Buchdruck und Normierung: Unterschied zwischen den Versionen

Aus Buchdruck und Normierung
Wechseln zu: Navigation, Suche
(Verlinkungen zu Elisabeth Eisenstein wieder ergänzt)
 
(532 dazwischenliegende Versionen von 47 Benutzern werden nicht angezeigt)
Zeile 1: Zeile 1:
 +
Der Buchdruck wird von vielen als die größte Medienrevolutionen vor der heute stattfindenden digitalen Revolution verstanden. Zwischen beiden Medienrevolutionen werden Bezüge hergestellt und Vergleiche gezogen. Zudem wird der Buchdruck als determinierend für die Entwicklung der heutigen Nationalsprachen betrachtet. Bevor wir uns mit dem Buchdruck selbst beschäftigen, müssen wir uns erst einmal mit der Bedeutung von Medien anhand von verschiedenen Medientheorien beschäftigen.<br />
  
== Der Buchdruck als Medienrevolution im 15. und 16. Jahrhundert ==
+
Bei Giesecke stimmen die Jahreszahlen nicht. Bei dem herangezogenen Buch handelte es sich um die 4. Ausgabe. Die Angaben sollten lauten (1991 / <sup>4</sup> 2006)
  
=== Bedeutung von Literalität ===
+
--EB 20:51, 17. Apr. 2018 (CEST) Die Bibliographie muss überarbeitet werden; nicht alle Angaben sind korrekt
  
=== Bedeutung der Alphabetschrift ===
+
==Medien und Medienrevolutionen==
=== Bedeutung der Sinne und der Stellung des Autoren ===
+
Nach Kloock und Spahr (1997: 237) ist die Schrift eines der grundlegenden Medien in unserer Kulturgesellschaft, welches es uns ermöglicht Informationen zu erzeugen, zu speichern und zu verbreiten. Zudem ist sie "einer der 'Grundpfeiler' menschlicher (westlicher) Zivilisation." In dem Kapitel "Oralität und Literalität" wollen Kloock und Spahr die Forschungsergebnisse zu diesem Medium vorstellen. An diesen Forschungsergebnissen wird, so Kloock und Spahr (1997: 237), deutlich, "daß Reflektionen über die Medienabhängigkeit unseres Denkens, unserer Wahrnehmung, unserer Kultur so neu nicht sind."
Mit der Erfindung des Buchdrucks kommt laut Giesecke insbesondere der optischen Wahrnehmung des Menschen eine besondere Gewichtung zu: „Je mehr Wissen die Gesellschaft nach den neuzeitlichen Prinzipien in den gedruckten Büchern gespeichert hat, desto mehr prämiert sie das Auge und wertet andere Sinneserfahrungen ab“ (Giesecke 1996: 12). Diese erkenntnistheoretische Auffassung hebt sich, so Giesecke, selbstverständlich drastisch von der durch das christliche Mittelalter geprägten Zeit ab, die auf dem Prinzip der Verkündigungstheorie beruht und somit auf ein kommunikatives Grundkonzept zurückzuführen ist (vgl. Giesecke 1996: 12). Die Vorstellung der Gläubigen vom Erwerben „wahrer Erkenntnis“ basiert hier, laut Giesecke, auf der Annahme, dass Informationen entweder unmittelbar von Gott oder von Anderen verkündet werden: „Nicht das 'äußere' Auge, mit dem die Neuzeit ihr 'wahres Wissen' produziert, sondern das Hören auf 'innere' Stimmen, ermöglicht in der alten Zeit Erkenntnisgewinn“ (Giesecke 1996: 13). Ebenso wie Maria ihre Nachrichten durch Mittler wie Engel, Tauben, Träume oder Zeichen empfängt, erhalten auch die anderen Gläubigen ihre Botschaften (vgl. Giesecke 1996: 13).
+
  
In der Neuzeit hingegen ist Informationsbeschaffung nach Giesecke geprägt durch die Entschlüsselung der klassischen Selbsttypisierung von Autoren. Die Autoren fühlen sich, so Giesecke, "nicht mehr als 'stilum' Gottes und die Leser teilen die neue Einschätzung der Autoren“ (Giesecke 1996: 13). Das Erwachen des Autorenbewusstseins in der Neuzeit ist nach Giesecke (1996: 14) durch Wille und Sinn gekennzeichnet, die einen Schreiber „[...] zu einem unverwechselbaren Schöpfer von geistigen Werken“ machen.
+
===Kategorisierung von Medien===
 +
Der Ökonom Harold A. [[Harold A. Innis|Innis]] vertrat laut Kloock und Spahr (1997: 47) schon in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts die These, dass die Geschichte als Abfolge kultureller Epochen zu betrachten ist, die von den jeweils dominanten Kommunikationsmedien geprägt sind. Dies bedeutet, dass die Formen der sozialen Organisation, und im speziellen die Strukturen von Wissen und Herrschaft, von den Techniken der Kommunikation bestimmt werden.<ref>Kloock und Spahr (1997: 47) sehen diese Theorie als eine Mischung von Ökonomie und Epistemologie an, da aus den materiellen Eigenschaften der Medien sowohl Handlungsweisen und Machtgefüge sowie auch Möglichkeiten und Grenzen der Erkenntnis abgeleitet werden können.</ref> Laut [[Harold A. Innis|Innis]], so Kloock und Spahr (1997: 47), verursacht nämlich jedes Medium eine spezielle Tendenz der Kommunikation.<ref>[[McLuhan]] wurde laut Kloock und Spahr (1997: 46-47) von diesen Thesen inspiriert. Sie gaben ihm wichtige Anstöße zum Schreiben einer Medientheorie als Kulturtheorie.</ref>
 +
====Auf Zeit oder Raum bezogene Medien====
  
Nachdem sich die Kommunikation, wie Giesecke (1996: 9) ausführt, von einer Face-to-face-Situation bei öffentlichen Reden und Ansprachen hin zu einem neuen System der Informations-Übertragung in Buchform verändert hat, müssen die Leser (die neben den Autoren den zweiten Schnittpunkt zwischen Umwelt und Druckerzeugnis markieren) dementsprechend die Vorgehensweise ("Software") des Autors nachvollziehen können, um die im Buch enthaltenen Informationen im realen Leben (der Umwelt) anwenden zu können. Dabei muss, so Giesecke (1996: 11), eine gemeinsame Sprache gefunden werden, die es dem Autoren ermöglicht, seine Geschichte so zu erzählen, dass der Leser, eine ihm völlig fremde Person, diese ohne zusätzliche Erklärungen nachvollziehen und verstehen kann, auch wenn sie durchaus Strukturen beschreiben kann, die "im Verlauf der Jahrhunderte zerstört worden sind".  
+
 
Um diese Sprache zu erreichen, muss der Autor, laut Giesecke (1996: 10), abgesehen von der Beherrschung der Alphabetschrift, die Perspektive beachten, die er bei dieser Geschichte einnimmt. Giesecke (1996: 10-11) erläutert dies anhand eines Holzschitts von Albrecht Dürer, bei dem der Autor / Urheber als das Auge dient, das lediglich die Punkte festhält, die sich von der Netzhaut auf die Projektionsfläche (das Buch) übertragen lassen. Bücher werden also nach Giesecke (1996: 11) erst durch die Alphabetschrift in Kombination mit perspektivisch verständlichem Scheiben zu selbstständigen Kommunikationsmedien.
+
Grundsätzlich lassen sich nach [[Harold A. Innis|Innis]], so Klook und Spahr (1997: 47), Medien in zwei Kategorien unterteilen, nämlich in Medien, die sich entweder auf die Zeit oder auf den Raum beziehen. Erstere ermöglichen eine Kommunikation mit zeitlicher Orientierung und letztere eine Orientierung am Raum. Zu den zeitorientierten Medien rechnet Innis laut Kloock und Spahr (1997: 47) zum Beispiel Stein- oder Tontafeln <ref name="Stein- oder Tontafeln"> [http://papiergeschichte.freyerweb.at/frueh.html] Hier wird ein kurzer Überblick über frühe Schriftträger gegeben.</ref>  als "dauerhafte, aber schwer transportable Medien", Papier <ref name="Papier"> [http://papiergeschichte.freyerweb.at/vor.html] Hier wird ein kurzer Überblick über Vorläufer des Papiers und deren Eigenschaften gegeben.</ref> als kurzlebiges und leicht transportierbares Material ordnet er dagegen den raumorientierten Medien zu. An diese Unterscheidung schließen sich, laut Kloock und Spahr (1997: 47), zwei unterschiedliche Gesellschaftsformen an. Innis verbindet nämlich zeitorientierte Kommunikationsmedien mit Gesellschaftsformen, die auf Tradition, Dauer und Religion basieren und die sozial in stabile, hierarchische Strukturen gegliedert sind, raumorientierte Kommunikationsmedien hingegen werden mit expandierenden Reichen verknüpft, in denen die organisierte Zirkulation von Wissen zu wissenschaftlichem Fortschritt führt und welche eine abstrakte politische Autorität innehaben. Als Beispiele für erstere nennt [[Harold A. Innis|Innis]], laut Kloock und Spahr (1997: 47), Ägypten, welches als stabil, statisch und entwicklungsunfähig beschrieben wird, für letztere das neuzeitliche Europa, welches zwar dynamisch und innovativ ist, jedoch auch instabil. Beide Formen der Kultur werden so Kloock und Spahr (1997: 47-48) aufgrund der Dominanz einer Kommunikationsweise von Innis als problematisch angesehen, da eine ideale Gesellschaftsform nur durch eine Harmonie der Kommunikationsformen erreicht werden kann. Als Beispiel für eine solche ideale Gesellschaftsform wird von [[Harold A. Innis|Innis]], so Kloock und Spahr (1997: 48) das antike Griechenland angeführt, da dort während des Übergangs zwischen oraler und literaler Kultur ein Gleichgewicht zwischen  Raum- und Zeitorientierung hergestellt werden konnte.
 +
 
 +
====Heiße und kalte Medien====
 +
Auch [[McLuhan]] unterscheidet laut Kloock und Spahr (1997: 53-54) zwischen zwei Arten von Medien, nämlich „heiße“ Medien und „kalte“ Medien. Zu den „heißen“ Medien gehören bei [[McLuhan]] zum Beispiel das Buch, das Radio, der Film und die Photographie. Bei „heißen“ Medien geht es darum, dass sie nur einen Sinn erweitern. Sie sind reich an Details. „Kalte“ Medien sind bei [[McLuhan]] zum Beispiel Comics, die Karikatur, die Sprache oder auch das Telefon. Sie sind detailarme Medien und verlangen Ergänzungen bzw. Vervollständigungen. Vor- und Nachteile der beiden Arten von Medien wägt McLuhan so Kloock und Spahr (1997: 54) aber nicht ab. Sein Konzept der Wahrnehmung ist vielmehr auf ein harmonisches Zusammenspiel der Sinne gerichtet, welches zum Beispiel durch den Tastsinn erreicht wird, den [[McLuhan]] als eine dynamische Einheit des Empfindens versteht. Für [[McLuhan]] setzt so Kloock und Spahr (1997: 55) eine komplexe Wahrnehmung die maximale Beteiligung aller Sinne voraus. <ref>Da McLuhans Reflexionen im Kern wahrnehmungstheoretisch sind, sind sie laut Kloock und Spahr (1997: 56) auch noch heute aktuell.</ref>
 +
 
 +
===Einteilungen der Geschichte===
 +
Wie Kloock und Spahr (1997: 59) ausführen, teilt [[McLuhan]] die Geschichte in vier Epochen ein: in die „orale Stammeskultur“, die „literale Manuskript-Kultur“, die [[„Gutenberg-Galaxis“]] und das „elektronische Zeitalter“. Zäsuren zwischen den einzelnen Epochen werden dabei durch das Auftreten neuer Medien wie der Schrift, des Buchdrucks oder der Elektrizität markiert. Im Folgenden wird die Einteilung der Geschichte allgemeiner gefasst, indem die Phasen als Oralität, Literalität, Gutenberg-Galaxis und digitale Revolution bezeichnet werden. 
 +
 
 +
==== Oralität ====
 +
Die erste Epoche der „oralen Stammeskultur“ wird laut Kloock und Spahr (1997: 59-60) von [[McLuhan]] als eine „Welt des Ohres“ bezeichnet. Typische Eigenschaften dieser durch Oralität geprägten Kulturen sind für ihn „Dynamik, Diskontinuität und Simultaneität“. Das Sinnesorgan „Ohr“ erhält die größte Bedeutung für die Organisation des täglichen Lebens während andere, wie das Auge, in den Hintergrund treten. Daraus resultiert eine enge wechselseitige Abhängigkeit der verschiedenen Akteure voneinander. [[McLuhan]] geht laut Kloock und Spahr (1997: 60) sogar so weit, von einer „Tyrannei des Ohres über das Auge“ zu sprechen.
 +
 
 +
===== Oral-Poetry-Forschung=====
 +
Wie laut Kloock und Spahr (1997: 240-241) aus den Erkenntnissen der Oral-Poetry-Forschung hervorgeht, spielten in oralen Kulturen Rhythmus und Melodie für das Gedächtnis eine besondere Rolle, denn Sprache ist für das Gedächtnis einfacher zu replizieren, wenn sie durch Rhythmus und Melodie geleitet wird.  Kloock und Spahr beziehen sich dabei auf Milman [[Parry]]. Dieser hat in den 1930er Jahren nachgewiesen, dass ''Ilias'' und ''Odyssee'' Ergebnisse einer oralen Improvisationskunst und Mnemotechnik sind. Sie basieren nämlich auf mündlichen Kompositionsregeln. Diese sind in Form von metrisch zugeschnittenen Formeln, den sogenannten Hexametern strukturiert, welche aus Wortgruppen bestehen, bei denen beigefügten Adjektiven oder Attributen eine besondere Bedeutung zukommt. Als Beispiel führen Kloock und Spahr (1997: 241) das Adjektiv ''polymetis'' (klug) an, das als Attribut fortwährend bei Odysseus erscheint und ihn erst ins Metrum des Verses bettet. In der Folge kann Reimen als eine Mnemotechnik verstanden werden. Mit dieser Mnemotechnik erfolgte, wie Kloock und Spahr (1997: 241) ausführen, nach [[Parry]]s These kein wortwörtliches Memorieren, sondern nur das Erstellen eines Fundus an feststehenden Phrasen, welcher den groben Inhalt des Werkes vorgab. Dies ermöglichte dem jeweiligen Vortragenden metrisch korrekte Verse in endloser Zahl herzustellen und jeweils neu zusammenzustellen. Als Beleg für die starke Betonung auf Rhythmik und Melodie nennt [[Parry]] nach Kloock und Spahr (1997: 241) die Tatsache, dass Vorträge mit Musik und Tanz kombiniert wurden.<ref> Nach Kloock und Spahr (1997: 241) verweist [[Havelock]] darauf, dass die Griechen "die Muse, die der Kunst ihren Namen gab, ganz richtig 'Tochter der Erinnerung'" nannten.</ref> 
 +
 
 +
Kloock und Spahr (1997: 241-242) verweisen an dieser Stelle auf Albert [[Lord]], der 1960 in seinem Werk ''The Singer of Tales'', das 1965 mit dem Titel ''Der Sänger erzählt'' auf Deutsch erschienen ist, anhand von Tonaufzeichnungen slawischer Erzähldichtungen<ref>Diese Tonaufzeichnungen sind, so Kloock und Spahr (1997: 241) Bestandteil der [http://chs119.chs.harvard.edu/mpc/index.html Parry-Sammlung].</ref> Parallelen zu antiken, griechischen Dichtungen zog. Abhängig vom Publikum, der Stimmung des Poeten und anderen sozialen und psychologischen Faktoren wurden Dichtungen in Form von Liedern nämlich nie zweimal auf die selbe Weise vorgetragen.
 +
 
 +
===== Orale Noetik =====
 +
                                                           
 +
Mit der oralen Noetik beschäftigte sich laut Kloock und Spahr (1997: 242) zuerst Eric [[Havelock]]. Sein Interesse galt Kloock und Spahr (1997: 242) zufolge der Beschreibung der mentalen Strukturen des oralen Denkens, wobei Orale Noetik etwa mündliche Geistesverfassung bezeichnet. Laut Kloock und Spahr (1997: 243) ging [[Havelock]] aufbauend auf [[Parry]]s Forschungen davon aus, dass Wissen in der präliteraten Kultur narrativ übermittelt wurde, d. h. was als erinnernswert galt, wurde zum Inhalt von Erzählungen. [[Havelock]] meint, so Kloock und Spahr (1997: 243), dass der Mensch in einer schriftlosen Gesellschaft über komplexere Ursache-Wirkungsprinzipien nicht nachdenken und sie sich nicht merken muss. Deshalb galt in oralen Kulturen auch oft das Prinzip des "Deus ex machina", d. h. nicht erklärbare Phänomene wie Wettererscheinungen werden  den Göttern zugeschrieben. Dies ist für [[Havelock]], so Kloock und Spahr (1997: 243), ebenfalls die Ursache für den Animismus sogenannter primitiver schwarzer Völker. Oralen Kulturen fehlt nämlich laut [[Havelock]] die Fähigkeit zu einem kausalen Denken und zur Abstraktion, weshalb sie seiner Ansicht nach auch zu keinen großen technischen Leistungen wie dem Bau oder der Reparatur einer Maschine in der Lage sind. Weiterhin fehlen präliteraten Kulturen Objektivität und eine kritische Distanz. Sie werden stattdessen dominiert von Bildhaftigkeit und Emotionalität. In diesen Zusammenhang stellt [[Havelock]] nach Kloock und Spahr (1997: 244) auch die Tatsache, dass Angehörige oraler Kulturen sich nicht als autonomes Ich erfahren, sie also nicht in der Lage sind, sich zu erinnern, zu denken oder eigene Standpunkte zu vertreten. Dies erleichtert das Durchsetzen von moralischen Prinzipien und sozialen Regeln, da es zu keiner inhaltlichen Auseinandersetzung kommen kann. [[Havelock]] sieht nach Kloock und Spahr (1997: 244) den Dichter in  oralen Kulturen in der Rolle des "unhinterfragte[n], geistige[n] Führer[s], der in seinem Gedächtnis das verbindliche Wissen speicherte, verwaltete, organisierte und publizierte". Er spielte damit eine wichtige Rolle für das kulturelle Gedächtnis, wobei das wiedergegebene Wissen jedoch nicht kritisch, analytisch oder individuell hinterfragt wurde.
 +
 +
Auch Jack [[Goody]] beschäftigt sich mit der oralen Noetik. Jack [[Goody]] weist, so Kloock und Spahr (1997: 244), darauf hin, dass die auf das Mündliche bezogenen Kommunikationsformen geprägt werden durch eine stärkere Direktheit und Konkretizität. [[Goody]] sieht dies, laut Kloock und Spahr (1997: 244), in einem positiveren Kontext als [[Havelock]], denn seiner Meinung nach wird hierbei Wissen gründlicher sozialisiert. Benannt wird, so [[Goody]], lediglich, was von sozialer Bedeutung ist, der Rest wird vergessen. So kann es vorkommen, dass Mythen, Gottheiten und heiliges Wissen gemäß ihrer sozialen Funktion im Laufe der Zeit verschwinden oder sich verändern. [[Goody]] beschreibt, so Kloock und Spahr (1997: 245), die Speicherung von Wissen illiterater Kulturen damit, dass die Gegenwart ihre Ökonomie der Erinnerung einschreibt: Genealogien verändern sich beispielsweise zum Zwecke der Klärung von Rechtsstreitigkeiten, denn ohne Aufzeichnungen und Chronologien kann die Gesellschaft nicht in Konflikt mit ihrer Vergangenheit kommen.
 +
 +
Walter J. [[Ong]] relativiert diese Sichtweise. Er sieht laut Kloock und Spahr (1997: 245) einen Zusammenhang zwischen der Mentalität oraler Kulturen und deren Artikulationsweise. Die Faktoren, an denen sich [[Ong]] dabei orientiert, sind nach Kloock und Spahr (1997: 245):
 +
# ein additiver Satzstil
 +
# ein weniger syntaktischer Satzstil
 +
# die Kennzeichnung des Satzstils durch Klischees (wiederkehrende Formeln)
 +
# die Redundanz
 +
Letztere wird hierbei als das markanteste Merkmal hervorgehoben.
 +
 
 +
Redundanz steht für [[Ong]], so [[Kloock und Spahr]] (1997: 245-246) im Zusammenhang mit der Flüchtigkeit der gesprochenen Worte, welche unmittelbar nach ihrem Ausspruch verfliegen. Um erinnert zu werden, muss eine Aussage also nicht nur eingängig und formelhaft sein, sondern mehrfach wiederholt werden. Diese Notwendigkeit führt Ongs Meinung nach, so [[Kloock und Spahr]] (1997: 246), zu einer traditionalistischen und konservativen Denkweise, denn neues Wissen zu erringen und dieses zu speichern ist mühsam und aufwändig. Skepsis gegenüber intellektuellen Experimenten und neuen Denkweisen ist die Folge. Geistige Arbeit bedeutet in oralen Kulturen vielmehr Erinnerungsarbeit. So besitzen diese auch keine analytischen Kategorien, sondern das Denken geschieht stets in einem unmittelbaren Lebens- und Handlungszusammenhang.
 +
 +
Alexander Romanowitsch [[Lurija]] hatte, so Kloock und Spahr (1997: 246-247) schon 1931/32 Feldstudien in Usbekistan und Kirgisien durchgeführt, in welchen er feststellte, dass illiterate Kulturen oder Personen keine Abstraktion kennen, sondern beispielsweise für geometrische Figuren stets Bezeichnungen von vertrauten Objekten verwenden. Weiterhin fand [[Lurija]] laut Kloock und Spahr (1997: 247) heraus, dass kategoriales Denken für illiterate Kulturen oder Personen unwichtig ist und sie nicht zu Syllogismen - also "Schlußfolgerungen auf Grund von übermittelten Aussagen" - in der Lage sind. Ihr Denken ist dagegen geprägt durch konkrete Lebenserfahrungen. Weiterhin fehlen ihnen Selbsteinschätzung und Selbstwahrnehmung: Sie können ihre Persönlichkeit oder ihren Charakter nicht selbst benennen.
 +
 +
Für [[Ong]] zeigen laut Kloock und Spahr (1997: 247) die Forschungen von Alexander Romanowitsch [[Lurija]], dass sich illiterate Kulturen nicht mit Dingen wie geometrischen Figuren, abstrakten Kategorien, formallogischen Denkprozessen, Definitionen oder zergliedernden Selbstanalysen auseinandersetzen, da diese dem text- bzw. schriftgeprägten Denken entspringen. Der orale Mensch lebt stattdessen in einer Welt der Intersubjektivität und Ganzheitlichkeit.
 +
 +
Über den Unterschied zwischen nicht schriftlicher und schriftlicher Informationsüberlieferung philosophierte, so Kloock und Spahr (1997: 247), schon [[Plato]]. Für ihn garantierte, laut Kloock und Spahr (1997: 248) ausschließlich die mündliche Rede eine zuverlässige Übermittlung und Aneignung von Wissen. Der Kern liegt hier in der Interaktion zwischen Redner (Lehrer) und Gegenüber (Schüler), von denen stets einer weiß und der andere Fragen stellt. Texte hingegen, so [[Plato]] nach Kloock und Spahr (1997: 248), antworten nicht, wenn man ihnen Fragen stellt. Die Schrift bedeutete für [[Plato]] nach Kloock und Spahr (1997: 249) die Trennung des Wissenden vom Wissen, sie war für ihn oberflächlich, undialektisch, unanalytisch und erzeugte Missverständnisse, außerdem schwächte sie das Gedächtnis.
 +
 
