formen des Warentausches, indem Waren gegen Waren getauscht werden, ist im modernen kapitalistischen System typisch Ware gegen Geld zu tauschen, somit erscheint der Markt als ein Medium mit zwei Typen von Ein- und Ausgänge, wobei der Verkäufer auf der einen Seite Waren gibt und der Käufer auf der anderen Seite diese Ware entgegennehmen kann und gibt dafür Geld als Rückkopplung (Giesecke 1996: 397). Laut Giesecke lässt sich der Wert einer Ware in Geld ausdrücken, wodurch nicht nur die menschliche Arbeitskraft, sondern auch das menschliche Wissen zu einer Ware wird, dementsprechend regelt das Geld dem Zugang zu dem Wissen, genauer gesagt gilt die Finanzkraft als Filter für die Verbreitung von Wissen bzw. Bücher. Nach Giesecke (1996: 400) ist das neue Wirtschaftssystem, wegen der Serienproduktion von Bücher, nicht mehr durch die mittelalterliche Stadt regulierbar wie es früher den Fall war. Stattdessen zeichnet sich das neue marktwirtschaftliche Medium durch eine nahezu unbegrenzte räumliche Transport- und zeitliche Speicherfähigkeit aus und ermöglichst eine globale Ausdehnung des Welthandelsnetzes (Giesecke 1996: 401).

Im Truck in die Gemein geben: Die Tektonik typographischer Kommunikation

Im einfachsten Fall erfordert die Kommunikation, so Giesecke (1996: 404), zwei Prozessoren und ein Medium, wobei die beide Prozessoren als Sender und Empfänger bezeichnet werden. Die Druckerei gilt als Vorverstärker des typographischen Mediums und ermöglichst eine enorme Verstärkerleistung des Systems, weil die Informationsblöcke öfter identisch reproduziert werden und können somit auf einer Vielzahl von Kanälen gleichzeitig verteilt werden, dadurch ist es für Drucker und Händler nicht mehr überschaubar, welche und wie viele Bücher an wen verkauft werden (Giesecke 1996: 405-406).

Grundzüge des typographischen Kommunikationskreislauf

Laut Giesecke (1996: 401): „Der einfachste Fall eines Informationskreislaufs liegt vor, wenn der Empfänger einem Sender zurückmelden kann, daß er eine Botschaft empfangen hat.“ , dabei haben zum Beispiel Gespräche von Angesicht zu Angesicht eine solche Rückkopplungsnatur. Jeder Teilnehmer an einem Gespräch an mehrere Schnittstellen, so Giesecke (1996: 410), dennoch eine einzige Schnittstelle pro Typus: ein Mund und zwei Ohren, dadurch ist es schwer mehrere Botschaften gleichzeitig zu empfangen wenn z.B. mehrere Personen zugleich reden. Der Buchdruck kann mit einer Wasserleitungsmetapher veranschaulicht werden (Giesecke 1996: 411), bei der die Information nur in eine Richtung verlaufen und bei mehrere Empfängern ankommt, der Wasserverbraucher hat zwar eine Möglichkeit zur Rückkoppelung, dennoch erfolgt es nicht direkt wie bei einer direkten wörtlichen Kommunikation zwischen zwei Personen. Im neuen System der Rückkoppelung unterschiedlichen Medien verbergen sich komplizierte Abläufe der Wahrnehmung und Kodierung von Informationen (Giesecke 1996: 417) indem Bücher nicht mehr ausschließlich in einer professionellen Eigenschaft gekauft werden, sondern auch zur Befriedigung individueller Interessen (Giesecke 1996: 422).

Normen und Programme zur Steuerung der typographischen Kommunikation

Das typographische Kommunikationssystem ist in der Tat ein selbstregulierendes System, welches aufgrund von Normen und Programmen gesteuert wird, dementsprechend hat der Buchdruck ca. 60 Jahre im Anspruch genommen um seine Normen zu stabilisieren (Giesecke 1996: 424). Es entwickelten sich dadurch verschiedene Regeln und Gesetzen um den Autor eines Werkes klar identifizierbar zu machen und ihm vor unerlaubte Kopien seines Werkes zu beschützen, damit eröffnete sich die Möglichkeit die Schriften des Autors zu kritisieren und der Bedarf an hochrangige Genauigkeit um diese Kritik zu vermeiden (Giesecke 1996: 431, 440).

Zensur und Datenschutz: Der Eingriff des politischen Systems in den Informationskreislauf

Mit dem Anfang des Buchdruckes setzen sich neue Regeln zur Informationsverbreitung durch, dadurch ändert sich die Zensurmöglichkeiten drastisch, da das Geschehen in den typographischen Netzen nicht komplett dem freien Spiel der wirtschaftliche Kräfte überlassen bleibt, haben politische bzw. juristische Kräfte Maßnahmen ergriffen um die Nachrichtenwege zu reglementieren (Giesecke 1996: 445). Der Informationskreislauf ließ sich nicht nur durch Verbote, sondern auch durch die Gewährung von Vergünstigungen gewähren, somit konnte ein Drucker zum Beispiel zu offiziellen Ratsdruck ernannt werden, darüber hinaus diese ökonomische Hebel ermöglicht die Steuerung des Informationskreislaufes (Giesecke 1996: 449).

Sprachbetrachtung

Nach Bierbach und Pellat (2003: 234-235) war im Mittelalter die Sprache der Kultur und der Kommunikation in Europa das Latein. Als Beispiele lateinischer Grammatiken werden Donats Ars (grammatica) und Prisciens de Césarées Institutionum grammaticarum libri XVIII genannt (cf. Bierbach / Pellat 2003: 235).

Nach Swiggers (1990: 843) entstehen die ersten grammatischen Beschreibungen einer romanischen Sprache (l'ancien provençal) erst im 13. Jahrhundert.

Die Trennung zwischen Grammatik und Sprachtraktat ist nicht eindeutig zu vollziehen. Im Folgenden wird dennoch der Versuch gemacht einzelne Vertreter beider Kategorien aufzulisten. Die Einordnung erfolgt auf Grundlage der Literatur von Bierbach und Pellat sowie Swiggers.

Themen der Sprachwissenschaftsgeschichte

Die Themen der Sprachwissenschaftsgeschichte werden von Jens Lüdtke (2001: 3) nicht beliebig, sondern auf Grund der wichtigsten Interessen der Gelehrten in der Vergangenheit ausgewählt. Dabei kommt Lüdtke (2001: 3-4) auf die folgenden acht Themen:

  1. Suche nach einer Standardsprache
  2. Herkunft der romanischen Sprachen aus dem Vulgärlatein
  3. Kontakt mit einer vorrömischen Sprache ("Substrat")
  4. Kontakt ab der Zeit der Völkerwanderung ("Superstrat")
  5. Wortherkunft
  6. Lautentsprechungen
  7. Sich mit der Zeit erweiternden Sprachkenntnisse
  8. Erweiterung der Quellen

