Buchdruck und Normierung: Unterschied zwischen den Versionen
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Jack Goody weist, so Kloock und Spahr (1997: 244) daraufhin, dass die aufs mündliche bezogenen Kommunikationsformen geprägt werden durch eine stärkere Direktheit und Konkretizität. Goody sieht dies, laut Kloock und Spahr, in einem positiveren Kontext, denn seiner Meinung nach wird hierbei Wissen gründlicher sozialisiert. Benannt wird so Goody, lediglich was von sozialer Bedeutung ist, der Rest wird vergessen (cf. Kloock / Spahr 1997: 244). Goody beschreibt, so Kloock und Spahr (1997: 245), die Speicherung von Wissen illiterater Kulturen damit, dass die Gegenwart ihre Ökonomie der Erinnerung einschreibt, das heißt, Mythos und Logos verschmelzen. | Jack Goody weist, so Kloock und Spahr (1997: 244) daraufhin, dass die aufs mündliche bezogenen Kommunikationsformen geprägt werden durch eine stärkere Direktheit und Konkretizität. Goody sieht dies, laut Kloock und Spahr, in einem positiveren Kontext, denn seiner Meinung nach wird hierbei Wissen gründlicher sozialisiert. Benannt wird so Goody, lediglich was von sozialer Bedeutung ist, der Rest wird vergessen (cf. Kloock / Spahr 1997: 244). Goody beschreibt, so Kloock und Spahr (1997: 245), die Speicherung von Wissen illiterater Kulturen damit, dass die Gegenwart ihre Ökonomie der Erinnerung einschreibt, das heißt, Mythos und Logos verschmelzen. | ||
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2. ein weniger syntaktischer Satzstil | 2. ein weniger syntaktischer Satzstil | ||
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Die traditionalistische oder konservative Denkweise schriftloser Kulturen zeichnet sich für Ong, so Kloock und Spahr (1997: 246), durch eine Notwendigkeit des Wiederholt-werden-müssens aus. Aufgrund dessen ist der Aufwand Wissen zu erwerben und zu bewahren sehr hoch. | Die traditionalistische oder konservative Denkweise schriftloser Kulturen zeichnet sich für Ong, so Kloock und Spahr (1997: 246), durch eine Notwendigkeit des Wiederholt-werden-müssens aus. Aufgrund dessen ist der Aufwand Wissen zu erwerben und zu bewahren sehr hoch. | ||
Für Ong zeigen, laut Kloock und Spahr (1997: 247), die Forschungen von Alexander Romanowitsch Lurija, dass sich illiterate Kulturen nicht mit Dingen wie geometrischen Figuren, abstrakte Kategorien, formallogischen Denkprozessen, Definitionen oder zergliedernden Selbstanalysen auseinandersetzen. | Für Ong zeigen, laut Kloock und Spahr (1997: 247), die Forschungen von Alexander Romanowitsch Lurija, dass sich illiterate Kulturen nicht mit Dingen wie geometrischen Figuren, abstrakte Kategorien, formallogischen Denkprozessen, Definitionen oder zergliedernden Selbstanalysen auseinandersetzen. | ||
| − | Über den Unterschied zwischen nicht schriftlicher und schriftlicher Informationsüberlieferung philosophierte, so KLoock und Spahr (1997: 248) schon Plato. Für ihn garantierte ausschließlich die mündliche Rede eine zuverlässige Übermittlung und Aneignung von Wissen. Die Schrift bedeutete für Plato, nach Kloock und | + | Über den Unterschied zwischen nicht schriftlicher und schriftlicher Informationsüberlieferung philosophierte, so KLoock und Spahr (1997: 248) schon Plato. Für ihn garantierte ausschließlich die mündliche Rede eine zuverlässige Übermittlung und Aneignung von Wissen. Die Schrift bedeutete für Plato, nach Kloock und Spahr (1997: 249), die Trennung des Wissenden vom Wissen, sie war für ihn oberflächlich, undialektisch, unanalytisch und erzeugte Missverständnisse. |
==== Bedeutung der Alphabetschrift ==== | ==== Bedeutung der Alphabetschrift ==== | ||
Version vom 5. August 2016, 14:19 Uhr
Das Literaturverzeichnis fehlt Bei Giesecke stimmen die Jahreszahlen nicht. Bei dem herangezogenen Buch handelte es sich um die 4. Ausgabe. Die Angaben sollten lauten (1991 / 4 2006)
Inhaltsverzeichnis
- 1 Der Buchdruck als Medienrevolution im 15. und 16. Jahrhundert
- 1.1 Medientheorien
- 1.1.1 Literalität anstelle von oralen Mnemotechniken
- 1.1.2 Schrift als Notationssystem
- 1.1.3 Milman Parry und die Oral-Poetry-Forschung
- 1.1.4 Orale Noetik
- 1.1.5 Bedeutung der Alphabetschrift
- 1.1.6 Phonetisches Schriftsystem als Grundlage für Literalität und modernes Denken
- 1.1.7 Typographisches Schriftsystem
- 1.1.8 Harold A. Innis
- 1.1.9 Marshall McLuhan und seine Medientheorie
- 1.1 Medientheorien
- 2 Der Buchdruck
- 2.1 Bedeutung der Sinne und der Stellung des Autors
- 2.2 Die unmittelbaren Folgen der Erfindung des Buchdrucks
- 2.2.1 Die unmittelbaren Folgen der Erfindung des Buchdrucks nach Giesecke
- 2.2.2 Die unmittelbaren Folgen der Erfindung des Buchdrucks nach Eisenstein
- 2.2.2.1 Die Anfangsphase einer Umstellung mit weitreichenden Folgen
- 2.2.2.2 Einige Grundzüge der Druckkultur
- 2.2.2.3 Die Gelehrtenrepublik weitet sich aus
- 2.2.2.4 Die Spaltung der westlichen Christenheit: Ein neuer Blick auf die Voraussetzungen der Reformation
- 2.2.2.5 Die Wandlungen des Buches der Natur: Der Buchdruck und der Aufschwung der modernen Wissenschaft
- 2.3 Die Progressivität des Buchdruckes als Initiator für gesellschaftlichen Wandel
- 2.4 Die typographische Vernetzung der gesellschaftlichen Kommunikation zum gemeinen Nutzen der deutschen Nation (1520-1555)
- 2.4.1 Das Handelsnetz als Medium der typographischen Kommunikation
- 2.4.2 Im Truck in die Gemein geben: Die Tektonik typographischer Kommunikation
- 2.4.3 Grundzüge des typographischen Kommunikationskreislauf
- 2.4.4 Normen und Programme zur Steuerung der typographischen Kommunikation
- 2.4.5 Zensur und Datenschutz: Der Eingriff des politischen Systems in den Informationskreislauf
- 3 Die digitale Revolution
- 4 Die Anfänge der schriftlichen Fixierung der Grammatiken (braucht eine allgemeinere Überschrift, denn hier geht es ja auch um Sprachtraktate
Der Buchdruck als Medienrevolution im 15. und 16. Jahrhundert
Medientheorien
Literalität anstelle von oralen Mnemotechniken
Für Kloock und Spahr (1997: 237) ist die Schrift eines der grundlegenden Medien in unserer Kulturgesellschaft, welches es uns ermöglicht Informationen zu erzeugen, zu speichern und zu verbreiten. Zudem ist sie "[...] einer der 'Grundpfeiler' menschlicher (westlicher) Zivilisation." In dem Kapitel "Oralität und Literalität" wollen Kloock und Spahr die Forschungsergebnisse zu diesem Medium vorstellen, sie geben bereits zu Beginn zu Bedenken, "[...] daß Reflektionen über die Medienabhängigkeit unseres Denkens, unserer Wahrnehmung, unserer Kultur so neu nicht sind." (Kloock / Spahr 1997: 237)
Schrift als Notationssystem
Vor etwa 7000 Jahren begann, wie Kloock und Spahr (1997: 237) unter Bezug auf Haarmann ausführen, die Schriftkultur der Menschheit entstanden. Die meisten Sprachen besitzen, laut Kloock und Spahr, aufgrund fehlender Verschriftlichungen keine Literatur, weshalb es auch keine Zeugschaft ihrer Existenz gibt. Lediglich 13% aller lebenden Sprachen sind, so Kloock und Spahr verschriftet. Die ältesten dokumentierten Schriftfunde stammen, so Kloock und Spahr aus Ägypten und Mesopotamien. Dabei handelt es sich um Zeichen, Erinnerungsspuren und Wiedererkennungsmerkmale. Die Schriftforschung unterscheidet, so Kloock und Spahr (1997: 237-238), zwischen piktographischen, idogrammatischen Schriften und Silbenschriften und deren Mischformen. Kloock und Spahr (1997: 238) geben zu Bedenken, dass nicht jedes semiotische Zeichen laut sprachwissenschaftlicher Definition auch als Schrift gilt, Schrift erfordert nämlich ein System visueller Zeichen, welches genau kodiert sein muss. Von Schrift kann erst gesprochen werden, "wenn Schriftzeichen beginnen, Phoneme zu repräsentieren, also die menschliche Rede selbst, ihr Klang, notiert wird." (Kloock / Spahr 1997: 238) Nach Kloock und Spahr (1997: 239) geben Buchstabenzeichen, die für Einzellaute stehen, Sprache am genausten wieder. Die Buchstabenschrift der Phönizier gilt als erste Buchstabenschrift und bildet, so Kloock und Spahr (1997: 239) die Basis für viele andere semitische Schriften. Die semitischen Schriftsysteme kennen laut Kloock und Spahr jedoch keine Buchstaben für Vokale, erst die Griechen konnten diese in ihr Alphabet einbetten. Mit ihrem Alphabet konnten die Phoneme nun so sortiert werden, dass sie mit Hilfe eines Zeichensystems, welches 20 bis 30 Zeichen umfasst, eindeutig darstellbar und lesbar waren. Im Gegensatz dazu benötigen die nicht phonetischen Schriftsysteme einen riesigen Vorrat an Zeichen (cf. Kloock / Spahr 1997: 239).
Milman Parry und die Oral-Poetry-Forschung
Laut Kloock und Spahr (1997: 240) stellt die Schrift den zentralen kulturellen "Gedächtnisspeicher" dar, d. h. Schrift als solches ist eine Mnemotechnik, die einen Akt des Wiedererkennens und Erinnerns garantiert. Wie laut Kloock und Spahr aus den Erkenntnissen der Oral-Poetry-Forschung hervorgeht, spielten in oralen Kulturen Rhytmus und Melodie für das Gedächtnis eine besondere Rolle, denn Sprache ist für das Gedächtnis einfacher zu replizieren, wenn sie durch Rhythmus und Melodie geleitet wird. Kloock und Spahr beziehen sich dabei auf Milman Parry. Dieser hat in den 1930er Jahren nachgewiesen, dass Ilias und Odyssee Ergebnisse einer oralen Improvisationskunst und Mnemotechnik sind. Sie basieren auf mündlichen Kompositionsregeln und sind in Form von metrisch zugeschnittene Formeln, Hexametern strukturiert. Als Beleg für die starke Betonung auf Rhythmik und Melodie nennt Parry nach Kloock und Spahr die Tatsache, dass Vorträge mit Musik und Tanz kombiniert wurden.[1] In der Folge kann Reimen als eine Mnemotechnik verstanden werden. Als Beispiel führen Kloock und Spahr das Adjektiv polymetis (klug) an, das als Attribut fortwährend bei Odysseus erscheint und ihn erst ins Metrum des Verses bettet. Mit dieser Mnemotechnik erfolgte, wie Kloock und Spahr ausführen, nach Parrys These kein wortwörtliches Memorieren, sondern nur das Erstellen eines Fundus an feststehenden Phrasen, welcher den groben Inhalt des Werkes vorgab. Dies ermöglichte dem jeweiligen Vortragenden metrisch korrekte Verse in endloser Zahl herzustellen und jeweils neu zusammenzustellen. Jeder Vortragende wurde somit auch zum Dichter. Kloock und Spahr verweisen an dieser Stelle auf Lord (1960 / 1965), welcher anhand von Tonaufzeichnungen slawischer Erzähldichtungen Parallelen zu antiken, griechischen Dichtungen zog. Abhängig vom Publikum, der Stimmung des Poeten und anderen sozialen und psychologischen Faktoren wurden Dichtungen in Form von Liedern nie zweimal auf die selbe Weise vorgetragen.
Orale Noetik
Die Orale Noetik setzt sich laut Kloock und Spahr (1997: 242) mit der Beschreibung der mentalen Strukturen des oralen Denkens auseinander, sie sagt etwas über die mündliche Geistesverfassung aus. Mit der oralen Noetik beschäftigte sich laut Kloock und Spahr (1997: 242-243) zuerst Eric Havelock, der aufbauend auf Parrys Forschungen davon ausging, dass Wissen in der präliteralen Kultur narrativ übermittelt wurde und der Mensch in einer schriftlosen Gesellschaft über komplexere Ursache-Wirkungsprinzipien nicht nachdenken und sie sich nicht merken muss. Deshalb galt in oralen Kulturen auch oft das Prinzip des "Deus ex machina". Dies ist für Havelock, so Kloock und Spahr, ebenfalls die Ursache für den Animismus sogenannter primitiver schwarzer Völker. Oralen Kulturen fehlt laut Havelock die Fähigkeit zu einem kausalen Denken, zur Abstraktion sowie Objektivität und eine kritische Distanz. Präliterate Kulturen werden dagegen dominiert von Bildhaftigkeit und Emotionalität, des Weiteren werden sie, so Havelock, niemals große technische Erfindungen hervorbringen (cf. Kloock / Spahr 1997: 243). In diesem Zusammenhang stellt Havelock, nach Kloock und Spahr (1997: 244) auch die Tatsache, dass Bewohner solcher Kulturen sich nicht als autonomes Ich erfahren, sie also nicht in der Lage sind, sich zu erinnern, zu denken oder eigene Standpunkte zu vertreten. Havelock sieht, nach Kloock und Spahr, den Dichter in einer schriftlosen Gesellschaft in der Rolle des geistigen Führers, der Wissen speicherte, verwaltete, organisierte und publizierte.
Jack Goody weist, so Kloock und Spahr (1997: 244) daraufhin, dass die aufs mündliche bezogenen Kommunikationsformen geprägt werden durch eine stärkere Direktheit und Konkretizität. Goody sieht dies, laut Kloock und Spahr, in einem positiveren Kontext, denn seiner Meinung nach wird hierbei Wissen gründlicher sozialisiert. Benannt wird so Goody, lediglich was von sozialer Bedeutung ist, der Rest wird vergessen (cf. Kloock / Spahr 1997: 244). Goody beschreibt, so Kloock und Spahr (1997: 245), die Speicherung von Wissen illiterater Kulturen damit, dass die Gegenwart ihre Ökonomie der Erinnerung einschreibt, das heißt, Mythos und Logos verschmelzen.