 +
==== Literalität ====
 +
Mit der Einführung der Schrift, besonders der phonetischen Alphabetschrift, die aufgrund der Bedeutungslosigkeit des einzelnen Zeichens einen hohen Grad an Abstraktion aufweist, findet, so Kloock und Spahr (1997: 60), für [[McLuhan]] der Wandel hin zur „Manuskript-Kultur“ statt. Die nun vorhandenen Möglichkeiten zur räumlichen Darstellung und Wahrnehmung von Wissen bilden laut [[McLuhan]] „die Grundlage für das Erkennen von Regel- und Gesetzmäßigkeiten“. Während in der Oralen Kultur vor allem das Ohr als Sinnesorgan bedeutsam war, so McLuhan, laut Kloock und Spahr (1997: 61-62) weiter, sind in der Manuskript-Kultur nun mehrere Sinne beteiligt, da mittelalterliche Handschriften aufgrund ihrer Beschaffenheit vor allem laut vorgelesen werden. Bücher sind noch kein Massenprodukt, sondern wertvolle Einzelstücke, die in mühevoller Handarbeit kopiert werden. Dabei kommt es oft zu Veränderungen oder Ergänzungen durch den Abschreibenden, sodass diese Texte im Ergebnis oft eine große Heterogenität an sprachlichen Stilen und rhetorischen Mitteln aufweisen.
 +
 
 +
===== Schrift als Notationssystem =====
 +
 
 +
Vor etwa 7000 Jahren begann, wie [[Kloock und Spahr]] (1997: 237) unter Bezug auf Harald [[Haarmann]]s ''Universalgeschichte der Schrift'' von 1990 ausführen, die Schriftkultur der Menschheit. Die meisten Sprachen besitzen, laut Kloock und Spahr (1997: 237), aufgrund fehlender Verschriftlichungen keine Literatur, weshalb es auch keine Zeugschaft ihrer Existenz gibt. Lediglich 13% aller lebenden Sprachen sind, so [[Kloock und Spahr]] (1997: 237) verschriftet. Die ältesten dokumentierten Schriftfunde stammen, so Kloock und Spahr (1997: 237) aus Ägypten und Mesopotamien. Dabei handelt es sich um Zeichen, Erinnerungsspuren und Wiedererkennungsmerkmale.
 +
 
 +
Die Schriftforschung unterscheidet, laut [[Kloock und Spahr]] (1997: 237-238), zwischen piktographischen, ideogrammatischen Schriften und Silbenschriften und deren Mischformen. [[Kloock und Spahr]] (1997: 238) geben zu Bedenken, dass nicht jedes semiotische Zeichen laut sprachwissenschaftlicher Definition auch als Schrift gilt, Schrift erfordert nämlich ein System visueller Zeichen, welches genau kodiert sein muss. Von Schrift kann erst gesprochen werden, "wenn Schriftzeichen beginnen, Phoneme zu repräsentieren, also die menschliche Rede selbst, ihr Klang, notiert wird." Nach [[Kloock und Spahr]] (1997: 239) geben Buchstabenzeichen, die für Einzellaute stehen, Sprache am genauesten wieder.
 +
 
 +
Die Buchstabenschrift der Phönizier gilt als erste Buchstabenschrift und bildet, so Kloock und Spahr (1997: 239) die Basis für viele andere semitische Schriften. Die semitischen Schriftsysteme kennen laut [[Kloock und Spahr]] (1997: 239) jedoch keine Buchstaben für Vokale, erst die Griechen konnten diese in ihr Alphabet einbetten. Mit ihrem Alphabet konnten die Phoneme nun so sortiert werden, dass sie mit Hilfe eines Zeichensystems, welches 20 bis 30 Zeichen umfasst, eindeutig darstellbar und lesbar waren. Nicht phonetische Schriftsysteme benötigen im Gegensatz dazu einen riesigen Vorrat an Zeichen.
 +
 
 +
Die Schrift stellt, laut [[Kloock und Spahr]] (1997: 240) für viele Gesellschaften den zentralen kulturellen "Gedächtnisspeicher" dar, d. h. Schrift als solche ist eine Mnemotechnik, die einen Akt des Wiedererkennens und Erinnerns garantiert.
 +
 
 +
=====Phonetisches Schriftsystem=====
 +
 
 +
Indem er die Überlegenheit der gesamten westlichen Kultur als Ergebnis eines Mediums, nämlich des phonetischen Schriftsystems begreift, vertritt [[Havelock]] nach [[Kloock und Spahr]] (1997: 250) die weitreichendste medientheoretische These. Die Griechen schufen seiner Meinung nach nicht nur ein besonderes Schriftsystem, sondern auch die Grundlage für Literalität und die literale Grundlage des modernen Denkens. <br />
 +
 
 +
Nach [[Havelock]] besteht, wie [[Kloock und Spahr]] (1997: 250) ausführen, die Einzigartigkeit dieses Schriftsystems in der vollständigen und flüssigen Wiedergabe von gesprochener Rede. Diese Wiedergabe war zum ersten Mal kontextunabhängig, da sich das Alphabet ausschließlich auf den Klang bezieht. Dieser wird in kleinste Einheiten gespalten und direkt auf räumliche Äquivalente reduziert. Wenige, aber präzise Schriftzeichen bedingen eine gute Lesefertigkeit, die eine enorme Demokratisierung ermöglichen kann. Literalität verliert so ihren Elitestatus, Schreiber und Beamte werden abgelöst und das Schreiben an sich wird nicht mehr als geheime und magische Fähigkeit begriffen. <br />
 +
 
 +
Die akustische Effizienz des Alphabetes ermöglicht nach [[Havelock]], so [[Kloock und Spahr]] (1997: 250-251), die Automatisierung des Lese- und Schreibprozesses, da die einzelnen Zeichen bedeutungslos und eindeutig festgelegt sind, weshalb sie schnell erkannt und flüssig gelesen werden können. Einen weiteren Vorteil des Alphabets sah [[Havelock]], laut Kloock und Spahr (1997: 251) darin, dass nun auch andere Sprachen im selben Schriftsystem ausgedrückt, Übersetzungsprozesse beschleunigt und immer mehr Texte zwischen verschiedenen Kulturen ausgetauscht werden konnten. Zudem lagen aufgrund der Ablösung oraler Mnemotechniken durch die flüssige Transkription mündlicher Berichte Aussagen nun als Artefakte vor und mussten nicht mehr gemerkt werden. Die damit verbundene Freisetzung geistiger Energien führte nach [[Havelock]], wie [[Kloock und Spahr]] (1997: 251-252) sagen, zu einer starken Expansion des Wissens, denn dem Menschen wurde dadurch nicht nur die Last des Erinnerns genommen, sondern neue, unerwartete und unvertraute Aussagen und Ideen wurden produziert, die dann auch wieder gelesen werden konnten. <br />
 +
 
 +
Nach [[Kloock und Spahr]] (1997: 252-253) gewinnt der abendländische Mensch bei [[Havelock]] vor allem Verfügungsgewalt über sein Gedächtnis. Sowohl eine kritische Distanzierung zwischen Wahrnehmen und Denken als auch eine Art Selbstbewusstsein werden ermöglicht. Die Schrift bringt also die Selbstreflektion mit sich, der Mensch nimmt sich als autonomes Selbst und nicht mehr als ein der Natur und dem Schicksal ausgeliefertes Wesen wahr. Das Gedächtnis des Menschen wird erstmals frei für individuelle Reflexion und Erinnerung, womit auch die These einhergeht, dass Schrift und Seele eine Allianz darstellen. <br />
 +
 
 +
Orale Gesellschaften passen sich nach [[Kloock und Spahr]] (1997: 252) stets aktuellen Gegebenheiten an und löschen nicht mehr benötigtes oder widersprüchliches Wissen. Dieser Vorgang wird laut [[Kloock und Spahr]] (1997: 252) von [[Goody]] und Watt als "strukturelle Amnesie" bezeichnet. In einer Schriftkultur hingegen wächst, so Kloock und Spahr (1997: 252), das Repertoire an Büchern und Quellen stetig, wodurch die Selektion aus der Masse zunehmend problematisch wird. [[Kloock und Spahr]] (1997: 252) nennen zwei Bereiche intellektueller Techniken, die die Griechen nach [[Goody]] entwickelten: die Epistemologie, welche Wahrheit von Meinung zu trennen versucht, und die Taxonomie, welche Gebiete des Wissens und der Erkenntnis unterscheidet. <br />
 +
 
 +
Die genannten Medientheorien schreiben nach [[Kloock und Spahr]] (1997: 253) also der Alphabetschrift eine grundlegende Transformation sowohl der Wahrnehmung und des Denkens als auch der Struktur kultureller Überlieferungen zu. Sprache wurde durch diese Alphabetschrift objektiviert und standardisiert. Darüber hinaus ermöglicht sie die Herausbildung komplexerer gesellschaftlicher Organisationsformen und strukturiert Politik, Ökonomie und Religion. Schrift wird als Mittel der "Wirklichkeitsbewältigung und der herrschaftlichen Repräsentation" gesehen. Gesetze und Anordnungen werden festgehalten, Verhaltensregeln und Kommunikationsanweisungen fixiert. Die Schrift wird zum beherrschenden, ordnenden und kontrollierenden Medium.<br />
 +
 
 +
[[Kloock und Spahr]] (1997: 254) gehen zum Schluss noch auf die Kritik von [[Lévi-Strauss]] ein. Dieser sieht, so [[Kloock und Spahr]] (1997: 254), die Schrift nämlich nicht als das kulturbringende Moment an, sondern die Entdeckung der Landwirtschaft und Viehzucht. Durch die Schrift änderte sich seiner Meinung nach das Wissen nur, es wuchs aber nicht wirklich an. Lediglich die Gründung von Städten und Reichen sieht er als Folge der Entwicklung der Schrift, ebenso wie die Integration vieler Menschen und deren Einteilung in Klassen. [[Lévi-Strauss]] verweist in diesem Zusammenhang laut [[Kloock und Spahr]] (1997: 254) besonders auf China und Ägypten, da dort seiner Meinung nach tausende Menschen zugunsten des Baus von Denkmälern ausgebeutet wurden, was nur in Schriftkulturen möglich ist.
 +
 
 +
==== Die Gutenberg-Galaxis ====
 +
 
 +
Die Erfindung und Entwicklung des Buchdrucks und die damit einhergehende „Mechanisierung der Schreibkunst“ lässt, wie [[Kloock und Spahr]] (1997: 62-63) ausführen, in den Augen von [[McLuhan]] das Buch von einem einmaligen Wertgegenstand zu einem „Massenprodukt“ und „Konsumgut“ werden. Mit der maschinellen Umsetzung einer ehemaligen "Handfertigkeit" verändert sich für ihn aber nicht nur die Produktion von Büchern, sondern es geht damit auch eine gewisse Statik des Denkens einher. Die Merkmale dieser Technologie und somit der neuen Epoche sind nach [[Kloock und Spahr]] (1997: 63) für [[McLuhan]] „Kontinuität, Homogenität und Wiederholbarkeit“. Gleichzeitig findet wieder eine Konzentration auf ein einzelnes Sinnesorgan statt, nämlich das Auge, weshalb [[Kloock und Spahr]] (1997: 63) von einer "Dominanz des Gesichtssinns" sprechen. An die Stelle der offenen Wissensstrukturen der oftmals anonymen Manuskripte treten laut [[McLuhan]], so [[Kloock und Spahr]] (1997: 63), nun Autoren, die einen festen Standpunkt vertreten. Mit dieser Individualisierung sind nach [[McLuhan]], wie [[Kloock und Spahr]] (1997: 63-64) fortfahren, auch das Auftauchen "starrer Haltungen" sowie die Konzentration auf bestimmte Aspekte unter Vernachlässigung anderer verbunden. Mit der neuen Art, Wissen zu verbreiten und zu vervielfältigen, geht so [[Kloock und Spahr]] (1997: 64) für [[McLuhan]] auch eine neue Art und Weise zu denken einher, die ebenso wie die Typografie einem Uniformierungsprozess unterliegt. Des Weiteren spielen laut [[McLuhan]] nach [[Kloock und Spahr]] (1997: 64-65) durch den Buchdruck ermöglichte räumliche, systematisierende Darstellungen wie Schemata und Diagramme eine wichtige Rolle bei der Entwicklung einer zunehmend rationalen und formalisierten Wissenschaft. Diese neuartige Wissenschaft, die sich auf der Grundlage der vom Buchdruck angestoßenen Uniformierungsprozesse in Sprache, Denken und Wissen entwickelt, orientiert sich laut [[McLuhan]], so [[Kloock und Spahr]] (1997: 65), zunehmend am empirisch Messbaren, an der mathematischen Logik und einer formalisierten Beweisführung. Dabei konstatiert [[McLuhan]] so [[Kloock und Spahr]] (1997: 65) eine "Trennung von Gefühl und Verstand".
 +
 
 +
Die Einführung der gedruckten Schrift führt nicht nur zu einer Vereinheitlichung des Schriftsystems, sondern laut [[Kloock und Spahr]] (1997: 255), die sich hierbei auf [[McLuhan]] beziehen, auch zu einer "Uniformierung der Wahrnehmungs- und Darstellungsstile" der westlichen Zivilisation auf Kosten verschiedenster "Bedeutungs- und Wahrnehmungsmöglichkeiten". Eine Begleiterscheinung des Buchdrucks, so [[McLuhan]], [[Kloock und Spahr]] (1997: 255) zufolge, ist der Durchbruch der euklidischen Perspektive, die einerseits zum Charakteristikum der Moderne wird und andererseits eine fixierte Sichtweise der Menschen auf die Welt erzeugt. Damit einher geht für [[McLuhan]], [[Kloock und Spahr]] zufolge (1997: 255), die Verstumpfung und Unterentwicklung des synästhetischen Empfindungsvermögens hin zu einer sich visuell quantifizierenden und homogenisierten Gesellschaft; oder wie es [[Kloock und Spahr]] (1997: 255) ausdrücken: "Mit der Typographie als Leitmedium einer Kultur werden Welten von Bedeutungs- und Wahrnehmungsmöglichkeiten geopfert". Der Buchdruck nämlich ist für [[McLuhan]] nach [[Kloock und Spahr]] (1997: 255) Auslöser für die hegemoniale Stellung des "quantifizierenden Augensinns" gegenüber den anderen Sinnen, die in oralen Kulturen sehr viel ausgeprägter zu sein scheinen. Eben diese durch die Typographie hervorgerufene Homogenisierung schafft, so [[Kloock und Spahr]] (1997: 256) nach [[McLuhan]] die Grundpfeiler für ein "umfassendes Markt- und Preissystem", welches wiederum den Prozess der Vereinheitlichung durch seine Verbreitungsmöglichkeiten begünstigt.
 +
 
 +
Einen weiteren wesentlichen Einfluss der Druckerpresse stellt [[McLuhan]] nach [[Kloock und Spahr]] (1997: 65-66) bei der Herausbildung von Nationalbewusstsein fest. Der Buchdruck hat nämlich in seinen Augen zu einer Vereinheitlichung von Orthografie und Grammatik und somit zu einer Normierung der Sprache geführt, welche die Grundlage für Nationalliteratur bildet. Zudem wird die Landessprache zum „Massenmedium“, zu einem Mittel „der zentralen staatlichen Lenkung der Gesellschaft“. Medien wie Flugschriften und Bücher können schließlich durch den Buchdruck schnell vervielfältigt werden und somit eine große Zahl von Menschen erreichen. Für [[McLuhan]] werden nach [[Kloock und Spahr]] (1997: 66) dadurch zwei gegensätzliche Effekte hervorgerufen: Einerseits wird mit dem Auftauchen des modernen "Autors" die Entwicklung des Individualismus begünstigt, andererseits führt das Massenmedium Buch auch zu einem "rigorosen Zentralismus".
 +
 
 +
Auch historische Ereignisse wie die Französische Revolution sind, so [[Kloock und Spahr]] (1997: 66-67), [[McLuhan]] zufolge auf den Buchdruck zurückzuführen. So entspricht beispielsweise die Forderung nach Gleichheit der durch das moderne Buch vorangetriebenen „Gleichschaltung des Lebens und der Einzelnen“. Wenn gleiche Rechte für alle gefordert werden, so ist dies, so [[Kloock und Spahr]] (1997: 67), für [[McLuhan]] nur durch Anpassung der Einzelpersonen an ein gemeinsames Schema möglich. Wer sich dieser Anpassung nicht unterziehen möchte, erfährt Ausgrenzung. Den freien Bürger charakterisiert [[McLuhan]] laut [[Kloock und Spahr]] (1997: 67) wie folgt: "'individuell, uniform, gleichgeschaltet, angepaßt' und 'visuell'". Diese „Enge der Uniformität“ ist für [[McLuhan]] ein Negativmerkmal der „Gutenberg-Galaxis“, der er, so [[Kloock und Spahr]] (1997: 67), insgesamt äußerst kritisch gegenübersteht.
 +
 
 +
In ihrem zweibändigen Werk ''The Printing Press as an Agent of Change – Communication and Culture Trasnformations in Early-Modern Europe'', das 1979 veröffentlicht wurde, betrachtet Elizabeth Eisenstein laut Kloock und Spahr (1997: 256) die Geschichte des Buchdrucks unter einem zivilgeschichtlichen Blickwinkel, wobei sie versucht die gesellschaftlichen Veränderungsprozesse in der Wirtschaft, Politik und Reformation näher zu durchleuchten.
 +
 
 +
Michael Giesecke greift, so Kloock und Spahr (1997: 256) einige zentrale Ansatzpunkte von Eisenstein in seinem 1991 erschienenen Buch ''Der Buchdruck'' ''in der frühen Neuzeit'' auf. Giesecke will, so Kloock und Spahr (1997: 257) die Typographie als Leitmedium in ein "komplexes System bzw. Kommunikationsmodell" eingebettet wissen, denn nur so sei es möglich zu verstehen, weshalb der Buchdruck in Europa von so großem Erfolg geprägt war und welche gesellschaftlichen Veränderungen er mit sich brachte, während sich beispielsweise in Asien, wo die Technik des Druckens bereits lange vor Gutenbergs Erfindung bekannt war, die Kommunikationsverhältnisse nicht änderten.<ref>Nach Denis Twitchett (1994: 54), war der Buchdruck in China schon sehr lange bekannt (erste Zeugnisse wurden noch vor 751 gedruckt), allerdings wurden dazu Holzdruckstöcke benutzt und nicht bewegliche Buchstaben. Jeder Druckstock umfasst, so Twitchett (1994: 54), den Text einer Doppelseite, kann allerdings nur durch Abschleifen und komplette Neuerstellung verändert werden. Nach Twitchett (1994: 60) wurden für den Druck der ersten Auflage der buddhistischen Schriften 130.000 Holzstöcke benötigt.<br />
 +
Die älteste erhaltene Beschreibung der Drucktechnik mit beweglichen Buchstaben stammt nach Twitchett (1994: 60) von Shen Kua (1030-1094). Sie wird auch im Laufe der Zeit immer wieder aufgegriffen, bleibt allerdings immer ein Randphänomen. Twitchett (1994: 64) begründet dies mit der chinesischen Typographie. Der chinesische Zeichenvorrat ist nämlich praktisch unbegrenzt. Selbst heute benötigt, so Twitchett (1994: 64) weiter, ein chinesischer Drucker einen aktiven Bestand von 8.000 Zeichen, und selbst für Zeitungen werden immer noch 5.000 Zeichen benötigt. Hinzu kommen, nach Twitchett (1994: 64), noch Sonderzeichen für beispielsweise Eigennamen, die jedesmal eigens hergestellt werden müssten, weshalb auch kein chinesischer Drucker jemals einen "vollständigen" Letternsatz besessen hat, der alle chinesischen Schriftzeichen enthielt.<br />
 +
Nach Twitchett (1994: 64) gab es 1313 einen chinesischen Drucker namens Wang Chen, der die Anzahl der für den normalen Druck notwendigen Lettern auf mehr als 30.000 schätzte. Nach Twitchett (1994: 64) gab dieser Drucker, Wang Chen, noch an, dass er für den Druck der offiziellen Geschichte des Bezirks Ching-te in Anhwei mehr als 60.000 Zeichen hatte schneiden lassen. Allein die Herstellung dieser enormen Menge an Druckzeichen hatte zwei Jahre gedauert.</ref> Für Giesecke steht nämlich, so Kloock und Spahr (1997: 257-258) weiter, der Erfolg einer Technologie in interdependeter Beziehung zu der ihr von der Gesellschaft bei der Umsetzung gesellschaftlicher Ansprüche beigemessenen Bedeutung. Nach Giesecke gelingt es dem Buchdruck, so Kloock und Spahr (1997: 258), zwei wesentliche Bestrebungen der damaligen Gesellschaft zu befriedigen. Zum einen die Demokratisierung des Wissens und zum anderen die Vision einer nationalen Kommunikationsgemeinschaft.
 +
 