Das Fragen an die Geschichte fängt, so Lüdtke (2001: 3), mit der Suche nach der Standardsprache (1) an. Diese kann auch, so Lüdtke (2001: 3), „Projektion in die Zukunft“ sein, also Sprachplanung, in der sich die „Herausbildung der sprachlichen Identität eines Volkes oder Staates“ zeigt. Für diese Identitätssuche und Identitätsbehauptung wollen die Gelehrten eine Legitimation in der Geschichte finden. Deshalb fragen sie auch nach der Entstehung der romanischen Sprachen. Daraus ergeben sich nach Lüdtke (2001: 3) weitere Themen, nämlich die Herkunft der romanischen Sprachen aus dem Vulgärlatein (2), der Kontakt mit einer vorrömischen Sprache („Substrat“) (3) und der Kontakt ab der Zeit der Völkerwanderung („Superstrat“) (4). Der Kontakt wird dabei, so Lüdtke (2001: 3), zumeist für den Verfall, die „Korruption" des Lateins verantwortlich gemacht. Sprachintern wurden die geschichtlichen Verhältnisse nach Lüdtke (2001: 3) als Etymologie im Sinne von Wortherkunft (5) und nicht Wortgeschichte verstanden und die Zusammenhänge zwischen dem Vulgärlatein und den romanischen Sprachen wurden gelegentlich durch Lautentsprechungen (6) bewiesen. Die Etymologie sowie die Lautentsprechungen sind dabei, so Lüdtke (2001: 3), als frühe Formen einer sprachwissenschaftlichen Argumentation zu verstehen. Als weiteres Thema nennt Lüdtke (2001: 3) die sich mit der Zeit erweiternden Sprachkenntnisse (7). Der Vergleich mit anderen Sprachen, der durch die in Folge des Buchdrucks einsetzende Verbreitung von Grammatiken, Wörterbüchern und Texten laut Lüdtke (2001: 3-4) erst möglich wird, lässt es zu, geschichtliche Folgerungen abzuleiten und Etymologien festzustellen. Als letztes Thema benennt Lüdtke (2001: 4) die Erweiterung der Quellen (8), da erst durch das Bekanntwerden und die Verbreitung von Sprachzeugnissen Fortschritte in der Betrachtung der romanischen Sprachen erzielt werden können.

Periodisierung

Jens Lüdtke (2001: 4) teilt die diachronische romanische Sprachwissenschaftsgeschichte in vier Epochen ein, wobei er diese durch bestimmte Werke begrenzt. Die Ideen dieser Werke waren, in den Augen Lüdtkes (2001: 4), zukunftsweisend für die nachfolgende Zeit und wurden deshalb für die Abgrenzung ausgewählt. Von einer Sprachwissenschaftsgeschichte kann Lüdtke (2001: 4) zufolge erst gesprochen werden, "wenn sich eine Tradition gebildet hat", was sich wiederum erst im Nachhinein feststellen lässt. Das bedeutet, so Lüdtke, dass ein Werk oder eine Idee allein noch nicht wegweisend ist, sondern auf Widerhall angewiesen ist.

Als erste Epoche nennt Lüdtke (2001: 4) die Zeit von Dante bis zum Ende des 16. Jahrhunderts, die vor allem durch die "Suche nach einer Form der Standardsprache" und die Frage der Herkunft der romanischen Sprachen geprägt war. Für letztere gab es laut Lüdtke verschiedene Erklärungsansätze.

Die ersten Zeugnisse romanischen Sprachdenkens verbinden, so Lüdtke (2001: 5), "die Beschreibung einer Einzelsprache mit der Abfassung von Texten", wobei die Einwirkung der lateinischen Universalgrammatik festzustellen ist. Das bedeudet, so Lüdtke, dass "eine elementare Beschreibung einer Einzelsprache mit einer Lehre vom Verfassen von Diskursen in Gestalt von Versdichtung" zusammenfällt. Dieser Zusammenhang wird laut Lüdtke bis zum 18. Jahrhundert weiterbestehen.

Dante

Laut Jens Lüdtke (2001: 6) konnte Dantes De vulgari eloquentia (geschrieben 1303/1304) erst durch seine Wiederentdeckung im 16. Jahrhundert seine Wirkung entfalten. Lüdtke (2001: 6) will Dante im Hinblick auf seinen „Beitrag zum allgemeinen Sprachdenken und zur romanischen Sprachwissenschaft“ betrachten. Nach Lüdtke (2001: 6) ist Dantes Ansatz anthropologisch: „Sprache ist das Charakteristikum des Menschen [und] ein Geschenk Gottes.“ Die Entstehung der Sprachenvielfalt, so Lüdtke (2001: 6), wird auf den Turmbau zu Babel zurückgeführt, als die Menschen die ursprüngliche, göttliche Sprache vergaßen und die Sprachenvielfalt als Strafe Gottes ansahen. Dies ist laut Lüdtke (2001: 6) ein auf das Buch Genesis gestütztes Sprachdenken. Dante sah jedoch, so Lüdtke (2001: 6), die Sprachveränderungen als normal an und untersuchte ihre Entwicklung in Raum und Zeit. Dantes großer Beitrag zur Sprachwissenschaft war, so Lüdtke (2001: 6), „die Abgrenzung der romanischen gegen andere in Europa gesprochenen Sprachen." Laut Lüdtke (2001: 6) unterschied Dante zwischen den folgenden drei Sprachgebieten. Das erste Gebiet, das sich „von der Mündung der Donau bis zum Westen Englands“ erstreckt, ist dadurch charakterisiert, dass es „weder zum Griechischen noch zum Romanischen" gehört und „jo" als Bejahungsartikel hat. Das zweite Gebiet ist das des Griechischen, das „östlich von Ungarn" liegt. Das dritte Gebiet, das das übrige Europa umfasst, unterteilt Dante in drei Bereiche: „lingua oc" (Spanier), „lingua oil" (Franzosen) und „lingua sì" (Italiener). Schwierigkeiten bezüglich der Verbreitung der damals gesprochenen Sprachen ergeben sich, laut Lüdtke (2001: 6), insofern, als dass Dante die Literatursprache als Grundlage der Betrachtung heranzog. Außerdem lässt sich, so Lüdtke (2001: 6), trotz der von Dante als Belege angeführten lateinischen Wörter nicht feststellen, ob „die drei genannten romanischen Sprachen sich für Dante vom Latein herleiten [lassen].“

Laut Lüdtke (2001: 7) unterscheidet Dante innerhalb der lingua sì „14 Dialekte zu beiden Seiten des Apennins“, wobei einzelne Teile Italiens nicht oder nur ungenau behandelt werden. Laut Lüdtke (2001: 7) ist „die Feststellung einer inneren Differenzierung, sogar in der Toskana“ insgesamt das Interessanteste an Dantes Einteilung. Nach Dantes Vorstellung sollte, so Lüdtke (2001: 7), die ideale Sprache, die er selbst schon für erkennbar hielt, in Zukunft im ganzen Land gesprochen werden. Ein Aspekt den Lüdtke (2001: 7) für noch wichtiger hält, ist Dantes „Nachdenken über die Funktion einer Gemeinsprache“, bevor es eine solche Gemeinsprache in Italien gab. Dante unterscheidet dabei, nach Lüdtke (2001: 7), zwischen einer „locutio vulgaris", die jedes Kind „ohne Regeln als natürliche Sprache“ lernt, und einer künstlichen, fixierten und sich nicht wandelnden „locutio secundaria". Laut Lüdtke (2001: 7) reflektierte Dante so „als Erster das Verhältnis zwischen geschriebener Standardsprache und gesprochener Volkssprache“. Eine solche Standardsprache bedarf nach Lüdtke (2001: 7) der Fixierung einer gramatica. Dante ist, laut Lüdtke (2001: 7), „auf der Suche nach einer italienischen Volkssprache, die alle Funktionen einer Standardsprache erfüllt“. Das Griechische und das Latein erfüllten nach Lüdtke (2001: 7) diese Funktionen.