Walter J. Ong sieht, laut Kloock und Spahr (1997: 245) einen Zusammenhang zwischen der Mentalität oraler Kulturen und deren Artikulationsweise. Die Faktoren, an denen sich Ong dabei orientiert, sind nach Kloock und Spahr: 1. ein additiver Satzstil 2. ein weniger syntaktischer Satzstil 3. die Kennzeichnung des Satzstils durch Klischees 4. die Redundanz (cf. Kloock / Spahr 1997: 245) Die traditionalistische oder konservative Denkweise schriftloser Kulturen zeichnet sich für Ong, so Kloock und Spahr (1997: 246), durch eine Notwendigkeit des Wiederholt-werden-müssens aus. Aufgrund dessen ist der Aufwand Wissen zu erwerben und zu bewahren sehr hoch.
Für Ong zeigen, laut Kloock und Spahr (1997: 247), die Forschungen von Alexander Romanowitsch Lurija, dass sich illiterate Kulturen nicht mit Dingen wie geometrischen Figuren, abstrakte Kategorien, formallogischen Denkprozessen, Definitionen oder zergliedernden Selbstanalysen auseinandersetzen.
Über den Unterschied zwischen nicht schriftlicher und schriftlicher Informationsüberlieferung philosophierte, so KLoock und Spahr (1997: 248) schon Plato. Für ihn garantierte ausschließlich die mündliche Rede eine zuverlässige Übermittlung und Aneignung von Wissen. Die Schrift bedeutete für Plato, nach Kloock und Spahr (1997: 249), die Trennung des Wissenden vom Wissen, sie war für ihn oberflächlich, undialektisch, unanalytisch und erzeugte Missverständnisse.
Bedeutung der Alphabetschrift
Kloock und Spahr (1997) greifen ebenfalls die Schrift von Giesecke (1991) auf und verdeutlichen seinen Standpunkt, dass die Verbreitung eines Mediums vor allem auch von der Bedeutung abhängig ist, die diesem zugesprochen wird (Kloock / Spahr 1997: 257-258). Durch den gemeinschaftlichen Kode konnten nun soziale Gemeinschaften und deren Begrenzungen geschaffen werden, sodass es nicht nur zur "Demokratisierung von Wissen [sondern auch zur] Utopie einer nationalen Kommunikationsgemeinschaft" (Kloock / Spahr 1997: 260) kommt. Kloock und Spahr (1997: 262-263) nehmen die Idee von Giesecke (1991) wieder auf, dass unter anderem durch die Entstehung von nationalen Kommunikationsgemeinschaften ein Nationalbewusstsein erwacht, das mit nationalen Gedanken gefüllt werden musste mit Hilfe des Buchdrucks.
Phonetisches Schriftsystem als Grundlage für Literalität und modernes Denken
Indem er die Überlegenheit der gesamten westlichen Kultur als Ergebnis eines Mediums begreift, vertritt Havelock nach Kloock und Spahr (1997: 250) die weitreichendste medientheoretische These. Die Griechen schufen seiner Meinung nach nicht nur ein besonderes Schriftsystem sondern auch die Grundlage für Literalität und die literale Grundlage des modernen Denkens (cf. Kloock / Spahr 1997:50). Nach Havelock besteht, wie Kloock und Spahr (1997: 250) ausführen, die Einzigartigkeit dieses Schriftsystems in der vollständigen und flüssigen Wiedergabe von gesprochener Rede. Diese Wiedergabe war zum ersten Mal kontextunabhängig, da sich das Alphabet ausschließlich auf den Klang bezieht. Dieser wird in kleinste Einheiten gespalten und direkt auf räumliche Äquivalente reduziert. Wenige, aber präzise Schriftzeichen bedingen eine gute Lesefertigkeit, die eine enorme Demokratisierung ermöglichen kann. Literalität verliert so ihren Elitestatus, Schreiber und Beamte werden abgelöst und das Schreiben an sich wird nicht mehr als geheime und magische Fähigkeit begriffen (cf. Kloock / Spahr 1997: 250). Die akkustische Effizienz des Alphabetes ermöglicht nach Havelock, so Kloock und Spahr (1997: 250-251), die Automatisierung des Lese- und Schreibprozesses, da die einzelnen Zeichen bedeutungslos und eindeutig festgelegt sind, weshalb sie schnell erkannt und flüssig gelesen werden können. Darüber hinaus konnten nun auch andere Sprachen im selben Schriftsystem ausgedrückt werden, Übersetzungsprozesse beschleunigt und der Textaustausch zwischen verschiedenen Kulturen gesteigert werden. Auch orale Mnemotechniken wurden zunehmend durch die flüssige Trankskription oraler Berichte abgelöst. Aussagen mussten nicht mehr gemerkt werden, da sie ja als Artefakt vorlagen. Somit wurden geistige Energien frei, was laut Havelock zu einer starken Expansion des Wissens führte (cf. Kloock / Spahr 1997: 251). Dem Menschen wurde nicht nur die Last des Erinnerns genommen, sondern neue, unerwartete und unvertraute Aussagen und Ideen wuden produziert, die dann auch wieder gelesen werden konnten (cf. Kloock / Spahr 1997: 251-252). Orale Gesellschaften passen sich nach Kloock und Spahr (1997: 252) stets aktuellen Gegebenheiten an und löschen nicht mehr benötigtes oder widersprüchliches Wissen. Dieser Vorgang wird laut Kloock und Spahr (1997: 252) von Goody und Watt als "strukturelle Anamnesie" bezeichnet. In einer Schriftkultur hingegen wächst, so Kloock und Spahr, das Repertoire an Büchern und Quellen stetig, wodurch die Selektion aus der Masse zunehmend problematisch wird. Kloock und Spahr (1997: 252) nennen zwei Bereiche intelektueller Techniken, die die Griechen nach Goody entwickelten: die Epistemologie, welche Wahrheit von Meinung zu trennen versucht, und die Taxonomie, welche Gebiete des Wissens und der Erkenntnis unterscheidet. Nach Kloock und Spahr (1997: 252-253) gewinnt der abendländische Mensch bei Havelock vor allem Verfügungsgewalt über sein Gedächtnis. Sowohl eine kritische Distanzierung zwischen Wahrnehmen und Denken als auch eine Art Selbstbewusstsein werden ermöglicht. Die Schrift bringt also die Selbstreflektion mit sich, der Mensch nimmt sich als autonomes Selbst und nicht mehr als ein der Natur und dem Schicksal ausgeliefertes Wesen wahr. Das Gedächtnis des Menschen wird erstmals frei für individuelle Reflexion und Erinnerung, womit auch die These einhergeht, dass Schrift und Seele eine Allianz darstellen (cf. Kloock / Spahr 1997: 252-253). Die Medientheorie schreibt nach Kloock und Spahr (1997: 253) der Alphabetschrift eine grundlegende Transformation sowohl der Wahrnehmung und des Denkens als auch der Struktur kultureller Überlieferungen zu. Sprache wurde durch diese Alphabetschrift objektiviert und standardisiert. Darüber hinaus ermöglicht sie die Herausbildung komplexerer gesellschaftlicher Organisationsformen und strukturiert Politik, Ökonomie und Religion. Schrift wird als Mittel der "Wirklichkeitsbewältigung und der herrschaftlichen Repräsentation" gesehen. Gesetze und Anordnungen werden festgehalten, Verhaltensregeln und Kommunikationsanweisungen fixiert. Die Schrift wird zum beherrschenden, ordnenden und kontrollierenden Medium (cf. Kloock / Spahr 1997: 253). Kloock und Spahr (1997: 254) gehen zum Schluss noch auf die Kritik von Lévi- Strauss ein. Lévi-Strauss sieht, so Kloock und Spahr, die Schrift nicht als das kulturbringende Moment anv, sondern die Entdeckung der Landwirtschaft und Viehzucht. Ihm zufolge veränderte sich das Wissen eher durch die Schrift als dass es wuchs. Lediglich die Gründung von Städten und Reichen sieht er als Folge der Entwicklung der Schrift, ebenso wie die Integration vieler Menschen und deren Einteilung in Klassen. Hierfür nennt Lévi- Strauss laut Kloock und Spahr besonders China und Ägypten, da dort seiner Meinung nach tausende Menschen zugunsten des Baus von Denkmälern ausgebeutet wurden, was nur in Schriftkulturen möglich ist(cf. Kloock / Spahr 1997: 254).
Typographisches Schriftsystem
Die Einführung der gedruckten Schrift führt nicht nur zu einer Vereinheitlichung des Schriftsystems, sondern laut Kloock und Spahr (1997: 255), die sich hierbei auf McLuhan beziehen, auch zu einer "Uniformiereung der Wahrnehmungs- und Darstellungsstile" der westlichen Zivilisation auf Kosten verschiedenster "Bedeutungs- und Wahrnehmungsmöglichkeiten". Eine Begleiterscheinung des Buchdrucks, so McLuhan Kloock und Spahr (1997: 255) zufolge, ist der Durchbruch der euklidischen Perspektive, die einerseits zum Charakteristikum der Moderne wird und andererseits eine fixierte Sichtweise der Menschen auf die Welt erzeugt. Damit einher geht für McLuhan, Kloock und Spahr zufolge (1997: 255), die Verstumpfung und Unterentwicklung des synästhetischen Empfindungsvermögens hin zu einer sich visuell quantifizierenden und homogenisierten Gesellschaft; oder wie es Kloock und Spahr (1997: 255) ausdrücken: "Mit der Typographie als Leitmedium einer Kultur werden Welten von Bedeutungs- und Wahrnehmungsmöglichkeiten geopfert". Der Buchdruck nämlich ist für McLuhan nach Kloock und Spahr (1997: 255) Auslöser für die hegemoniale Stellung des "quantifizierenden Augensinns" gegenüber den anderen Sinnen, die in oralen Kulturen sehr viel ausgeprägter zu sein scheinen. Eben diese durch die Typographie hervorgerufene Homogenisierung schafft, so Klock und Spahr (1987: 256) nach McLuhan die Grundpfeiler für ein "umfassendes Markt- und Preissystem", welches wiederum den Prozess der Vereinheitlichung durch seine Verbreitungsmöglichkeiten begünstigt. Die Bedeutung der Buchdruckerpresse für die Zivilisationsgeschichte der westlichen Kultur untersucht laut Kloock und Spahr (1997: 256) Elisabeth Eisenstein in ihrem 1979 veröffentlichten Buch The Printing Press as an Agent of Change. Michael Giesecke greift, so Kloock und Spahr zentrale Ansatzpunkte von Eisenstein in seinem 1991 erschienenen Buch Der Buchdruck in der frühen Neuzeit auf. Giesecke will, so Kloock und Spahr (1997: 257) die Typographie als Leitmedium in ein "komplexes System bzw. Kommunikationsmodell" eingebettet wissen, denn nur so sei es möglich zu verstehen, weshalb der Buchdruck in Europa von so großem Erfolg geprägt war und welche gesellschaftlichen Veränderungen er mit sich brachte. Für Giesecke steht nämlich, so Kloock und Spahr (1997: 257-258) weiter, der Erfolg einer Technologie in interdependeter Beziehung zu der ihr von der Gesellschaft bei der Umsetzung gesellschaftlicher Ansprüche beigemessenen Bedeutung. Nach Giesecke gelingt es dem Buchdruck, so Kloock und Spahr (1997: 258), zwei wesentliche Bestrebungen der damaligen Gesellschaft zu befriedigen: zum einen die Demokratisierung des Wissens und zum anderen die Vision einer nationalen Kommunikationsgemeinschaft. Die Verallgemeinerung des Wissens lässt sich allerdings nur aufgrund einer sich abzeichnenden Marktwirtschaft denken, die nunmehr das Wissen reguliert. Damit vollzieht sich laut Kloock und Spahr (1997: 259) "der Übergang von einem autoritär und hierarchisch organisierten Informationssystem hin zu einer Selbstregulation". Auch das gesellschaftliche Verlangen nach einer nationalen Kommunikationsgemeinschaft sieht Giesecke, so Kloock und Spahr (1997: 261), durch den Buchdruck und seine typographischen Standardsprachen begünstigt: "Dem Kode des Typographeums wird [...] die Macht zugeschrieben, soziale Gemeinschaften zu schaffen und zu begrenzen". Jedoch nicht allein die genannten gesellschaftlichen Faktoren begründen bei Giesecke, wie Kloock und Spahr (1997: 262) fortfahren, den Erfolg des Buchdrucks, sondern auch das von Gutenberg optimierte Druckverfahren spielt dabei eine wichtige Rolle. Besonders hervorzuheben gilt es dabei nach Giesecke die Verwendung von Blei als Material für die Lettern sowie die Erfindung der Gießform als austauschbares und wiederverwendbares Instrument: "Die Gießform muß also als der eigentliche Kern der Gutenberg-Erfindung gesehen werden. In ihr materialisiert sich das wesentliche Prinzip aller späteren automatischen Maschinen" (Kloock / Spahr 1997: 262). Gutenbergs Motivation war laut Giesecke nach Kloock und Spahr (1997: 262-263)jedoch eine andere. Ihm sei es vielmehr um die Verbesserung des Schreibens und um eine Ästhetisierung der Schrift gegangen. Für Giesecke stellt sich aber, so Kloock und Spahr (cf. 1997: 263-264) noch eine andere Frage, die er in den bisherigen Forschungen vernachlässigt sieht und zwar, wie ein nicht-orales Informationssystem Wahrnehmungsprozesse regelt, sodass diese intersubjektiv wiederholbar und überprüfbar werden. Es war also, Giesecke zufolge, notwendig Modelle zu finden, die Informationen intersubjektiv nachvollziehbar machten. Dafür wiederum spielte die "Auswahl des Gesichtssinns als Ausgangspunkt für die Modellierung der Wahrnehmung" (Kloock und Spahr 1997: 264) eine entscheidende Rolle. Da sich schon in der Antike gezeigt hat, dass das Auge ein besonders leicht zu technisierendes und normierendes Sinnesorgan ist, gerät dieses auch in den Fokus von Albrecht Dürer, Leon Battista und Leonardo da Vinci, die, wie Kloock und Spahr (1997: 265) ausführen, "differenzierte Modelle, normative Regelungen des Sehens" schufen, welche "sich sukzessive in der Malerei und der Wissenschaft durchsetzten". Dementsprechend basiert laut Giesecke, so Kloock und Spahr (1997: 265), "die neuzeitliche Wahrnehmungs und Erkenntnistheorie auf dieser sich damals herausbildenden monosensualen Wahrnehmung". Kloock und Spahr (1996: 265-266) schließen mit zwei Thesen: erstens kann der "Durchbruch des typographischen Informations- und Kommunikationssystems" nur durch die Kenntnisnahme dieser "Kodierungs- und Standardisierungsleistungen der Wahrnehmung" verstanden werden und zweitens müssen moderne "Konzepte von Wissen, Wahrheit und Wissenschaft" stets in Relation mit der typographischen Medientechnik gesehen werden. Insofern gilt es laut Giesecke Geistesgeschichte "neu zu schreiben, als eine Geschichte der typographischen Information".