 +
Die Verallgemeinerung des Wissens lässt sich laut Giesecke, wie Kloock und Spahr (1997: 258) fortfahren, allerdings nur aufgrund einer sich abzeichnenden Marktwirtschaft denken, die nunmehr das Wissen reguliert.
 +
Zuvor oblag laut Giesecke, so Kloock und Spahr (1997: 258), die Kontrolle des Informationsflusses in den Händen sogenannter "Verkündigungsinstanzen", die darüber entschieden, worüber und wie die Bevölkerung informiert wurde. Als Beispiel führen Kloock und Spahr (1997: 258) mit Giesecke die theologische "Verkündigungsinstanz" an, die vordergründig durch die päpstliche Kirche in Rom repräsentiert wurde und dabei monopolisierend die Produktion sowie Rezeption von theologischen Texten regulierte.
 +
Durch die Entwicklung des Buchdrucks wurde Giesecke zufolge, wie Kloock und Spahr (1997: 258) fortfahren, dieser Form von Machtanspruch ein Ende gesetzt, schließlich ermöglichte er eine Umschichtung der Kommunikationsverhältnisse, denn von nun an lag es in der Macht der freien Marktwirtschaft zu entscheiden, welche Informationen sich durchsetzen und welche nicht. Damit vollzieht sich laut Kloock und Spahr (1997: 259) in den Augen Gieseckes "der Übergang von einem autoritär und hierarchisch organisierten Informationssystem hin zu einer Selbstregulation", denn die freie Entfaltung von Wissen erforderte auch die Entwicklung – von Seiten der Konsumenten – einer bestimmten Selbstständigkeit, die das Nutzen der Informationsverbreitung ermöglichen sollte. Um autonom dessen Nützlichkeit zu erkennen und umzusetzen, musste nach Giesecke, so Kloock und Spahr (1997: 259) zunächst beim Buchdruck eine Form von Generalisierung garantiert werden, sodass die gedruckten Informationen für jeden lesbar und verständlich waren. Im Gegensatz zu bisherigen Kommunikationssystemen (mündlichen oder skriptographischen), die keinen Wert auf eine territorial übergreifende Standardisierung legten, sollte von nun an die Schrift überall identisch verbreitet werden.
 +
Laut Giesecke, so Kloock und Spahr (1997: 259), ist eine Standardisierung von Benennungen, Orthographie und Zeichensystem ausschlaggebend für die Verbreitung von Wissen. Erst durch diese Standardisierung können sich, so Kloock und Spahr (1997: 259) mit Giesecke, "Kodierungsformen" entwickeln, über die sowohl Sender, Empfänger und Prozessoren gleichsam verfügen, sodass Informationen flächen- und sprachenübergreifend kommuniziert werden können.
 +
 
 +
Auch das gesellschaftliche Verlangen nach einer nationalen Kommunikationsgemeinschaft sieht Giesecke, so Kloock und Spahr (1997: 259-260), durch den Buchdruck begünstigt, denn die Gutenberg-Erfindung "technisiert ein Zeichensystem, indem es in Blei gegossen und als Lettern in einem Setzkasten abgelegt wird". Damit kommt es laut Giesecke, so Kloock und Spahr (1997: 260) zu einer "endgültigen Standardisierung der Phonem-Graphem-Beziehung" und zu einem "Bedürfnis nach einer beständigen Reflexion der Schreib- und Sprachnormen", das sich in speziellen Handbüchern, Grammatiken, Wörterbüchern etc. niederschlägt und mit der Zeit zu verbindlichen Regeln des Sprachgebrauchs in den Köpfen der Menschen führt. Zudem wird, so Kloock und Spahr (1997: 260), wie Giesecke sagt, der "römisch-lateinische Zentralcomputer" durch "dezentrale nationale Speicher" abgelöst. Dadurch dass die typographischen Standardsprachen sich zum "Symbol der Einheit" entwickeln, kann nach Giesecke, so Kloock und Spahr (1997: 260-261) die Sprache nun zum "Identitätsstifter der Nation" und zum Bilder einer Sprachgemeinschaft werden. "Dem Kode des Typographeums" wird also, wie Kloock und Spahr (1997: 261) es ausdrücken, die Macht zugeschrieben, "soziale Gemeinschaften zu schaffen und zu begrenzen".
 +
 
 +
Jedoch nicht allein die genannten gesellschaftlichen Faktoren begründen bei Giesecke, wie Kloock und Spahr (1997: 262) fortfahren, den Erfolg des Buchdrucks, sondern auch das von Gutenberg optimierte Druckverfahren spielt dabei eine wichtige Rolle. Besonders hervorzuheben gilt es dabei nach Giesecke, so Kloock und Spahr (1997: 262), die Verwendung von Blei als Material für die Lettern sowie die Erfindung der Gießform als austauschbares und wiederverwendbares Instrument: "Die Gießform muß also als der eigentliche Kern der Gutenberg-Erfindung gesehen werden. In ihr materialisiert sich das wesentliche Prinzip aller späteren automatischen Maschinen".
 +
Gutenbergs Motivation war laut Giesecke nach Kloock und Spahr (1997: 262-263) jedoch eine andere, denn ihm ist es vielmehr um die Verbesserung des Schreibens und um eine Ästhetisierung der Schrift gegangen. Ganz im Sinne des Zeitgeistes der Renaissance strebte er nämlich die proportionale Harmonie der verschiedenen Lettern an, damit sie auch als einzelne Schrifttypen zu fassen waren.
 +
 
 +
Für Giesecke stellt sich aber, so Kloock und Spahr (1997: 263-264) noch eine andere Frage, die er in den bisherigen Forschungen vernachlässigt sieht und zwar, "wie ein nicht-orales Informationssystem  Wahrnehmungsprozesse so regelt, daß sie intersubjektiv wiederholbar und überprüfbar werden". Laut Giesecke war das, wie Kloock und Spahr (1997: 264) ausführen, nur möglich, weil Modelle gefunden wurden, die Informationen intersubjektiv nachvollziehbar machten und weil gerade der "Gesichtssinns als Ausgangspunkt für die Modellierung der Wahrnehmung" gewählt wurde. Schon in der Antike hatte sich ja gezeigt, dass das Auge ein besonders leicht zu technisierendes und normierendes Sinnesorgan ist. Dieses Auge gerät nach Giesecke, wie Kloock und Spahr (1997: 264-265) fortfahren, nun auch in den Fokus von Albrecht Dürer, Leon Battista [[Alberti]] und Leonardo da Vinci, die "differenzierte Modelle, normative Regelungen des Sehens" schufen, welche "sich sukzessive in der Malerei und der Wissenschaft durchsetzten". Dementsprechend basiert nach Giesecke, so Kloock und Spahr (1997: 265), "die neuzeitliche Wahrnehmungs und Erkenntnistheorie auf dieser sich damals herausbildenden monosensualen Wahrnehmung". Laut Giesecke kann, so Kloock und Spahr (1996: 265-266), der "Durchbruch des typographischen Informations- und Kommunikationssystems" nur durch die Kenntnisnahme dieser "Kodierungs- und Standardisierungsleistungen der Wahrnehmung" verstanden werden und wenn  die modernen "Konzepte von Wissen, Wahrheit und Wissenschaft" stets in Relation  mit der typographischen Medientechnik gesehen werden. Geistesgeschichte muss deshalb auch neu geschrieben werden "als eine Geschichte der typographischen Information".
 +
 
 +
==== Das elektronische Zeitalter ====
 +
[[McLuhan]] war laut Kloock und Spahr (1997: 41) überzeugt, dass nach dem Ende der Gutenberg-Galaxis die wissenschaftlichen Methoden, die mit dem Medium Buch in Zusammenhang stehen, nicht mehr gültig sind,  sondern dem neuen Leitmedium Elektrizität eine "neue Form des Denkens" folgen musste.
 +
 +
Laut [[Kloock und Spahr]] (1997: 41) war [[McLuhan]] aber nicht daran gelegen, eine konsistente Theorie nach dem Vorbild der dominierenden Wissenschaftsauffassung zu präsentieren. Sein theoretisches Universum setzt sich vielmehr, so [[Kloock und Spahr]] (1997: 41), aus einem "kaleidoskopartigen Gebilde von Ideen" zusammen, das mit der gängigen Form der Linearität bricht und diese durch die Figur des Mosaiks ersetzt. Mittels des Mosaiks, bei dem der Analogieschluss eine wichtige Rolle spielt, will er laut [[Kloock und Spahr]] (1997: 42) eine gewisse Lebendigkeit in das Theoretische einfließen lassen und eine aktive Beteiligung und Kreativität der Lesenden fordern. [[Kloock und Spahr]] (1997: 42) sehen hier eine Nähe zu Oswald Spengler, der in "Formel", "Gesetz" und "System" mathematische Denkfiguren sieht, die nur in Bezug auf tote Formen Geltung erlangen, wohingegen die Analogie das Mittel zum Verstehen des Organischens und Lebendigens ist. [[McLuhan]] ist nach [[Kloock und Spahr]] (1997: 42) generell der Meinung, dass die Kunst "eher in der Lage [ist], mit der medialen Situation des 20. Jahrhunderts umzugehen als jede Art von Theorie". Eine wissenschaftliche Reflexion von einem festen Standpunkt aus sah [[McLuhan]] dagegen, so [[Kloock und Spahr]] (1997: 43) weiter, als ein Produkt des Buchdrucks und deshalb als überholt an, da die Elektrizität eine weltweite Verbindung der Menschen zum "global village" bewirkt und die Menschen heute in mehreren Kulturen zeitgleich leben lässt.
 +
 
 +
Nach Kloock und Spahr (1997: 43-44) wertete der Medientheoretiker [[McLuhan]] auch vorzeitliches Denken oder "anderes" Wissen nicht als primitiv ab, sondern kritisierte die Moderne und den Eurozentrismus. Veranschaulicht wird diese neue Art des Denkens laut Kloock und Spahr (1997: 44-45) in der 1967 erschienen Schrift "The Medium Is The Message", in der das Medium Buch im Buch selbst durch das Aufbrechen von Lesegewohnheiten aufgehoben werden soll (keine Seitenzahlen, wechselndes Layout, Spiegelschrift) und ein Mosaik aus Textpassagen, Karikaturen, Fotos usw. entsteht, das eine mehrdimensionale Auslegung seiner Behauptungen ermöglicht. Durch wiederkehrende Widersprüche, die Geduld und Phantasie fordern, sollen die Lesenden zum eigenen Denken angeregt und kulturelle und wissenschaftliche Grenzen überwunden werden.
 +
 
 +
Nach [[Kloock und Spahr]] (1997: 48) ist die Grundlage von [[McLuhan]]s Medientheorie die Annahme, dass jedes Medium oder jede Technik die Dimensionen von Raum und Zeit verändert und generell die Schemata, in denen die Welt wahrgenommen wird, bestimmt. Deshalb ist, so [[Kloock und Spahr]] (1997: 48) weiter, nach [[McLuhan]] die Botschaft eines Mediums, was es mit dem Menschen macht und nicht dessen Inhalt, so wie es auch der programmatische Titel "The medium is the Message" seiner Schrift ''Understanding Media'' von 1964 suggeriert. Für [[McLuhan]] ist laut [[Kloock und Spahr]] (1997: 49) der „Inhalt“ eines Mediums ein anderes Medium. So ist Sprache also der Inhalt der Schrift, die Schrift selbst ist wiederum Inhalt des Buchdrucks und der Buchdruck ist der Inhalt des Telegrafen und dieser Inhalt verschleiert die Wirkungsweise der Medien und lenkt von ihren eigentlichen Effekten ab.
 +
 
 +
===== Ausweitung des Körpers =====
 +
 
 +
Um die Wirkungsweise und das Wesen medialer Botschaften zu charakterisieren, nutzt [[McLuhan]] laut [[Kloock und Spahr]] (1997: 49) physiologische und wahrnehmungstheoretische Thesen. Für [[McLuhan]] ist, wie laut [[Kloock und Spahr]] (1997: 50) schon aus dem Untertitel "The extensions of man" von ''Understanding Media'' hervorgeht, jede Technik eine Ausweitung des menschlichen Körpers. Eine solche Ausweitung ist für [[McLuhan]], so [[Kloock und Spahr]] (1997 : 51), selbst wieder das Resultat einer "Amputation", die einen schweren Eingriff in den Körper darstellt und dem Mensch seine Fähigkeit zu Erkenntis nimmt. Eine solche "Selbstamputation" schließt also "Selbsterkenntnis aus". [[McLuhan]] behandelt, laut [[Kloock und Spahr]] (1997: 52) diese Verbindung von Körper und Technik als anthropologische Tatsache, d. h. er macht daran eine Veränderung des körperlichen Zustandes und damit der Wahrnehmung fest. Die Technik bestimmt, so [[Kloock und Spahr]] (1997: 53) für [[McLuhan]] die Art und Weise, wie der Mensch die Welt wahrnimmt und erfährt. Medien bezeichnet [[McLuhan]] laut [[Kloock und Spahr]] (1997: 53) deshalb auch als Metaphern, die Erfahrungen eine Form geben.
 +
 
 +
Im Medium Computer sieht  McLuhan, so Kloock und Spahr (1997: 73), eine Ausweitung des menschlichen Gehirns, welche nun immer mehr die Steuerung im Bereich Technik übernimmt. Nach Kloock und Spahr (1997: 74) sieht McLuhan im Programmieren eine Möglichkeit, die Einflüsse der Medienpluralität auf die Gesellschaft im Gleichgewicht zu halten, sodass die Wahrnehmung nicht manipuliert werden kann. Der technische Fortschritt eröffnet somit den Horizont eines selbstbestimmten Körpers. Programmierer erschaffen Produkte gänzlich durch ihre Programmierung, sodass der Mensch die Natur übertrumpft und nun selbst erschafft. Dabei ist für McLuhan, nach Kloock und Spahr (1997: 75), der kreativ spielende Mensch - der Künstler -  notwendig, um die neuen Möglichkeiten der Programmierung für die Gesellschaft zu erschließen. Nach McLuhan, so Kloock und Spahr (1997: 75) würden Menschen im automatisierten Weltdorf Produkte ausschließlich durch Programmierung erschaffen, da in der (informations-)technischen Welt alle Stoffe transformiert oder produziert werden können. In dieser vom Lernen und Wissen geprägten Welt ist der Mensch dann nicht mehr Arbeiter, sondern Schöpfer.
 +
 
 +
===== The Global Village =====
 +
 
 +
Nach Kloock und Spahr (1997: 68-69) ist für Marshall [[McLuhan]] das Ende der Gutenberg-Galaxis mit dem Aufkommen der Elektrizität erreicht, da mit der Elektrizität nicht mehr nur einzelne Teile des Körpers ausgeweitet werden, wie bei früheren Medien, sondern der ganze Körper, und an die Stelle der Zerlegung von Bewegungsabläufen nun eine "organische Einheit von ineinandergreifenden Abläufen" tritt. [[McLuhan]] sieht, nach Kloock und Spahr (1997: 69), in dieser umfassenden Ausweitung die Möglichkeit, die Technik und damit auch den Menschen in der technologischen Welt zu erkennen. Die Verbindung zwischen sinnlicher Wahrnehmung und den neuen technologischen Medien ist, so Kloock und Spahr (1997: 70), für McLuhan unauflösbar und notwendig, um einen bewussten Umgang mit diesen Medien zu ermöglichen.
 +
 
 +
Laut Kloock und Spahr (1997: 70) sieht [[McLuhan]] im 20. Jahrhundert einen Übergangs- und Umbruchprozess, der anfangs von einem Miteinander von alt und neu und später von einer Ablösung zugunsten letzterem gekennzeichnet ist. Dabei spielen Ängste vor den neuen Medien sowie auftretender Konservatismus im Denken und Handeln der Menschen eine nicht zu unterschätzende Rolle. [[McLuhan]] sieht, nach Kloock und Spahr (1997: 70), in seiner Zeit ein völliges Rückspiegeldenken, das heißt, es wird versucht "die Aufgaben von heute mit den Werkzeugen von gestern und den Vorstellungen von gestern zu lösen". In diesem rückwärtsgewandten Blick sieht [[McLuhan]], so Kloock und Spahr (1997: 70), eine Gefahr. Durch seine Schriften, in denen er sowohl alte wie auch neue Medien beschreibt, versucht er laut Kloock und Spahr (1997: 70) die Menschen zum emanzipativen Mediengebrauch und somit zu ihrer eigenen Emanzipation anzuleiten.
 +
 
 +
Nach [[McLuhan]], so Kloock und Spahr (1997: 72), wird dadurch eine neue Form der Politik möglich, durch die alle aktiv am öffentlichen Geschehen teilnehmen können. Damit ist die Zeit der bloßen Addition im wesentlichen privater Individuen ab dem Zeitpunkt vorüber, wo die elektrische Schaltungstechnik Menschen im Globalen Dorf unmittelbar verstrickt, gegenseitige Abhängigkeiten schafft und dadurch eine Anteilnahme am anderen sowie gegenseitige Verantwortung fordert. Kloock und Spahr (1997: 72) weisen darauf hin, dass für [[McLuhan]] das Fernsehen das Medium ist, das eine solche Partizipation ermöglicht.
 +
 
 +
===== Kritische Rezeption =====
 +
Laut Kloock und Spahr (1997: 39) erlangte der Anglist Marshall [[McLuhan]] durch seine provokanten Thesen zur Medientheorie große Popularität. Die zentrale Hauptaussage seiner Theorie lautet "The medium is the message". Die beiden Hauptschriften von Marshall [[McLuhan]], die Anfang der 1960er Jahre unter den Titeln "The Gutenberg Galaxy" (1962) und "Understanding Media" (1964) erschienen, fielen, so Kloock und Spahr, zunächst vor allem in Kanada und in den USA auf fruchtbaren Boden.
 +
 +
In der BRD fanden nach Kloock und Spahr (1997: 40) die Schriften von [[McLuhan]] dagegen zu dieser Zeit wenig Anklang, weil ein großer Teil der Linken, u. a. Hans Magnus [[Enzensberger]], "in ihm einen politischen Gegner sah". Erst in den 1980er Jahren wurden, so Kloock und Spahr (1997: 40), die Ansichten [[McLuhan]]s neutral und gründlich diskutiert. Heute stützen sich laut Kloock und Spahr (1997: 40) fast alle medientheoretischen Ansätze, explizit oder implizit, auf seine Thesen. Dabei fällt, so Kloock und Spahr (1997: 40), allerdings auf, dass seine Schriften nicht als einheitliche Theorie behandelt werden, "sondern eher als Steinbruch, aus dem bestimmte Ideen genutzt werden können und andere nicht."
 +
 
 +
Kloock und Spahr (1997: 57-58) erwähnen auch, dass [[McLuhan]] die Begriffe „Medium“ und „Technik“ oft als Synonyme gebraucht, was zu Ungereimtheiten führen kann, v. a. wenn man pauschalisiert. Die Betrachtung von Kultur und Gesellschaft lässt bei [[McLuhan]] tatsächlich keinen Raum für soziale, politische oder ökonomische Faktoren, was laut Kloock und Spahr (1997: 58) zu einem universalistischen Anspruch für die Medientheorie führt, für welchen McLuhan mehrmals Kritik bekommen hat. So hat laut Kloock und Spahr (1997: 58-59) zum Beispiel Umberto [[Eco]] die These von [[McLuhan]] ''„The Medium Is the Message“'' als vage und vieldeutig betitelt, da hier sowohl der Code als auch der Kanal die Botschaft ausmachen können.
 +
 
 +
== Der Buchdruck==
 +
 
 +
=== Die Anfangsphase einer Umstellung mit weitreichenden Folgen ===
 +
 
 +
[[Eisenstein]] untersucht den Veränderungsprozess, der mit der Erfindung des Buchdrucks in Europa Einzug hielt. Der Buchdruck, so [[Eisenstein]] (1997: 13), steht für einen "Komplex von Erfindungen", der beträchtliche Auswirkungen auf die Quantität sowie die Qualität der Buchproduktion, die Gestaltungsmöglichkeiten der Bücher, den Berufsstand der Buchproduktion sowie eine Veränderung in der Wissenskultur nach sich zog.
 +
 
 +
Hinsichtlich der Erfindung geht es [[Eisenstein]] (1997: 12) aber nicht um die Vorgänge in der Werkstatt [[Gutenberg|s]], sondern sie konzentriert sich vielmehr auf die dadurch entstehende Berufsgruppe, die auf dem vorherrschenden Absatzmarkt ihre Nische fand und so ihren Profit steigern wollte. Innerhalb von etwa 50 Jahren etablierte sich laut [[Eisenstein]] (1997: 13) nämlich ein ganzer Berufsstand, der Einzug "in jedem wichtigen Gemeindezentrum" hielt.
 +
 
 +
[[Eisenstein]] (1997: 13) spricht von einer "Revolution im Bereich der Medien und der Kommunikation". Diese Revolution besteht, so [[Eisenstein]] (1997: 13), aus einer Vielzahl von Erfindungen und Entwicklungen im Laufe des 15. Jahrhunderts. Eine dieser Entwicklungen ist die Verkürzung der Arbeitszeit, die nötig war, um ein Buch zu erstellen und die damit gegebene Möglichkeit mehr Bücher zu produzieren. Bislang ging man, so [[Eisenstein]] (1997: 13), von einer stetigen Zunahme der Buchproduktion aus, was nach einer evolutionären Entwicklung klingt. Tatsächlich muss man aber, so [[Eisenstein]] (1997: 13), von dieser Entwicklung ein eher revolutionäres Bild haben, da die Buchproduktion explosionsartig zunahm.
 +
 
 +
==== Ungleiche Produktionsweisen handschriftlicher und gedruckter Bücher ====
 +
 
 +
Die genaue Anzahl der handschriftlichen Bücher oder auch der Arbeitsstunden, die für die Erstellung einer handschriftlichen Kopie eines Buches von Nöten waren, ist heute, so [[Eisenstein]] (1997: 13-14), zwar kaum noch feststellbar, ein paar Vergleiche lassen sich aber anstellen. So produzierte die Rispoli-Druckerei in der Zeit, in der ein Schreiber ein einziges Exemplar kopieren konnte, 1025 Kopien. Auch die Qualität einer Kopie, also einer identischen handschriftlichen Anfertigung, muss, so [[Eisenstein]] (1997: 16), vor Erscheinen des Buchdrucks als fragwürdig angesehen werden. Besonders schwierig war es, so [[Eisenstein]] (1997: 16-17), eine identische Kopie eines naturwissenschaftlichen Werkes herzustellen, da sich hier gebildete Männer mit dem Kopieren von Tafeln, Diagrammen und unbekannten Termini befassen mussten. Mit dem Buchdruck bekamen die Gelehrten laut [[Eisenstein]] (1997: 17) dagegen "Zeit zu Beobachtung und Forschung".
 +
 
 +
Nach [[Eisenstein]] (1997: 17-18) gilt es zu beachten, dass die Einführung des neuen Werkstoffs Papier im 13. Jahrhundert nicht vergleichbare Auswirkungen hatte. Durch das Papier wurde zwar, so [[Eisenstein]] (1997: 18), sowohl der Briefverkehr, als auch die Zahl der geschriebenen Werke erhöht, doch die eigentliche Arbeitszeit wurde nicht verkürzt. Durch die Nachfrage nach Papierwaren entstanden, so [[Eisenstein]] (1997: 18), Schreibwarenhändler, genannt Cartolai. Diese vertrieben, so [[Eisenstein]] (1997: 18) zwar manchmal ebenfalls Bücher, jedoch eher beiläufig. Auch Buch-Einzelhändler wie Vespasiano da Bisticci erkannten laut [[Eisenstein]] (1997: 18) ihre Verkaufsnische, doch ließen sich damit keine großen Summen an Geld verdienen.
 +
 