Lüdtke (2001: 8) führt weiter an, dass eine solche Sprache, nach Dante, erstens „eine Literatursprache („illustre") und zweitens eine Leitvarietät („cardinale") sein sollte, also die dominante Varietät einer Literatursprache. Des Weiteren sollte sie, laut Lüdtke (2001: 8) „aulicum", also Sprache der Herrschaftsausübung und zwar auch in der Rechtsprechung sein. Das letzte Merkmal („curiale") ist, laut Lüdtke (2001: 8), schwieriger zu deuten, kann jedoch als „höfische Sprache" bestimmt werden. Laut Lüdtke (2001: 9) sind Dantes Überlegungen zur „locutio secundaria" bis heute bemerkenswert, obgleich die Entwicklung des Italienischen, die Dante annahm, einen „anderen Gang genommen" hat. Die Grundlage von Dantes persönlichem „vulgare illustre" ist, nach Lüdtke (2001: 9), das Florentinische, „dessen Geschichte [...] den größten Teil der Geschichte des Italienischen aus[macht]".

Die Korruptionsthese und ihre Gegner

Während des italienischen Humanismus stellte sich nach Lüdtke (2010: 9) das Problem des Abstands zwischen dem Latein und der damaligen Volkssprache. Als Leonardo Bruni (1374-1444) und Flavio Biondo (1392-1463) 1435 in Florenz im Vorzimmer des Papstes ein Gespräch führten, vertrat Bruni, laut Lüdtke (2001: 9), die Auffassung, dass es schon in der Zeit der Römer eine Sprache der Gebildeten und eine Volkssprache gab, und dass Cicero seine Reden in der Volkssprache gehalten und danach in der Literatursprache niedergeschrieben hat, die Volkssprache also die Grundlage der Sprache der Dichter und der Redner war.

Im gleichen Zug wurde die grammatische Regelmäßigkeit des Lateins als ein Musterfall dafür gesehen, dass das Italienische ebenfalls fähig zu einer solchen Grammatik ist.

Für Flavio Biondo ist, so Lüdtke (2001: 9), die neue Volkssprache dagegen ein von Barbaren verderbtes Latein, eine "loquela mixta". Diese These wird, so Lüdtke, "Korruptionsthese", "Barbarenthese", oder "Germanen-these" genannt, denn sie führt die Entstehung der romanischen Sprachen auf das Wirken von Sprachkontakt während der Völkerwanderung zurück. Übernommen wird diese Idee von Sprachmischung, die laut Lüdtke (2001: 9) eine frühe Form der viel später von Walther von Wartburg (1951) vertretenen "Superstratthese" war, auch von Leon Battista Alberti (1404-1472) und Lorenzo Valla (1407-1457). Poggio Bracciolini (1380-1459), der die Sprachmischung bereits im Latein der Antike ansetzte, vertritt dagegen, laut Lüdtke eine "Substratthese". Beide Seiten sind so Lüdtke (2001: 9) letztendlich am klassischen Latein interessiert, weshalb sich im 15. Jahrhundert auch nur Autoren mit dem Unterschied zwischen Latein und Italienisch beschäftigten. Die Unterschiede wurden dabei gelegentlich auch durch etruskischen Einfluss oder griechischen Einfluss erklärt (cf. Lüdtke 2001: 9)

Erweiterung der Sprachkenntnisse

Ab dem Ende des 15. Jahrhunderts öffneten sich nach Lüdtke (2001: 10) die Länder einander, was dazu führte, dass die einzelnen nationalen Sprachen bekannter und miteinander vergleichbar wurden. Durch den Buchdruck dehnten sich so Lüdtke (2001: 10) zudem die Kenntnisse dieser Sprachen aus. Nach der Eroberung Konstantinopels 1453 durch die Türken flohen nach Lüdtke (2001: 10) griechische Gelehrte nach Italien und machten dort ihre Sprache und Schriften bekannt. An den Universitäten wurden, so Lüdtke (2001: 10) Lehrstühle für Griechisch eingerichtet, so zum Beispiel auch in Frankreich unter Franz I. Im 16. Jahrhundert kamen laut Lüdtke (2001: 10) nicht nur weitere ältere Sprachen wie z.B. das Hebräische, oder das Syrische hinzu, sondern auch die damals in Europa verbreiteten Sprachen. Die neu erworbenen Sprachkenntnisse, so sagt Lüdtke (2001: 10), waren die Voraussetzung dafür, dass die Herkunft der romanischen Sprachen abgesichert, eine Genealogie der Sprachen aufgestellt und die Herkunft etymologisch belegt werden konnte. Zudem führten diese Sprachkenntnisse, laut Lüdtke (2001: 10) zu einer von neuen Impulsen geprägten geschichtlichen Sprachreflexion, die versuchte Zusammenhänge zwischen den Sprachen herzustellen. Dabei wurden, gemäß Lüdtke (2001: 10), diese Vergleiche entweder synchronisch unternommen, wodurch sich Übereinstimmungen und Unterschiede zwischen den Sprachen konstatieren ließen, oder es wurde eine Genealogie der Sprachen aufgestellt. Letzteres bedingte in den darauffolgenden drei Jahrhunderten, so Lüdtke (2001: 10), dass genauere Kenntnisse über die Herkunft von Sprachen und Sprachfamilien gewonnen werden konnten.

Sprache und Nationalismus

Laut Lüdtke (2001: 10) sind die Schriften eng mit der "auf die Herausbildung von Nationalstaaten gerichteten Ideologie" verbunden, "die neue Anforderungen an den Ausbau und die Funktionen von Sprachen stellte." In Italien hatte man so Lüdtke (2001: 10) den Anspruch, „das antike Erbe fortzusetzen". In anderen Ländern versuchte man dies laut Lüdtke (2001: 10) zu übertrumpfen, denn man glaubte, nur so den "Anspruch auf sprachlichen Ausbau" der eigenen Sprache gegenüber dem Latein durchsetzen zu können. Dass die sich ausbildenden Nationalsprachen ideologisch miteinander konkurrierten, sieht Lüdtke (2001: 10) jedoch nur als Nebenschauplatz, denn der Grund für das Schreiben in der eigenen Sprache liegt laut Lüdtke in der staatlichen Unterstützung begründet. Lüdtke (2001: 10-11) zitiert hierzu Antonio de Nebrijas Aussage siempre la lengua fue compañera del imperio - die Sprache hat immer die Herrschaft begleitet. Der Ausbau der Nationalsprachen ist jedoch so Lüdtke (2001: 11) nur mittels Anleihen aus dem Latein und dem Griechischen möglich. So ruft Joachim du Bellay, gemäß Lüdtke (2001: 11) zum Plündern der klassischen Sprachen auf. Lüdtke (2001: 11) geht des Weiteren auf die Germanenthese ein, in welcher die Verachtung des Deutschen (verallgemeinernd auch der anderen germanischen Sprachen) zum Ausdruck kommt. Begründen konnte man diese Verachtung laut Lüdtke (2001: 11), indem man den germanischen „Barbaren“ den Verfall des Lateins anlastete.

Viele gingen laut Lüdtke (2001: 11) noch viel weiter in der Vergangenheit zurück und suchten die Ursprünge der Volkssprachen in der Sprache Adams, also dem Hebräischen, oder in einer der Sprachen, die vor dem Turmbau zu Babel gesprochen wurden. So leiten Lüdtke (2001: 11) zufolge Piero Valeriano (1524) das Toskanische und Pier Francesco Giambullari (1495-1555) das Florentinische aus dem Etruskischen ab. Letzterer führt das Etruskische laut Lüdtke (2001: 11) wiederum auf das Hebräische und Chaldäische zurück. Als Beispiel nennt er so Lüdtke (2001: 11) das italienische ballare (tanzen), welches er vom aramäischen bacal (mischen) ableitet.