Harold A. Innis
Der Ökonom Harold A. Innis vertrat laut Kloock und Spahr (1997: 46-47) die These, dass die Geschichte als Abfolge kultureller Epochen zu betrachten ist, die von den jeweils dominanten Kommunikationsmedien geprägt sind. Dies bedeutet, dass die Formen der sozialen Organisation, und im speziellen die Strukturen von Wissen und Herrschaft, von den Techniken der Kommunikation bestimmt werden. Kloock und Spahr (1997: 47) sehen die Theorie als Mischung von Ökonomie und Epistemologie, da aus den materiellen Eigenschaften der Medien sowohl Handlungsweisen und Machtgefüge sowie auch Möglichkeiten und Grenzen der Erkenntnis abgeleitet werden können. Laut Innis, so Kloock und Spahr (1997: 47), verursacht jedes Medium eine spezielle Tendenz der Kommunikation. Grundsätzlich lassen sich Medien in zwei Kategorien unterteilen, nämlich in Medien, die sich entweder auf die Zeit oder auf den Raum beziehen. Erstere ermöglichen eine Kommunikation mit zeitlicher Orientierung und letztere eine Orientierung am Raum. An diese Idee schließen sich, so Kloock und Spahr (1997: 47), zwei unterschiedliche Gesellschaftsformen an. Innis verbindet nämlich zeitorientierte Kommunikationsmedien mit Gesellschaftsformen, die auf Tradition, Dauer und Religion basieren und die sozial in stabile, hierarchische Strukturen gegliedert sind, raumorientierte Kommunikationsmedien hingegen werden mit expandierenden Reichen verknüpft, in denen die organisierte Zirkulation von Wissen zu wissenschaftlichem Fortschritt führt und welche eine abstrakte politische Autorität innehaben. Als Beispiele für erstere nennt Innis, laut Kloock und Spahr, Ägypten, welches als stabil, statisch und entwicklungsunfähig beschrieben wird, für letztere das neuzeitliche Europa, welches zwar dynamisch und innovativ ist, jedoch auch instabil. Beide Formen der Kultur werden so Kloock und Spahr (1997: 47-48) aufgrund der Dominanz einer Kommunikationsweise von Innis als problematisch angesehen, da eine ideale Gesellschaftsform nur durch eine Harmonie der Kommunikationsformen erreicht werden kann. Als Beispiel für eine solche ideale Gesellschaftsform wird von Innis, so Kloock und Spahr (1997: 48) das antike Griechenland angeführt, da dort während des Übergangs zwischen oraler und literaler Kultur ein Gleichgewicht zwischen Raum- und Zeitorientierung hergestellt werden konnte.
Marshall McLuhan und seine Medientheorie
The Medium is the Message
Laut Kloock und Spahr (1997: 39) erlangte der Anglist Marshall McLuhan durch seine provokanten Thesen zur Medientheorie große Popularität. Die zentrale Hauptaussage seiner Theorie lautet "The medium is the message". Die beiden Hauptschriften von Marshall McLuhan, die Anfang der 1960er Jahre unter den Titeln "The Gutenberg Galaxy" (1962) und "Understanding Media" (1964) erschienen, fielen so Kloock und Spahr zunächst vor allem in Kanada und in den USA auf fruchtbaren Boden. In der BRD fanden nach Kloock und Spahr (1997: 40) die Schriften von McLuhan dagegen zu dieser Zeit wenig Anklang, weil ein großer Teil der Linken, u. a. Hans Magnus Enzensberger, "in ihm einen politischen Gegner sah". Erst in den 1980er Jahren wurden so Kloock und Spahr die Ansichten McLuhans neutral und gründlich diskutiert. Heute stützen sich laut Kloock und Spahr fast alle medientheoretischen Ansätze, explizit oder implizit, auf seine Thesen. Dabei fällt, so Kloock und Spahr (1997: 40) allerdings auf, dass seine Schriften nicht als einheitliche Theorie behandelt werden, "sondern eher als Steinbruch, aus dem bestimmte Ideen genutzt werden können und andere nicht."
Marshall McLuhan war laut Kloock und Spahr (1997: 41) überzeugt, dass nach dem Ende der Gutenberg-Galaxis die wissenschaftlichen Methoden, die mit dem Medium Buch in Zusammenhang stehen, nicht mehr gültig sind, sondern dem neuen Leitmedium Elektrizität eine "neue Form des Denkens" folgen musste. Nach Kloock und Spahr (1997: 41) sind McLuhans Schriften "kaleidoskopartige Gebilde aus Ideen", die nicht linear, sondern mosaikartig zusammengesetzt sind. So sieht McLuhan beispielsweise in unorthodoxer Weise nicht nur zwischen dem Medium Buch und der Entwicklung der modernen Wissenschaften einen Zusammenhang, sondern auch zwischen der Ausbildung der Nationalstaaten und der Entwicklung der mechanischen Technik (cf. Kloock / Spahr 1997: 41-42). Das Ziel McLuhans war es laut Kloock und Spahr (1997: 42) über die Kunst (Mosaik) eine gewisse Lebendigkeit in das Theoretische einfließen zu lassen, die eine aktive Beteiligung und Kreativität der Leseenden fordert. Eine wissenschaftliche Reflexion von einem festen Standpunkt aus sah er dagegen, so Kloock und Spahr (1997: 43) weiter, als ein Produkt des Buchdrucks und deshalb als überholt an, da die Elektrizität eine weltweite Verbindung der Menschen zum "global village" bewirkt und die Menschen heute in mehreren Kulturen zeitgleich leben lässt. Nach Kloock und Spahr wertete der Medientheoretiker McLuhan auch vorzeitliches Denken oder "anderes" Wissen nicht als primitiv ab, sondern kritisierte die Moderne und den Eurozentrismus (cf. Kloock / Spahr 1997: 43-44). Veranschaulicht wird diese neue Art des Denkens laut Kloock und Spahr in der 1967 erschienen Schrift "The Medium Is The Message", in der das Medium Buch im Buch selbst durch das Aufbrechen von Lesegewohnheiten aufgehoben werden soll (keine Seitenzahlen, wechselndes Layout, Spiegelschrift) und ein Mosaik aus Textpassagen, Karikaturen, Fotos usw. entsteht, das eine mehrdimensionale Auslegung seiner Behauptungen ermöglicht. Durch wiederkehrende Widersprüche, die Geduld und Phantasie fordern, sollen die Lesenden zum eigenen Denken angeregt und kulturelle und wissenschaftliche Grenzen überwunden werden (cf. Kloock/Spahr 1997: 44-45). McLuhan wurde laut Kloock und Spahr von Innis Thesen, dass "Formen der sozialen Organisation, besonders die Strukturen von Wissen und Herrschaft [...] von Techniken der Kommunikation bestimmt [werden]" sowie dass, "jedes Medium eine spezielle Tendenz der Kommunikation" verursacht, wobei auf Zeit bezogene Medien und auf Raum bezogene Medien unterscheiden lassen, inspiriert (cf. Kloock / Spahr 1997: 46-47. Innis Ideen gaben so Kloock und Spahr McLuhan wichtige Anstöße zum Schreiben einer Medientheorie als Kulturtheorie.
The Extensions of Man
Nach Kloock und Spahr (1997: 48) beginnt das Kapitel „Understanding Media“ (1964) von Marshall McLuhan mit der These „The Medium Is the Message". Mit diesem Satz meint McLuhan so Kloock und Spahr vor allem die persönlichen und sozialen Auswirkungen, welche sich aus der Anwendung der Medien ergeben. Die Botschaft eines Mediums meint also nicht den Inhalt, sondern das, "was es mit Menschen macht". Für McLuhan ist laut Kloock und Spahr (1997: 49) der „Inhalt“ eines Mediums ein anderes Medium. Das bedeutet, dass die Sprache der Inhalt der Schrift ist, die Schrift wiederum ist der Inhalt des Buchdrucks und dieser wiederum ist Inhalt des Telegrafen. Laut Kloock und Spahr (1997: 50) geht schon aus dem Titel des Kapitels hervor, dass für McLuhan jede Technik eine Ausweitung des menschlichen Körpers ist. Für McLuhan sind jedoch, laut Kloock und Spahr (1997: 50), Körperausweitungen das Resultat einer "Amputation". Die Ausgrenzung stellt, so Kloock und Spahr (1997: 51) einen schweren Eingriff in den Körpers dar. Der Mensch ist in dieser Verfassung keiner Erkenntis mehr fähig, "Selbstamputation" schließt somit "Selbsterkenntnis aus", laut Kloock und Spahr (1997: 51). So haben Techniken die Funktion, dass sie für den Menschen geschaffen werden. McLuhan behandelt, laut Kloock und Spahr (1997: 52) diese Verbindung von Körper und Technik als anthropologische Tatsache, d.h. er macht daran eine Veränderung des körperlichen Zustandes und damit der Wahrnehmung fest. Die Technik bestimmt, so Kloock und Spahr (1997: 53) für McLuhan außerdem die Art und Weise, wie der Mensch die Welt wahrnimmt und erfährt. Medien bezeichnet er deshalb als Metaphern, weil sie immer neue Varianten der Wahrnehmung verursachen und bestimmen. McLuhan unterscheidet laut Kloock und Spahr (1997: 53-54) zwischen zwei Arten von Medien: „heiße“ Medien und „kalte“ Medien. Zu den „heißen“ Medien gehören bei McLuhan zum Beispiel das Buch, das Radio, der Film und die Photographie. Bei „heißen“ Medien geht es darum, dass sie nur einen Sinn erweitern. Sie sind reich an Details. „Kalte“ Medien sind bei McLuhan zum Beispiel Comics, die Karikatur, die Sprache oder auch das Telefon. Sie sind detailarme Medien und verlangen Ergänzungen bzw. Vervollständigungen. Vor- und Nachteile der beiden Arten von Medien wägt er so Kloock und Spahr (1997: 54) aber nicht ab. Sein Konzept der Wahrnehmung ist viel mehr auf ein harmonisches Zusammenspiel der Sinne gerichtet, welches zum Beispiel durch den Tastsinn erreicht wird, den McLuhan als eine dynamische Einheit des Empfindens versteht. Für McLuhan setzt so Kloock und Spahr (1997: 55) eine komplexe Wahrnehmung die maximale Beteiligung aller Sinne voraus. Da seine Reflexionen im Kern wahrnehmungstheoretisch sind, sind sie laut Kloock und Spahr (1997: 56) auch noch heute aktuell. Kloock und Spahr (1997: 57-58) erwähnen auch, dass McLuhan die Begriffe „Medium“ und „Technik“ oft als Synonyme gebraucht, was zu Ungereimtheiten führen kann, v. a. wenn man pauschalisiert. Die Betrachtung von Kultur und Gesellschaft lässt bei McLuhan tatsächlich keinen Raum für soziale, politische oder ökonomische Faktoren, was laut Kloock und Spahr (1997: 58) zu einem universalistischen Anspruch für die Medientheorie führt, für welchen er mehrmals Kritik bekommen hat. So hat laut Kloock und Spahr (1997: 58-59) zum Beispiel Umberto Eco die These von McLuhan „The Medium Is the Message“ als vage und vieldeutig betitelt, da hier sowohl der Code als auch der Kanal die Botschaft ausmachen können.
The Gutenberg Galaxy
Wie Kloock und Spahr (1997: 59) ausführen, teilt McLuhan die Geschichte in vier Epochen ein: in die „orale Stammeskultur“, die „literale Manuskript-Kultur“, die „Gutenberg-Galaxis“ und das „elektronische Zeitalter“. Zäsuren zwischen den einzelnen Epochen werden dabei durch das Auftreten neuer Medien wie der Schrift, des Buchdrucks oder der Elektrizität markiert. Im Folgenden sollen die spezifischen Merkmale der ersten drei Epochen skizziert werden.
Die erste Epoche der „oralen Stammeskultur“ wird so Kloock und Spahr (1997: 59-60) von McLuhan als eine „Welt des Ohres“ bezeichnet. Typische Eigenschaften dieser durch Oralität geprägten Kulturen sind für ihn „Dynamik, Diskontinuität und Simultaneität“. Das Sinnesorgan „Ohr“ erhält die größte Bedeutung für die Organisation des täglichen Lebens während andere, wie das Auge, in den Hintergrund treten. Daraus resultiert eine enge wechselseitige Abhängigkeit der verschiedenen Akteure voneinander (cf. Kloock / Spahr 1997: 60). McLuhan geht laut Kloock und Spahr (1997: 60) sogar so weit, von einer „Tyrannei des Ohres über das Auge“ zu sprechen.
Mit der Einführung der Schrift, besonders der phonetischen Alphabetschrift, die aufgrund der Bedeutungslosigkeit des einzelnen Zeichens einen hohen Grad an Abstraktion aufweist, findet, so Kloock und Spahr, für McLuhan der Wandel hin zur „Manuskript-Kultur“ statt. Die nun vorhandenen Möglichkeiten zur räumlichen Darstellung und Wahrnehmung von Wissen bilden laut McLuhan „die Grundlage für das Erkennen von Regel- und Gesetzmäßigkeiten“ (Kloock / Spahr 1997: 60). Während in der Oralen Kultur vor allem das Ohr als Sinnesorgan bedeutsam war, sind in der Manuskript-Kultur nun mehrere Sinne beteiligt, da mittelalterliche Handschriften aufgrund ihrer Beschaffenheit vor allem laut vorgelesen werden (cf. Kloock / Spahr 1997: 61). Bücher sind noch kein Massenprodukt, sondern wertvolle Einzelstücke, die in mühevoller Handarbeit kopiert werden (cf. Kloock / Spahr 1997: 61-62). Dabei kommt es oft zu Veränderungen oder Ergänzungen durch den Abschreibenden, sodass diese Texte im Ergebnis oft eine große Heterogenität an sprachlichen Stilen und rhetorischen Mitteln aufweisen (cf. Kloock / Spahr 1997: 62).
Die Erfindung und Entwicklung des Buchdrucks und die damit einhergehende „Mechanisierung der Schreibkunst“ lässt, wie Kloock und Spahr ausführen, in den Augen von McLuhan das Buch von einem einmaligen Wertgegenstand zu einem „Massenprodukt“ und „Konsumgut“ werden (cf. Kloock / Spahr 1997: 62-63). Die Merkmale dieser Technologie und somit der neuen Epoche sind nach Kloock und Spahr für McLuhan „Kontinuität, Homogenität und Wiederholbarkeit“ (Kloock / Spahr 1997: 63). Gleichzeitig findet wieder eine Konzentration auf ein einzelnes Sinnesorgan statt, nämlich das Auge, weshalb Kloock und Spahr von einer "Dominanz des Gesichtssinns" sprechen.