 +
Mit dem Aufkommen des Buchdrucks, wurden Buch-Einzelhändler, die nur auf handgeschriebene Werke schworen, so [[Eisenstein]] (1997: 19) nach und nach aus dem Geschäft verdrängt, darunter auch [[Vespasiano da Bisticci]], der 1478 sein Geschäft schließen musste. Nach 1478 treten dann nach [[Eisenstein]] (1997: 19) auch die ersten Buchgroßhändler auf. Durch das Aufkommen des Buchdrucks verloren, so [[Eisenstein]] (1997: 19), nicht nur handgeschriebene Bücher mehr und mehr an Wert, sondern Buchbinder, Rubrikatoren, Buchmaler und Kalligraphen bekamen viel mehr Arbeit als vorher. Zeitgenössischen Beobachtern erschien nach [[Eisenstein]] (1997: 19) "die Steigerung der Produktion [...] so bemerkenswert, daß sie Anspielungen auf ein Eingreifen übernatürlicher Kräfte machten."
 +
 
 +
Was die Qualität der gedruckten Bücher betrifft, so waren, laut [[Eisenstein]] (1997: 20) die frühen Drucke so stark an die Originale angelehnt, dass Unterschiede kaum erkennbar waren. Trotz der Bemühungen, "Handschriften möglichst originaltreu" zu reproduzieren, waren aber, so [[Eisenstein]] (1997: 20), die Verfahrensweisen bei der Herstellung völlig andere, als die, die die Schreiber anwandten. Statt sich an der "augenscheinlichen Kontinuität" aufzuhalten, bietet es sich laut [[Eisenstein]] (1997: 20) geradezu an, "den Unterschied zwischen den beiden ungleichen Produktionsweisen" zu unterstreichen. Während nämlich, so [[Eisenstein]] (1997: 20-21), die äußere Form und damit ebenmäßige Spationierung, einheitliche Lettern und symmetrisches Design für die Handschriftenschreiber besonders wichtig waren, brauchten Schriftsetzer andersgeartete Anweisungen, die auf einer mehrmaligen Durchsicht des Textes basierten. Das Ziel, das diese Durchsicht leitete, änderte sich laut [[Eisenstein]] (1997: 21) innerhalb nur einer Generation radikal. Die Buchdrucker erkannten nämlich, dass sie sich an die Bedürfnisse der Leser anpassen mussten, wenn sie ihren Absatz vergrößern wollten.
 +
 
 +
==== Neuartige Gestaltungsmöglichkeiten gedruckter Bücher ====
 +
 
 +
Bereits vor 1500 stand, laut [[Eisenstein]] (1997: 21), den Schriftsetzern eine Vielzahl an Möglichkeiten zur Verfügung, mit denen sie ihre Texte gestalten konnten. So gab es skalierte Buchstaben, Kapitelüberschriften, Fußnoten, Inhaltsverzeichnisse, hochgestellte Ziffern, Querverweise und vieles mehr. Die immer mehr zur Regel werdenden Titelseiten begünstigten, laut [[Eisenstein]] (1997: 21) das Anlegen von Bücherlisten, die Herstellung von Katalogen und die Eigenwerbung. Auch konnten, so [[Eisenstein]] (1997: 21), durch Holzschnitte und Kupferstiche Illustrationen einfacher vervielfältigt werden, als durch Handzeichnungen, was nicht zuletzt die naturwissenschaftliche Fachliteratur revolutionierte. Zwar gab es bei den verwendeten Holzblöcken Verschleißerscheinungen, doch konnte deren Haltbarkeit, nach [[Eisenstein]] (1997: 22) enorm verlängert werden, wenn man die abgenutzten Stellen erneut schärfte oder Konturen wieder hervorhob. Zudem konnten laut [[Eisenstein]] (1997: 22) so neben Buchstaben und Zeichnungen auch mathematische Tafeln, Zahlen und Formeln leichter vervielfältigt werden. Auch wurden, so [[Eisenstein]] (1997: 22), Bilder Texten zugeordnet, indem Inschriftbänder, Ziffern-Buchstabenschlüssel, Hinweiszeilen verwendet wurden, was wiederum für die naturwissenschaftliche Fachliteratur besonders wichtig war. [[Eisenstein]] (1997: 23) hebt die Bedeutung der Kombination von Buchstaben, Ziffern und auch Bildern hervor, denn durch die wechselseitige Wirkung erlangten sie eine noch größere Bedeutung, als jeweils für sich allein.
 +
 
 +
==== Veränderungen im Berufsstand ====
 +
 
 +
Die Berufsgruppen der Schreiber und Illuminatoren sind, so Eisenstein (1997: 23), durch die Kombination verschiedener Drucktechniken in Bedrängnis gekommen. Mit der Einführung des Buchdrucks wurden laut Eisenstein (1997: 23) auch verschiedene Berufsgruppen zusammengeführt, die zuvor getrennt voneinander agiert haben. So kam es zu einer "Neukoordinierung der Kopf- und Handarbeit". Im Bereich des Buchdrucks arbeiteten laut Eisenstein (1997: 23) Vertreter aus den Bereichen Kirche und Universität, sowie Metallarbeiter, Mechaniker, Astronomen, Kupferstecher, Ärzte und Maler zusammen. Auch finanzielle Fragen förderten nach Eisenstein (1997: 23) den Kontakt der am Buchdruck interessierten Gruppen. So kamen reiche Kaufleute und Gelehrte über das Medium Buch in Kontakt. Eine neue Verbindung zwischen Stadt und Universität entstand. Die Organisation und Regulierung von Arbeitskräften, Finanzmitteln und lukrativen Auftraggebern gehörten, nach Eisenstein (1997: 23-26) zu den Aufgaben von Druckermeistern. Ihre Werkstätten wurden, so Eisenstein (1997: 26), zu Kulturzentren, die "bodenständige Literaten und berühmte Ausländer" anzogen und die "sowohl einen Ort der Begegnung wie auch der Nachrichtenübermittlung für eine sich ausdehnende kosmopolitische Gemeinschaft der gelehrten Welt" darstellten. Drucker, wie Aldus Manutius können laut Eisenstein (1997: 26) als Prototypen der frühen Kapitalisten gesehen werden, deren Aufgabenbereiche vielfältiger waren, als die der Handschriftenschreiber.
 +
 
 +
"Der Wandel vom Handschriftenschreiber zum Buchdrucker" stellt, so Eisenstein (1997: 26) "einen beruflichen Entwicklungssprung dar". Viele der bahnbrechenden Aktivitäten standen nach Eisenstein (1997: 26), mit dem Wandel vom Einzelhandel zum industriellen Großhandel in Verbindung. Damit einher gehen, so Eisenstein (1997: 26) Markterschließung, das Zurückdrängen von Konkurrenten durch die Herstellung besserer Produkte oder Werbung sowie die Pflege von Kontakten. Auch Managementaufgaben, so Eisenstein (1997: 27-28) angefangen bei Rohstofforganisation über Auslastungskapazitäten von Maschinen bis hin zu Personalmanagement gehören dazu. Der kommerzielle Aspekt dieser Arbeit erreichte einen ganz anderen Stellenwert als der früherer Handschriftenschreiber. Auch ihre Werke versahen die Drucker, laut Eisenstein (1997: 28) auf der ersten Seite mit Werbung für ihre Arbeit und ihre Arbeitsstätte, anders als die Handschriftenschreiber vor ihnen, die sich erst in der letzten Zeile ihres Werkes benannten. Von dieser Neuordnung profitierten, so Eisenstein (1997: 28), nicht nur die Drucker, sondern auch Autoren, Künstler, Rechenmeister, Instrumentenmacher, Professoren und Prediger, da sie so ihren Wirkungskreis und damit ihre Berühmtheit enorm steigern konnten. Wie diese neue Art der Werbung auch andere Unternehmen begünstigte und deren Absatzmarkt erweiterte, sollte laut Eisenstein (1997: 28) noch viel mehr untersucht werden.
 +
 
 +
==== Die Rezeption der Drucke ====
 +
 
 +
Hinsichtlich der Rezeption der Drucke in der Bevölkerung kann man, nach Eisenstein (1997: 28-29), kaum Aussagen treffen, da nicht genügend Quellen vorliegen, die uns Aufschluss über die Alphabetisierungsrate geben könnten. Eisenstein (1997: 29) konzentriert sich daher vorrangig auf die Entwicklungen bei den alphabetisierten Bevölkerungsgruppen und auf deren soziale Zusammensetzung. Sie kommt dabei zu dem Ergebnis, dass Schriftlichkeit nie dem Adel und dem höheren Klerus vorbehalten war, und dass durch die Entwicklung der Druckerpressen auch nicht die arbeitende, bäuerliche Bevölkerung zum Lesen gebracht wurde. Wahrscheinlicher ist es, so Eisenstein (1997: 29), "dass viele ländliche Gegenden erst nach dem Eintritt ins Eisenbahnzeitalter von dieser Entwicklung berührt wurden" und anfangs nur eine "relativ kleine und überwiegend urbane Bevölkerungsgruppe" von der Verlagerung des Handschriftenwesens auf den Buchdruck betroffen war.
 +
 
 +
Was die schreib- und lesefähige Bevölkerung, das Lesepublikum oder die Vorlieben für bestimmte Genres betrifft, so warnt Eisenstein (1997: 30) davor, hier eine Zuordnung zu bestimmten Ständen, Berufen oder Schichten vorzunehmen. Plausibel scheint Eisenstein (1997: 30) dagegen, dass alle Schichten "eine Abneigung gegen die lateinische Pedanterie teilten". Auch ist es laut Eisenstein (1997: 30) schwierig, den sozialen Status mit dem Lesen von in Latein oder in der Landessprache geschriebenen Büchern zu verbinden, da zwischen Lateinkenntnissen und sozialen Schichten keine eindeutige Beziehung festgestellt werden kann. In Acht nehmen muss man sich laut Eisenstein (1997: 30-31) auch bezüglich der Buchtitel. So ist die ''Biblia pauperum praedicatorum'' beispielsweise nicht an arme Menschen gerichtet, sondern an Prediger, deren Latein-Kenntnisse nicht ausreichend waren und die so illustrierte Bücher zu Hilfe zogen, um die Bibel leichter verstehen zu können. Auch muss, so Eisenstein (1997: 31) eine Unterscheidung zwischen den tatsächlichen Lesern und Käufern der Bücher und der anvisierten Zielgruppe gemacht werden. Hinweise auf die Zielgruppe, die in Buchtiteln und Vorworten enthalten sind, zeigen uns, so Eisenstein (1997: 31), gerade noch nicht die tatsächlichen Leser und Leserinnen. Laut Eisenstein (1997: 32) lohnt es sich daran zu erinnern, "dass die Kluft zwischen Werkstättenpraxis und Klassenzimmertheorie" im ersten Jahrhundert des Buchdrucks sichtbar wurde.
 +
 
 +
==== Umbruch der Wissenskultur ====
 +
 
 +
Auch eine Unterscheidung zwischen Lese- und Schreibfertigkeit und "gewohnheitsmäßigem Bücherlesen" muss, so Eisenstein (1997: 32), bedacht werden. Durch den Buchdruck war die Möglichkeit sich selbst nur durch das Lesen eines Textes Dinge beizubringen, weitaus größer als noch zu Zeiten des Handschriftenwesens. So war es laut Eisenstein (1997: 32) durch fleißiges Studieren möglich, sich mehr Wissen anzueignen, als der Lehrmeister besaß. Auch wurde durch den Buchdruck nach Eisenstein (1997: 32-33) die gesamte Art zu Denken verändert. So war es nicht mehr nötig, sich mit Gedächtnisstrategien wie Reim und Rhythmus Dinge zu merken oder sich anhand von Bildern Gedanken herzuleiten. Auch der Status von Bildern veränderte sich laut Eisenstein (1997: 33) durch den Buchdruck. So flammte in christlichen Kreisen der Bilderstreit erneut auf, da Reformatoren wie Calvin auf das 2. Gebot Bezug nahmen, wonach Bilder von Gott nicht zulässig waren. Die Ansicht, dass gerade Bilder für Analphabeten einen wichtigen Zugang zum Verständnis darstellten, wies Calvin laut Eisenstein (1997: 33) zurück und forderte stattdessen dazu auf, ihnen das Lesen zu lehren. Deutlich wird hier, so Eisenstein (1997: 33), der Wandel "von der Bildkultur zur Wortkultur". Gleichzeitig verloren aber so Eisenstein (1997: 33) weiter, Bilder gerade nicht an Bedeutung, sondern ihr Druck nahm zu und auch die protestantische Propaganda bediente sich Bildern. Allerdings, so Eisenstein (1997: 34) veränderte sich durch den Buchdruck der Wirkungsbereich von Bildern und es entstanden neue Möglichkeiten für Bilder schaffende Künstler. Des Weiteren entstand so Eisenstein (1997: 34) in Folge des Buchdrucks ein ganz neues Genre, nämlich das didaktische Bilderbuch für Kinder. Auch in wissenschaftlichen Bereichen wie der Architektur, Geometrie oder Geographie nahm so Eisenstein (1997: 35) die Bedeutung der Bilder im Vergleich zur Schrift zu. Durch den Buchdruck entstanden zudem, so Eisenstein (1997: 35) Möglichkeiten, sowohl das Anschauungsmaterial zu vermehren, als auch die Art der Instruktionen zu vereinfachen. Gerade der Bereich der ikonographischen und nichtphonetischen Kommunikation entwickelte sich rasch und gewann an Bedeutung. Der Wandel "von der Bildkultur zur Wortkultur" muss nach Eisenstein (1997: 35) also neu überdacht und erweitert werden. Zudem lässt sich, so Eisenstein (1997: 35-36) eine einfache Formel, die die Entwicklungen, welche der Buchdruck mit sich brachte, eindeutig beschreibt, gerade nicht finden.
 +
 
 +
===Einige Grundzüge der Druckkultur===
 +
 
 +
In ihren Ausführungen zu den Grundzügen der Druckkultur kritisiert Eisenstein (1997: 39) die lediglich randläufige Erwähnung der weitereichenden Folgen des Buchdrucks in der ihr vorliegenden Forschungsliteratur. Die Theoretiker ihrer Zeit gingen, nach der Auffassung Eisensteins (1997: 39), zu wenig auf die Einflüsse der Standardisierung im Bereich der Wissenschaften ein und ließen sich vorschnell zu der Erklärung hinreißen, die große Anzahl von Vervielfältigungen älterer Theorien in den Anfängen des Buchdruckzeitalters sei Beweis dafür, dass der Buchdruck keine Auswirkung auf die Verbreitung neuer Theorien gehabt hätte, sondern lediglich ältere Theorien standardisiert und flächendeckend verbreitet hätte. Laut Eisenstein (1997: 39) kann aber die Formulierung neuer Theorien sowohl auf "eine vermehrte Produktion alter Texte", als auch auf Charakterzüge, durch die sich die Buchproduktion nun von der vor dem Buchdruck üblichen unterschied, zurückgeführt werden.
 +
 
 +
====Ein näherer Blick auf die weite Verbreitung: Vermehrte Produktion und veränderte Rezeption====
 +
 
 +
Eisenstein (1997: 39) merkt an, dass in bisherigen Abhandlungen über den Buchdruck diverse Aspekte hinter dominanten Fragestellungen zurückbleiben. Beispielsweise liegt, so Eisenstein (1997: 39-40), ein starker Fokus auf der Verbreitung der Alphabetisierung, während es nur wenige Untersuchungen zu den Auswirkungen des Buchdrucks auf bereits alphabetisierte Sektoren gibt. Des Weiteren wird nach Eisenstein (1997: 40) der Buchdrucker zu einem "Presseagenten" degradiert, bei welchem die Leistung allein durch die Höhe der Auflagen und den "Grad der Verbreitung der Publikationen" gemessen wird. Zwar ist es, so Eisenstein (1997: 40), richtig, dass "durch eine gedruckte Ausgabe mehrere Kopien eines bestimmten Textes 'in alle Himmelsrichtungen verbreitet wurden'", es wurden aber gleichzeitig "auch verschiedene Texte, die sich zuvor in alle Richtungen verloren hatten, jetzt zur Konvenienz eines einzelnen Lesers in größere Nähe zueinander gebracht."
 +
Laut Eisenstein (1997: 40) konnten Bücher nun überall, zu vergleichsweise niedrigen Preisen, erworben und mitgenommen werden, zum Beispiel in das häusliche Arbeitszimmer oder in die eigene Bibliothek und "ein ernsthafter Student" konnte  sich nun viel mehr Lehrmaterial durch private Lektüre erarbeiten, als ein Student oder ein Gelehrter es hätte tun können, bevor durch den Buchdruck Bücher in "'reicher Auswahl wohlfeil zur Verfügung standen.'" Für die Konsultation verschiedener Bücher musste man, so Eisenstein (1997: 40) nun kein "umherziehender Scholar" mehr sein und selbst sesshafte Forscher gaben die Tendenz auf, sich nur mit einem Text ausführlich zu befassen und diesen zu erklären, da sie nun zwischen verschiedenen Quellen Bezüge herstellen konnten, um Sachverhalte zu klären. Eisenstein (1997: 40) bezeichnet dies als den Beginn der „Ära intensiver Querverweise zwischen einem Buch und dem nächsten“.
 +
 
 +
Laut Eisenstein (1997: 40-41) führte die Verfügbarkeit und Vergleichbarkeit von viel mehr Büchern auch dazu, dass ein höheres Ausmaß an "Widersprüchen und Meinungsvielfalt" wahrgenommen wurde, als dies bei den mittelalterlichen Kommentatoren der Fall war. Weiterhin trug laut Eisenstein (1997: 41) die vermehrte "Produktion atristotelischer, alexandrinischer und arabischer Texte" dazu bei, dass bisher verschlüsselte Informationen verfügbar und dadurch entschlüsselt wurden. Zudem trafen nun, so Eisenstein (1997: 41), zum Beispiel Karten unterschiedlicher Gegenden und aus unterschiedlichen Zeiten aufeinander, oder es kamen verschiedene Fachtexte in den Bücherschränken bestimmter Ärzte und Astronomen zusammen, was wiederum zu Zweifeln am Althergebrachten, zur Entwicklung neuer Ansätze und zur Kombination verschiedener "Ideensysteme und Wissenschaftszweige" führte.
 +
 
 +
Laut Eisenstein (1997: 41) sollte auch daran gedacht werden, dass "die für die Produktion gedruckter Ausgaben verantwortlichen neuen Berufsgruppen als erste an einem interkulturellen Austausch teilhatten." Als neue Berufsgruppen führt Eisenstein (1997: 41) die folgenden auf: Buchstabengießer, Korrektoren, Übersetzer, Redakteure, Illustratoren, Druckwarenhändler, Verfasser von Registern etc.
 +
Eisenstein (1997: 41-42) weist zudem darauf hin, dass in der Anfangszeit die Buchdrucker die ersten waren, die das in ihrer Druckerei gedruckte Buch lasen und sich diese auch selbst wertvolle Sammlungen von gedruckten Büchern aufbauten. Die Druckerwerkstätten übten laut Eisenstein (1997: 42) auch eine hohe Anziehungskraft auf Gelehrte und Literaten aus. Dies kann, so Eisenstein (1997: 42), erklären, warum so oft bemerkt wird, dass "ein beachtlicher Anteil an innovativer Arbeit sowohl auf dem Gebiet der Wissenschaft wie auch auf dem [sic] Gelehrsamkeit außerhalb der akademischen Zentren" in der frühen Neuzeit geleistet wurde. Auch der neue und sich als so fruchtbar erweisende "Erfahrungsaustausch zwischen Künstlern und Gelehrten oder Praktikern und Theoretikern" lässt sich laut Eisenstein (1997: 42) durch die Anziehungskraft der Buchdruckereien erklären. Der Buchdruck förderte, nach Eisenstein (1997: 42), also "Formen kombinatorischer Aktivität" (sozialer und intellektueller Natur) und wandelte die "Beziehungen sowohl zwischen Gelehrten als auch zwischen Ideensystemen".
 +
 
 +
Eisenstein (1997: 42) weist jedoch auch darauf hin, dass der interkulturelle Austausch eine widersprüchliche Stimulation geistiger Aktivitäten zur Folge hatte. Für "Verwirrung sorgende Querströme" ergeben sich nach Eisenstein (1997: 42) aus dem Umstand, "daß neue Bindeglieder zwischen den Wissensgebieten geschmiedet wurden, noch ehe die alten durchtrennt waren." So waren, nach Eisenstein (1997: 42), "im Zeitalter des Handschriftenwesens" magische und okkulte Künste mit technischem Handwerk und mathematischen Formeln verbunden. Als der Buchdruck erfunden war, wurden, so Eisenstein (1997: 42), auch okkulte Überlieferungen gedruckt. Nach Eisenstein (1997: 42) erklärt sich das noch immer hohe Ansehen, das okkulte Künste in "der gelehrten Welt während der frühen Neuzeit" hatten, wenn bedacht wird, wie Aufzeichnungen "aus den alten Kulturen des Nahen Ostens [...], im Zeitalter des Handschriftenwesens überliefert worden sind."
 +
Während sich einige dieser Aufzeichnungen laut Eisenstein (1997: 42) nämlich "zu in ihrer Bedeutung überschätzten Fragmenten reduziert" hatten, welche jedoch weiterhin "in bestimmten Berechnungssystemen" (z.B. Medizin, Landwirtschaft, etc.) eine Rolle spielten, waren andere "zu unergründlichen Zeichen geschrumpft." Da aber kosmische Zyklen und Lebenszyklen zur Erfahrung aller gehören, ließen sich laut Eisenstein (1997: 42) in "den Fragmenten und Zeichen gemeinsame Elemente entdecken", was die Annahme eines gemeinsamen Ursprungs, einer gemeinsamen Quelle plausibel erscheinen lies. Diese Annahme eines Urtextes, welcher vom "Erfinder der Schrift niedergeschrieben worden sei und angeblich alle Geheimnisse der Schöpfung enthielt", schien, so Eisenstein (1997: 42), ebenso wie die Annahme einer Verfälschung der "in diesem Urtext enthaltenen Lehren [...] im Verlauf der Invasionen barbarischer Völker", einleuchtend. Als Beispiel führt Eisenstein (1997: 44-45) den Corpus Hermeticorum an, der zwar erst in der nachchristlichen Ära kompiliiert worden war, von dem aber lange geglaubt wurde, dass er in der Zeit vor Platon entstanden sei und Platon selbst beeinflusst habe.
 +
 