Grammatiken und Sprachtraktate

Laut Lüdtke (2001: 9) treten im 16. Jahrhundert "die romanischen Volkssprachen in den Mittelpunkt der Fragestellung". Damit kommt es so Lüdtke (2001: 10) zu geschichtlichen und etymologischen Untersuchungen. Zudem wird, so Lüdtke (2001: 10) weiter, der Humanismus vom Vulgärhumanismus abgelöst. Vorbereitet wurde diese Ablösung, so Lüdtke (2001: 10), in Italien durch die Ablösung des mittelalterlichen Lateins durch das klassische Latein, das unter den Humanisten eine Renaissance erfahren hatte. Durch den Purismus der Humanisten wurde laut Lüdtke (2001: 10) der Abstand zwischen dem Latein und den romanischen Sprachen immer größer. Aufgrund dieser Distanz hatten die romanischen Volkssprachen, laut Lüdtke (2001: 10), nun neue Aufgaben zu erfüllen, für die das Latein nicht mehr "taugte".

Italienisch

Grammatiken

Eine italienische Normgrammatik sollte anfangs nur für die Entstehung einer exemplarischen und literarisch wertvollen Schriftsprache verfasst werden, später jedoch hauptsächlich, um eine einfache und zufriedenstellende Reproduzierbarkeit zu gewährleisten (cf. Poggi Salani, 1988: 781). Nach Poggi Salani musste die deskriptive Grammatik des Italienischen eine normative Grammatik sein, denn die meisten Grammatiker gehen von Überlegungen zu einer exemplarischen Schriftsprache aus und wollen ihre Reproduzierbarkeit garantieren. Dabei wurde innerhalb der Sprache mit ihrem Wortschatz, ihren grammatikalischen Besonderheiten und ihrer Syntax nicht nur gekürzt, sondern auch Neues hinzugefügt, präzisiert und verändert (Poggi Salani, 1988: 781). Bei der Verfassung der Normgrammatik konkurrierten zwei verschiedene grundlegende Ansichten: die Anhänger der ersten forderten, dass die Norm nur aus der Schriftsprache entstehen solle, während die der zweiten der Meinung waren, dass sich die Norm aus der in Florenz gesprochenen Sprache.

Dabei sollte sich an dem dem Lateinischen sehr nahestehenden Toskanischen orientiert werden, wodurch Eigenheiten anderer Dialekte (z. B. "leggemo" in Siena und Rom) zugunsten der am Florentinischen orientierten Norm ("leggiamo") vereinheitlicht werden sollten (Poggi Salani, 1988: 782). Letztendlich entschied man sich dazu, die deskriptive Grammatik notwendigerweise mit der normativen Grammatik abzustimmen (Poggi Salani, 1988: 781: "La grammatica descrittiva dell'italiano doveva necessariamente coincidere con la grammatica normativa") und folgte somit der zweiten der oben beschriebenen Ansichten zur Normbildung.

Einleitender Text:

  • Bedeutung des Lateinischen
  • Dichte von Grammatiken in der Zeit von .. bis ..
  • Zusammenhang mit der Questione della lingua, ihre Sprache und Lexik (Dante, Boccaccio, Petrarca)
  • Bezüge zu den großen Schriftstellern der Zeit
  • Abschnitt Normgrammatik
  • Gegenseitige Beeinflussung des Buchdruckes, d.h. die von ihm hervorgebrachte Notwendigkeit einer Sprachnormierung und der Erscheinung der Grammatiken
  • ~1434-43 Grammatichetta vaticana von Leon Battista Alberti
  • 1516 Regole grammaticali della volgar lingua von Giovanni Francesco Fortunio
  • 1521 Le vulgari elegantie von Niccolò Liburnio
  • 1524/5 Discorso o dialogo intorno alla nostra lingua von Niccolò Machiavelli
  • 1525 Prose della Volgar von Pietro Bembo
  • 1526 Le tre fontane di Messer Nicolò Liburnio in tre libri divise, sopra la grammatica, et eloquenza di Dante, Petrarca, et Boccaccio
  • 1528 Il Cortegiano von Baldassar Castiglione
  • 1529 Grammatichetta und Dialogo del Trissino intitulato Il Ccastellano: nel quale si tratta della lingua italiana Gian Giorgio Trissino
  • 1533 La grammatica volgar dell'Ateneo von Marco Antonio
  • 1536 Il Vocabulario di cinquemilla Vocabuli Toschi non men oscuro che utili e necessari del Furioso, Boccaccio, Petrarca e Dante von Fabricio Luna
  • 1539 Le osservazioni sopra il Petrarca von Minerbi
  • 1543 Le richezze della linguar volgare sopra il Boccaccio von Minerbi
  • 1543 Vocabulario, grammatica, et ortographia de la lingua volgare [...] con ispositioni di molti luoghi di Dante, del Petrarca et del Boccaccio von Alberto Acarisio
  • 1548 La fabrica del mondo von Minerbi
  • 1549 Fondamenti del parlar toscano von Rinaldo Corso
  • 1550 Osservazioni della volgar lingua von Lodovico Dolce
  • ~1551 Commentarii della lingua italiana (veröffentlicht 1582) von Girolamo Ruscelli
  • 1552 Regole della lingua fiorentina von Pier Francesco Giambullari
  • 1555 Il Cesano von Claudio Tolomei


Schon Dante Alighieri, wie Lubello (2003: 208-209) ausführt, lobt zu Beginn des 14. Jahrhunderts in seiner Abhandlung Convivio das Volgare als die 'neue Sonne', die das seiner Meinung nach "künstliche" (artificiale) Latein ersetzen kann, und entwickelt in De vulgari Eloquentia ein regelrechtes vademecum der Rhetorik des Volgare mit Bezugnahme auf Stil, Metrum und sonstige Komponenten. Während im 15. Jahrhundert immer noch eine Mehrheit der Italiener im Schriftverkehr Latein verwendet, sind lediglich die Toscana im Allgemeinen und Florenz im Speziellen bemüht, das Volgare zu verwenden und zu verbreiten (cf. Lubello 2003: 209).

Das erst im 20. Jahrhundert wiederentdeckte Manuskript von Leon Battista Albertis Grammatichetta von 1434-43 enthält, so Lubello (2003: 209) weiter, bereits gesammelte Erkenntnisse über die Regelmäßigkeiten, grammatikalische Regeln, und ein orthografisches System für die Lexik des Volgare. Es ist damit die erste italienischsprachige grammatische Abhandlung (cf. Poggi Salani, 1988: 776). Der Certame Coronario, ein öffentlicher Wettstreit zur Frage nach der Natur des Lateins in Rom, den Leon Battista Alberti 1441 in Florenz organisiert, soll die hohe literarische Qualität des toskanischen Volgare zeigen, während die grammatichetta praktisch erklärend vorgeht und die korrekte Nutzung der Sprache darstellt (cf. Poggi Salani 1988: 776). In der grammatichetta bezieht sich Alberti auf die vorherrschende Diskussion über die Natur des Lateinischen, und unterstreicht dabei die außerordentliche "Latinität" der Lexik des toskanischen Volgare (cf. Poggi Salani 1988: 776). Im Volgare findet er die grammatischen Kategorien des Lateins wieder, fügt allerdings, Laut Poggi Salani, den bestimmten Artikel, das passato prossimo und den Konditional ein (cf. Poggi Salani 1988: 776). Die Grammatik zeigt also, so Poggi Salani, zugleich den lateinischen Ursprung des Volgare und seine Regelhaftigkeit auf (cf. Poggi Salani 1988: 776). Außerdem wird nun zwischen sieben Vokalen unterschieden, die unterschiedliche Aussprache des "z" angepasst und die Nutzung des Artikels geregelt (cf. Poggi Salani 1988: 776).