Mit der maschinellen Umsetzung einer ehemaligen "Handfertigkeit" verändert sich, so Kloock und Spahr für McLuhan nicht nur die Produktion von Büchern, sondern es geht damit auch eine gewisse Statik des Denkens einher (cf. Kloock / Spahr 1997: 62-63). An die Stelle der offenen Wissensstrukturen der oftmals anonymen Manuskripte treten nun Autoren, die einen festen Standpunkt vertreten, (cf. Kloock / Spahr 1997: 63-64). Mit dieser Individualisierung sind nach McLuhan, wie Kloock und Spahr (1997: 63-64) ausführen, auch das Auftauchen "starrer Haltungen" sowie die Konzentration auf bestimmte Aspekte unter Vernachlässigung anderer verbunden. Mit der neuen Art, Wissen zu verbreiten und zu vervielfältigen, geht auch eine neue Art und Weise, zu denken einher, die ebenso wie die Typografie einem Uniformierungsprozess unterliegt (cf. Kloock / Spahr 1997: 64). Des Weiteren spielen durch den Buchdruck ermöglichte räumliche, systematisierende Darstellungen wie Schemata und Diagramme eine wichtige Rolle bei der Entwicklung einer zunehmend rationalen und formalisierten Wissenschaft (cf. Kloock / Spahr 1997: 64-65). Diese neuartige Wissenschaft, die sich auf der Grundlage der vom Buchdruck angestoßenen Uniformierungsprozesse in Sprache, Denken und Wissen entwickelt, orientiert sich zunehmend am empirisch Messbaren, an der mathematischen Logik und einer formalisierten Beweisführung (cf. Kloock / Spahr 1997: 64-65). Dabei konstatiert McLuhan so Kloock und Spahr (1997: 65) eine "Trennung von Gefühl und Verstand".
Einen weiteren wesentlichen Einfluss der Druckerpresse stellt McLuhan nach Kloock und Spahr bei der Herausbildung von Nationalbewusstsein fest. Der Buchdruck habe zu einer Vereinheitlichung von Orthografie und Grammatik und somit zu einer Normierung der Sprache geführt, welche die Grundlage für Nationalliteratur bildet (cf. Kloock / Spahr 1997: 65). Die Landessprache wird zum „Massenmedium“, zu einem Mittel „der zentralen staatlichen Lenkung der Gesellschaft“ (Kloock / Spahr 1997: 66). Medien wie Flugschriften und Bücher können durch den Buchdruck schnell vervielfältigt werden und somit eine große Zahl von Menschen erreichen (cf. Kloock / Spahr 1997: 66). Für McLuhan werden nach Kloock und Spahr (1997: 65) dadurch zwei gegensätzliche Effekte hervorgerufen: Einerseits wird mit dem Auftauchen des modernen "Autors" die Entwicklung des Individualismus begünstigt, andererseits führt das Massenmedium Buch auch zu einem "rigorosen Zentralismus" (Kloock / Spahr 1997: 66).
Auch historische Ereignisse wie die Französische Revolution sind, so Kloock und Spahr (1997: 67), McLuhan zufolge auf den Buchdruck zurückzuführen. So entspricht beispielsweise die Forderung nach Gleichheit der durch das moderne Buch vorangetriebenen „Gleichschaltung des Lebens und der Einzelnen“ (Kloock / Spahr 1997: 66). Wenn gleiche Rechte für alle gefordert werden, so ist dies, so Kloock und Spahr (1997: 67), für McLuhan nur durch Anpassung der Einzelpersonen an ein gemeinsames Schema möglich. Wer sich dieser Anpassung nicht unterziehen möchte, erfährt Ausgrenzung. Den freien Bürger charakterisiert McLuhan laut Kloock und Spahr (1997: 67) so: "'individuell, uniform, gleichgeschaltet, angepaßt' und 'visuell'". Diese „Enge der Uniformität“ ist für McLuhanein Negativmerkmal der „Gutenberg-Galaxis“, der er, so Kloock und Spahr, äußerst kritisch gegenübersteht.
The Global Village
Nach Kloock und Spahr (1997: 68-69) ist für Marshall McLuhan das Ende der Gutenberg-Galaxis mit dem Aufkommen der Elektrizität erreicht, da mit der Elektrizität nicht mehr nur einzelne Teile des Körpers ausgeweitet werden, wie bei früheren Medien, sondern der ganze Körper, und an die Stelle der Zerlegung von Bewegungsabläufen nun eine "organische Einheit von ineinandergreifenden Abläufen" tritt. McLuhan sieht, nach Kloock und Spahr (1997: 69), in dieser umfassenden Ausweitung die Möglichkeit, die Technik und damit auch den Menschen in der technologischen Welt zu erkennen. Die Verbindung zwischen sinnlicher Wahrnehmung und den neuen technologischen Medien sei unauflösbar und notwendig, um einen bewussten Umgang mit ihnen zu ermöglichen (cf. Kloock / Spahr 1997: 70). Laut Kloock und Spahr (1997: 70) sieht McLuhan im 20. Jahrhundert einen Übergangs- und Umbruchprozess, der anfangs von einem Miteinander von alt und neu und später von einer Ablösung zugunsten letzterem gekennzeichnet ist. Dabei spielen Ängste vor den neuen Medien sowie auftretender Konservatismus im Denken und Handeln der Menschen eine nicht zu unterschätzende Rolle. McLuhan sieht, nach Kloock und Spahr (1997: 70), in seiner Zeit ein völliges Rückspiegeldenken, das heißt, es wird versucht "die Aufgaben von heute mit den Werkzeugen von gestern und den Vorstellungen von gestern zu lösen". McLuhan sieht, nach Kloock und Spahr (1997: 70), in diesem rückwärtsgewandten Blick eine Gefahr und versucht durch seine Schriften, in denen er sowohl alte wie auch neue Medien beschreibt, die Menschen zum emanzipativen Mediengebrauch und somit ihrer eigenen Emanzipation anzuleiten. Durch die fortschreitende Vernetzung, die die Elektrizität mit sich brachte, befindet sich, laut Kloock und Spahr (1997: 71-72) die Welt in den Augen von McLuhan immer mehr in einem Global Village, wo räumliche und zeitliche Distanzen aufgebrochen werden und somit einzelne Individuen stärker miteinander verstrickt sind als vorher. Das globale Dorf ersetzt somit Individualismus und Nationalismus, die der Gutenberg-Galaxis angehörten (cf. Kloock / Spahr 1997: 71). McLuhan fordert weiterhin, so Kloock und Spahr (1997: 72), eine neue Form der Politik, die durch aktive Teilnahme eines jeden an Gesellschaft und Politik charakterisiert ist.
Der Buchdruck
Bedeutung der Sinne und der Stellung des Autors
Mit der Erfindung des Buchdrucks kommt laut Giesecke insbesondere der optischen Wahrnehmung des Menschen eine besondere Gewichtung zu: „Je mehr Wissen die Gesellschaft nach den neuzeitlichen Prinzipien in den gedruckten Büchern gespeichert hat, desto mehr prämiert sie das Auge und wertet andere Sinneserfahrungen ab“ (Giesecke 1996: 12). Diese erkenntnistheoretische Auffassung hebt sich, so Giesecke, selbstverständlich drastisch von der durch das christliche Mittelalter geprägten Zeit ab, die auf dem Prinzip der Verkündigungstheorie beruht und somit auf ein kommunikatives Grundkonzept zurückzuführen ist (cf. Giesecke 1996: 12). Die Vorstellung der Gläubigen vom Erwerben „wahrer Erkenntnis“ basiert hier, laut Giesecke, auf der Annahme, dass Informationen entweder unmittelbar von Gott oder von Anderen verkündet werden: „Nicht das 'äußere' Auge, mit dem die Neuzeit ihr 'wahres Wissen' produziert, sondern das Hören auf 'innere' Stimmen, ermöglicht in der alten Zeit Erkenntnisgewinn“ (Giesecke 1996: 13). Ebenso wie Maria ihre Nachrichten durch Mittler wie Engel, Tauben, Träume oder Zeichen empfängt, erhalten auch die anderen Gläubigen ihre Botschaften (cf. Giesecke 1996: 13). So entsteht auch Gieseckes und gleichzeitig Kloock und Spahrs (cf. 1997: 264)Frage der intersubjektiven Wahrnehmung, dass alle Leser ihre Gedanken mit dem des Autors koppeln bzw. vergleichen können, die von Kloock und Spahr sogenannte Entemotionalisierung und Entsynästhesierung eines Textes. Sodass Informationen und Wissen nur dann als wahr hingenommen werden können, wenn sie für andere nachvollziehbar bewiesen wurden. Wie kann nun die Wahrnehmung so "programmiert" werden, dass jedwede Information intersubjektiv nachvollziehbar wird? (cf. Kloock / Spahr 1997: 265). Die Antwort wird mit Dürers Methodologie des Beschreibens, Vergleichens, Typisierung und Messung gegeben. Durch die genaue Beschreibung des Ausgangspunktes, mit Hilfe der Perspektivlehre und der typographischen Medientechnik, wird die Perspektivübernahme des Autors ermöglicht.
In der Neuzeit hingegen ist Informationsbeschaffung nach Giesecke geprägt durch die Entschlüsselung der klassischen Selbsttypisierung von Autoren. Die Autoren fühlen sich, so Giesecke, "nicht mehr als 'stilum' Gottes und die Leser teilen die neue Einschätzung der Autoren“ (Giesecke 1996: 13). Das Erwachen des Autorenbewusstseins in der Neuzeit ist nach Giesecke (1996: 14) durch Wille und Sinn gekennzeichnet, die einen Schreiber „[...] zu einem unverwechselbaren Schöpfer von geistigen Werken“ machen.
Nachdem sich die Kommunikation, wie Giesecke (1996: 9) ausführt, von einer Face-to-face-Situation bei öffentlichen Reden und Ansprachen hin zu einem neuen System der Informations-Übertragung in Buchform verändert hat, müssen die Leser (die neben den Autoren den zweiten Schnittpunkt zwischen Umwelt und Druckerzeugnis markieren) dementsprechend die Vorgehensweise ("Software") des Autors nachvollziehen können, um die im Buch enthaltenen Informationen im realen Leben (der Umwelt) anwenden zu können. Dabei muss, so Giesecke (1996: 11), eine gemeinsame Sprache gefunden werden, die es dem Autoren ermöglicht, seine Geschichte so zu erzählen, dass der Leser, eine ihm völlig fremde Person, diese ohne zusätzliche Erklärungen nachvollziehen und verstehen kann, auch wenn sie durchaus Strukturen beschreiben kann, die "im Verlauf der Jahrhunderte zerstört worden sind". Um diese Sprache zu erreichen, muss der Autor, laut Giesecke (1996: 10), abgesehen von der Beherrschung der Alphabetschrift, die Perspektive beachten, die er bei dieser Geschichte einnimmt. Giesecke (1996: 10-11) erläutert dies anhand eines Holzschnitts von Albrecht Dürer, bei dem der Autor / Urheber als das Auge dient, das lediglich die Punkte festhält, die sich von der Netzhaut auf die Projektionsfläche (das Buch) übertragen lassen. Bücher werden also nach Giesecke (1996: 11) erst durch die Alphabetschrift in Kombination mit perspektivisch verständlichem Scheiben zu selbstständigen Kommunikationsmedien.
Nach Klock und Spahr wurden durch das durch Gutenberg ermöglichte Schriftsystem die Wahrnehmungs- und Darstellungsstile vereinheitlicht, sodass sich "Abstrahierung, Spezialisierung, Fragmentierung, Typologisierung, Proportionierung" allseits in der Gesellschaft durchsetzen konnten. Zudem konnten alle Informationen, die vorher nur oral zugänglich waren, nun auch visuell wiedergegeben werden. McLuhan ist, so Kloock und Spahr, allerdings der Meinung, dass dadurch unsere Wahrnehmungs- und Empfindungsvermögen verstumpfen und eine „riesige uniformierte Gedächtnismasse“ entsteht (McLuhan 1995: 265 ff; zit. n. Kloock / Spahr 1997: 255).
Die unmittelbaren Folgen der Erfindung des Buchdrucks
Die unmittelbaren Folgen der Erfindung des Buchdrucks nach Giesecke
Die Buchkultur als informationsverarbeitendes System verdrängte laut Giesecke die älteren skriptographischen und oralen Systeme. Der Siegeszug dieses typographischen Informationssystems wurde, so Giesecke, von vielen, sich gegenseitig beeinflussenden Faktoren begünstigt und vorangetrieben. Die Erfindung Gutenbergs war also lediglich ein Element, d.h. ein Ereignis in einem komplexen Funktionsgefüge. Neuerungen, die den Durchbruch der eingeführten Technologie begleiteten und ermöglichten, waren laut Giesecke u.a.: - Der freie Markt wird fortan als kommunikatives Netzwerk genutzt, über das die gedruckten Ergebnisse verbreitet werden - Formen von Informationen, die zuvor noch nicht handschriftlich oder mündlich tradiert wurden, werden nun für den Druck neu gewonnen. - Von den Autoren werden alternative Formen der Wahrnehmung und der Informationsdarstellung erprobt. - Käufer und Leser, von Giesecke als "Effektoren" definiert, werden in den neuen Informationskreislauf miteinbezogen (cf. Giesecke 1996: 4). Im Folgenden sollen einige dieser Aspekte vertieft werden.
Nach Giesecke (1996: 5) wurde das Buch zu einer Ware, die sich auf dem freien Markt schnell verbreiten ließ. Der Buchdruck wurde dadurch zu einem kommerziellen Gewerbe, sodass dem Besitz von Geld bei dem Erwerb und der Verbreitung von Büchern eine größere Bedeutung zukam. Dies ist auch daran erkennbar, dass sich die Verleger in den Vorworten an den Leser als "Käufer" wandten. Giesecke arbeitet einige Unterschiede dieser neuen Strukturen im Vergleich zu der Verbreitung von Manuskripten im Mittelalter heraus: Im Mittelalter verblieben die Handschriften in den institutionellen Netzen, in denen die Schriften gemäß hierarchischer Strukturen weitergegeben wurden. Dabei mussten die Informationen jede Instanz durchlaufen. Sie wurden also zum Beispiel vom Mönch zum Abt, vom Abt zum Ordensoberen, vom Ordensoberen zum Bischof und von dort zur nächsthöheren Instanz weitergegeben. Die Handschriften dienten dabei eher der Vorbereitung und Unterstützung der Rede (cf. Giesecke 1996: 5). Im freien Markt hingegen entscheiden nach Giesecke (1996: 6) die Autoren und Drucker, welche Informationen an die Öffentlichkeit gelangen sollen und jeder hat Zugang zu den Druckerzeugnissen. Die marktwirtschaftlichen Netze sind nicht hierarchisch, sondern haben eine "sternförmige Struktur". Dadurch wird der Instanzenweg des Mittelalters aufgehoben und es findet eine "Abkürzung der Kommunikationsbahnen" statt (cf. Giesecke 1996: 7).