 +
Der Buchdruck brachte, laut Eisenstein (1997: 45), zudem gleichzeitig sowohl eine Mystifizierung als auch eine Entmystifizierung verschiedener Schriftsysteme mit sich. Verloren, nach Eisenstein (1997: 45), Schriften wie das Griechische, Hebräische oder Westaaramäische einen Teil ihres geheimnisvollen Charakters, verstärkte sich dieser bei anderen Schriften (z.B bei den Hieroglyphen) noch. Nach Eisenstein (1997: 45) wurde den Hieroglyphen, "[welche] mehr als drei Jahrhunderte vor ihrer Entzifferung in Drucktypen gesetzt [wurden]", von Unwissenden willkürliche Bedeutungen zugewiesen oder sie wurden von "Architekten und Kupferstechern einfach als Ornamente verwendet". Moderne Wissenschaftler können, nach Eisenstein (1997: 45), nicht verstehen, weshalb die Hyroglyphen während des Zeitalters der Aufklärung überall erschienen. Eisenstein (1997: 45) resümiert: "Wenn wir uns mit den Auswirkungen des Buchdrucks auf die Gelehrsamkeit befassen, dürfen wir also nicht nur an neue Formen der Aufklärung denken: Der Buchdruck förderte auch neue Formen der Mystifikation." Weiterhin ergänzt Eisenstein (1997: 45), dass nicht nur neues, gesichertes Wissen durch den Buchdruck verbreitet wurde, sondern auch esoterische Schriften, welche auf Humbug basierten.
 +
 
 +
Die am weitesten verbreiteten Bücher waren in den Anfangszeiten des Buchdrucks laut Eisenstein (1997: 45) praktisch orientierte Werke wie Kalender, Elementarbücher und Katechismen. Zudem gingen die Fortschritte in der Wissenschaft nach Eisenstein (1997: 45-46) einher mit einer neuen, stark fokussierten und zielorientierten Frömmigkeit sowie mit einem erhöhten Bedürfnis nach Anleitung und Rat in Bezug auf Leben und Alltag. Ratgeber, die von Alltagshinweisen bis zu (vornewtonschen) Erklärungen des Universums alles beinhalteten, enthielten laut Eisenstein (1997: 46) oft unbewiesenes, okkultes und irreführendes Material.
 +
 
 +
Insgesamt muss, so Eisenstein (1997: 46), davon ausgegangen werden, dass "viele unterschiedliche Auswirkungen, jede davon mit wichtigen Konsequenzen, mehr oder minder zur selben Zeit erfolgten." Würde das mehr beachtet, so wäre laut Eisenstein (1997: 46) auch besser zu verstehen, dass der Buchdruck sowohl eine stärkere Loslösung von der Kirche als auch eine verstärkte Bindung an dieselbe hervorgerufen hat. Zudem würden verschiedene Periodisierungsdebatten überflüssig. Durch den Buchdruck rückten, so Eisenstein (1997: 46), "einige alte und vielbenutzte Texte mehr ins Licht" und viele "mittelalterliche bildliche Darstellungen der Welt" wurden viel mehr verbreitet als im Mittelalter selbst. Neue Medien, wie Holzschnitt und Kupferstich, sind laut Eisenstein (1997: 47) als Teil eines komplexen Prozesses zu sehen, "mit dessen Hilfe lange existierende Schemata in neuen visuellen Formen präsentiert wurden.“
 +
 
 +
All diese Aspekte werden laut Eisenstein (1997: 47) durch den Begriff der „Standardisierung“, die häufig als Hauptauswirkung des Buchdrucks dargestellt wird, nicht ausreichend erfasst. Während Standardisierung in diesem Zusammenhang die Tatsache beschreibt, dass der Buchdruck vielen den Zugang zu ein und demselben Text ermöglichte, sollte laut Eisenstein (1997: 47) nicht außer Acht gelassen werden, dass durch den Buchdruck auch einzelnen der Zugang zu vielen verschiedenen Texten ermöglicht wurde.
 +
 
 +
====Gedanken zu einigen Auswirkungen der Standardisierung====
 +
 
 +
Eisenstein (1997: 47) untersucht den Begriff der „Standardisierung“ gründlicher, wobei ihrer Meinung nach beachachtet werden sollte, dass der Begriff irreführend sein kann, da er zu leicht dazu verleitet, von heutigen Druckmethoden und -erzeugnissen auszugehen. Andererseits sollten laut Eisenstein (1997: 47) die frühen Druckerpressen auch nicht unterschätzt werden, indem sie beispielsweise den handschriftlichen Vervielfältigungsverfahren gleichgestellt werden. Zwar gab es, so Eisenstein (1997: 47) die Möglichkeit "Standard"-Ausgaben zu publizieren, wie wir sie heute kennen, bei den Druckmethoden der Anfänge noch nicht, und es entstanden innerhalb kurzer Zeit auch immer neue Druckvarianten, die notwendigen Druckfehlerberichtigungen oder "Errata" konnten aber auch selbst wieder veröffentlicht und verbreitet werden.
 +
Auch war es -im Gegensatz zum Handschriftenzeitalter jetzt, wie Eisenstein (1997: 47) fortfährt, zum einen möglich, Fehler in den Texten "exakt zu lokalisieren" und andererseits 'standardisierte' Fehler zu machen, wie etwa den, der 1631 zur „wicked bible“ führte. Ein Schriftsetzer hatte nämlich, so Eisenstein (1997: 47-48) ausgerechnet im siebten der zehn Gebote ein „not“ ausgelassen und damit eine Bibel kreiert, die zum Ehebruch aufforderte.
 +
 
 +
Bei der Standardisierung denkt Eisenstein (1997: 48) aber nicht, wie sie selbst sagt, "nur an Fehler und textliche Richtigstellungen", sondern auch an Kalender, Wörterbücher, Nachschlagewerke und Anschauungsmaterial wie Karten, Schaubilder und Diagramme, denn die Möglichkeit Bilder und Notationssysteme der Musik und Mathematik identisch zu vervielfältigen, hat ihrer Einschätzung nach eventuell die Fächer Arithmetik, Geometrie, Astronomie und Musik, also des Quadriviums, mehr verändert, als die Fächer des Triviums, Grammatik, Rhetorik und Dialektik.
 +
 
 +
Von der Standardisierung war laut Eisenstein (1997: 48-49) jeder Vorgang betroffen, der mit der Druckgestaltung zu tun hatte, also der Guss von Typen ebenso wie die Herstellung passgenauer Holzschnitte. Dadurch dass "verstreute Leser" immer wieder mit identischen Drucktypenstilen, drucktechnischen Kunstgriffen und Verzierungen von Titelseiten konfrontiert wurden, übte die Standardisierung, so Eisenstein (1997: 49) auch auf diese ihren Einfluss aus. Auch die Schönschrift wurde, laut Eisenstein (1997: 49), in Mitleidenschaft gezogen, denn Schriftprobenmusterbücher führten wie Stilbücher für die Typographie, Musterbücher für die Damenschneiderei, für Möbel, architektonische Motive oder für die Gartenarchitektur zur Vereinheitlichung von Stilen. Nach Eisenstein (1997: 49) darf angenommen werden, dass durch den Buchdruck die "eigentümlichen Züge" von Handschriften oder Handzeichnungen betont und Abweichungen vom "klassischen Kanon" durchsichtiger wurden.
 +
 
 +
Das Verschwinden der vielen Handschriftenstile führte, laut Eisenstein (1997: 49), zur "Polarisierung der typografischen Stile in zwei unterschiedliche Gruppen von Drucktypenschriften", nämlich 'gotisch' und 'romantisch'.  Dank einheitlich hergestellter Landkarten mit einheitlicheren Ortsnamen entstand, nach Eisenstein (1997: 49) auch ein größeres Bewusstsein für regionale Grenzen.Ein größeres Bewusstsein entstand, laut Eisenstein (1997: 49-50) auch für Lokale Sitten, Gesetze, Sprachen und Kleidung. Insgesamt ging, so Eisenstein (1997: 51-52), "die Standardisierung mit einer zunehmenden Entdeckung der Verschiedenheit Hand in Hand" und es entstanden Stereotypen in den regionalen Kleidungsstilen. Für Eisenstein (1997: 52) lässt sich das neu entstandene Gefühl für das Individuelle als eine Auswirkung der Standardisierung sehen, denn "Je standardisierter der Typus, umso zwingender ist de facto das Gefühl für ein eigentümliches persönliches Selbst." Laut Eisenstein (1997: 53-54) war es Michel de Montaigne (1533-1592), der mit seinem Werk  "Essais"ein neues Genre begründete und damit die Voraussetzung schuf, um mit einem unbekannten Publikum persönlichen Kontakt aufzunehmen,und diesem zu erklären, dass es mit dem Gefühl der einzelnen Eigenartigkeit nicht allein ist. Andere Literaturgenres legten dagegen, so Eisenstein (1997: 54) menschliche Idealtypen (Priester, Kaufmann, adelige Herren und Damen, wohlerzogene Mädchen und Knaben) fest. Laut Eisenstein (1997: 54) ist es zudem denkbar, dass durch den Druck von immer wieder gleichen Bildern "soziale wie auch regionale Trennlinien" bewusster wurden.
 +
Auch Herrscher nutzten, laut Eisenstein (1997: 54), die exakte Vervielfältigung ihrer eigenen Porträts, unter anderem auf Papiergeld, um ihre Präsenz ihren Untertanen viel mehr einzuprägen, als dies  durch die nicht sehr detaillierte Prägung auf Münzen möglich war. Eisenstein (1997: 54) erwähnt, dass die Mitarbeiter der Buchdruckwerkstätten diejenigen waren, die sich zuerst mit den zu druckenden Werken auseinandersetzten und bei denen sich demzufolge als erstes ein Bewusstsein von Individuellem und Typischem einstellte. So verstärkte sich laut Eisenstein (1997: 54-56) die Aufmerksamkeit für passende Dekor- und Musterelemente und die Bewusstheit von Ort und Epoche besonders bei denjenigen, die die Druckvorlagen vorbereiteten. Trotz dieser erhöhten Bewusstheit für typische Details, regionale oder individuelle Besonderheiten kam es, so Eisenstein (1997: 56-58) vor, dass durch 'ökonomisch' arbeitende Drucker dieselbe Druckplatte mit derselben Abbildung für verschiedene Städte, Persönlichkeiten oder Pflanzen verwendet wurde. Eine Abbildung konnte nach Eisenstein (1997: 58) aber auch bewusst wiederverwendet werden. Eisenstein (1997: 58) nennt als Beispiel dafür die 1483 erschienene Ausgabe der Nürnberger Chronik, in der ein und dieselbe Druckplatte zum Beispiel siebenunddreißigmal verwendet wurde. Gründe dafür waren laut Eisenstein (1997: 58) einerseits die kostengünstige und materialsparende Wiederverwendbarkeit der Platten, andererseits aber auch die bewusste Wiederverwendung typischer Motive zur Strukturierung des Werkes und als Orientierungshilfe für die Lesenden. Dabei förderte die Standardisierung der Darstellungen, so Eisenstein (1997: 58), ein Bewusstsein für die besonderen, individuellen Merkmale bestimmter Städte, Gesichter, Pflanzen etc.
 +
Eisenstein (1997: 58) weist an dieser Stelle erneut darauf hin, dass das Druckverfahren damals bedeutend anders vonstattenging als in der heutigen Zeit, denn während ein gedrucktes Werk heute ein Produkt der Arbeitsteilung ist, waren in den Anfängen des Buchdrucks Drucker, Herausgeber, Händler, Übersetzer, Redakteur, Verfasser von Registern, Lexikograph und Chronist häufig ein und dieselbe Person.
 +
Unter den Druckern waren, so Eisenstein (1997: 58-59) auch nicht nur solche, die ökonomisch dachten, sondern auch solche, die durch ihren Ehrgeiz von ihren eigenen Entwicklungen profitierten und Ratgeber für den persönlichen Erwerb aller möglichen Fertigkeiten publizierten.
 +
 
 +
====Einige Auswirkungen der Umgestaltung von Texten und Nachschlagewerken: die Rationalisierung, Kodifizierung und Katalogisierung von Daten====
 +
Unter Bezug auf McLuhans Theorie, dass die optische Wahrnehmung von Texten das Denken der Lesenden beeinflusst, schreibt Eisenstein (1997: 59): „Entscheidungen, die von Druckern der Frühzeit in bezug auf Layout und Präsentation ihrer Produkte getroffen wurden, trugen vermutlich zu einer Neuorganisation des Denkens der Leser bei.“ Eine dieser Neuorganisationen waren laut Eisenstein (1997: 60) alphabetische Anordnungen, die erst im frühen Buchdruckerzeitalter zum Standard wurden. Bereits im handschriftlichen Zeitalter hatte es, so Eisenstein (1997: 60), zwar Versuche gegeben, Ordnungssysteme zu erschaffen, wie etwa gereimte Bücherlisten zeigen, in diesen musste aber zur Einhaltung des Metrums gegebenenfalls Titel weggelassen werden. Andere Bibliothekskataloge waren laut Eisenstein (1997: 60) nach überhaupt keinem erkennbaren Prinzip geordnet. Die Erstellung von Katalogen wird, nach Eisenstein (1997: 60), der Einführung von Papier zugeschrieben, welche die Kosten für das Anlegen von Registern senkte. Jedoch mussten diese, so Eisenstein (1997: 60) immer wieder händisch abgeschrieben werden. Da Register in der Regel für den Eigengebrauch angelegt wurden und es keinen Anreiz gab, sich mit anderen Bibliothekaren abzustimmen, wurden nach Eisenstein (1997: 60) auch keine allgemeinen Ordnungssysteme verwendet, sondern die Listen wurden frei nach persönlichem Geschmack angeordnet. Erst die Einführung des Buchdrucks und die damit verbundene Notwendigkeit von Verkaufskatalogen machten es laut Eisenstein (1997: 61) wünschenswert, Buchbestände nach schlüssigen Kriterien zu katalogisieren, um potentielle Käufer anzuziehen. Zudem ermöglichte es der Buchdruck, wie Eisenstein (1997: 61) forfährt, Register mehrfach schnell zu verfielfältigen, sodass die Last des händischen Abschreibens entfiel. Der Konkurrenzdruck und der Wille, ständig verbesserte Produkte anzubieten, wirkte dabei, so Eisenstein (1997: 61) einer alteingesessenen Trägheit in Bezug auf Veränderung entgegen. Weiterhin ermöglichte die Rationalisierung der Formate laut Eisenstein (1997: 61) die wissenschaftliche Systematisierung diverser Gebiete.
 +
Eisenstein (1997: 61) weist jedoch auch ausdrücklich darauf hin, dass es bereits vor der Erfindung des Buchdrucks Ansätze zur Systematisierung und Kodifizierung gegeben hatte. Querverweise, Glossare und Anmerkungen waren, so Eisenstein (1997: 62-63), gerade nicht unüblich, doch erst der Buchdruck förderte deren einheitliche Anwendung und die systematische Organisation von Texten. Dabei entstanden, laut Eisenstein (1997: 64) auch lexikographische Abhandlungen und Wörterbücher in verschiedenen Sprachen. Entwickelt wurden sie, laut Eisenstein (1997: 64), aus praktischen und religiösen Impulsen, beispielsweise als Nebenprodukt der Arbeit an einer Bibel oder aus dem Bedürfnis zugewanderter Geschäftstreibender nach Nachschlagewerken.
 +
 
 +
Nach Eisenstein (1997: 64-65) ermöglichte der Buchdruck nicht nur das Ordnen von Werken durch Register, sondern auch die Ordnung und Umstrukturierung von Texten und Werken an sich. Vor der Einführung des Buchdruckes waren, so Eisenstein (1997: 65) Texte häufig nur stückweise kopiert oder mündlich präsentiert worden. Durch die Ordnungsarbeit in den Buchdruckwerkstätten wurden laut Eisenstein (1997: 65) nun Zusammenhänge zwischen Texten und Werken deutlich und es kam zu einer Übertragung der klassischen, aus Reden, Poesie und Kunst bekannten Kriterien, Einheit, innere Stimmigkeit und Harmonie "auf die Neuorganisation großer Kompilationen und auf ganze Wissensgebiete". Als Beispiel hierfür führt Eisenstein (1997: 65) den ''Corpus Juris'' an, welcher eine große Rolle an juristischen Fakultäten spielte. Dieser war so Eisenstein (1997: 65-66) handschriftlich lediglich in Teilen verfügbar und wurde in verschiedenen Vorlesungsreihen gelehrt, deren Veranstaltungen wiederum zeitlich limitiert waren, sodass die Lesung noch weiter in kleine Teile zersplittert wurde, womit Zusammenhänge verloren gingen. Auch konnte, so Eisenstein (1997: 66), der gesamte ''Corpus'' lediglich auf Pilgerfahrten nach Pisa besichtigt werden, jedoch in der Regel nur für sehr kurze Zeit und unter strenger Bewachung. Erst seine Veröffentlichung 1553 erlaubte es, laut Eisenstein (1997: 66), Unklarheiten zu beseitigen, den textlichen Zusammenhang herzustellen, Fehler zukorrigieren und ein Register hinzuzufügen. Als der Codex aber dann Ende des 16. Jahrhunderts schließlich vollständig und von den vielen Kommetaren befreit zur Verfügung stand, wurde er, so Eisenstein (1997: 66), zugleich für die zeitgenössische Anwendung irrelevant.
 +
 
 +
Eisenstein (1997: 66) zufolge wurde die Gesetzgebung und damit auch die Rechtssprechung durch den Buchdruck erleichtert. So wurden, wie Eisenstein (1997: 66-67) erklärt, königliche Proklamationen nicht mehr nur an öffentlichen Orten zur Schau gestellt, sondern konnten auch in geordneter Form gesammelt und abgedruckt und mit einem Inhaltsverzeichnis versehen werden, sodass sie dauerhaft als Orientierung dienen konnten. Zudem stand damit ein geordneter Gesetzeskörper dem Staat zur Verfügung.
 +
Das vermehrte Drucken brachte aber nach Eisenstein (1997: 67) auch noch weitere Veränderungen mit sich. So wurden nach Eisenstein (1997: 67) erstmals Inhaltsverzeichnisse, Seitenzahlen mit arabischen Ziffern, Zwischentitel, Register, Satzzeichen, Absätze und vor allem die für die Katalogisierung wichtigen Titelseiten vermehrt verwendet. Diese Standardisierung der Formate führte laut Eisenstein (1997: 67) wiederum bei Lesern aller Berufe zu einer neuen Vertrautheit mit der systematischen Abfassung von Texten, womit auch deren Denkweisen entscheidend beeinflusst wurden.
 +
 
 +
====Das neue Verfahren der Datenerfassung: Von der verfälschten zur verbesserten Ausgabe====
 +
 
 +
Während in Vorworten und Klappentexten eine stetige Verbesserung der Werke versprochen wurde, war, wie Eisenstein (1997: 68) erklärt, vor allem in den Anfängen des Buchdrucks eher das Gegenteil der Fall. Texte wurden nämlich, so Eisenstein (1997: 68), unverbessert kopiert oder gar von Unkundigen ergänzt und korrigiert. Zudem kam es  bei einigen Werken zu noch mehr Entstellungen als schon vor dem Einsatz der Drucktechnik, zum Beispiel durch die Nutzung qualitativ minderwertiger Blöcke oder durch Fehlinterpretationen verschwommener Bildunterschriften, welche dann in den Folgejahren in ebendieser Form kopiert und weiter vervielfältigt wurden. Als Beispiel führt Eisenstein (1997: 68) eine Serie gedruckter Pflanzenbücher aus der Pionierzeit an, die immer weiter entstellt wurde. Das neue Medium machte aber, laut Eisenstein (1997: 68), durch die Beschleunigung gleichzeitig diesen Deformationsprozess für Gelehrte auch transparenter und trug dadurch zu seiner Überwindung bei. Während nämlich unkundige und profitgierige Drucker Werke umso schneller deformierten, konnten technisch versierte Meister aus ihren Beobachtungen der Grenzen handschriftlicher Verfahren lernen und so der Verfälschung und Entstellung von Werken entgegenwirken.
 +
 
 +
Hierbei sind laut Eisenstein (1997: 68) auch die Leser der Werke  von großer Bedeutung. Einige Herausgeber und Verleger forderten nämlich, so Eisenstein (1997: 68), in ihren Werken offen zu kritischem Feedback durch ihre Leserschaft auf, teilweise sogar unter dem Versprechen, dass jene, die Beiträge zur Verbesserung oder Korrektur eines Werkes lieferten, namentlich genannt würden. In der Folge wurden, laut Eisenstein (1997: 69), nicht nur existierende Werke verbessert und ergänzt, sondern es kam zu neuen Publikationsserien, da die Aufrufe der Verleger zu eigenen Forschungen animierten. Auf diese Art und Weise konnte, so Eisenstein (1997: 69)  das Wissen, welches in den Werken enthalten war, noch um ein Vielfaches erweitert werden. Um beim Beispiel der Pflanzenführer zu bleiben, führt Eisenstein (1997: 69) weiter aus, dass den Europäern durch die Beiträge von Lesern aus aller Welt auch exotische Pflanzen bekannt gemacht wurden und dass dadurch selbst wiederum auch die heimische Flora noch detaillierter beschrieben werden konnte. Es kam so Eisenstein (1997: 70) zu einem stetigen Anwachsen des Wissens, welches in Nachschlagewerken verfügbar gemacht wurde. Zudem gab es nach Eisenstein (1997: 70) jetzt zum ersten Mal ein echtes "Feedback" zu den geschriebenen Texten, das so vor der Einführung des Buchdrucks nicht möglich war.
 +
 
 +
Die weiter oben bereits angesprochene Nennung der Namen jener, die zu einem Werk beigetragen hatten, geschah laut Eisenstein (1997: 70) nicht aus noblen Motiven, sondern weil die namentliche Nennung durch den Buchdruck befriedigender war, als vorher. Einerseits wurde, so Eisenstein (1997: 70-71) durch diese neue Druckkultur der Weg in Richtung wissenschaftlicher Zusammenarbeit aufgezeigt und geebnet, andererseits konnten beispielsweise Handwerker auf diesem Weg Werbung für ihre Werkstätten betreiben und dadurch möglicherweise neue Kunden für ihre Produkte anziehen. Auch gab es so Eisenstein (1997: 71) in dieser Hinsicht keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen Professoren und Handwerkern.
 +
 