So entwickelt sich, laut Lubello (2003: 209), das 16. Jahrhundert mit seinen vielzähligen Grammatiken zu einem Jahrhundert der Norm ("secolo della norma"), in dem die sogenannte Sprachenfrage ("questione della lingua") vorherrscht (cf. Poggi Salani 1988: 776). Grundlegend für diese ist die Notwendigkeit einer Vereinheitlichung des Volgare, da nun neben Florenz auch Venedig mit den ersten Ausgaben von Petrarcas Canzoniere (1501) und Dantes Divina Commedia (1502) zu einem Hauptdruckzentrum wird und man nun mehr denn je auf eine einheitliche Sprache drängt (cf. Lubello 2003: 210).

Bei den nun erscheinenden Grammatiken können laut Lubello verschiedene Positionen unterschieden werden: In der ersten gedruckten italienischen Grammatik von Giovanni Francesco Fortunio (Regole grammaticali della volgar lingua, 1516) werden Regeln zum korrekten Scheiben und Sprechen aufgestellt, die sich auf zwei Bücher verteilen: Das erste Buch behandelt die Nomen und Adjektive, Pronomen und Artikel, Verben, Adverben und Konjunktionen und weist eine eher didaktisch-monotone Schreibweise auf. Das zweite Buch dagegen befasst sich nur mit der Rechtschreibung (cf. Poggi Salani 1988: 776; cf. Lubello 2003: 210). Die Systematisierung des Volgare orientiert sich an den drei großen florentinischen Poeten Dante, Petrarca und Boccaccio (cf. Lubello 2003: 210) und ist damit Vorläufer für einige weitere Grammatiken.

Neben Fortunio setzen sich auch Niccolò Liburnio (Le vulgari elegantie, 1521) – der mit seinem Werk Le tre fontane di Messer Nicolò Liburnio in tre libri divise, sopra la grammatica, et eloquenzia di Dante, Petrarcha, et Boccaccio (1526) den Vorläufer für das erste Standardwörterbuch liefert – und Pietro Bembo in seinen Prose della Volgar Lingua (1525) für ein klassisches Volgare ein, das sich ebenfalls auf den alten, prestigeträchtigen und literarischen Texten aufbauen soll, was, so Lubello, zu einer Vereinheitlichung des gesprochenen und des geschriebenen Volgare führt (2003: 210). Bembos Werk nimmt im Gegensatz zu Fortunio eine strikte Trennung zwischen Prosa und Lyrik vor (cf. Lubello 2003: 210) und ist nicht didaktischer, sondern rhetorisch-normativer Natur. Es werden ein florentinischer Wortschatz sowie dialektische und lateinische Elemente aufgegriffen, wobei der Schwerpunkt auf den literarischen Stil der Sprache gelegt wird. Bembos Prose bestehen aus drei Bänden, von denen der dritte trotz mangelnder Schematisierung am ehesten als Grammatik bezeichnet werden kann (cf. Lubello 2003: 210). Darüber hinaus beeinflussen sie andere Schriftsteller nachhaltig und verzeichnen somit großen Erfolg. Lubello (2003: 211) führt als Beispiel dafür Ludovico Ariosto an, der in seiner Überarbeitung des Orlando Furioso für die dritte Ausgabe Korrekturen nach Bembos Grammatik vornimmt (cf. Lubello 2003: 211). Während Fortunio und Bembo laut Lubello als Vertreter eines Modells des Florentinischen des 14. Jahrhunderts angesehen werden können, orientieren sich die Werke der toskanischen Linie laut Lubello (2003: 211) an der "attenzione all'uso contemporaneo, intenti più esplicitamente glottodidattici, apertura verso il parlato".

Niccolò Machiavelli wendet sich dagegen in der Mitte des 16. Jahrhunderts in seinem Discorso o dialogo intorno alla nostra lingua (1555) von der Idee eines auf dem Florentinischen des 14. Jahrhunderts basierenden Volgare ab (cf. Lubello 2010), während Claudio Tolomei (Il Cesano (1555)) das gesamte Toskanisch ablehnt (cf. Lubello 2003: 210). Baldassar Castiglione (Il Cortegiano, 1528) trat wiederum laut Lubello (2003: 210) für eine an den Höfen gebrauchte Version des Volgare ein, während sich Trissino für eine "italienische" Sprache aussprach, die, Dantes volgare illustre folgend, auf allen Dialekten Italiens beruhen sollte (Dialogo del Trissino intitulato Il castellano: nel quale si tratta de la lingua italiana, 1529). Trissinos Grammatichetta (1529) zeichnet sich, nach Poggi Salani, durch ein grundlegendes Schema einer literarischen Sprache mit direkter Bezugnahme auf einige neue orthografische Besonderheiten und einer eher trockenen Morphologie aus (1988: 777). Dabei wollte Trissino, so Poggi Salani, eine ideale italienische Sprache erschaffen, bei der er sich nicht an den bisher kanonischen Werten orientierte (1988: 777).

Allen Ansätzen war, laut Lubello, dennoch gemein, dass sie einen stilistischen und literarischen Idealtypus einer Sprache forderten, der sich weniger auf eine Alltagssprache, denn auf eine rhetorische Öffentlichkeits- oder Schriftsprache anwenden ließ (cf. Lubello 2003: 210). La grammatica volgar dell'Ateneo (1533) von Marco Antonio Ateneo Carlino basiert laut Poggi Salani auf der Schriftsprache Petrarcas, Jacopo Sannazaros (L‘ Arcadia) und Pietro Bembos (Asolani). Aufgrund dieses Bezugsrahmens passiert es, wie laut Poggi Salani (1988: 777) Corti festgestellt hat, dass bei Ateneos Grammatik ein provinzielles Ergebnis zur literarischen Form der Prosa wird, und ein florentinisches Ergebnis zur literarischen Form der Lyrik. Die Fondamenti del parlar toscano (1549) von Rinaldo Corso weisen eine phonologisch-morphologische Ausrichtung auf, in der sich Corso im Hinblick auf die Auswahl der Formen ebenfalls an Bembo und den drei großen florentinischen Dichtern orientiert und sich stilistisch auf den Stil der Prosa und Lyrik beschränkt. Seine Grammatik weist eine didaktische Struktur mit kleinschrittigen Regeln auf (cf. Poggi Salani, 1988: 777).

Die Osservazioni della volgar lingua (1550) von Lodovico Dolce behandeln im ersten Buch vor allem Aspekte der Morphologie und der Phonetik, Syntax sowie der Rhetorik. Die nachfolgenden Bücher beschäftigen sich, so Poggi Salani (1988: 777) , mit der Rechtschreibung, Zeichensetzung und der Poetik. Im Verlauf der Grammatik stimmt Dolce Lobeshymnen auf Bembo und Fortunio an, lässt jedoch in Anlehnung an Corso scharfe Bemerkungen gegen Trissino fallen und zitiert aus den Werken Petrarcas und Boccaccios, sowie einiger zeitgenössischer Autoren (Poggi Salani 1988: 777-778). Obwohl [[Corso]] auf sprachlicher Ebene Kontinuität zu den Autoren des "goldenen" Zeitalters (cf. Poggi Salani 1988: 778) erreichen will, ist seine Grammatik nicht frei von oberflächlichen Betrachtungen und Ungenauigkeiten, wie zum Beispiel die von Poggi Salani (1988: 777) genannte wenig genaue Unterscheidung vom Imperfetto, Passato Remoto und Passato prossimo, die in Corsos Worten "nur verwirrt" ("ma tutte queste differenze poi si confondono").