Die neuzeitlichen Autoren weisen laut Giesecke (1996: 14) in ihren Werken darauf hin, dass ihre Texte dem "Gemeinwohl" dienen. Damit verschwindet Gott als Informationsquelle und es entfällt auch die Gewohnheit, Gott für das Werk zu danken. Nach Giesecke (1996: 14) verlieren im Protestantismus mündliche Beichte oder die Sakramente an Bedeutung, während dem nunmehr gedruckten Wort die ausschlaggebende Bedeutung zukommt ("solum scriptura". Vor dem Buchdruck wurde laut Giesecke (1996: 14) das vorhandene Wissen nur innerhalb der Familie, des Handwerks und der Institutionen weitergegeben. Mit dem Buchdruck wird dieses Wissen laut Giesecke (1996: 15) öffentlich und allgemein zugänglich, sodass es überprüft werden und dazu auch Stellung bezogen werden kann. Dies war, so Giesecke, der Grundstein für die neuzeitliche beschreibende Naturwissenschaft. Viele meinten jedoch so Giesecke (1996: 15), die Vergesellschaftung des Wissens würde gerade Handwerker um ihre Kunden bringen, da diese durch den Erwerb des Fachwissens letztere nicht mehr in Anspruch zu nehmen bräuchten und diese somit ihre Lebensgrundlage verlieren würden. Durch die massenhafte Verbreitung gedruckter Texte wird das Handeln und das Erleben der Menschen nach Giesecke (1996: 15) standartisiert, da sich immer mehr Menschen nach den gleichen Beschreibungen in den Büchern richten.
In unserer Gesellschaft hat sich nach Giesecke (1996: 1) eine Umorientierung in den Leitbildern vollzogen, sodass eine Entwicklung von der "Industriegesellschaft" oder "christlichen Gesellschaft" hin zur "Computer-Kultur" oder auch "Fernsehgesellschaft" stattfand. Nach Giesecke (1996 : 1) sind gemeinschaftsbildende Faktoren unserer heutigen Gesellschaft vor allem kommunikative Prozesse und deren Medien, wobei die "Information" auch im wirtschaftlichen Kontext eine bedeutende Rolle einnimmt. Kommunikation beschreibt Giesecke (1996: 2) als einen "Spezialfall" der Informationsverarbeitung, bei dem Prozessoren aneinander gekoppelt werden um ein informatives Problem zu lösen. Diese Prozessoren müssen heute nicht mehr nur Menschen sein, sondern auch technische Prozessoren wie Computer können die Informationsverarbeitung übernehmen. Autoren nehmen in diesem System laut Giesecke (1996: 2) die Funktion einer "Schnittstelle" ein, indem sie Umweltinformationen wahrnehmen und diese in handschriftlichen Texten verarbeiten. Giesecke führt dazu aus: "Die Manuskriptform ist eine notwendige Bedingung für die weitere typographische Verarbeitung" (Giesecke 1996: 2). Durch diese nicht mehr mündlich dargebotenen Informationen kann in Druckereien und Verlagen die Gutenberg´sche Technik verwendet und Texte können vervielfältigt werden, sodass sich eine "Beschleunigung" des Informationsaustauschs vollzieht. Die rasche Durchsetzung von Gutenbergs Erfindung lässt sich mit einer positiven ideologischen Aufladung erklären und wird als Mittel zur Volksaufklärung und zum Wissenserhalt gesehen. (cf. Giesecke 1996: 2)
Entsprechend der Renaissance, so Kloock und Spahr (1997: 263) weiter, ging es auch für Gutenberg neben seinem Primärziel, der Geschwindigkeit der Verbreitung von Information, um die Harmonie aller Teile und die Ästhetisierung der Schrift und der Intersubjektivität der Dinge, um diese Vereinheitlichung des Schriftbildes ebenfalls zu erreichen, erschuf er diese systematisch varrierbare Maschine. "Die Wiederverwendbarkeit der Form ermöglichte auch die Reproduktion identischer Lettern."(Kloock / Spahr 1997: 262). Mit diesen Lettern hat er "Artmodelle" erschaffen und diese anschließend harmonisch standardisiert und sein Ähnlichkeitsideal mit dem Druck des "monumentalsten Werk überhaupt" als erstes bewiesen: das Alte und Neue Testament (cf. Kloock / Spahr 1997: 263).
Die unmittelbaren Folgen der Erfindung des Buchdrucks nach Eisenstein
Die Anfangsphase einer Umstellung mit weitreichenden Folgen
Eisenstein untersucht den Veränderungsprozess, der mit der Erfindung des Buchdrucks in Europa Einzug hielt. Hinsichtlich der Erfindung geht es ihr aber nicht um die Vorgänge in der Werkstatt Gutenbergs, sondern sie konzentriert sich vielmehr auf die dadurch entstehende Berufsgruppe, die auf dem vorherrschenden Absatzmarkt ihre Nische fand und so ihren Profit steigern wollte so Eisenstein (1997: 12). Innerhalb von etwa 50 Jahren etablierte sich ein ganzer Berufsstand, der Einzug "in jedem wichtigen Gemeindezentrum" (Eisenstein 1997: 13) hielt. Im Fokus ihrer Untersuchung liege nicht etwa die Reihe der Erfindungen an sich, sondern vielmehr die Zeit danach, in welcher mehr und mehr Drucke in Umlauf kamen und sich ein eigener Berufsstand ausbildete.
Eisenstein (1997: 13) spricht von einer "Revolution im Bereich der Medien und der Kommunikation". Diese Revolution besteht, so Eisenstein, aus einer Vielzahl von Erfindungen und Entwicklungen im Laufe des 15. Jahrhunderts. Eine dieser Entwicklungen ist die Verkürzung der notwendigen Arbeitszeit, die nötig war um ein Buch zu erstellen und die damit gegebene Möglichkeit mehr Bücher zu produzieren. Bislang ging man, so Eisenstein, von einer stetigen Zunahme der Buchproduktion aus, was nach einer evolutionären Entwicklung klingt. Tatsächlich muss man aber, so Eisenstein (1997: 13), von dieser Entwicklung ein eher revolutionäres Bild haben, da die Buchproduktion explosionsartig zunahm. Die genaue Anzahl der handschriftlichen Bücher oder auch der Arbeitsstunden, die für die Erstellung einer Kopie eines Buches von Nöten waren, ist heute, so Eisenstein (1997: 13), kaum noch feststellbar. In der Zeit in der ein Handschriftenschreiber ein einziges Exemplar kopieren kann, schaffte es die Ripoli-Druckerei 1025 Kopien zu erstellen. Auch hier kann man also, so Eisenstein (1997: 14), von einer Revolution sprechen, und nicht von einer Evolution. Auch die Qualität einer Kopie, also einer identischen handschriftlichen Anfertigung, muss, so Eisenstein, vor Erscheinen des Buchdrucks als fragwürdig angesehen werden, da mitunter Fehler auftraten, vermeintliche Fehler korrigiert wurden oder ähnliches. Besonders im naturwissenschaftlichen Bereich kann dies, so Eisenstein (1997: 16) festgestellt werden, da sich hier Fachkundige mit dem Kopieren der Handschriften befassen mussten um Tafeln, Diagramme oder auch neue Termini fehlerfrei zu übertragen. Der Buchdruck ermöglichte es, durch die drastische Arbeitszeitverkürzung, den Gelehrten "Zeit zu Beobachtung und Forschung" (Eisenstein 1997: 17) zu lassen. Verglichen mit dem Buchdruck könnte die Einführung des neuen Werkstoffs Papier im 13. Jahrhundert nicht mithalten. Durch das Papier wurde zwar sowohl der Briefverkehr, als auch die Zahl der geschriebenen Werke erhöht, doch die eigentliche Arbeitszeit wurde nicht verkürzt. Durch die Nachfrage nach Papierwaren entstanden, so Eisenstein (1997: 18), Schreibwarenhändler, genannt Cartolai. Diese vertrieben ebenfalls Bücher, jedoch eher als Nebenverdienst. Auch Buch-Einzelhändler wie Vespasiano da Bisticci erkannten laut Eisenstein ihre Verkaufsnische, doch ließen sich damit keine großen Summen an Geld verdienen. Mit Aufkommen des Buchdrucks und der großen Menge an Büchern, die schlagartig in den Handel kam, wurden Buch-Einzelhändler, die nur auf handgeschriebene Werke schworen, nach und nach aus dem Geschäft verdrängt. So kam es auch, dass Vespasiano da Bisticci 1478 sein Geschäft schließen musste. Nach 1478 treten nach Eisenstein (1997: 19) die ersten Buchgroßhändler auf. Die gesamte Marktlage wurde durch das Aufkommen des Buchdrucks verändert. Buchbinder, Rubrikatoren, Buchmaler und Kalligraphen hatten, verglichen mit den Buchhändlern, die nur Handschriften vertrieben, volle Auftragsbücher (cf. Eisenstein 1997: 19). Auch hinsichtlich der Qualität gab es Veränderungen. Zunächst seien die Kopien stark an die Originale angelehnt gewesen. Eisenstein (1997: 20) zufolge haben die Buchdrucker des 15. Jahrhunderts mit einer detailgetreuen Imitation der Originale den Schreibern ein Kompliment zurückgegeben. Nach und nach erkannten die Buchdrucker aber, dass sie sich an die Bedürfnisse der Leser anpassen mussten, wenn sie ihren Absatz vergrößern wollten. Bereits vor 1500 stand den Schriftsetzern eine Vielzahl an Möglichkeiten zur Verfügung, mit denen sie ihre Texte hervorheben und abgrenzen konnten. So gab es skalierte Buchstaben, Kapitelüberschriften, Fußnoten, Inhaltsverzeichnisse, hochgestellte Ziffern, Querverweise und viele weitere Möglichkeiten mehr (cf. Eisenstein 1997: 21). Auch konnten durch Holzschnitte und Kupferstiche Illustrationen einfacher vervielfältigt werden, als durch Handzeichnungen (Eisenstein 1997: 21). Zwar gab es bei den verwendeten Holzblöcken Verschleißerscheinungen, doch konnte deren Haltbarkeit enorm verlängert werden, wenn man die abgenutzten Stellen erneut schärfte oder Konturen wieder hervorhob (cf. Eisenstein 1997: 22). Neben Buchstaben und Zeichnungen waren auch mathematische Tafeln, Zahlen und Formeln leichter zu vervielfältigen. Um Tafeln und Bilder mit dem Geschriebenen zu verbinden, entwickelten die Drucker beispielsweise Inschriftbänder, Ziffern-Buchstabenschlüssel, Hinweiszeilen etc. Eisenstein (1997: 23) hebt die Bedeutung der Kombination von Buchstaben, Ziffern und auch Bildern hervor, denn durch die wechselseitige Wirkung erlangten sie eine noch größere Bedeutung, als jeweils für sich allein. Die Berufsgruppen der Schreiber und Illuminatoren sind, so Eisenstein (1997: 23), durch die Kombination verschiedener Drucktechniken in Bedrängnis gekommen. Mit der Einführung des Buchdrucks wurden auch verschiedene Berufsgruppen zusammengeführt, die zuvor wenig bis gar keinen Kontakt zueinander hatten (cf. Eisenstein 1997: 23). So kam es zu einer "Neukoordinierung der Kopf- und Handarbeit" (Eisenstein 1997: 23). Im Bereich des Buchdrucks arbeiteten folglich Vertreter aus den Bereichen Kirche und Universität, sowie Metallarbeiter, Mechaniker, Astronomen, Kupferstecher, Ärzte und Maler. Auch der finanzielle Bereich förderte den Kontakt der am Buchdruck interessierten Gruppen. So kamen reiche Kaufleute und Gelehrte über das Medium Buch in Kontakt. Eine neue Verbindung zwischen Stadt und Universität entstand (cf. Eisenstein 1997: 23). Die Organisation und Regulierung von Arbeitskräften, Finanzmitteln und lukrativen Auftraggebern gehörten zu dne Aufgaben von Druckermeistern. Laut Eisenstein (1997: 26) kann man sie als Prototypen der frühen Kapitalisten sehen, deren Aufgabenbereiche vielfältiger waren, als die der Handschriftenschreiber. "Der Wandel vom Handschriftenschreiber zum Buchdrucker" stellt so Eisenstein "einen beruflichen Entwicklungssprung dar" (Eisenstein 1997: 26). Dieser Wandel beschreibt d ie Veränderung vom Einzelhandel zum industriellen Großhandel. Damit einher geht die Markterschließung sowie der Umgang mit Konkurrenz, der Entwicklung neuer Produkte sowie deren Bewerbung. Auch Managementaufgaben angefangen bei Rohstofforganisation über Auslastungskapazitäten von Maschinen bis hin zu Personalmanagement gehören dazu. Der kommerzielle Aspekt dieser Arbeit erreichte einen anderen Stellenwert als der früherer Handschreiber. Auch ihre Werke versahen sie mit Werbung für ihre Arbeit und ihre Arbeitsstätte, anders als die Handschriftenschreiber vor ihnen, die sich in der letzten Zeile ihres Werkes benannten. Von dieser Neuordnung profitierten nicht nur die Drucker, sondern auch Autoren, Künstler, Rechenmeister, Instrumentenmacher, Professoren und Prediger, da sie so ihren Wirkungskreis und damit ihre Berühmtheit enorm steigern konnten (cf. Eisenstein 1997: 28). Diese neue Art der Werbung begünstigte auch andere Unternehmen und erweiterte deren Absatzmarkt.
Hinsichtlich der Rezeption der Drucke in der Bevölkerung kann man, nach Eisenstein, kaum Aussagen treffen, da nicht genügend Quellen vorliegen, die uns Aufschluss über die Alphabetisierungsrate geben könnten. Eisenstein konzentriert sich daher vorrangig auf die Entwicklungen bei den alphabetisierten Bevölkerungsgruppen und auf deren soziale Zusammensetzung (cf. Eisenstein 1997: 29). Sie kommt zu dem Ergebnis, dass Schriftlichkeit eben nicht dem Adel und dem höheren Klerus vorbehalten war, und dass durch die Entwicklung der Druckerpressen auch nicht die arbeitende, bäuerliche Bevölkerung zum Lesen gebracht wurde. Jedoch dürfte sich so Eisenstein im urbanen Bereich einiges getan und schneller entwickelt haben. Auch die Sprache, in welcher geschrieben bzw. gelesen wurde, bedarf einer genaueren Betrachtung. Eisenstein (1997: 30) zufolge gibt die geschriebene Sprache Aufschluss darüber, wer die Zielgruppe darstelle. In Acht nehmen muss man sich aber auch bezüglich der Buchtitel. So sei die Biblia pauperum praedicatorum beispielsweise nicht an arme Menschen gerichtet, sondern an Prediger, deren Latein-Kenntnisse nicht ausreichend waren und die so illustrierte Bücher zu Hilfe zogen, um die Bibel leichter verstehen zu können (cf. Eisenstein 1997: 31). Auch muss eine Unterscheidung zwischen den tatsächlichen Lesern und Käufern der Bücher und der anvisierten Zielgruppe gemacht werden. Hinweise auf die Zielgruppe, die in Buchtiteln enthalten sind, zeigen uns, so Eisenstein, noch nicht die tatsächlichen Leser.