 +
Quellenangaben und Namensnennung beschränkten sich, wie Eisenstein (1997: 71) dabei auch nicht auf die Naturwissenschaften, sondern sie war auch in anderen Teilgebieten zu finden. So entwickelten sich, wie Eisenstein (1997: 71) fortfährt,  die Bibliographie und die Zoologie nicht nur nebeneinander zu eigenständigen wissenschaftlichen Disziplinen, sondern sie gehen sogar beide auf den gleichen Mann zurück..
 +
Eisenstein (1997: 71) kommt hierbei auf einen bereits zuvor angeführten Punkt zurück: neue Erkenntnisse verbreiteten sich nicht schlagartig durch die Einführung des Buchdrucks, sondern erst mit einer Verzögerung. Dies ist laut Eisenstein (1997: 72) darauf zurückzuführen, dass zu Beginn ältere Theorien verbreitet wurden und somit einer Verbesserung und Ergänzung zur Verfügung standen. Statt auf Fragmenten aufzubauen oder ohne jede Basis eigene Theorien zu entwickeln, konnten, so Eisenstein (1997: 72) nachfolgende Generationen nun aus einem bereits vorhandenen Wissenspool schöpfen und ihre Forschungen auf dem aufbauen, was ihre Vorgänger bereits zusammengetragen hatten. Ohne die, wie Eisenstein (1997: 72) es nennt, "typographische Persistenz" des Buchdrucks wäre dies aber so nicht möglich gewesen.
 +
 
 +
==== Gedanken zur Kraft der Konservierung im Buchdruck: Beständigkeit und kumulative Veränderung ====
 +
 
 +
Eisenstein (1997: 72) klassifiziert die Eigenschaft des Buchdrucks, zur Konservierung von Werken beizutragen, als möglicherweise wichtigsten Charakterzug des neuen Verfahrens. Handschriftliche Texte waren dagegen, so Eisenstein (1997: 72) schlecht konservierbar, weil sie einerseits der Verfälschung durch Kopisten ausgesetzt waren, andererseits vom aktuellen Bedarf der Eliten und der Verfügbarkeit von Schreibern abhingen. Hinzu kamen, nach Eisenstein (1997: 72), der durch den regelmäßige Gebrauch verursachte Verschleiß und die negativen Auswirkungen von Umwelteinflüssen auf gelagerte Texte (Feuchtigkeit, Ungezieferbefall). Weitere Bedrohungen für handschriftliche Texte waren laut Eisenstein (1997: 72) Diebstahl und Feuer, welche Texte unwiederbringlich auslöschen konnten, oder das Abhandenkommen trotz sorgfältiger Aufbewahrung. All dies beeinträchtige, so Eisenstein (1997: 72) die Weitergabe von Informationen an folgende Generationen.
 +
 
 +
Eisenstein (1997: 73) widerlegt die Einschätzung, dass Handschriften die Vergangenheit dauerhaft festhalten denn dies wäre nur möglich, wenn ein auf Pergament festgehaltenes Dokument nie mehr benutzt worden wäre. Dieser Eindruck wurde, wie Eisenstein (1997: 73) vermutet unter anderem dadurch verstärkt, dass einzelne Dokumente in Krügen oder unter Lava die Zeit überdauert hatten und im Gegensatz dazu der Verfall, dem regelmäßig in Benutzung befindliche Handschriften ausgesetzt waren, unterschätzt wurde. Man konnte demnach, so Eisenstein (1997: 73) davon ausgehen, dass von Dokumenten viel erhalten bleibt, wenn man wenig geschrieben hat und wenig erhalten bleibt, wenn man viel geschrieben hat. 
 +
 
 +
Die Haltbarkeit von Texten wurde, nach Eisenstein (1997: 73),auch wesentlich durch das Material beeinflusst. Das beim Buchdruck verwendete Papier hat laut Eisenstein (1997: 73) sicher eine geringere Haltbarkeit als Papyrus oder Velin, die Haltbarkeit von Texten wurde aber, so Eisenstein (1997: 73) weiter, im Zeitalter des Buchdrucks gerade durch ihre Vervielfältigung massiv erhöht. Statt wertvolle Texte aufzubewahren, bis sie möglicherweise verloren gingen, plädierten laut Eisenstein (1997: 74) zum Beispiel Thomas Jefferson dafür, Informationen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen und so oft zu vervielfältigen, dass keine äußeren Einflüsse zum kompletten Verlust des Textes führen konnten. Einen weiteren Beitrag zur Konservierung leisteten, so Eisenstein (1997: 75) Typographie und Standardisierung der literarischen Landessprachen, da dadurch die sprachliche Fluktuation eingedämmt wurde. Gleichzeitig wurden dadurch, laut Eisenstein (1997: 75-76), die Landessprachen kodifiziert und standardisiert und die auf natürlichem Wege erworbene Muttersprache wurde optisch mit einem eindeutigen Schriftbild verbunden.
 +
 
 +
Eisenstein (1997: 76) verbindet mit dem Buchdruck auch die Aufspaltung der lateinischen Christenheit. Herrscher konnten nun, so Eisenstein (1997: 76), selbst die Anschauungen durchsetzen, die in ihrem Herrschaftsgebiet gelten sollten indem sie lokale Firmen, die nicht der päpstlichen Kontrolle unterstanden, mit Privilegien versahen, wenn diese sie mit Druckwerk gemäß den Bedürfnissen des nationalen Klerus versorgten. Eisenstein (1997: 76) nennt den spanischen König als Beispiel, welcher die Priester in seinem Land von einem Drucker aus Antwerpen mit 15.000 Exemplaren eines Breviers beliefern ließ, welches im Vergleich zur päpstlichen Fassung geringfügig geändert worden war. Die Durchsetzung von religiösen Anschauungen über den Klerus lag damit, so Eisenstein (1997: 76), in den Händen der herrschenden Dynastien. Auch Erlässe wurden nach Eisenstein (1997: 76) durch ihre gedruckte Veröffentlichung unwiderruflicher gegenüber früher, als zum Beispiel die Magna Charta von der Grafschaft zwei Mal im Jahr ausgerufen wurde und schon 1237 nicht mehr eindeutig war, um welche Charta es sich eigentlich handelte.
 +
 
 +
Die Beständigkeit des Gedruckten führte, laut Eisenstein (1997: 77) auch zu Fragen des Urheberrechts und der Patentierung, denn Erfinder konnten nun Ansprüche auf ihre Innovationen erheben. So kam es nach Eisenstein (1997: 77) bereits um 1500 zur Arbeit an juristischen Fiktionen, die sich mit dem literarischen Urheberrecht und Patentfragen bei Erfindungen auseinandersetzten. Auch Fragen des Monopols, des illegalen Nachdrucks und des Copyright kamen, so Eisenstein (1997: 77) erst durch den Buchdruck auf, denn die hohe Verbreitung und die lange Haltbarkeit von Büchern versprache nun Ruhm und Bekanntheit.
 +
 
 +
Wie Eisenstein (1997: 78-79) annimmt, wurden die auf dem Buchdruck basierenden Konzepte auch auf antike Texte wie die heilige Schrift oder die Werke von Aristoteles übertragen, denn es wurde die Frage auch nach ihrer Autorschaft gestellt und damit letztendlich der Respekt, der alten Werken entgegengebracht wurde, abgeschwächt.
 +
 
 +
Eisenstein (1997: 79) hält es zudem für möglich "daß Begriffen wie alt und modern, Entdeckung und Wiederentdeckung, Erfindung und Nachahmung unterschiedliche Bedeutungen zugewiesen wurden, bevor wichtige Abweichungen vom herkömmlichen Verständnis dauerhaft festgehalten werden konnten", denn die ganze Zeit davon wurden überlegene Techniken eher wiederentdeckt als neu entdeckt. Wissen wurde schließlich, so Eisenstein (1997: 79), häufig aus antiken Werken und Überlieferungen wiedergewonnen. Neuentdeckungen als solche zu erkennen, war, laut Eisenstein (1997: 80), vor dem Buchdruck aufgrund mangelnder schriftlicher Fixierungen oder deren Verlust und Verfälschung schwierig.
 +
Da mit dem Buchdruck die Bewahrung des kulturellen Gedächtsnisses nicht mehr so dringlich war, verloren, so Eisenstein (1997: 80) auch alte Traditionen wie Erinnerungstechniken an Bedeutung und konnten sogar aufgegeben werden. Auch Bilder und Symbole verloren laut Eisenstein (1997: 80-81) ihre traditionelle Funktion als Wissensspeicher und Ästhetik wurde sozusagen nicht mehr gebraucht. Zugleich wurde aber auch, so Eisenstein (1997: 81), das ursprünglich mit deformierten Handschriften verbundene Thema "Verfall der Natur" von moderne Propheten, die meinten, dass die neusten Entwicklungen nicht mehr zu kontrollieren seien, wieder aufgenommen.
 +
 
 +
====Erweiterung und Verstärkung: Die Beharrlichkeit von Stereotypen und soziolinguistischen Grenzlinien====
 +
Die Begriffe ''Stereotyp'' und ''Klischee'' stammen, so Eisenstein (1997: 82), von typographischen Prozessen. So wurden Eisenstein (1997: 82) zufolge in den letzten fünf Jahrhunderten verschiedene handschriftliche Quellen immer wieder herangezogen und zitiert, sodass sich deren alte Botschaften verstärkten und erheblich häufiger überliefert wurden als andere, neuere Quellen. Je mehr Texte ein Leser zur Kenntnis nahm, umso häufiger begegnete er identischen Fassungen, die sich auf die gleiche Quelle bezogen, wie beispielsweise auf bekannte Zitate, so Eisenstein (1997: 82). Eisenstein (1997: 82) betont in diesem Zusammenhang, dass die ursprüngliche Lektüre, in denen das Zitat oder Ähnliches zuerst auftrat, die modernere Lektüre in den Schatten stellt.. Dadurch wurden laut Eisenstein (1997: 82) vor allem alte Quellen besonders prägend für die Ausbildung von Symbolen, Zitaten oder Arten der Berichterstattung.
 +
Gleichzeitig spielten dabei jedoch, Eisenstein (1997: 82) zufolge auch die "Fixierung literarischer Sprachgrenzen" und das nationale Gedächtnis eine große Rolle, da nicht allerorts die gleichen Quellen herangezogen wurden, sondern unterschiedliche Autoren an verschiedenen Orten immer andere Schwerpunkte bei der Übersetzung und Zitation setzten. So wurden, laut Eisenstein (1997: 83) innerhalb der landessprachlichen Literatur diverse Stereotypen geprägt, die lediglich für diesen speziellen Raum galten. Parallel dazu kam es, so Eisenstein (1997: 83) zu einer Verbreitung der ''Respublica Litterarum'' und damit zur Sprachgrenzen überschreitenden Übermittlung von Botschaften in lateinischer (später französischer) Sprache, oder, wie im naturwissenschaftlichen Bereich, unter einfachem Einbezug von bildlichen und mathematischen Aussagen an ein internationales Publikum.
 +
Auch die Religion hatte Eisenstein (1997: 83) zufolge Einfluss darauf, welche Texte in welchem Umfang verbreitet wurden. So wurden, wie Eisenstein (1997: 83) fortfährt, landessprachliche Fassungen von Bibeltexten eher in protestantischen als in katholischen Gegenden verbreitet. Weitere Faktoren, die bei der Verbreitung von Botschaften innerhalb einer Sprachgruppe von großer Bedeutung waren, sind, nach Eisenstein (1997: 83) der unterschiedliche Grad der Literarisierung, die unterschiedlichen Lesegewohnheiten sowie die "ungleiche Verteilung von teuren neuen Büchern und billigen Nachdrucken von alten in verschiedenen gesellschaftlichen Sektoren".
 +
 
 +
=== Bedeutung der Sinne und der Stellung des Autors ===
 +
 
 +
'''die Angaben zu Giesecke müssen überprüft werden'''
 +
 
 +
Mit der Erfindung des Buchdrucks kommt laut [[Giesecke]] insbesondere der optischen Wahrnehmung des Menschen eine besondere Gewichtung zu: „Je mehr Wissen die Gesellschaft nach den neuzeitlichen Prinzipien in den gedruckten Büchern gespeichert hat, desto mehr prämiert sie das Auge und wertet andere Sinneserfahrungen ab“ (Giesecke 1996: 12). Diese erkenntnistheoretische Auffassung hebt sich, so [[Giesecke]], selbstverständlich drastisch von der durch das christliche Mittelalter geprägten Zeit ab, die auf dem Prinzip der Verkündigungstheorie beruht und somit auf ein kommunikatives Grundkonzept zurückzuführen ist (cf. [[Giesecke]] 1996: 12). Die Vorstellung der Gläubigen vom Erwerben „wahrer Erkenntnis“ basiert hier, laut [[Giesecke]], auf der Annahme, dass Informationen entweder unmittelbar von Gott oder von Anderen verkündet werden: „Nicht das 'äußere' Auge, mit dem die Neuzeit ihr 'wahres Wissen' produziert, sondern das Hören auf 'innere' Stimmen, ermöglicht in der alten Zeit Erkenntnisgewinn“ ([[Giesecke]] 1996: 13). Ebenso wie Maria ihre Nachrichten durch Mittler wie Engel, Tauben, Träume oder Zeichen empfängt, erhalten auch die anderen Gläubigen ihre Botschaften (cf. [[Giesecke]] 1996: 13). So entsteht auch [[Giesecke|Gieseckes]] und gleichzeitig Kloock und Spahrs (cf. 1997: 264)Frage der intersubjektiven Wahrnehmung, dass alle Leser ihre Gedanken mit dem des Autors koppeln bzw. vergleichen können, die von Kloock und Spahr sogenannte Entemotionalisierung und Entsynästhesierung eines Textes. Sodass Informationen und Wissen nur dann als wahr hingenommen werden können, wenn sie für andere nachvollziehbar bewiesen wurden. Wie kann nun die Wahrnehmung so "programmiert" werden, dass jedwede Information intersubjektiv nachvollziehbar wird? (cf. Kloock / Spahr 1997: 265). Die Antwort wird mit [[Dürer|Dürers]] Methodologie des Beschreibens, Vergleichens, Typisierung und Messung gegeben. Durch die genaue Beschreibung des Ausgangspunktes, mit Hilfe der Perspektivlehre und der typographischen Medientechnik, wird die Perspektivübernahme des Autors ermöglicht.
 +
 
 +
In der Neuzeit hingegen ist Informationsbeschaffung nach [[Giesecke]] geprägt durch die Entschlüsselung der klassischen Selbsttypisierung von Autoren. Die Autoren fühlen sich, so [[Giesecke]], "nicht mehr als 'stilum' Gottes und die Leser teilen die neue Einschätzung der Autoren“ ([[Giesecke]] 1996: 13). Das Erwachen des Autorenbewusstseins in der Neuzeit ist nach [[Giesecke]] (1996: 14) durch Wille und Sinn gekennzeichnet, die einen Schreiber „[...] zu einem unverwechselbaren Schöpfer von geistigen Werken“ machen.
 +
 
 +
Nachdem sich die Kommunikation, wie [[Giesecke]] (1996: 9) ausführt, von einer Face-to-face-Situation bei öffentlichen Reden und Ansprachen hin zu einem neuen System der Informations-Übertragung in Buchform verändert hat, müssen die Leser (die neben den Autoren den zweiten Schnittpunkt zwischen Umwelt und Druckerzeugnis markieren) dementsprechend die Vorgehensweise ("Software") des Autors nachvollziehen können, um die im Buch enthaltenen Informationen im realen Leben (der Umwelt) anwenden zu können. Dabei muss, so [[Giesecke]] (1996: 11), eine gemeinsame Sprache gefunden werden, die es dem Autoren ermöglicht, seine Geschichte so zu erzählen, dass der Leser, eine ihm völlig fremde Person, diese ohne zusätzliche Erklärungen nachvollziehen und verstehen kann, auch wenn sie durchaus Strukturen beschreiben kann, die "im Verlauf der Jahrhunderte zerstört worden sind".  
 +
Um diese Sprache zu erreichen, muss der Autor, laut [[Giesecke]] (1996: 10), abgesehen von der Beherrschung der Alphabetschrift, die Perspektive beachten, die er bei dieser Geschichte einnimmt. [[Giesecke]] (1996: 10-11) erläutert dies anhand eines Holzschnitts von Albrecht [[Dürer]], bei dem der Autor / Urheber als das Auge dient, das lediglich die Punkte festhält, die sich von der Netzhaut auf die Projektionsfläche (das Buch) übertragen lassen. Bücher werden also nach [[Giesecke]] (1996: 11) erst durch die Alphabetschrift in Kombination mit perspektivisch verständlichem Scheiben zu selbstständigen Kommunikationsmedien.
 +
 
 +
Nach Klock und Spahr wurden durch das durch [[Gutenberg]] ermöglichte Schriftsystem die Wahrnehmungs- und Darstellungsstile vereinheitlicht, sodass sich "Abstrahierung, Spezialisierung, Fragmentierung, Typologisierung, Proportionierung" allseits in der Gesellschaft durchsetzen konnten. Zudem konnten alle Informationen, die vorher nur oral zugänglich waren, nun auch visuell wiedergegeben werden. [[McLuhan]] ist, so Kloock und Spahr, allerdings der Meinung, dass dadurch unsere Wahrnehmungs- und Empfindungsvermögen verstumpfen und eine „riesige uniformierte Gedächtnismasse“ entsteht ([[McLuhan]] 1995: 265 ff; zit. n. Kloock / Spahr 1997: 255).
  
 
=== Die unmittelbaren Folgen der Erfindung des Buchdrucks ===
 
=== Die unmittelbaren Folgen der Erfindung des Buchdrucks ===
 +
Die Buchkultur als informationsverarbeitendes System verdrängte laut [[Giesecke]] die älteren skriptographischen und oralen Systeme. Der Siegeszug dieses typographischen Informationssystems wurde, so [[Giesecke]], von vielen, sich gegenseitig beeinflussenden Faktoren begünstigt und vorangetrieben.
 +
Die Erfindung [[Gutenberg|Gutenbergs]] war also lediglich ein Element, d.h. ein Ereignis in einem komplexen Funktionsgefüge. Neuerungen, die den Durchbruch der eingeführten Technologie begleiteten und ermöglichten, waren laut [[Giesecke]] u.a.:
 +
- Der freie Markt wird fortan als kommunikatives Netzwerk genutzt, über das die gedruckten Ergebnisse verbreitet werden
 +
- Formen von Informationen, die zuvor noch nicht handschriftlich oder mündlich tradiert wurden, werden nun für den Druck neu gewonnen.
 +
- Von den Autoren werden alternative Formen der Wahrnehmung und der Informationsdarstellung erprobt.
 +
- Käufer und Leser, von [[Giesecke]] als "Effektoren" definiert, werden in den neuen Informationskreislauf miteinbezogen (cf. [[Giesecke]] 1996: 4).
 +
Im Folgenden sollen einige dieser Aspekte vertieft werden.
  
Die neuzeitlichen Autoren weisen laut Giesecke (1996: 14) in ihren Werken darauf hin, dass ihre Texte dem "Gemeinwohl" dienen. Damit verschwindet Gott als Informationsquelle und es entfällt auch die Gewohnheit, Gott für das Werk zu danken.
+
Nach [[Giesecke]] (1996: 5) wurde das Buch zu einer Ware, die sich auf dem freien Markt schnell verbreiten ließ. Der Buchdruck wurde dadurch zu einem kommerziellen Gewerbe, sodass dem Besitz von Geld bei dem Erwerb und der Verbreitung von Büchern eine größere Bedeutung zukam. Dies ist auch daran erkennbar, dass sich die Verleger in den Vorworten an den Leser als "Käufer" wandten.
Nach Giesecke (1996: 14) verlieren im Protestantismus mündliche Beichte oder die Sakramente an Bedeutung, während dem nunmehr gedruckten Wort die ausschlaggebende Bedeutung zukommt ("solum scriptura".
+
[[Giesecke]] arbeitet einige Unterschiede dieser neuen Strukturen im Vergleich zu der Verbreitung von Manuskripten im Mittelalter heraus:
Vor dem Buchdruck wurde laut Giesecke (1996: 14) das vorhandene Wissen nur innerhalb der Familie, des Handwerks und der Institutionen weitergegeben. Mit dem Buchdruck wird dieses Wissen laut Giesecke (1996: 15) öffentlich und allgemein zugänglich, sodass es überprüft werden und dazu auch Stellung bezogen werden kann. Dies war, so Giesecke, der Grundstein für die neuzeitliche beschreibende Naturwissenschaft.
+
Im Mittelalter verblieben die Handschriften in den institutionellen Netzen, in denen die Schriften gemäß hierarchischer Strukturen weitergegeben wurden. Dabei mussten die Informationen jede Instanz durchlaufen. Sie wurden also zum Beispiel vom Mönch zum Abt, vom Abt zum Ordensoberen, vom Ordensoberen zum Bischof und von dort zur nächsthöheren Instanz weitergegeben. Die Handschriften dienten dabei eher der Vorbereitung und Unterstützung der Rede (cf. [[Giesecke]] 1996: 5).
Viele meinten jedoch so Giesecke (1996: 15), die Vergesellschaftung des Wissens würde gerade Handwerker um ihre Kunden bringen, da diese durch den Erwerb des Fachwissens letztere nicht mehr in Anspruch zu nehmen bräuchten und diese somit ihre Lebensgrundlage verlieren würden.
+
Im freien Markt hingegen entscheiden nach [[Giesecke]] (1996: 6) die Autoren und Drucker, welche Informationen an die Öffentlichkeit gelangen sollen und jeder hat Zugang zu den Druckerzeugnissen. Die marktwirtschaftlichen Netze sind nicht hierarchisch, sondern haben eine "sternförmige Struktur". Dadurch wird der Instanzenweg des Mittelalters aufgehoben und es findet eine "Abkürzung der Kommunikationsbahnen" statt (cf. [[Giesecke]] 1996: 7).
Durch die massenhafte Verbreitung gedruckter Texte wird das Handeln und das Erleben der Menschen nach Giesecke (1996: 15) standartisiert, da sich immer mehr Menschen nach den gleichen Beschreibungen in den Büchern richten.
+
  
=== Die typographische Kommunikation als Sonderfall der Informationsverarbeitung ===
+
Die neuzeitlichen Autoren weisen laut [[Giesecke]] (1996: 14) in ihren Werken darauf hin, dass ihre Texte dem "Gemeinwohl" dienen. Damit verschwindet Gott als Informationsquelle und es entfällt auch die Gewohnheit, Gott für das Werk zu danken.  
In unserer Gesellschaft hat sich nach Giesecke (1996: 1) eine Umorientierung in den Leitbildern vollzogen, sodass eine Entwicklung von der "Industriegesellschaft" oder "christlichen Gesellschaft" hin zur "Computer-Kultur" oder auch "Fernsehgesellschaft" stattfand. Nach Giesecke (1996 : 1) sind gemeinschaftsbildende Faktoren unserer heutigen Gesellschaft vor allem kommunikative Prozesse und deren Medien, wobei die "Information" auch im wirtschaftlichen Kontext eine bedeutende Rolle einnimmt. Kommunikation beschreibt Giesecke (1996: 2) als einen "Spezialfall" der Informationsverarbeitung, bei dem Prozessoren aneinander gekoppelt werden um ein informatives Problem zu lösen. Diese Prozessoren müssen heute nicht mehr nur Menschen sein, sondern auch technische Prozessoren wie Computer können die Informationsverarbeitung übernehmen.
+
Nach [[Giesecke]] (1996: 14) verlieren im Protestantismus mündliche Beichte oder die Sakramente an Bedeutung, während dem nunmehr gedruckten Wort die ausschlaggebende Bedeutung zukommt ("solum scriptura".
Autoren nehmen in diesem System laut Giesecke (1996: 2) die Funktion einer "Schnittstelle" ein, indem sie Umweltinformationen wahrnehmen und diese in handschriftlichen Texten verarbeiten.
+
Vor dem Buchdruck wurde laut [[Giesecke]] (1996: 14) das vorhandene Wissen nur innerhalb der Familie, des Handwerks und der Institutionen weitergegeben. Mit dem Buchdruck wird dieses Wissen laut [[Giesecke]] (1996: 15) öffentlich und allgemein zugänglich, sodass es überprüft werden und dazu auch Stellung bezogen werden kann. Dies war, so [[Giesecke]], der Grundstein für die neuzeitliche beschreibende Naturwissenschaft.
Giesecke führt dazu aus: "Die Manuskriptform ist eine notwendige Bedingung für die weitere typographische Verarbeitung" (Giesecke 1996: 2). Durch diese nicht mehr mündlich dargebotenen Informationen kann in Druckereien und Verlagen die Gutenberg´sche Technik verwendet und Texte können vervielfältigt werden, sodass sich eine "Beschleunigung" des Informationsaustauschs vollzieht. Die rasche Durchsetzung von Gutenbergs Erfindung lässt sich mit einer positiven ideologischen Aufladung erklären und wird als Mittel zur Volksaufklärung und zum Wissenserhalt gesehen. (vgl. Giesecke 1996: 2)  
+
Viele meinten jedoch so [[Giesecke]] (1996: 15), die Vergesellschaftung des Wissens würde gerade Handwerker um ihre Kunden bringen, da diese durch den Erwerb des Fachwissens letztere nicht mehr in Anspruch zu nehmen bräuchten und diese somit ihre Lebensgrundlage verlieren würden. 
 +
Durch die massenhafte Verbreitung gedruckter Texte wird das Handeln und das Erleben der Menschen nach [[Giesecke]] (1996: 15) standartisiert, da sich immer mehr Menschen nach den gleichen Beschreibungen in den Büchern richten.
  