Die Commentarii della lingua italiana (~1551, veröffentlicht 1582) von Girolamo Ruscelli beschäftigten sich im fünften Buch mit dem Beseitigen zeitgenössischer Fehler, die durch die Übernahme einiger Romanismen, Toscanismen und Lombardismen in der allgemeinen Sprache häufiger auftauchten (cf. Poggi Salani 1988: 778). Während, wie bei Poggi Salani (1988: 778) dargestellt, im zweiten Buch größtenteils auf die grammatikalischen Vorläufer (unter anderem Bembo und Trissino) eingegangen wird, behandeln die restlichen commentari allgemeine Überlegungen zur menschlichen Sprache und rhetorische Beobachtungen.

Pier Francesco Giambullari präsentiert sich dann nach Lubello (2003: 211) in seinen Regole della lingua fiorentina (1552) als Vertreter einer neuen Ausrichtung, da er erstmalig das doppelte Erscheinungsbild einer Sprache, also neben ihrer schriftlichen Form die aktuell in Florenz gesprochene Sprache der hochgestellten Mitglieder der Gesellschaft (cf. Poggi Salani 1988: 778) fokussiert. Sein Werk richtet sich insbesondere an "forestieri" und "giovinetti" (Lubello 2003: 211) und weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die Florentiner keine Grammatik ihrer Muttersprache brauchten. Er räumt dabei der Syntax und der Rhetorik in Bezugnahme auf die Fonetik und Morfologie in seiner Grammatik außerordentlich viel Platz ein (cf. Poggi Salani 1988: 778). Die gesprochene Sprache, die hier zum Ausdruck kommt, ist, so Lubello (2003: 211), jedoch nicht die Alltagssprache, sondern die gebildete, oder in Giambullaris Worten "quella dello uso comune delle persone qualificate che la parlano". Allerdings dringt Giambullari, laut Lubello, mit seinem Vorschlag zu einer einheitlichen Sprache mit Orientierung am Gesprochenen nicht durch. "La scoperta della lingua parlata", so Lubello (2003: 211) kommt schließlich erst mit den Werken von Benedetto Varchi und Leonardo Salviati, der die Überlegungen von Varchi aufnimmt. Außerdem wird mit dem L‘Ercolano von Varchi die führende Position des Florentinischen begründet und mit dem neuen Kennzeichen der "lingua popolare" versehen (cf. Lubello 2003: 211).

Wandel der Volkssprache in Italien

Nach Lüdtke (2001: 11) war das Florentinische dabei, "sich als Schriftsprache in ganz Italien auszubreiten". Zur selben Zeit gab es laut Lüdtke (2001: 11) ein Bewusstsein "von einer nationalen Einheit, der keine politische und staatliche Einheit entsprach. Eine Symbolfigur für die Einheit von italienischer Sprache und Nation ist laut Lüdtke (2001: 11) Niccolò Machiavelli (1469-1527), der in Il principe zur nationalen Einheit aufruft und im Discorso o dialogo intorno alla nostra lingua der questione della lingua, also ganz am Anfang der questione della lingua, nicht nur der Frage nachgeht, in welcher Sprache die Florentiner im 14. Jahrhundert geschrieben haben, sondern auch nachweist, dass Dantes Sprache das Florentinische war. Bei der das ganze 16. Jahrhundert bewegenden questione della lingua geht es laut Lüdtke (2001: 11) dann aber um die Frage, in welcher Sprache zukünftig geschrieben werden sollte, im Florentinischen des 14. Jahrhunderts, im aktuellen Florentinisch, im Toskanischen oder im Italienischen. In Bezug auf diese questione della lingua vertreten die Humanisten laut Lüdtke (2001: 11) die Position, dass die Volkssprache ein durch die Barbaren entartetes Latein ist. Die Vulgärhumanisten hingegen verstehen, so Lüdtke (2001: 11), die Volkssprache - wie Pietro Bembo (1470-1547) in Prose de la volgar lingua (1525) - als eine neue Sprache, die viele Wörter okzitanischen und französischen Ursprungs aufweist und die auch als Schriftsprache geeignet ist. Gemäß Lüdtke (2001: 12) betrachtet Claudio Tolomei (1481/1491-1556) das Latein zwar als die Hauptgrundlage des Toskanischen, fügt aber hinzu, dass einiges auch aus dem Germanischen sowie dem Etruskischen, das vom Latein überlagert worden war, ins Toskanische übernommen wurde. Benedetto Varchi (1503-1565) plädiert in seinem Werk Ercolano (1570/ 1564) laut Lüdtke (2001: 12) für die aristotelisch gedachte "generazione", also die Geburt einer neuen Sprache".

Französisch

Grammatikographie vom 13.-16. Jahrhundert

Was das Französische betrifft, so gibt es laut Swiggers (1990: 843), mitunter sehr dürftige Abhandlungen zur Orthographie oder Morphologie (Substantiv und Verb) sowie einige thematische Wörterbücher, die auch Informationen zur Aussprache, liaison und élision enthalten:

  • um 1250: "Traité de la conjugaison française"
  • um 1300: "Tractatus orthographiae de T.H., Parisii studentis"
  • um 1300: "Orthographia gallica"
  • um 1300: Fragmente zur Grammatik und Konjugationstabellen
  • um 1340: "Nominale sive verbale in Gallicis cum expositione eiusdem in Anglicis"
  • um 1400: "Tractatus orthographie gallicane per M.T. Coyfurelly, canonicum, Aurelianum doctorem utriusque juris, de novo editus secundum modum et formam parisius" (Überarbeitung des "Tractatus orthographiae de T.H., Parisii studentis" (cf. Swiggers 1990: 844).

Des Weiteren gibt es, so Swiggers (1990: 844) mehrere Texte für die praktische Anwendung (Konversationsmodelle, Darstellungen der Buchstaben, Texte für Anfänger):

  • um 1250/1290: "Le tretiz ki Munseignur Gauter de Bitheswey fist a ma dame Dyonise de Montechensi pour aprise de langage"
  • Ende des 14. Jhd.: "Manières de langage"

Alle diese Abhandlungen entstehen, wie Swiggers (1990: 844) betont, in England (Französisch ist dort Verwaltungssprache) und zeugen von der Bemühung Französisch lernen zu wollen, wobei sich hier an der Pariser Norm orientiert wurde.
Laut Swiggers (1990: 844) stammt auch die älteste grammatische Abhandlung zum Französischen auf Französisch aus England, nämlich der um 1400 entstandene und unvollendet gebliebene "Donait françois", der zur Grundlage der grammatischen Beschreibung des Französischen wurde. Erarbeitet wurde der „Donait françois“ laut Swiggers von Pariser Klerikern auf Anfrage von Johan Barton. Er diente vielen folgenden Grammatiken als Vorbild z.B. 1410 „Cy comence le Donait soloum douce franceis de Paris“, 1415 „Donati liber“.

Aufgebaut ist der "Donait françois" nach Swiggers wie folgt:

   Introduction
   Classement des lettres
   Les accidents des mots
      - espèces de mots
      - figures de mots
      - le nombre
      - la personne
      - le genre
      - la qualité
      - le cas
      - les degrés de comparaison
      - le mode
      - le temps
      - le genre
   Les parties du discours
      - introduction
      - suppositio des noms
      - le nom
      - le pronom
      - le verbe

Die Buchstaben sind, so Swiggers (1990: 845) weiter, unterteilt in "cinq voielx" (fünf Vokale) und "quinse consonantez" (fünfzehn Konsonanten) und zum Teil mit Aussprachehilfen versehen. Danach folgt, so Swiggers, der morphologische Teil (Derivate, Komposita, Numerus, Genus, Fälle, Modus, Tempus, etc.). Im Anschluss daran erfolgt die Analyse der Redeteile (Nomen, Pronomen, Verben: Numerus, Modus, Tempus, Konjugation der französischen Verben; Bildung der Hilfsverben).