Auch eine Unterscheidung zwischen Lese- und Schreibfertigkeit sowie "gewohnheitsmäßigem Bücherlesen" muss, so Eisenstein (1997: 32), bedacht werden. Durch den Buchdruck war die Möglichkeit sich selbst Dinge beizubringen, nur durch das Lesen eines Textes, weitaus größer als noch zu Zeiten des Handschriftenwesens. So war es durch fleißiges Studieren möglich, sich mehr Wissen anzueignen, als der Lehrmeister besaß. Durch den Buchdruck wurde aber auch die gesamte Art zu Denken verändert. So war es nicht mehr nötig, sich mit Gedächtnisstrategien Dinge zu merken oder sich anhand von Bildern Gedanken herzuleiten, sondern man konnte sie einfach aus einem Buch lernen, und im Fall des Vergessens noch einmal anlesen. Auch der Status von Bildern veränderte sich durch den Buchdruck. So flammte in kirchlichen Kreisen der Bilderstreit erneut auf, da Reformatoren wie Calvin auf das 2. Gebot Bezug nahmen, wonach Bilder von Gott nicht zulässig waren. Die Ansicht, dass aber gerade Bilder für Analphabeten einen wichtigen Zugang zum Verständnis darstellten, wies Calvin zurück und forderte stattdessen dazu auf, ihnen das Lesen zu lehren (cf. Eisenstein 1997: 33). Deutlich wird hier, so Eisenstein, der Wandel "von der Bildkultur zur Wortkultur" (Eisenstein 1997: 33). Hierbei muss aber laut Eisenstein bedacht werden, dass Bilder nicht an Bedeutung verloren haben. Allerdings veränderte sich ihr Wirkungsbereich und schaffte neue Möglichkeiten. So entstanden in der Folge nicht zuletzt didaktische Bilderbücher für Kinder. Auch in wissenschaftlichen Bereichen nahm die Bedeutung der Bilder im Vergleich zur Schrift zu. Durch den Buchdruck entstanden Möglichkeiten, sowohl das Anschauungsmaterial zu vermehren, als auch die Art der Instruktionen zu vereinfachen. Gerade der Bereich der ikonographischen und nichtphonetischen Kommunikation entwickelte sich rasch und gewann an Bedeutung. Der Wandel "von der Bildkultur zur Wortkultur" (Eisenstein 1997: 35) muss nach Eisenstein neu überdacht und erweitert werden. Eisenstein (1997: 35) zeigt sehr deutlich, dass eine einfache Formel, die die Entwicklungen, welche der Buchdruck mit sich brachte, eindeutig beschreibt, nicht zu finden ist.
Einige Grundzüge der Druckkultur
Die Gelehrtenrepublik weitet sich aus
Die Spaltung der westlichen Christenheit: Ein neuer Blick auf die Voraussetzungen der Reformation
Die Wandlungen des Buches der Natur: Der Buchdruck und der Aufschwung der modernen Wissenschaft
Die Progressivität des Buchdruckes als Initiator für gesellschaftlichen Wandel
Die Neuerungen des Buchdruckes wirkten sich nach Giesecke in weitreichendem Maße auf den Umgang und die Weitergabe von Informationen in der Gesellschaft aus. Wissen wurde nun nicht mehr einfach wie in oralen Kulturen innerhalb kleiner, sozialer Netzwerke geteilt, sondern konnte jetzt über große Entfernungen nachhaltig verbreitet werden. Das erstellen einer typografischen Information hatte nicht einfach nur das Potential die Weitergabe von beispielsweise Kräuterwissen von Mutter zu Tochter zu ersetzen, sondern schaffte zudem die Möglichkeit solcherlei Informationen mit anderem, bereits gesammelten Wissen abzugleichen und weiterzuverarbeiten. Somit konnte ein unbegrenzter Informationsspeicher eingerichtet werden, der fähig ist stets neuen Input aufzunehmen. "Immer mehr neue Informationen müssen dem System zugeführt werden, damit es am Laufen bleibt" (Giesecke 1996: 661). Laut Giesecke bildete sich ein Informationskreislauf heraus, welcher, einmal in Gang gekommen, eine Eigendynamik entwickelte. Giesecke erläutert dies anhand eines Models nach welchem der Autor über seine Wahrnehmung Informationen aus seiner Umwelt entnimmt, diese als psychische Informationen verarbeitet und niederschreibt. Hierdurch wandelt er sie in seine private und "ikonische" (Giesecke 1996: 657) Information um. Anschließend entsteht durch das Vermarkten eine gesellschaftliche Information, da jedes Mitglied der Gesellschaft nun Zugang erlangen kann. Durch den Kauf durch eine bestimmte Person erfolgt das Umschlagen zu einer erneut privaten, ikonischen und zunächst sprachlichen Information, welche wiederum eine psychische Information formt. Beeinflusst das entnommene Wissen das nachfolgende Handeln des Lesers, welches nachfolgend wieder Einfluss auf das Wirken neuer Autoren nimmt, so entsteht ein typographischer Informationskreislauf, welchen Giesecke (1996: 657) auch als ein "endloses Band" bezeichnet. Dieser Kreislauf führt zu einem stetigen Erweitern des Systems. Durch die erhöhte Reichweite der typographischen Information wurde nach Giesecke das Abwarten neuer Erfahrungen zur Erkenntnisbildung nicht mehr zwingend notwendig. So konnten industrielle Arbeitsvorgänge nun visualisiert und verbreitet werden, wodurch vorrangig sensomotorisch vorhandenes Wissen nun auch sprachlich repräsentiert wurde. Intuitive Erfahrungswerte wurden also durch logische Schlüsse ergänzt und verschriftlicht, dadurch wiederum überprüfbar und reflektierbar gemacht. In der Folge vollzog sich eine Trennung von Praxis und Theorie, welche von Giesecke als "Brauch" und "Verstand" betituliert werden. Der Austausch zwischen beiden Welten stellte einen Wendepunkt für die damals übliche Erkenntnistheorie und aus jetziger Sicht die Ausgangsbasis für die moderne Wissenschaft dar. Wurde die intensive Auseinandersetzung mit einer Kunst als Maîtrise verstanden, so erscheint diese nun als erfühlte Wissen suspekt. Es entwickelt sich die Wertschätzung einer Distanz zwischen dem Betrachter und dem Betrachteten, um weg von der üblichen Subjektivität des Alltags zu einer professionellen Objektivität zu gelangen. "Erprobt waren letztlich auch nur die Verfahren, deren Erprobung man beobachtet hatte. Das Gehörte und auch die eigene Intuition müssen noch einmal mit den Augen überprüft werden" (Giesecke 1996: 677). Galt bislang das Erstellen von Texten in jeder Form als Kunst, geschah nun eine Herauslösung der sachlich, analytisch Verfassten und in Masse verbreiteten typographischen Medien aus dem althergebrachten Kanon der Künste. Die Wissenschaft, welche in der Gesellschaft bislang vielmehr als eine Art von Maîtrise und Weistum gesehen wurde, erlangte nun durch ihren Wandel hin zur Rationalität an Bedeutsamkeit. Aufgrund der Verbreitung durch den Buchdruck gab es nun keine Legitimation zur Geheimhaltung von Wissen mehr. Die Wissenschaft rückte merklich aus dem kleinen Kreis der Jünger der Wissenschaft in die Öffentlichkeit und galt nunmehr als Angelegenheit der Gemeinschaft. Dies hatte harsche gesellschaftliche Kritik zur Folge, wurde das Lernen aus Büchern für „unmöglich und jedenfalls verwerflich“ (Giesecke 1996: 683) gehalten. Das Gespräch zwischen Experten und Laien solle, nach der Auffassung von Kritikern, nun vollends durch das Lesen von Sachbüchern ersetzt werden. Ein bedeutender Befürworter dieser Theorie war Valentin Ickelsamer, der Verfasser des Werks Teutschen Grammatica, welcher das Buch als Medium zum Selbststudium bzw. als Handreichung für Hausunterricht innerhalb der Familie etablieren wollte. Wurde das Ersetzen des Lehrers durch ein Buch von didaktischer Seite zunächst schwer verurteilt, so erfreute sich hingegen das Lehrwerk als ergänzender Bestandteil des Unterrichts zunehmender Beliebtheit. In der Folge galt es sich mit der Thematik auseinanderzusetzen, welche Lehrinhalte denn überhaupt sinnvoll durch Bücher vermittelt werden konnten und welche nicht. Eine weitere Problematik fand sich in dem Vorwissen, welches der einzelne Leser zum Verstehen der Schrift benötigte. Gab es in jeder Zunft eine gemeinsame Schnittmenge an Grundwissen über die behandelte Thematik, so konnte dieses nun nicht mehr als a priori vorausgesetzt gelten. Folglich mussten viele Manuskripte vor dem Druck aufgearbeitet und erweitert werden, um dem einfachen Leser grundlegende Informationen zur Thematik vor zu entlasten.
Die typographische Vernetzung der gesellschaftlichen Kommunikation zum gemeinen Nutzen der deutschen Nation (1520-1555)
Das Handelsnetz als Medium der typographischen Kommunikation
Im Gegensatz zu älteren Formen des Warentausches, indem Waren gegen Waren getauscht werden, ist im modernen kapitalistischen System typisch Ware gegen Geld zu tauschen, somit erscheint der Markt als ein Medium mit zwei Typen von Ein- und Ausgänge, wobei der Verkäufer auf der einen Seite Waren gibt und der Käufer auf der anderen Seite diese Ware entgegennehmen kann und gibt dafür Geld als Rückkopplung (Giesecke 1996: 397). Laut Giesecke lässt sich der Wert einer Ware in Geld ausdrücken, wodurch nicht nur die Menschliche Arbeitskraft, sondern auch das menschliche Wissen zu einer Ware wird, dementsprechend regelt das Geld dem Zugang zu dem Wissen, genauer gesagt gilt die Finanzkraft als Filter für die Verbreitung von Wissen bzw. Bücher. Nach Giesecke (1996: 400) ist das neue Wirtschaftssystem, wegen der Serienproduktion von Bücher, nicht mehr durch die mittelalterliche Stadt regulierbar wie es früher den Fall war. Stattdessen zeichnet sich das neue marktwirtschaftliche Medium durch eine nahezu unbegrenzte räumliche Transport- und zeitliche Speicherfähigkeit aus und ermöglichst eine globale Ausdehnung des Welthandelsnetzes (Giesecke 1996: 401).
Im Truck in die Gemein geben: Die Tektonik typographischer Kommunikation
Im einfachsten Fall erfordert die Kommunikation, so Giesecke (1996: 404), zwei Prozessoren und ein Medium, wobei die beide Prozessoren als Sender und Empfänger bezeichnet werden. Die Druckerei gilt als Vorverstärker des typographischen Mediums und ermöglichst eine enorme Verstärkerleistung des Systems, weil die Informationsblöcke öfter identisch reproduziert werden und können somit auf einer Vielzahl von Kanälen gleichzeitig verteilt werden, dadurch ist es für Drucker und Händler nicht mehr überschaubar, welche und wie viele Bücher an wen verkauft werden (Giesecke 1996: 405-406).
Grundzüge des typographischen Kommunikationskreislauf
Laut Giesecke (1996: 401): „Der einfachste Fall eines Informationskreislaufs liegt vor, wenn der Empfänger einem Sender zurückmelden kann, daß er eine Botschaft empfangen hat.“ , dabei haben zum Beispiel Gespräche von Angesicht zu Angesicht eine solche Rückkopplungsnatur. Jeder Teilnehmer an einem Gespräch an mehrere Schnittstellen, so Giesecke (1996: 410), dennoch eine einzige Schnittstelle pro Typus: ein Mund und zwei Ohren, dadurch ist es schwer mehrere Botschaften gleichzeitig zu empfangen wenn z.B. mehrere Personen zugleich reden. Der Buchdruck kann mit einer Wasserleitungsmetapher veranschaulicht werden (Giesecke 1996: 411), bei der die Information nur in eine Richtung verlaufen und bei mehrere Empfängern ankommt, der Wasserverbraucher hat zwar eine Möglichkeit zur Rückkoppelung, dennoch erfolgt es nicht direkt wie bei einer direkten wörtlichen Kommunikation zwischen zwei Personen. Im neuen System der Rückkoppelung unterschiedlichen Medien verbergen sich komplizierte Abläufe der Wahrnehmung und Kodierung von Informationen (Giesecke 1996: 417) indem Bücher nicht mehr ausschließlich in einer professionellen Eigenschaft gekauft werden, sondern auch zur Befriedigung individueller Interessen (Giesecke 1996: 422).
Normen und Programme zur Steuerung der typographischen Kommunikation
Das typographische Kommunikationssystem ist in der Tat ein selbstregulierendes System, welches aufgrund von Normen und Programmen gesteuert wird, dementsprechend hat der Buchdruck ca. 60 Jahre im Anspruch genommen um seine Normen zu stabilisieren (Giesecke 1996: 424). Es entwickelten sich dadurch verschiedene Regeln und Gesetzen um den Autor eines Werkes klar identifizierbar zu machen und ihm vor unerlaubte Kopien seines Werkes zu beschützen, damit eröffnete sich die Möglichkeit die Schriften des Autors zu kritisieren und der Bedarf an hochrangige Genauigkeit um diese Kritik zu vermeiden (Giesecke 1996: 431, 440).
Zensur und Datenschutz: Der Eingriff des politischen Systems in den Informationskreislauf
Mit dem Anfang des Buchdruckes setzen sich neue Regeln zur Informationsverbreitung durch, dadurch ändert sich die Zensurmöglichkeiten drastisch, da das Geschehen in den typographischen Netzen nicht komplett dem freien Spiel der wirtschaftliche Kräfte überlassen bleibt, haben politische bzw. juristische Kräfte Maßnahmen ergriffen um die Nachrichtenwege zu reglementieren (Gesiecke 1996: 445). Der Informationskreislauf ließ sich nicht nur durch Verbote, sondern auch durch die Gewährung von Vergünstigungen gewähren, somit konnte ein Drucker zum Beispiel zu offiziellen Ratsdruck ernannt werden, darüber hinaus diese ökonomische Hebel ermöglicht die Steuerung des Informationskreislaufes (Giesecke 1996: 449).