 +
In unserer Gesellschaft hat sich nach [[Giesecke]] (1996: 1) eine Umorientierung in den Leitbildern vollzogen, sodass eine Entwicklung von der "Industriegesellschaft" oder "christlichen Gesellschaft" hin zur "Computer-Kultur" oder auch "Fernsehgesellschaft" stattfand. Nach [[Giesecke]] (1996 : 1) sind gemeinschaftsbildende Faktoren unserer heutigen Gesellschaft vor allem kommunikative Prozesse und deren Medien, wobei die "Information" auch im wirtschaftlichen Kontext eine bedeutende Rolle einnimmt. Kommunikation beschreibt Giesecke (1996: 2) als einen "Spezialfall" der Informationsverarbeitung, bei dem Prozessoren aneinander gekoppelt werden um ein informatives Problem zu lösen. Diese Prozessoren müssen heute nicht mehr nur Menschen sein, sondern auch technische Prozessoren wie Computer können die Informationsverarbeitung übernehmen.
 +
Autoren nehmen in diesem System laut [[Giesecke]] (1996: 2) die Funktion einer "Schnittstelle" ein, indem sie Umweltinformationen wahrnehmen und diese in handschriftlichen Texten verarbeiten. 
 +
[[Giesecke]] führt dazu aus: "Die Manuskriptform ist eine notwendige Bedingung für die weitere typographische Verarbeitung" ([[Giesecke]] 1996: 2). Durch diese nicht mehr mündlich dargebotenen Informationen kann in Druckereien und Verlagen die [[Gutenberg|Gutenberg´sche]] Technik verwendet und Texte können vervielfältigt werden, sodass sich eine "Beschleunigung" des Informationsaustauschs vollzieht. Die rasche Durchsetzung von Gutenbergs Erfindung lässt sich mit einer positiven ideologischen Aufladung erklären und wird als Mittel zur Volksaufklärung und zum Wissenserhalt gesehen. (cf. [[Giesecke]] 1996: 2)
  
 +
Entsprechend der Renaissance, so Kloock und Spahr (1997: 263) weiter, ging es auch für Gutenberg neben seinem Primärziel, der Geschwindigkeit der Verbreitung von Information, um die Harmonie aller Teile und die Ästhetisierung der Schrift und der Intersubjektivität der Dinge, um diese Vereinheitlichung des Schriftbildes ebenfalls zu erreichen, erschuf er diese systematisch varrierbare Maschine. "Die Wiederverwendbarkeit der Form ermöglichte auch die Reproduktion identischer Lettern."(Kloock / Spahr 1997: 262). Mit diesen Lettern hat er "Artmodelle" erschaffen und diese anschließend harmonisch standardisiert und sein Ähnlichkeitsideal mit dem Druck des "monumentalsten Werk überhaupt" als erstes bewiesen: das Alte und Neue Testament (cf. Kloock / Spahr 1997: 263).
  
== Die Anfänge der schriftlichen Fixierung der Grammatiken ==
+
=== Die Progressivität des Buchdruckes als Initiator für gesellschaftlichen Wandel ===
 +
Die Neuerungen des Buchdruckes wirkten sich nach [[Giesecke]] in weitreichendem Maße auf den Umgang und die Weitergabe von Informationen in der Gesellschaft aus. Wissen wurde nun nicht mehr einfach wie in oralen Kulturen innerhalb kleiner, sozialer Netzwerke geteilt, sondern konnte jetzt über große Entfernungen nachhaltig verbreitet werden. Das erstellen einer typografischen Information hatte nicht einfach nur das Potential die Weitergabe von beispielsweise Kräuterwissen von Mutter zu Tochter zu ersetzen, sondern schaffte zudem die Möglichkeit solcherlei Informationen mit anderem, bereits gesammelten Wissen abzugleichen und weiterzuverarbeiten. Somit konnte ein unbegrenzter Informationsspeicher eingerichtet werden, der fähig ist stets neuen Input aufzunehmen. "Immer mehr neue Informationen müssen dem System zugeführt werden, damit es am Laufen bleibt" ([[Giesecke]] 1996: 661). Laut [[Giesecke]] bildete sich ein Informationskreislauf heraus, welcher, einmal in Gang gekommen, eine Eigendynamik entwickelte. [[Giesecke]] erläutert dies anhand eines Models nach welchem der Autor über seine Wahrnehmung Informationen aus seiner Umwelt entnimmt, diese als psychische Informationen verarbeitet und niederschreibt. Hierdurch wandelt er sie in seine private und "ikonische" ([[Giesecke]] 1996: 657) Information um. Anschließend entsteht durch das Vermarkten eine gesellschaftliche Information, da jedes Mitglied der Gesellschaft nun Zugang erlangen kann. Durch den Kauf durch eine bestimmte Person erfolgt das Umschlagen zu einer erneut privaten, ikonischen und zunächst sprachlichen Information, welche wiederum eine psychische Information formt. Beeinflusst das entnommene Wissen das nachfolgende Handeln des Lesers, welches nachfolgend wieder Einfluss auf das Wirken neuer Autoren nimmt, so entsteht ein typographischer Informationskreislauf, welchen [[Giesecke]] (1996: 657) auch als ein "endloses Band" bezeichnet. Dieser Kreislauf führt zu einem stetigen Erweitern des Systems. Durch die erhöhte Reichweite der typographischen Information wurde nach [[Giesecke]] das Abwarten neuer Erfahrungen zur Erkenntnisbildung nicht mehr zwingend notwendig. So konnten industrielle Arbeitsvorgänge nun visualisiert und verbreitet werden, wodurch vorrangig sensomotorisch vorhandenes Wissen nun auch sprachlich repräsentiert wurde. Intuitive Erfahrungswerte wurden also durch logische Schlüsse ergänzt und verschriftlicht, dadurch wiederum überprüfbar und reflektierbar gemacht. In der Folge vollzog sich eine Trennung von Praxis und Theorie, welche von [[Giesecke]] als "Brauch" und "Verstand" betituliert werden. Der Austausch zwischen beiden Welten stellte einen Wendepunkt für die damals übliche Erkenntnistheorie und aus jetziger Sicht die Ausgangsbasis für die moderne Wissenschaft dar. Wurde die intensive Auseinandersetzung mit einer Kunst als Maîtrise verstanden, so erscheint diese nun als erfühlte Wissen suspekt. Es entwickelt sich die Wertschätzung einer Distanz zwischen dem Betrachter und dem Betrachteten, um weg von der üblichen Subjektivität des Alltags zu einer professionellen Objektivität zu gelangen. "Erprobt waren letztlich auch nur die Verfahren, deren Erprobung man beobachtet hatte. Das Gehörte und auch die eigene Intuition müssen noch einmal mit den Augen überprüft werden" ([[Giesecke]] 1996: 677). Galt bislang das Erstellen von Texten in jeder Form als Kunst, geschah nun eine Herauslösung der sachlich, analytisch Verfassten und in Masse verbreiteten typographischen Medien aus dem althergebrachten Kanon der Künste. Die Wissenschaft, welche in der Gesellschaft bislang vielmehr als eine Art von Maîtrise und Weistum gesehen wurde, erlangte nun durch ihren Wandel hin zur Rationalität an Bedeutsamkeit. Aufgrund der Verbreitung durch den Buchdruck gab es nun keine Legitimation zur Geheimhaltung von Wissen mehr. Die Wissenschaft rückte merklich aus dem kleinen Kreis der Jünger der Wissenschaft in die Öffentlichkeit und galt nunmehr als Angelegenheit der Gemeinschaft. Dies hatte harsche gesellschaftliche Kritik zur Folge, wurde das Lernen aus Büchern für „unmöglich und jedenfalls verwerflich“ ([[Giesecke]] 1996: 683) gehalten. Das Gespräch zwischen Experten und Laien solle, nach der Auffassung von Kritikern, nun vollends durch das Lesen von Sachbüchern ersetzt werden. Ein bedeutender Befürworter dieser Theorie war Valentin [[Ickelsamer]], der Verfasser des Werks Teutschen Grammatica, welcher das Buch als Medium zum Selbststudium bzw. als Handreichung für Hausunterricht innerhalb der Familie etablieren wollte. Wurde das Ersetzen des Lehrers durch ein Buch von didaktischer Seite zunächst schwer verurteilt, so erfreute sich hingegen das Lehrwerk als ergänzender Bestandteil des Unterrichts zunehmender Beliebtheit. In der Folge galt es sich mit der Thematik auseinanderzusetzen, welche Lehrinhalte denn überhaupt sinnvoll durch Bücher vermittelt werden konnten und welche nicht. Eine weitere Problematik fand sich in dem Vorwissen, welches der einzelne Leser zum Verstehen der Schrift benötigte. Gab es in jeder Zunft eine gemeinsame Schnittmenge an Grundwissen über die behandelte Thematik, so konnte dieses nun nicht mehr als a priori vorausgesetzt gelten. Folglich mussten viele Manuskripte vor dem Druck aufgearbeitet und erweitert werden, um dem einfachen Leser grundlegende Informationen zur Thematik vor zu entlasten.
  
=== Italienische Grammatiken und Sprachtraktate ===
+
=== Die typographische Vernetzung der gesellschaftlichen Kommunikation zum gemeinen Nutzen der deutschen Nation (1520-1555) ===
  
Einleitender Text:
+
==== Das Handelsnetz als Medium der typographischen Kommunikation ====
-Bedeutung des Lateinischen
+
Im Gegensatz zu älteren Formen des Warentausches, indem Waren gegen Waren getauscht werden, ist im modernen kapitalistischen System typisch Ware gegen Geld zu tauschen, somit erscheint der Markt als ein Medium mit zwei Typen von Ein- und Ausgänge, wobei der Verkäufer auf der einen Seite Waren gibt und der Käufer auf der anderen Seite diese Ware entgegennehmen kann und gibt dafür Geld als Rückkopplung ([[Giesecke]] 1996: 397).
-Dichte von Grammatiken in der Zeit von .. bis ..
+
Laut [[Giesecke]] lässt sich der Wert einer Ware in Geld ausdrücken, wodurch nicht nur die menschliche Arbeitskraft, sondern auch das menschliche Wissen zu einer Ware wird, dementsprechend regelt das Geld dem Zugang zu dem Wissen, genauer gesagt gilt die Finanzkraft als Filter für die Verbreitung von Wissen bzw. Bücher.  
-Zusammenhang mit der Questione della lingua, ihre Sprache und Lexik (Dante, Boccaccio, Petrarca)  
+
Nach [[Giesecke]] (1996: 400) ist das neue Wirtschaftssystem, wegen der Serienproduktion von Bücher, nicht mehr durch die mittelalterliche Stadt regulierbar wie es früher den Fall war. Stattdessen zeichnet sich das neue marktwirtschaftliche Medium durch eine nahezu unbegrenzte räumliche Transport- und zeitliche Speicherfähigkeit aus und ermöglichst eine globale Ausdehnung des Welthandelsnetzes ([[Giesecke]] 1996: 401).
-Bezüge zu den großen Schriftstellern der Zeit
+
- Abschnitt Normgrammatik
+
-Gegenseitige Beeinflussung des Buchdruckes, d.h. die von ihm hervorgebrachte  Notwendigkeit einer Sprachnormierung und der Erscheinung der Grammatiken 
+
  
==== Grammatiken ====
+
==== Im Truck in die Gemein geben: Die Tektonik typographischer Kommunikation ====
~'''1434-43''' ''Grammatichetta vaticana'' von Leon Battista Alberti
+
Im einfachsten Fall erfordert die Kommunikation, so [[Giesecke]] (1996: 404), zwei Prozessoren und ein Medium, wobei die beide Prozessoren als Sender und Empfänger bezeichnet werden. Die Druckerei gilt als Vorverstärker des typographischen Mediums und ermöglichst eine enorme Verstärkerleistung des Systems, weil die Informationsblöcke öfter identisch reproduziert werden und können somit auf einer Vielzahl von Kanälen gleichzeitig verteilt werden, dadurch ist es für Drucker und Händler nicht mehr überschaubar, welche und wie viele Bücher an wen verkauft werden ([[Giesecke]] 1996: 405-406).
'''1516''' ''Regole grammaticali della volgar lingua'' von Giovan Francesco Fortunio
+
'''1525''' ''Prose della Volgar'' von Pietro Bembo
+
'''1529''' ''Grammatichetta'' Giovan Giorgio Trissino
+
'''1533''' ''La grammatica volgar dell'Ateneo'' von  Marco Antonio 
+
'''1549''' ''Fondamenti del parlar toscano'' von Rinaldo Corso
+
'''1550''' ''Osservazioni della volgar lingua'' von Lodovico Dolce
+
'''~1551''' ''Commentarii della lingua italiana'' (veröffentlicht 1582) von Girolamo Ruscelli
+
'''1552''' ''Regole della lingua fiorentina'' von Pierfrancesco Giambullari
+
  
==== Sprachtraktate ====
+
==== Grundzüge des typographischen Kommunikationskreislauf ====
 +
Laut [[Giesecke]] (1996: 401): „Der einfachste Fall eines Informationskreislaufs liegt vor, wenn der Empfänger einem Sender zurückmelden kann, daß er eine Botschaft empfangen hat.“ , dabei haben zum Beispiel Gespräche von Angesicht zu Angesicht eine solche Rückkopplungsnatur.  Jeder Teilnehmer an einem Gespräch an mehrere Schnittstellen, so [[Giesecke]] (1996: 410), dennoch eine einzige Schnittstelle pro Typus: ein Mund und zwei Ohren, dadurch ist es schwer mehrere Botschaften gleichzeitig zu empfangen wenn z.B. mehrere Personen zugleich reden. Der Buchdruck kann mit einer Wasserleitungsmetapher veranschaulicht werden ([[Giesecke]] 1996: 411), bei der die Information nur in eine Richtung verlaufen und bei mehrere Empfängern ankommt, der Wasserverbraucher hat zwar eine Möglichkeit zur Rückkoppelung, dennoch erfolgt es nicht direkt wie bei einer direkten wörtlichen Kommunikation zwischen zwei Personen.
 +
Im neuen System der Rückkoppelung unterschiedlichen Medien verbergen sich komplizierte Abläufe der Wahrnehmung und Kodierung von Informationen ([[Giesecke]] 1996: 417) indem Bücher nicht mehr ausschließlich in einer professionellen Eigenschaft gekauft werden, sondern auch zur Befriedigung individueller Interessen ([[Giesecke]] 1996: 422).
  
=== Französische Grammatiken und Sprachtraktate ===
+
==== Normen und Programme zur Steuerung der typographischen Kommunikation ====
==== Grammatiken ====
+
Das typographische Kommunikationssystem ist in der Tat ein selbstregulierendes System, welches aufgrund von Normen und Programmen gesteuert wird, dementsprechend hat der Buchdruck ca. 60 Jahre im Anspruch genommen um seine Normen zu stabilisieren ([[Giesecke]] 1996: 424). Es entwickelten sich dadurch verschiedene Regeln und Gesetzen um den Autor eines Werkes klar identifizierbar zu machen und ihm vor unerlaubte Kopien seines Werkes zu beschützen, damit eröffnete sich die Möglichkeit die Schriften des Autors zu kritisieren und der Bedarf an hochrangige Genauigkeit um diese Kritik zu vermeiden ([[Giesecke]] 1996: 431, 440).
==== Sprachtraktate ====
+
  
Nach Swiggers (1988: 843) entstehen  die ersten grammatischen Beschreibungen einer romanischen Sprache (l'ancien provençal) erst im 13. Jh.  
+
==== Zensur und Datenschutz: Der Eingriff des politischen Systems in den Informationskreislauf ====
 +
Mit dem Anfang des Buchdruckes setzen sich neue Regeln zur Informationsverbreitung durch, dadurch ändert sich die Zensurmöglichkeiten drastisch, da das Geschehen in den typographischen Netzen nicht komplett dem freien Spiel der wirtschaftliche Kräfte überlassen bleibt, haben politische bzw. juristische Kräfte Maßnahmen ergriffen um die Nachrichtenwege zu reglementieren ([[Giesecke]] 1996: 445). Der Informationskreislauf ließ sich nicht nur durch Verbote, sondern auch durch die Gewährung von Vergünstigungen gewähren, somit konnte ein Drucker zum Beispiel zu offiziellen Ratsdruck ernannt werden, darüber hinaus diese ökonomische Hebel ermöglicht die Steuerung des Informationskreislaufes ([[Giesecke]] 1996: 449).
  
Was das Französische betrifft, so gibt es laut Swiggers z. T. sehr summarische Abhandlungen zur Orthographie oder Morphologie (Substantiv und Verb) sowie einige thematische Wörterbücher , die auch Informationen zur Aussprache, liaison und élision enthalten:
+
== Sprachbetrachtung ==
 +
Nach [[Bierbach und Pellat]] (2003: 234-235) war im Mittelalter die Sprache der Kultur und der Kommunikation in Europa das Latein. Als Beispiele lateinischer Grammatiken werden Donats Ars (grammatica) und Prisciens de Césarées ''Institutionum grammaticarum libri XVIII'' genannt.<br />
  
   
+
Nach [[Swiggers]] (1990: 843) entstehen  die ersten grammatischen Beschreibungen einer romanischen Sprache (l'ancien provençal) erst im 13. Jahrhundert.
- um 1250: "Traité de la conjugaison française"
+
  
- um 1300: "Tractatus orthographiae de T.H., Parisii studentis"
+
Die Trennung zwischen Grammatik und Sprachtraktat ist nicht eindeutig zu vollziehen. Im Folgenden wird dennoch der Versuch gemacht einzelne Vertreter beider Kategorien aufzulisten. Die Einordnung erfolgt auf Grundlage der Literatur von [[Bierbach und Pellat]] sowie [[Swiggers]].  
  
- um 1300: "Orthographia gallica"  
+
=== Themen der Sprachwissenschaftsgeschichte ===
 +
Die Themen der Sprachwissenschaftsgeschichte werden von Jens [[Lüdtke]] (2001: 3) nicht beliebig, sondern auf Grund der wichtigsten Interessen der Gelehrten in der Vergangenheit ausgewählt. Dabei kommt [[Lüdtke]] (2001: 3-4) auf die folgenden acht Themen:
 +
#Suche nach einer Standardsprache
 +
#Herkunft der romanischen Sprachen aus dem Vulgärlatein
 +
#Kontakt mit einer vorrömischen Sprache ("Substrat")
 +
#Kontakt ab der Zeit der Völkerwanderung ("Superstrat")
 +
#Wortherkunft
 +
#Lautentsprechungen
 +
#Sich mit der Zeit erweiternde Sprachkenntnisse
 +
#Erweiterung der Quellen
 +
Das Fragen an die Geschichte fängt, so [[Lüdtke]] (2001: 3), mit der Suche nach der Standardsprache (1) an. Diese kann auch, so [[Lüdtke]] (2001: 3), „Projektion in die Zukunft“ sein, also Sprachplanung, in der sich die „Herausbildung der sprachlichen Identität eines Volkes oder Staates“ zeigt. Für diese Identitätssuche und Identitätsbehauptung wollen die Gelehrten eine Legitimation in der Geschichte finden. Deshalb fragen sie auch nach der Entstehung der romanischen Sprachen.
 +
Daraus ergeben sich nach [[Lüdtke]] (2001: 3) weitere Themen, nämlich die Herkunft der romanischen Sprachen aus dem Vulgärlatein (2), der Kontakt mit einer vorrömischen Sprache („Substrat“) (3) und der Kontakt ab der Zeit der Völkerwanderung („Superstrat“) (4). Der Kontakt wird dabei, so [[Lüdtke]] (2001: 3), zumeist für den Verfall, die „Korruption" des Lateins verantwortlich gemacht. Sprachintern wurden die geschichtlichen Verhältnisse nach [[Lüdtke]] (2001: 3) als Etymologie im Sinne von Wortherkunft (5) und nicht Wortgeschichte verstanden und die Zusammenhänge zwischen dem Vulgärlatein und den romanischen Sprachen wurden gelegentlich durch Lautentsprechungen (6) bewiesen. Die Etymologie sowie die Lautentsprechungen sind dabei, so [[Lüdtke]] (2001: 3), als frühe Formen einer sprachwissenschaftlichen Argumentation zu verstehen. Als weiteres Thema nennt [[Lüdtke]] (2001: 3) die sich mit der Zeit erweiternden Sprachkenntnisse (7). Der Vergleich mit anderen Sprachen, der durch die in Folge des Buchdrucks einsetzende Verbreitung von Grammatiken, Wörterbüchern und Texten laut [[Lüdtke]] (2001: 3-4) erst möglich wird, lässt es zu, geschichtliche Folgerungen abzuleiten und Etymologien festzustellen. Als letztes Thema benennt [[Lüdtke]] (2001: 4) die Erweiterung der Quellen (8), da erst durch das Bekanntwerden und die Verbreitung von Sprachzeugnissen Fortschritte in der Betrachtung der romanischen Sprachen erzielt werden können.
  