Nach Swiggers ist das Besondere am "Donait françois":

   1. dass er die älteste Grammatik des Französischen ist
   2. dass man sich zwar an der Grammatik des Lateinischen orientierte, aber das französische Sprachsystem nicht 
      vollständig in das Lateinische übertragen werden konnte
   3. damit ein metalinguistisches Modell für die Argumentation, die Präsentation und die Formulierung von Beschreibungen 
      des Französischen eingeführt wird (cf. Swiggers 1990: 845).

Erst im 16. Jahrhundert erscheinen die ersten Beschreibungen des Französischen in Frankreich selbst. Diese Grammatiken orientieren sich laut Bierbach und Pellat (2003: 235) an der Sprache des französischen Königshofs und stützen sich auf die lateinischen Vorgänger des Engländers Linacre, des Italieners Julius C. Scaliger und des Spaniers Sanctius. Die französische Grammatikographie des 16. Jahrhunderts ist laut Swiggers (1990: 846) durch den Wunsch einer Normalisierung charakterisiert. Dieser Wunsch schlägt sich ebenfalls in der zentralistischen Politik und somit auf der Ebene der Verwaltung und der Gerichte nieder. So sollen nach einer Anordnung von Louis XII von 1510 und der Ordonnance de Villers-Cotterêts von 1539 Register, Erhebungen, Verträge, Ausschüsse, Rechtsurteile, Testamente sowie andere gerichtliche Schriftstücke und Leistungen in französischer Sprache verkündet, aufgezeichnet und ausgestellt werden (cf. Swiggers 1990: 846). Das Französisch aber hat zu Zeiten der Renaissance nach Swiggers (1990: 846) weder eine standardisierte Orthographie, noch einen schichtspezifischen Standard. Die grammatischen Beschreibungen des 16. Jahrhunderts wollen, laut Swiggers, unter Berücksichtigung der Beziehung zwischen gesprochener und geschriebener Sprache eine systematische und vereinheitlichende Beschreibung des Französischen bieten.
Swiggers (1990: 846) datiert die Veröffentlichung der ersten gedruckten französischen Grammatiken auf das 16. Jahrhundert. Ihre Mehrheit ist nach Swiggers deskriptiver Natur, sie zeigen dem Leser Regeln und Paradigmen auf, um ihn über die verschiedenen grammatischen Kategorien zu informieren. Bierbach und Pellat (2003: 235-236) führen dazu aus, dass sich die Grammatiker des 16. Jahrhunderts zwar am lateinischen Vorbild orientieren, aber bereits anfangen, Besonderheiten des Französischen, wie beispielsweise den Artikel hervorzuheben. Die Beschreibung der Morphologie entwickelt sich weiter, während die Syntax nach der Einschätzung von Bierbach und Pellat (2003: 236) noch einen begrenzten Platz einnimmt. Diese Beurteilung teilt auch Swiggers (2001: 486), der angibt, dass die Grammatiken von Palsgrave und Caucius sowie von Meigret, R. Estienne und Ramus zwar ausgezeichnete Beschreibungen der grammatischen Strukturen des Französischen enthalten, die syntaktischen Analyse im Allgemeinen jedoch noch unausgereift war.
Die Arbeit der Autoren dieser Grammatiken ist laut Swiggers dennoch sehr wichtig, zeigt sie doch, dass das Französische wie das Latein Regeln besitzt und fähig ist die Rolle einer Kultursprache zu spielen. Nach Swiggers (1990: 846) ordnet sich die Arbeit dieser Grammatiker deshalb auch implizit in das humanistische Projekt der Verteidigung und Veranschaulichung der Volkssprachen ein. Die Mehrheit der französischen Grammatiken des 16. Jahrhunderts geht laut Swiggers (1998: 847) direkt aus dem auf der Lektüre und Analyse von Texten basierenden Unterricht des Französischen hervor und ist praktischer Natur.
Eine Zusammenstellung der bei Swiggers (1990: 847; 2001: 485-486) und Bierbach und Pellat (2003: 235) genannten Grammatiken und Sprachbeschreibungen des Französischen des 16. Jahrhunderts ergibt folgende Aufstellung:

  • Geoffroy Tory (1529): Champ Fleury, Paris
  • Anonym (1529): Tres utile et compendieux traite de l’art et science d’orthographie gallicane
  • John Palsgrave (1530): Lesclarcissment de la langue françoyse compose par maistre Jehan Palsgrave Anglos natyf de Londres et gradue de Paris
  • Jacques Dubois (1531): Jacobi Sylvii Ambiani in Linguam Gallicam Isagwge, unà cum eiusdem Grammatica Latino-Gallica, ex Hebraeis, Graecis, & Latinins authoribus
  • Gilles Du Wes (1532): An Introductorie for to lerne to rede, to pronounce, and to speke Frenche trewly
  • Anonym (1533): Briefve doctrine pour deuement escripre selon la propriete du langaige francoys, Paris
  • Étienne Dolet (1540) : Accents de la langue francoyse, Lyon
  • Joannes Pillotus (1550): Gallicae linguae institutio
  • Louis Meigret (1550): Le tretté de la grammere françoeze, fet par Louis Meigret Lionoes
  • Robert Estienne (1557): Traicté de la grãmaire françoise
  • Johannes Garnerius (1558): Institutio gallicae linguae, in usum juventutis germanicae
  • Pierre de la Ramée (1562): Grammaire de P. De la ramee, Lecteur du Roy en l'Université de Paris
  • Gérard Du Vivier (1566): Grammaire françoise, touchant la lecture, Declinaisons des Noms & Coniugaisons des Verbes
  • Antonius Caucius (1570): Grammatica gallica
  • Claude Fauchet (1581): Recueil de l'origine de la langue et poésie françoise
  • Jean Bosquet (1586): Elemens ou institutions de la langue françoise
  • Johannes Serreius (1598): Grammatica gallica

Die Grammatik von Jacques Dubois ist nach Bierbach und Pellat (2003: 235) die erste Grammatik des Französischen aus Frankreich. Sie ist in lateinischer Sprache verfasst und bemüht sich, die Ursprünge des Französischen aus dem Lateinischen aufzuzeigen. Dabei findet eine Orientierung an den "parties du discours" bei [[Donatus]] statt, allerdings werden mit Artikeln, Präpositionen und Verbformen bereits Besonderheiten der französischen Sprache im Unterschied zum Lateinischen aufgezeigt (cf. Bierbach / Pellat 2003: 235). Der tretté de la Grammere françoeze von Louis Meigret ist auf Französisch geschrieben und entfernt sich, wie Bierbach und Pellat (2003: 235) ausführen, etwas mehr vom Modell des Lateinischen. Dem Artikel wird mehr Aufmerksamkeit gewidmet, außerdem wird auch auf syntatiktische Besonderheiten wie die Wortstellung eingegangen (cf. Bierbach / Pellat 2003: 235).
Die Schriften von Meigret haben nach Bierbach und Pellat (2003: 235) einen starken Einfluss auf die Sprachanalyse von Petrus Ramus (Pierre de la Ramée). Bei Ramus werden laut Bierbach und Pellat (2003: 235) die Analyse der Sprache mit der Analyse des Denkens verbunden. Ebenso wie bei Meigret nimmt die Analyse der französischen Syntax einen wichtigen Platz ein (cf. Bierbach / Pellat 2003: 235).
In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts entstand nach Swiggers (2001: 486) auch die erste didaktische Grammatikographie des Französischen für die spanische Leserschaft. Dies lässt sich vor allem auf die Heirat zwischen Philippe II aus Spanien und Isabelle de Valois, die eine Faszination des Hofes für Madrid mit sich brachte, zurückführen. Swiggers (2001: 487) verweist in diesem Sinne auf die Grammatik von Baltasar de Sotomayor 1565, die einer kontrastiven Grammatik zwischen dem Französischen und Spanischen entspricht.