Die digitale Revolution
Der Computer bei McLuhan
Im Medium Computer sieht McLuhan, so Kloock und Spahr (1997: 73), eine Ausweitung des menschlichen Gehirns, welche nun immer mehr die Steuerung im Bereich Technik übernimmt. Nach Kloock und Spahr (1997: 74) sieht McLuhan im Programmieren eine Möglichkeit, die Einflüsse der Medienpluralität auf die Gesellschaft im Gleichgewicht zu halten, sodass die Wahrnehmung nicht manipuliert werden kann. Programmierer erschaffen Produkte gänzlich durch ihre Programmierung, sodass der Mensch die Natur übertrumpft und nun selbst erschafft (cf. Kloock / Spahr 1997: 75). Dabei ist für McLuhan, nach Kloock und Spahr (1997: 75), der kreativ spielende Mensch notwendig, neue Möglichkeiten mithilfe der Technik zu erschließen und sich somit von den natürlichen Wirklichkeiten zu lösen.
Weiterentwicklung des Urheberrechts
Die Anfänge der schriftlichen Fixierung der Grammatiken (braucht eine allgemeinere Überschrift, denn hier geht es ja auch um Sprachtraktate
Nach Bierbach und Pellat (2003: 234-235) war im Mittelalter die Sprache der Kultur und der Kommunikation in Europa das Latein. Als Beispiele lateinischer Grammatiken werden Donats Ars (grammatica) und Prisciens de Césarées Institutionum grammaticarum libri XVIII genannt (cf. Bierbach / Pellat 2003: 235).
Nach Swiggers (1988: 843) entstehen die ersten grammatischen Beschreibungen einer romanischen Sprache (l'ancien provençal) erst im 13. Jh.
Italienische Grammatiken und Sprachtraktate
DIE NORMGRAMMATIK Eine italienische Normgrammatik sollte anfangs nur für die Entstehung einer exemplarischen und literarisch wertvollen Schriftsprache verfasst werden, später jedoch hauptsächlich, um eine einfache und zufriedenstellende Reproduzierbarkeit zu gewährleisten (cf. Poggi Salani, 1988: 781). Nach Poggi Salani musste die deskriptive Grammatik des Italienischen eine normative Grammatik sein, denn die meisten Grammatiker gehen von Überlegungen zu einer exemplarischen Schriftsprache aus und wollen ihre Reproduzierbarkeit garantieren. Dabei wurde innerhalb der Sprache mit ihrem Wortschatz, ihren grammatikalischen Besonderheiten und ihrer Syntax nicht nur gekürzt, sondern auch Neues hinzugefügt, präzisiert und verändert (Poggi Salani, 1988: 781). Bei der Verfassung der Normgrammatik konkurrierten zwei verschiedene grundlegende Ansichten: die Anhänger der ersten forderten, dass die Norm nur aus der Schriftsprache entstehen solle, während die der zweiten der Meinung waren, dass sich die Norm aus der in Florenz gesprochenen Sprache. Dabei sollte sich an dem dem Lateinischen sehr nahestehenden Toskanischen orientiert werden, wodurch Eigenheiten anderer Dialekte (z. B. "leggemo" in Siena und Rom) zugunsten der am Florentinischen orientierten Norm ("leggiamo") vereinheitlicht werden sollten (Poggi Salani, 1988: 782). Letztendlich entschied man sich dazu, die deskriptive Grammatik notwendigerweise mit der normativen Grammatik abzustimmen (Poggi Salani, 1988: 781: "La grammatica descrittiva dell'italiano doveva necessariamente coincidere con la grammatica normativa") und folgte somit der zweiten der oben beschriebenen Ansichten zur Normbildung.
Einleitender Text:
- Bedeutung des Lateinischen
- Dichte von Grammatiken in der Zeit von .. bis ..
- Zusammenhang mit der Questione della lingua, ihre Sprache und Lexik (Dante, Boccaccio, Petrarca)
- Bezüge zu den großen Schriftstellern der Zeit
- Abschnitt Normgrammatik
- Gegenseitige Beeinflussung des Buchdruckes, d.h. die von ihm hervorgebrachte Notwendigkeit einer Sprachnormierung und der Erscheinung der Grammatiken
Grammatiken
- ~1434-43 Grammatichetta vaticana von Leon Battista Alberti
- 1516 Regole grammaticali della volgar lingua von Giovanni Francesco Fortunio
- 1521 Le vulgari elegantie von Niccolò Liburnio
- 1524/5 Discorso o dialogo intorno alla nostra lingua von Niccolò Machiavelli
- 1525 Prose della Volgar von Pietro Bembo
- 1526 Le tre fontane di Messer Nicolò Liburnio in tre libri divise, sopra la grammatica, et eloquenza di Dante, Petrarcha, et Boccaccio
- 1528 Il Cortegiano von Baldassar Castiglione
- 1529 Grammatichetta und Dialogo del Trissino intitulato Il Ccastellano: nel quale si tratta della lingua italiana Gian Giorgio Trissino
- 1533 La grammatica volgar dell'Ateneo von Marco Antonio
- 1536 Il Vocabulario di cinquemilla Vocabuli Toschi non men oscuro che utili e necessari del Furioso, Boccaccio, Petrarcha e Dante von Fabricio Luna
- 1539 Le osservazioni sopra il Petrarca von Minerbi
- 1543 Le richezze della linguar volgare sopra il Boccaccio von Minerbi
- 1543 Vocabulario, grammatica, et ortographia de la lingua volgare [...] con ispositioni di molti luoghi di Dante, del Petrarca et del Boccaccio von Alberto Acarisio
- 1548 La fabrica del mondo von Minerbi
- 1549 Fondamenti del parlar toscano von Rinaldo Corso
- 1550 Osservazioni della volgar lingua von Lodovico Dolce
- ~1551 Commentarii della lingua italiana (veröffentlicht 1582) von Girolamo Ruscelli
- 1552 Regole della lingua fiorentina von Pier Francesco Giambullari
- 1555 Il Cesano von Claudio Tolomei
Schon Dante Alighieri, wie Lubello ausführt, lobt zu Beginn des 14. Jahrhunderts in seiner Abhandlung Convivio das Volgare als die 'neue Sonne', die das seiner Meinung nach "künstliche" (artificiale) Latein ersetzen kann, und entwickelt in De vulgari Eloquentia ein regelrechtes vademecum der Rhetorik des Volgare mit Bezugnahme auf Stil, Metrum und sonstige Komponenten (2003: 208-209). Während im 15. Jahrhundert immer noch eine Mehrheit der Italiener im Schriftverkehr Latein verwendet, sind lediglich die Toscana im Allgemeinen und Florenz im Speziellen bemüht, das Volgare zu verwenden und zu verbreiten (cf. Lubello 2003: 209).
Das erst im 20. Jahrhundert wiederentdeckte Manuskript (cf. Poggi Salani, 1988: 776) von Leon Battista Albertis Grammatichetta von 1434-43 enthält, so Lubello weiter, bereits gesammelte Erkenntnisse über die Regelmäßigkeiten, grammatikalische Regeln, und ein orthografisches System für die Lexik des Volgare (2003: 209) und ist damit die erste italienischsprachige grammatische Abhandlung (cf. Poggi Salani, 1988: 776). Der Certame Coronario, ein öffentlicher Wettstreit zur Frage nach der Natur des Lateins in Rom, den Leon Battista Alberti 1441 in Florenz organisiert, soll die hohe literarische Qualität des toskanischen Volgare zeigen (cf. Poggi-Salani 1988: 776), während die grammatichetta praktisch erklärend vorgeht und die korrekte Nutzung der Sprache darstellt. In der grammatichetta bezieht sich Alberti auf die vorherrschende Diskussion über die Natur des Lateinischen, und unterstreicht dabei die außerordentliche "Latinität" der Lexik des toskanischen Volgare (cf. Poggi-Salani 1988: 776). Im Volgare findet er die grammatischen Kategorien des Lateins wieder, fügt allerdings, Laut Poggi Salani, den bestimmten Artikel, das passato prossimo und den Konditional ein (1988: 776). Die Grammatik zeigt also, so Poggi-Salani, zugleich den lateinischen Ursprung des Volgare und seine Regelhaftigkeit auf (1988: 776). Außerdem wird nun zwischen sieben Vokalen unterschieden, die unterschiedliche Aussprache des "z" angepasst und die Nutzung des Artikels geregelt (cf. Poggi-Salani 1988: 776).
So entwickelt sich, laut Lubello, das 16. Jahrhundert mit seinen vielzähligen Grammatiken zu einem Jahrhundert der Norm ("secolo della norma") (2003: 209), in dem die sogenannte Sprachenfrage ("questione della lingua") (cf. Poggi Salani 1988: 776) vorherrscht. Grundlegend für diese ist die Notwendigkeit einer Vereinheitlichung des Volgare, da nun neben Florenz auch Venedig mit den ersten Ausgaben von Petrarcas Canzoniere (1501) und Dantes Divina Commedia (1502) zu einem Hauptdruckzentrum wird (cf. Lubello 2003: 210) und man nun mehr denn je auf eine einheitliche Sprache drängt.
Bei den nun erscheinenden Grammatiken können laut Lubello verschiedene Positionen unterschieden werden: In der ersten gedruckten italienischen Grammatik von Giovanni Francesco Fortunio (Regole grammaticali della volgar lingua, 1516) werden Regeln zum korrekten Scheiben und Sprechen aufgestellt, die sich auf zwei Bücher verteilen: Das erste Buch behandelt die Nomen und Adjektive, Pronomen und Artikel, Verben, Adverben und Konjunktionen und weist eine eher didaktisch-monotone Schreibweise auf. Das zweite Buch dagegen befasst sich nur mit der Rechtschreibung (cf. Poggi-Salani 1988: 776; auch cf. Lubello 2003: 210). Die Systematisierung des Volgare orientiert sich an den drei großen florentinischen Poeten Dante, Petrarca und Boccaccio (cf. Lubello 2003: 210) und ist damit Vorläufer für einige weitere Grammatiken.
Neben Fortunio setzen sich auch Niccolò Liburnio (Le vulgari elegantie, 1521) – der mit seinem Werk Le tre fontane di Messer Nicolò Liburnio in tre libri divise, sopra la grammatica, et eloquenzia di Dante, Petrarcha, et Boccaccio (1526) den Vorläufer für das erste Standardwörterbuch liefert – und Pietro Bembo in seinen Prose della Volgar Lingua (1525) für ein klassisches Volgare ein, das sich ebenfalls auf den alten, prestigeträchtigen und literarischen Texten aufbauen soll, was, so Lubello, zu einer Vereinheitlichung des gesprochenen und des geschriebenen Volgare führt (2003: 210). Bembos Werk nimmt im Gegensatz zu Fortunio eine strikte Trennung zwischen Prosa und Lyrik vor (cf. Lubello 2003: 210) und ist nicht didaktischer, sondern rhetorisch-normativer Natur. Es werden ein florentinischer Wortschatz sowie dialektische und lateinische Elemente aufgegriffen, wobei der Schwerpunkt auf den literarischen Stil der Sprache gelegt wird. Bembos Prose bestehen aus drei Bänden, von denen der dritte trotz mangelnder Schematisierung am ehesten als Grammatik bezeichnet werden kann (cf. Lubello 2003: 210). Darüber hinaus beeinflussen sie andere Schriftsteller nachhaltig und verzeichnen somit großen Erfolg. Lubello (2003: 211) führt als Beispiel dafür Ludovico Ariosto an, der in seiner Überarbeitung des Orlando Furioso für die dritte Ausgabe Korrekturen nach Bembos Grammatik vornimmt (cf. Lubello 2003: 211). Während Furtunio und Bembo laut Lubello als Vertreter eines Modells des Florentinischen des 14. Jahrhunderts angesehen werden können, orientieren sich die Werke der toskanischen Linie laut Lubello (2003: 211) an der "attenzione all'uso contemporaneo, intenti più esplicitamente glottodidattici, apertura verso il parlato".
Niccolò Machiavelli wendet sich dagegen in der Mitte des 16. Jahrhunderts in seinem Discorso o dialogo intorno alla nostra lingua (1555) von der Idee eines auf dem Florentinischen des 14. Jahrhunderts basierenden Volgare ab (cf. Lubello 2010), während Claudio Tolomei (Il Cesano (1555)) das gesamte Toskanisch ablehnt (cf. Lubello 2003: 210). Baldassar Castiglione (Il Cortegiano, 1528) trat wiederum laut Lubello (2003: 210) für eine an den Höfen gebrauchte Version des Volgare ein, während sich Trissino für eine "italienische" Sprache aussprach, die, Dantes volgare illustre folgend, auf allen Dialekten Italiens beruhen sollte (Dialogo del Trissino intitulato Il castellano: nel quale si tratta de la lingua italiana, 1529). Trissinos Grammatichetta (1529) zeichnet sich, nach Poggi Salani, durch ein grundlegendes Schema einer literarischen Sprache mit direkter Bezugnahme auf einige neue orthografische Besonderheiten und einer eher trockenen Morphologie aus (1988: 777). Dabei wollte Trissino, so Poggi Salani, eine ideale italienische Sprache erschaffen, bei der er sich nicht an den bisher kanonischen Werten orientierte (1988: 777).
Allen Ansätzen war, laut Lubello, dennoch gemein, dass sie einen stilistischen und literarischen Idealtypus einer Sprache forderten, der sich weniger auf eine Alltagssprache, denn auf eine rhetorische Öffentlichkeits- oder Schriftsprache anwenden ließ (cf. Lubello 2003: 210). La grammatica volgar dell'Ateneo (1533) von Marco Antonio Ateneo Carlino basiert laut Poggi Salani auf der Schriftsprache Petrarcas, Jacopo Sannazaros (L‘ Arcadia) und Pietro Bembos (Asolani). Aufgrund dieses Bezugsrahmens passiert es, wie laut Poggi Salani Corti festgestellt hat, dass bei Ateneos Grammatik ein provinzielles Ergebnis zur literarischen Form der Prosa wird, und ein florentinisches Ergebnis zur literarischen Form der Lyrik (1988: 777). Die Fondamenti del parlar toscano (1549) von Rinaldo Corso weisen eine phonologisch-morphologische Ausrichtung auf, in der sich Corso im Hinblick auf die Auswahl der Formen ebenfalls an Bembo und den drei großen florentinischen Dichtern orientiert und sich stilistisch auf den Stil der Prosa und Lyrik beschränkt. Seine Grammatik weist eine didaktische Struktur mit kleinschrittigen Regeln auf (cf. Poggi Salani, 1988: 777).
Die Osservazioni della volgar lingua (1550) von Lodovico Dolce behandeln im ersten Buch vor allem Aspekte der Morphologie und der Phonetik, Syntax sowie der Rhetorik. Die nachfolgenden Bücher beschäftigen sich, so Poggi Salani, mit der Rechtschreibung, Zeichensetzung und der Poetik (1988: 777). Im Verlauf der Grammatik stimmt Dolce Lobeshymnen auf Bembo und Fortunio an, lässt jedoch in Anlehnung an Corso scharfe Bemerkungen gegen Trissino fallen und zitiert aus den Werken Petrarcas und Boccaccios, sowie einiger zeitgenössischer Autoren (Poggi Salani 1988: 777-778). Obwohl Corso auf sprachlicher Ebene Kontinuität zu den Autoren des "goldenen" Zeitalters (cf. Poggi Salani 1988: 778) erreichen will, ist seine Grammatik nicht frei von oberflächlichen Betrachtungen und Ungenauigkeiten, wie zum Beispiel die von Poggi Salani genannte wenig genaue Unterscheidung vom Imperfetto, Passato Remoto und Passato prossimo, die in Corsos Worten "nur verwirrt" ("ma tutte queste differenze poi si confondono") (1988: 777).