Sprachtraktate

Nach Bierbach und Pellat (2003: 226) handelt es sich bei Sprachtraktaten im Allgemeinen um eine Auseinandersetzung mit dem Prestige der eigenen Sprache. Insbesondere stellt sich in solchen Sprachtraktaten die Frage, welches Prestige sie einerseits gegenüber den klassischen Sprachen, die seit jeher mit Prestige ausgestattet sind, und andererseits im Vergleich mit den Sprachen anderer - geographisch oder kulturell naheliegender und deshalb potentiell konkurrierender - Sprachgemeinschaften aufweisen. Im 15. und 16. Jahrhundert steht laut Bierbach und Pellat vor allem das Italienischen im Fokus.

Jean Lemaire de Belges (1473 - 1524) hat laut Bierbach und Pellat (2003: 226) mit „La concorde des deux langaiges“ 1510 das erste programmatische Dokument veröffentlicht. In diesem Text versucht er den Wert der beiden in der Renaissance blühenden Sprachen, d.h. des Französischen und des Italienischen, gegeneinander abzugrenzen. Dabei plädiert er für die friedliche Koexistenz der französischen Sprache und der toskanischen und florentinischen Sprache, die beide aus dem Latein, der Mutter aller Eloquenz (Wortgewandheit, Redekunst), kommen und deshalb zusammen in einem liebevollen Gleichklang leben und überleben müssen. Mit diesen Worten will Jean Lemaire de Belges, so Bierbach und Pellat, in einer Zeit fortwährender kriegerischer Auseinandersetzungen zwischen Frankreich und Italien zur Bewahrung des Friedens aufrufen, nachdem schon die sprachliche und kulturelle Gleichwertigkeit der beiden Länder festgestellt wurde. Dennoch bleibt die konfliktgeladene Konkurrenz zwischen Frankeich und Italien im 16. Jahrhundert virulent.

Henri Estienne (1531 - 1598) verfasste, nach Bierbach und Pellat (2003: 226), 1579 sein Buch „De la Precellence du langage Francois“ auf Veranlassung des Königs Henri III. Estienne tritt in diesem Werk, so Bierbach und Pellat, für die Überlegenheit des Französischen gegenüber dem Italienischen ein, indem er deren ästhetische und rhetorische Qualitäten miteinander vergleicht, z. B. in Bezug auf die Ernsthaftigkeit, den Wohlklang, die Anmut, die Kürze und den Reichtum der Sprache. 1549 erscheint das Werk „Deffence et illustration de la langue francoyse“ von Joachim Du Bellay. Du Bellay plädiert, so Bierbach und Pellat (2003: 226-227) für die Entwicklung der französischen Literatursprache, für die Entwicklung ihrer Eigenheit, also dieser unübersetzbaren und unveräußerlichen Charakteristik einer jeden nationalen Dichtung, von der schon die Dichtung Petrarcas Zeugnis ablegt. Es ist festzuhalten, dass Du Bellay, Bierbach und Pellat zufolge, in seinem Werk nicht die französische Sprache im Allgemeinen oder ihre Rolle innerhalb der Gesellschaft, sondern nur die Literatursprache behandelt.

Nach Bierbach und Pellat (2003: 227) zeigt sich in anderen Sprachtraktaten das Argumentationsschema des Vulgärhumanismus, das exemplarisch in Pietro Bembos Dialog "Prose della Volgar Lingua" vorzu finden ist. Dabei geht es darum, dass besonders im Bereich der (Literatur-)Sprache hoch entwickelten und zivilisierten Kulturen geboren werden und dann wieder verschwinden und ihr Erbe der ihnen nachfolgenden Kultur übergeben, die daraus geboren wird. Die Römer sind zwar die Erbverwalter der Griechen, sie sind aber auch über sie hinausgewachsen. Das 16. Jahrhundert ist nun die Epoche der (italienischen) Volkssprache, sie ist dazu aufgerufen, die Perfektion des Modells und des Vorgängers, also des Lateinischen zu erreichen.

Die Humanisten, die dieser Idee folgten, mussten sich, laut Bierbach und Pellat (2003: 227), an die politischen Kräfte wenden, wenn sie ihre Sorgen um eine Sprach- und Kulturpolitik umsetzen wollten. Um das zu erreichen, zeigten sie, dass bereits in der Antike, sowohl bei den Griechen als auch bei den Römern, die Machtausdehnung mit der Ausdehnung der entsprechenden Sprache übereinstimmte. Im Sinne dieser Argumentation nehmen die Humanisten, so Bierbach und Pellat weiter, die Feststellung des Heiligen Augustinus wieder auf, dass die dominierende Macht gezwungen ist, den von ihr unterworfenen Völkern ihre Sprache aufzuerlegen, und zwar um den Frieden zu garantieren. In Frankreich stimmte Claude de Seyssel (1450-1520) dieser Argumentation wohl als erster zu. Dieser Humanist und Diplomat wandte sich nämlich 1509 explizit an König Ludwig XII, indem er einer Übersetzung eines antiken historiographischen Textes eine dem König gewidmete Epistel hinzufügte, die den Monarch auffordert die französische Sprache auszubauen und zu verherrlichen. Nach Claude de Seyssel gab es, so Bierbach und Pellat (2003: 227), kein geeigneteres Mittel die Eroberungen Frankreichs in Italien zu sichern, als die Einsetzung der Sprache des Eroberers, so wie es die Griechen und Römer vorgemacht haben, deren Sprache in dem Maße an Glanz gewonnen hat, in dem sich ihre Herrschaft verbreitet hat und indem sie ihre Sprachen den Völkern der eroberten Regionen aufgezwungen haben, so wie es auch die Normannen mit den Engländern gemacht haben.

1555 erscheint, so Bierbach und Pellat (2003: 227), „Oraison Au Roy: De la grandeur de son regne, & de l'excellance de la langue francoyse“ von Jacques Tahureau. Dieses Werk basiert auf der gleichen Verkettung von Ideen, nach der die politische Macht des Königs durch die Sprache und Kultur erreicht wird. Abschließend lässt sich also feststellen, dass bei den Humanisten stets ein Parallelismus vorherrschte, d. h. dass politische Macht stets mit Sprache einhergeht.

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Archiv
  1. Kloock und Spahr (1997: 47) sehen diese Theorie als eine Mischung von Ökonomie und Epistemologie an, da aus den materiellen Eigenschaften der Medien sowohl Handlungsweisen und Machtgefüge sowie auch Möglichkeiten und Grenzen der Erkenntnis abgeleitet werden können.
  2. McLuhan wurde laut Kloock und Spahr (1997: 46-47) von diesen Thesen inspiriert. Sie gaben ihm wichtige Anstöße zum Schreiben einer Medientheorie als Kulturtheorie.
  3. [1] Hier wird ein kurzer Überblick über frühe Schriftträger gegeben.
  4. [2] Hier wird ein kurzer Überblick über Vorläufer des Papiers und deren Eigenschaften gegeben.
  5. Da McLuhans Reflexionen im Kern wahrnehmungstheoretisch sind, sind sie laut Kloock und Spahr (1997: 56) auch noch heute aktuell.
  6. Nach Kloock und Spahr (1997: 241) verweist Havelock darauf, dass die Griechen "die Muse, die der Kunst ihren Namen gab, ganz richtig 'Tochter der Erinnerung'" nannten.
  7. Diese Tonaufzeichnungen sind, so Kloock und Spahr (1997: 241) Bestandteil der Parry-Sammlung.