Die Commentarii della lingua italiana (~1551, veröffentlicht 1582) von Girolamo Ruscelli beschäftigten sich im fünften Buch mit dem Beseitigen zeitgenössischer Fehler, die durch die Übernahme einiger Romanismen, Toscanismen und Lombardismen in der allgemeinen Sprache häufiger auftauchten (cf. Poggi Salani 1988: 778). Während, wie bei Poggi Salani dargestellt (1988: 778), im zweiten Buch größtenteils auf die grammatikalischen Vorläufer (unter anderem Bembo und Trissino) eingegangen wird, behandeln die restlichen commentari allgemeine Überlegungen zur menschlichen Sprache und rhetorische Beobachtungen.
Pier Francesco Giambullari präsentiert sich dann nach Lubello (2003: 211) in seinen Regole della lingua fiorentina (1552) als Vertreter einer neuen Ausrichtung, da er erstmalig das doppelte Erscheinungsbild einer Sprache, also neben ihrer schriftlichen Form die aktuell in Florenz gesprochene Sprache der hochgestellten Mitglieder der Gesellschaft (cf. Poggi Salani 1988: 778) fokussiert. Sein Werk richtet sich insbesondere an "forestieri" und "giovinetti" (Lubello 2003: 211) und weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die Florentiner keine Grammatik ihrer Muttersprache brauchten. Er räumt dabei der Syntax und der Rhetorik in Bezugnahme auf die Fonetik und Morfologie in seiner Grammatik außerordentlich viel Platz ein (cf. Poggi-Salani 1988: 778). Die gesprochene Sprache, die hier zum Ausdruck kommt, ist, so Lubello, jedoch nicht die Alltagssprache, sondern die gebildete, oder in Giambullaris Worten "quella dello uso comune delle persone qualificate che la parlano" (2003: 211). Allerdings dringtGiambullari, laut Lubello, mit seinem Vorschlag zu einer einheitlichen Sprache mit Orientierung am Gesprochenen nicht durch. "La scoperta della lingua parlata", so Lubello (2003: 211) kommt schließlich erst mit den Werken von Benedetto Varchi und Leonardo Salviati, der die Überlegungen von Varchi aufnimmt. Außerdem wird mit dem L‘Ercolano von Varchi die führende Position des Florentinischen begründet und mit dem neuen Kennzeichen der "lingua popolare" versehen (cf. Lubello 2003: 211).
Sprachtraktate
Französische Grammatiken und Sprachtraktate
Französische Grammatikographie vom 13.-16. Jahrhundert
Nach Swiggers (1988: 843) entstehen die ersten grammatischen Beschreibungen einer romanischen Sprache (l'ancien provençal) erst im 13. Jhd. Was das Französische betrifft, so gibt es laut Swiggers (1988: 843), mitunter sehr dürftige Abhandlungen zur Orthographie oder Morphologie (Substantiv und Verb) sowie einige thematische Wörterbücher, die auch Informationen zur Aussprache, liaison und élision enthalten:
- um 1250: "Traité de la conjugaison française"
- um 1300: "Tractatus orthographiae de T.H., Parisii studentis"
- um 1300: "Orthographia gallica"
- um 1300: Fragmente zur Grammatik und Konjugationstabellen
- um 1340: "Nominale sive verbale in Gallicis cum expositione eiusdem in Anglicis"
- um 1400: "Tractatus orthographie gallicane per M.T. Coyfurelly, canonicum, Aurelianum doctorem utriusque juris, de novo editus secundum modum et formam parisius" (Überarbeitung des "Tractatus orthographiae de T.H., Parisii studentis" (cf. Swiggers 1988: 844).
Des Weiteren gibt es, so Swiggers (1988: 844) mehrere Texte für die praktische Anwendung (Konversationsmodelle, Darstellungen der Buchstaben, Texte für Anfänger):
- um 1250/1290: "Le tretiz ki Munseignur Gauter de Bitheswey fist a ma dame Dyonise de Montechensi pour aprise de langage"
- Ende des 14. Jhd.: "Manières de langage"
Alle diese Abhandlungen entstehen, wie Swiggers (1988: 844) betont, in England (Französisch ist dort Verwaltungssprache) und zeugen von der Bemühung Französisch lernen zu wollen, wobei sich hier an der Pariser Norm orientiert wurde. Aus England stammt, so Swiggers (1988: 844) auch die älteste grammatische Abhandlung zum Französischen auf Französisch, nämlich der um 1400 entstandene und unvollendet gebliebene "Donait françois", der zur Grundlage der grammatischen Beschreibung des Französischen wurde. Erarbeitet wurde der „Donait françois“ laut Swiggers von Pariser Klerikern auf Anfrage von Johan Barton. Er diente vielen folgenden Grammatiken als Vorbild z.B. 1410 „Cy comence le Donait soloum douce franceis de Paris“, 1415 „Donati liber“. Aufgebaut ist der "Donait françois" nach Swiggers wie folgt:
Introduction
Classement des lettres
Les accidents des mots
- espèces de mots
- figures de mots
- le nombre
- la personne
- le genre
- la qualité
- le cas
- les degrés de comparaison
- le mode
- le temps
- le genre
Les parties du discours
- introduction
- suppositio des noms
- le nom
- le pronom
- le verbe
Die Buchstaben sind, so Swiggers (1988: 845) weiter, unterteilt in "cinq voielx" (fünf Vokale) und "quinse consonantez" (fünfzehn Konsonanten) und zum Teil mit Aussprachehilfen versehen. Danach folgt, so Swiggers, der morphologische Teil (Derivate, Komposita, Numerus, Genus, Fälle, Modus, Tempus, etc.). Im Anschluss daran erfolgt die Analyse der Redeteile (Nomen, Pronomen, Verben: Numerus, Modus, Tempus, Konjugation der französischen Verben; Bildung der Hilfsverben).
Nach Swiggers ist das Besondere am "Donait francois":
1. dass er die älteste Grammatik des Französischen ist
2. dass man sich zwar an der Grammatik des Lateinischen orientierte, aber das französische Sprachsystem nicht vollständig in das Lateinische übertragen werden konnte
3. damit ein metalinguistisches Modell für die Argumentation, die Präsentation und die Formulierung von Beschreibungen des Französischen eingeführt wird (cf. Swiggers 1988: 845).
Erst im 16. Jahrhundert erscheinen die ersten Beschreibungen des Französischen in Frankreich selbst. Diese Grammatiken orientieren sich laut Bierbach und Pellat (2003: 235) an der Sprache des französischen Königshofs und stützen sich auf die lateinischen Vorgänger des Engländers Linacre, des Italieners Julius C. Scaliger und des Spaniers Sanctius. Die französische Grammatikographie des 16. Jahrhunderts ist laut Pierre Swiggers (1988: 846) durch den Wunsch einer Normalisierung charakterisiert. Dieser Wunsch schlägt sich, so Swiggers, ebenfalls in der zentralistischen Politik und somit auf der Ebene der Verwaltung und der Gerichte nieder. So sollen nach einer Anordnung von Louis XII von 1510 und der Ordonnance de Villers-Cotterêts von 1539 Register, Erhebungen, Verträge, Ausschüsse, Rechtsurteile, Testamente sowie andere gerichtliche Schriftstücke und Leistungen in französischer Sprache verkündet, aufgezeichnet und ausgestellt werden (cf. Swiggers 1988: 846). Das Französisch aber hat zu Zeiten der Renaissance nach Swiggers (1988: 846) weder eine standardisierte Orthographie, noch einen schichtspezifischen Standard. Die grammatischen Beschreibungen des 16. Jahrhunderts wollen, laut Swiggers, unter Berücksichtigung der Beziehung zwischen gesprochener und geschriebener Sprache eine systematische und vereinheitlichende Beschreibung des Französischen bieten.
Swiggers (1988: 846) datiert die Veröffentlichung der ersten gedruckten französischen Grammatiken auf das 16. Jahrhundert. Ihre Mehrheit ist nach Swiggers deskriptiver Natur, sie zeigen dem Leser Regeln und Paradigmen auf, um ihn über die verschiedenen grammatischen Kategorien zu informieren. Bierbach und Pellat (2003: 235-236) führen dazu aus, dass sich die Grammatiker des 16. Jahrhunderts zwar am lateinischen Vorbild orientieren, aber bereits anfangen, Besonderheiten des Französischen, wie beispielsweise den Artikel hervorzuheben. Die Beschreibung der Morphologie entwickelt sich weiter, während die Syntax nach der Einschätzung von Bierbach und Pellat (2003: 236) noch einen begrenzten Platz einnimmt. Diese Beurteilung teilt auch Swiggers (2001: 486), der angibt, dass die Grammatiken von Palsgrave und Caucius sowie von Meigret, R. Estienne und Ramus zwar ausgezeichnete Beschreibungen der grammatischen Strukturen des Französischen enthalten, die syntaktischen Analyse im Allgemeinen jedoch noch unausgereift war.
Die Arbeit der Autoren dieser Grammatiken ist laut Swiggers dennoch sehr wichtig, zeigt sie doch, dass das Französische wie das Latein Regeln besitzt und fähig ist die Rolle einer Kultursprache zu spielen. Nach Swiggers (1988: 846) ordnet sich die Arbeit dieser Grammatiker deshalb auch implizit in das humanistische Projekt der Verteidigung und Veranschaulichung der Volkssprachen ein. Die Mehrheit der französischen Grammatiken des 16. Jahrhunderts geht laut Swiggers (1998: 847) direkt aus dem auf der Lektüre und Analyse von Texten basierenden Unterricht des Französischen hervor und ist praktischer Natur.
Eine Zusammenstellung der bei Swiggers (1998: 847; 2001: 485-486) und Bierbach und Pellat (2003: 235) genannten Grammatiken und Sprachbeschreibungen des Französischen des 16. Jahrhunderts ergibt folgende Aufstellung:
- Geoffroy Tory (1529): Champ Fleury, Paris
- Anonym (1529): Tres utile et compendieux traite de l’art et science d’orthographie gallicane
- John Palsgrave (1530): Lesclarcissment de la langue françoyse compose par maistre Jehan Palsgrave Anglos natyf de Londres et gradue de Paris
- Jacques Dubois (1531): Jacobi Sylvii Ambiani in Linguam Gallicam Isagwge, unà cum eiusdem Grammatica Latino-Gallica, ex Hebraeis, Graecis, & Latinins authoribus
- Gilles Du Wes (1532): An Introductorie for to lerne to rede, to pronounce, and to speke Frenche trewly
- Anonym (1533): Briefve doctrine pour deuement escripre selon la propriete du langaige francoys, Paris
- Étienne Dolet (1540) : Accents de la langue francoyse, Lyon
- Joannes Pillotus (1550): Gallicae linguae institutio
- Louis Meigret (1550): Le tretté de la grammere françoeze, fet par Louis Meigret Lionoes
- Robert Estienne (1557): Traicté de la grãmaire françoise
- Johannes Garnerius (1558): Institutio gallicae linguae, in usum juventutis germanicae
- Pierre de la Ramée (1562): Grammaire de P. De la ramee, Lecteur du Roy en l'Université de Paris
- Gérard Du Vivier (1566): Grammaire françoise, touchant la lecture, Declinaisons des Noms & Coniugaisons des Verbes
- Antonius Caucius (1570): Grammatica gallica
- Claude Fauchet (1581): Recueil de l'origine de la langue et poésie françoise
- Jean Bosquet (1586): Elemens ou institutions de la langue françoise
- Johannes Serreius (1598): Grammatica gallica
Die Grammatik von Jacques Dubois ist nach Bierbach und Pellat (2003: 235) die erste Grammatik des Französischen aus Frankreich. Sie ist in lateinischer Sprache verfasst und bemüht sich, die Ursprünge des Französischen aus dem Lateinischen aufzuzeigen. Dabei findet eine Orientierung an den "parties du discours" bei Donatus statt, allerdings werden mit Artikeln, Präpositionen und Verbformen bereits Besonderheiten der französischen Sprache im Unterschied zum Lateinischen aufgezeigt (cf. Bierbach / Pellat 2003: 235). Der tretté de la Grammere françoeze von Louis Meigret ist auf französisch geschrieben und entfernt sich, wie Bierbach und Pellat (2003: 235) ausführen, etwas mehr vom Modell des Lateinischen. Dem Artikel wird mehr Aufmerksamkeit gewidmet, außerdem wird auch auf syntatiktische Besonderheiten wie die Wortstellung eingegangen (cf. Bierbach / Pellat 2003: 235). Die Schriften von Meigret haben nach Bierbach und Pellat (2003: 235) einen starken Einfluss auf die Sprachanalyse von Petrus Ramus (Pierre de la Ramée). Bei Ramus werden laut Bierbach und Pellat (2003: 235) die Analyse der Sprache mit der Analyse des Denkens verbunden. Ebenso wie bei Meigret nimmt die Analyse der französischen Syntax einen wichtigen Platz ein (cf. Bierbach / Pellat 2003: 235).
In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts entstand nach Swiggers (2001: 486) auch die erste didaktische Grammatikographie des Französischen für die spanische Leserschaft. Dies lässt sich vor allem auf die Heirat zwischen Philippe II aus Spanien und Isabelle de Valois, die eine Faszination des Hofes für Madrid mit sich brachte, zurückführen, so Swiggers (2001: 487). Swiggers (2001: 487) verweist in diesem Sinne auf die Grammatik von Baltasar de Sotomayor 1565, die einer kontrastiven Grammatik zwischen dem Französischen und Spanischen entspricht.
Sprachtraktate
Bibliographie
Giesecke, Michael (1996 / 2006): "Der Buchdruck in der frühen Neuzeit. Eine historische Fallstudie über die Durchsetzung neuer Informations- und Kommunikationstechnologien. Kurzfassung für die Vorbereitung und Gestaltung des Unterrichts an allgemeinbildenden Schulen", in: Giesecke, Michael (ed.): Aufsätze, Rundfunkbeiträge und Dialoge zur Kulturgeschichte des Buchdrucks 1990 – 2004 auf CD-ROM. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1-19.
Giesecke, Michael (42006): Der Buchdruck in der frühen Neuzeit. Eine historische Fallstudie über die Durchsetzung neuer Informations- und Kommunikationstechnologien. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
- ↑ Nach Kloock und Spahr (1997: 241) verweist Havelock darauf, dass die Griechen "die Muse, die der Kunst ihren Namen gab, ganz richtig 'Tochter der Erinnerung'" nannten.