- um 1300: Fragmente zur Grammatik und Konjugationstabellen
+
=== Die Zeit von Dante bis zum Ende des 16. Jahrhunderts ===
 +
[[Lüdtke]] (2001: 4) teilt die diachronische romanische Sprachwissenschaftsgeschichte in [[vier Epochen]] ein, wobei er diese durch bestimmte Werke begrenzt. Die jeweiligen Werke wurden laut [[Lüdtke]] (2001: 4) deshalb für die Abgrenzung ausgewählt, weil die darin enthaltenen Ideen zukunftsweisend für die nachfolgende Zeit waren. Von einer Sprachwissenschaftsgeschichte kann [[Lüdtke]] (2001: 4) zufolge erst gesprochen werden, "wenn sich eine Tradition gebildet hat", was sich wiederum erst im Nachhinein feststellen lässt. Das bedeutet, so [[Lüdtke]], dass ein Werk oder eine Idee allein noch nicht wegweisend ist, sondern auf Widerhall angewiesen ist.<br />
  
- um 1340: "Nominale sive verbale in Gallicis cum expositione eiusdem in Anglicis"
+
Als erste Epoche nennt [[Lüdtke]] (2001: 4) die Zeit von Dante bis zum Ende des 16. Jahrhunderts, die vor allem durch die "Suche nach einer Form der Standardsprache" und die Frage der Herkunft der romanischen Sprachen geprägt war. Für letztere gab es laut [[Lüdtke]] (2001: 4) verschiedene Erklärungsansätze.<br />
  
- um 1400: "Tractatus orthographie gallicane per M.T. Coyfurelly, canonicum, Aurelianum doctorem utriusque juris, de novo editus secundum modum et formam parisius" (Überarbeitung des "Tractatus orthographiae de T.H., Parisii studentis" (vgl. Swiggers 1988: 844).
+
Laut [[Lüdtke]] (2001: 5) ist Dantes Werk ''De vulgari eloquentia'' für die Ausbildung der volkssprachlichen Literatur sehr wichtig. In ''De vulgari eloquentia'' spiegelt sich, laut [[Lüdtke]] (2001: 5), die Anerkennung der okzitanischen und französischen Literatur in Italien wider. Diese Anerkennung hatte, so Lüdtke (2001: 5) zur Folge, dass man in Italien auch Werke in beiden Sprachen verfasste. Als Beispiel führt Lüdtke (2001: 5) das enzyklopädische Werk ''Li livres dou tresor'' des Florentiner Brunetto Latini an, welches auf Französisch verfasst wurde.
  
   
+
Da bei Dante, so [[Lüdtke]] (2001 : 5), Probleme der Gegenwart und der Geschichte eng miteinander verbunden sind, ist es notwendig zu zeigen, wie die Wege der Sprachbeschreibung und der Sprachgeschichte divergieren. Dafür betrachtet Lüdtke (2001: 5) die ersten Zeugnisse romanischen Sprachdenkens.
Des Weiteren gibt es, so Swiggers (1988: 844) mehrere Texte für die praktische Anwendung (Konversationsmodelle, Darstellungen der Buchstaben, Texte für Anfänger):
+
       
+
  
- um 1250/1290: "Le tretiz ki Munseignur Gauter de Bitheswey fist a ma dame Dyonise de Montechensi pour aprise de langage"
+
Diese ersten Zeugnisse romanischen Sprachdenkens verbinden laut Lüdtke (2001: 5) die Beschreibung einer Einzelsprache mit der Abfassung von Texten, wobei die Einwirkung der lateinischen Universalgrammatik auf die frühen Grammatiken festzustellen ist. Dies hat, so [[Lüdtke]] (2001: 5), zur Folge, dass "eine elementare Beschreibung einer Einzelsprache mit einer Lehre vom Verfassen von Diskursen in Gestalt von Versdichtung" zusammenfällt. Dieser Zusammenhang wird laut Lüdtke bis zum 18. Jahrhundert weiterbestehen.
  
- Ende des 14. Jh.: "Manières de langage"
+
====Die Beschreibung des Okzitanischen ====
  
       
+
Voraussetzung für die romanische Sprachbeschreibung ist, laut [[Lüdtke]] (2001 : 5), das Entstehen von volkssprachlichen Literaturen. Da die erste volkssprachliche Literatur in der Romania auf Okzitanisch verfasst wurde, begann, so [[Lüdtke]] (2001: 5), die Sprachbetrachtung ebenfalls mit dem Okzitanischen. Dabei ist nach [[Lüdtke]] (2001 : 5) aber zu berücksichtigen, dass sich diese Sprachbetrachtung differenzierte, da Sprache und Literatur in verschiedenen gesellschaftliche Kreisen unterschiedlich gepflegt wurden. So wurde höfische Literatur von höfischen Dichtern reflektiert, bürgerliche Literatur dagegen in den Städten weiterentwickelt.
Alle diese Abhandlungen entstehen, wie Swiggers (1988: 844) betont, in England (Französisch ist dort Verwaltungssprache) und zeugen von der Bemühung, das Pariser Französisch wiederzugeben.
+
  
Aus England stammt, so Swiggers (1988: 844) auch die älteste grammatische Abhandlung zum Französischen auf Französisch, nämlich der um 1400 entstandene und unvollendet gebliebene "Donait françois", der zur Grundlage der grammatischen Beschreibung des Französischen wurde. Aufgebaut ist der  "Donait françois" nach Swiggers wie folgt:
+
Das Okzitanische als schriftliche Sprache erfuhr, so Lüdtke (2001 : 5), eine weite Verbreitung über die eigenen Sprachgrenzen hinaus. So wurde Okzitanisch auch im katalanischen Sprachgebiet, in Galicien und in Oberitalien geschrieben. Diese als "Provenzalisch" bezeichnete Sprache wurde, laut Lüdtke (2001: 5), allerdings erst beschrieben, als die "Blütezeit der altokzitanischen Literatur" vorbei war. Folgende Texte belegen nach Lüdtke (2001: 5), die Verbreitung des Okzitanischen als Literatursprache:
 +
 
 +
* Raimon Vidal aus Besalù in Katalonien (zwischen 1190 und 1213):  "''Razos de trobar''"     
 +
* Uc Faidit (ca. 1240) in Italien: "''Donatz proensals''"     
 +
* Terramagnino da Pisa (zwischen ca. 1280 und 1290) auf Sardinien: "''Doctrina d'acort''"       
 +
* Jofre Foixà (zwischen 1286 und 1291) in Katalonien: ''"Regles de trobar"'' 
 +
 
 +
Je nachdem mit welcher Sprache das Okzitanische in diesen Texten implizit verglichen wird, manifestiert sich nach [[Lüdtke]] (2001: 5) ein unterschiedliches einzelsprachliches Bewusstsein. So wird das Okzitanische als ''vulgar'' oder ''romanz'' bezeichnet, wenn im Hintergrund das Latein steht. Wird das Okzitanische dagegen mit einer dem Latein ebenbürtigen Sprache verglichen, so wird das Okzitanische entweder mit ''vulgar provenchal'' wie bei Uc Faidit (1240) "gegenüber dem Latein und den anderen romanischen Sprachen gleichzeitig situiert", oder mit ''lemosi'' bzw. ''proensal'' nur innerhalb der romanischen Sprachen positioniert. Die einzelnen Sprachnamen benennen also laut [[Lüdtke]] (2001: 5) nicht das Limousin oder das Provenzalische als solche, sondern stehen wie auch ''romanz, romans'' oder ''roman'' für das Okzitanische überhaupt und werden auch variierend für diese Sprache über Jahrhunderte hinweg verwendet.
 +
 
 +
Vorbilder für die Beschreibung des Okzitanischen waren laut [[Lüdtke]] (2001: 5) das Latein und Grammatiker wie Donatus (4. Jh.) mit seiner ''Ars minor'' oder ''Priscians'' (6. Jh.) mit seinen ''Institutiones grammaticae''. Dabei stellte sich allerdings, nach [[Lüdtke]] (2001: 5) die Frage, wie die okzitanischen Kategorien mit den Kategorien des Lateins wiederzugeben waren. Unter anderem musste nämlich so [[Lüdtke]] (2001 : 5) die Reduktion der 3 lateinischen Genera auf 2 sowie die Reduktion der ursprünglich 5 Deklinationsklassen auf 3 erkannt werden. Erkannt wird des Weiteren, laut [[Lüdtke]] (2001: 5), die Reduktion des lateinischen Kasussystems von 5 auf 2 Kasus im Okzitanische, nämlich auf den Casus ''Rectus (retz)'' und den ''Casus Obliquus (oblics)''. Für die weggefallenen Kasusfunktionen wurden so [[Lüdtke]] (2001: 5) andere funktionale Kategorien wie Artikel und Präpositionen eingeführt. Was die Terminologie betrifft, so wurden nach [[Lüdtke]] (2001 : 5) nicht nur lateinische Termini adaptiert, sondern es wurden auch oft neue Termini geschaffen. So entsteht laut [[Lüdtke]] (2001: 6) durch die Auseinandersetzung mit den griechisch lateinischen Grammatiken und den durch Strukturunterschiede bedingten Innovationen  jene Grammatik, die heute "traditionell" genannt wird, die aber anders als der Begriff es vermuten lässt, in ihrem Werden zu verstehen ist und nicht als einheitliches Konzept.
 +
 
 +
==== Dante Alighieri ====
 +
 
 +
Laut Lüdtke (2001: 6) konnte [[Dante]]s ''De vulgari eloquentia'' (geschrieben 1303/1304) erst durch seine Wiederentdeckung im 16. Jahrhundert seine Wirkung entfalten. [[Lüdtke]] (2001: 6) will [[Dante]] im Hinblick auf seinen „Beitrag zum allgemeinen Sprachdenken und zur romanischen Sprachwissenschaft“ betrachten. Nach [[Lüdtke]] (2001: 6) ist [[Dante]]s Ansatz anthropologisch: „Sprache ist das Charakteristikum des Menschen [und] ein Geschenk Gottes.“
 +
Die Entstehung der Sprachenvielfalt, so [[Lüdtke]] (2001: 6), wird auf den Turmbau zu Babel zurückgeführt, als die Menschen die ursprüngliche, göttliche Sprache vergaßen und die Sprachenvielfalt als Strafe Gottes ansahen. Dies ist laut [[Lüdtke]] (2001: 6) ein auf das Buch Genesis gestütztes Sprachdenken. Dante sah jedoch, so [[Lüdtke]] (2001: 6), die Sprachveränderungen als normal an und untersuchte ihre Entwicklung in Raum und Zeit. [[Dante]]s großer Beitrag zur Sprachwissenschaft war, so [[Lüdtke]] (2001: 6), „die Abgrenzung der romanischen gegenüber anderen in Europa gesprochenen Sprachen." Laut [[Lüdtke]] (2001: 6) unterschied [[Dante]] zwischen den folgenden drei Sprachgebieten: Das erste Gebiet, das sich „von der Mündung der Donau bis zum Westen Englands“ erstreckt, ist dadurch charakterisiert, dass es „weder zum Griechischen noch zum Romanischen" gehört und „jo" als Bejahungsartikel hat. Das zweite Gebiet ist das des Griechischen, das „östlich von Ungarn" liegt. Das dritte Gebiet, das das übrige Europa umfasst, unterteilt [[Dante]] in drei Bereiche: „lingua oc" (Spanier)*, „lingua oil" (Franzosen) und „lingua sì" (Italiener).<ref>Laut [[Lüdtke]] ist die Annahme [[Dante]]s, die "lingua oc" als die der Spanier zu betrachten, neu zu bewerten, da sich [[Dante]] auf ein geographisches Gebiet bezieht, das keineswegs dem heutigen Spanien entspricht. Jedoch betont [[Lüdtke]], dass die Annahme [[Dante]]s nur auf der Basis der Literatursprache beruht.</ref>
 +
 
 +
Schwierigkeiten bezüglich der Verbreitung der damals gesprochenen Sprachen ergeben sich, laut [[Lüdtke]] (2001: 6), insofern, als dass [[Dante]] die Literatursprache als Grundlage der Betrachtung heranzog. Außerdem lässt sich, so [[Lüdtke]] (2001: 6), trotz der von [[Dante]] als Belege angeführten lateinischen Wörter nicht feststellen, ob „die drei genannten romanischen Sprachen sich für [[Dante]] vom Latein herleiten [lassen].“
 +
Laut [[Lüdtke]] (2001: 7) unterscheidet [[Dante]] innerhalb der lingua sì „14 Dialekte zu beiden Seiten des Apennins“, wobei einzelne Teile Italiens nicht oder nur ungenau behandelt werden. Laut [[Lüdtke]] (2001: 7) ist „die Feststellung einer inneren Differenzierung, sogar in der Toskana“ insgesamt das Interessanteste an [[Dante]]s Einteilung. Nach [[Dante]]s Vorstellung sollte, so [[Lüdtke]] (2001: 7), die ideale Sprache, die er selbst schon für erkennbar hielt, in Zukunft im ganzen Land gesprochen werden. Ein Aspekt den [[Lüdtke]] (2001: 7) für noch wichtiger hält, ist [[Dante]]s „Nachdenken über die Funktion einer Gemeinsprache“, bevor es eine solche Gemeinsprache in Italien gab. [[Dante]] unterscheidet dabei, nach [[Lüdtke]] (2001: 7), zwischen einer „locutio vulgaris", die jedes Kind „ohne Regeln als natürliche Sprache“ lernt, und einer künstlichen, fixierten und sich nicht wandelnden „locutio secundaria". Laut [[Lüdtke]] (2001: 7) reflektierte [[Dante]] so  „als Erster das Verhältnis zwischen geschriebener Standardsprache und gesprochener Volkssprache“. Eine solche Standardsprache bedarf nach [[Lüdtke]] (2001: 7) der Fixierung einer gramatica. [[Dante]] ist, laut [[Lüdtke]] (2001: 7), „auf der Suche nach einer italienischen Volkssprache, die alle Funktionen einer Standardsprache erfüllt“. Das Griechische und das Latein erfüllten nach Lüdtke (2001: 7) diese Funktionen.
 +
[[Lüdtke]] (2001: 8) führt weiter an, dass eine solche Sprache, nach [[Dante]], erstens „eine Literatursprache („illustre") und zweitens eine Leitvarietät („cardinale") sein sollte, also die dominante Varietät einer Literatursprache. Des Weiteren sollte sie, laut [[Lüdtke]] (2001: 8) „aulicum", also Sprache der Herrschaftsausübung und zwar auch in der Rechtsprechung sein. Das letzte Merkmal („curiale") ist, laut [[Lüdtke]] (2001: 8), schwieriger zu deuten, kann jedoch als „höfische Sprache" bestimmt werden. Laut [[Lüdtke]] (2001: 9) sind [[Dante]]s Überlegungen zur „locutio secundaria" bis heute bemerkenswert, obgleich die Entwicklung des Italienischen, die [[Dante]] annahm, einen „anderen Gang genommen" hat. Die Grundlage von [[Dante]]s persönlichem „vulgare illustre" ist, nach [[Lüdtke]] (2001: 9), eine bestimmte Volkssprache aus dem "municipalium grex vulgarium" - nämlich das Florentinische - „dessen Geschichte [...] den größten Teil der Geschichte des Italienischen aus[macht]".
 +
 
 +
=== Die Korruptionsthese und ihre Gegner ===
 +
Während des italienischen Humanismus stellte sich nach [[Lüdtke]] (2001: 9) das Problem des Abstands zwischen dem Latein und der damaligen Volkssprache. Als Leonardo [[Bruni]] (1374-1444) und Flavio [[Biondo]] (1392-1463) 1435 in Florenz im Vorzimmer des Papstes ein Gespräch führten, vertrat [[Bruni]], laut [[Lüdtke]] (2001: 9), die Auffassung, dass es schon in der Zeit der Römer eine Sprache der Gebildeten und eine Volkssprache gab, welche sich in großem Maße unterschieden, und dass [[Cicero]] seine Reden in der Volkssprache gehalten und danach in der Literatursprache niedergeschrieben hat, die Volkssprache also die Grundlage der Sprache der Dichter und der Redner war. Im gleichen Zug wurde die grammatische Regelmäßigkeit des Lateins als ein Musterfall dafür gesehen, dass das Italienische ebenfalls fähig zu einer solchen Grammatik ist.
 +
 
 +
Laut [[Lüdtke ]](2001: 9) sieht Flavio [[Biondo]] dagegen nur geringfügige Unterschiede zwischen der Sprache der Gebildeteten und der des Volkes. Für Flavio [[Biondo]] ist, so [[Lüdtke]] (2001: 9), die neue Volkssprache dagegen ein von Barbaren verderbtes Latein, eine "loquela mixta". Diese These wird, so [[Lüdtke]] (2001: 9), "Korruptionsthese", "Barbarenthese", oder "Germanenthese" genannt, denn sie führt die Entstehung der romanischen Sprachen auf das Wirken von Sprachkontakt während der Völkerwanderung zurück. Übernommen wird diese Idee von Sprachmischung, die laut [[Lüdtke]] (2001: 9) eine frühe Form der viel später von [[Walther von Wartburg]] (1951) vertretenen "Superstratthese" war, auch von Leon Battista [[Alberti]] (1404-1472) und [[Lorenzo Valla]] (1407-1457). [[Poggio Bracciolini]] (1380-1459), der die Sprachmischung bereits im Latein der Antike erkannte, vertrat dagegen, laut [[Lüdtke]] (2001: 9) eine "Substratthese". Beide Seiten sind so [[Lüdtke]] (2001: 9) letztendlich am klassischen Latein interessiert, weshalb sich im 15. Jahrhundert auch nur Autoren mit dem Unterschied zwischen Latein und Italienisch beschäftigten. Die Unterschiede, so [[Lüdtke]] (2001: 9), wurden gelegentlich auch durch etruskischen oder griechischen Einfluss erklärt.
 +
 
 +
===Erweiterung der Sprachkenntnisse===
 +
Ab dem Ende des 15. Jahrhunderts öffneten sich nach [[Lüdtke]] (2001: 10) die Länder einander, was dazu führte, dass die einzelnen nationalen Sprachen bekannter und miteinander vergleichbar wurden. Durch den Buchdruck dehnten sich so [[Lüdtke]] (2001: 10) zudem die Kenntnisse dieser Sprachen aus. Nach der Eroberung Konstantinopels 1453 durch die Türken flohen nach [[Lüdtke]] (2001: 10) griechische Gelehrte nach Italien und machten dort ihre Sprache und Schriften bekannt. An den Universitäten wurden, so [[Lüdtke]] (2001: 10) Lehrstühle für Griechisch eingerichtet, so zum Beispiel auch in Frankreich unter Franz I. Im 16. Jahrhundert kamen laut [[Lüdtke]] (2001: 10) nicht nur weitere ältere Sprachen wie z.B. das Hebräische, oder das Syrische hinzu, sondern auch die damals in Europa verbreiteten Sprachen. Die neu erworbenen Sprachkenntnisse, so sagt [[Lüdtke]] (2001: 10), waren die Voraussetzung dafür, dass die Herkunft der romanischen Sprachen abgesichert, eine Genealogie der Sprachen aufgestellt und die Herkunft etymologisch belegt werden konnte. Zudem führten diese Sprachkenntnisse, laut [[Lüdtke]] (2001: 10) zu einer von neuen Impulsen geprägten geschichtlichen Sprachreflexion, die versuchte Zusammenhänge zwischen den Sprachen herzustellen.
 +
Dabei wurden, gemäß [[Lüdtke]] (2001: 10), diese Vergleiche entweder synchronisch unternommen, wodurch sich Übereinstimmungen und Unterschiede zwischen den Sprachen konstatieren ließen, oder es wurde eine Genealogie der Sprachen aufgestellt. Letzteres bedingte in den darauffolgenden drei Jahrhunderten, so [[Lüdtke]] (2001: 10), dass genauere Kenntnisse über die Herkunft von Sprachen und Sprachfamilien gewonnen werden konnten.
 +
 
 +
=== Sprache und Nationalismus ===
 +
Laut [[Lüdtke]] (2001: 10) sind die Schriften eng mit der "auf die Herausbildung von Nationalstaaten gerichteten Ideologie" verbunden, "die neue Anforderungen an den Ausbau und die Funktionen von Sprachen stellte." In Italien hatte man so [[Lüdtke]] (2001: 10) den Anspruch, „das antike Erbe fortzusetzen". In anderen Ländern versuchte man dies laut [[Lüdtke]] (2001: 10) zu übertrumpfen, denn man glaubte, nur so den "Anspruch auf sprachlichen Ausbau" der eigenen Sprache gegenüber dem Latein durchsetzen zu können.  Dass die sich ausbildenden Nationalsprachen ideologisch miteinander konkurrierten, sieht [[Lüdtke]] (2001: 10) jedoch nur als Nebenschauplatz, denn der Grund  für das Schreiben in der eigenen Sprache liegt  laut [[Lüdtke]] in der staatlichen Unterstützung begründet. [[Lüdtke]] (2001: 10-11) zitiert hierzu Antonio de [[Nebrija]]s Aussage ''siempre la lengua fue compañera del imperio'' - die Sprache hat immer die Herrschaft begleitet. Der Ausbau der Nationalsprachen ist jedoch so [[Lüdtke]] (2001: 11) nur mittels Anleihen aus dem Latein und dem Griechischen möglich. So ruft Joachim [[du Bellay]], gemäß [[Lüdtke]] (2001: 11) zum Plündern der klassischen Sprachen auf. [[Lüdtke]] (2001: 11) geht des Weiteren auf die Germanenthese ein, in welcher die Verachtung des Deutschen (verallgemeinernd auch der anderen germanischen Sprachen) zum Ausdruck kommt. Begründen konnte man diese Verachtung laut [[Lüdtke]] (2001: 11), indem man den germanischen „Barbaren“ den Verfall des Lateins anlastete.
 +
 
 +
Viele gingen laut [[Lüdtke]] (2001: 11) noch viel weiter in der Vergangenheit zurück und suchten die Ursprünge der Volkssprachen in der Sprache Adams, also dem Hebräischen, oder in einer der Sprachen, die vor dem Turmbau zu Babel gesprochen wurden. So leiten [[Lüdtke]] (2001: 11) zufolge Piero [[Valeriano]] (1524) das Toskanische und Pier Francesco [[Giambullari]] (1495-1555) das Florentinische aus dem Etruskischen ab. Letzterer führt das Etruskische laut [[Lüdtke]] (2001: 11) wiederum auf das Hebräische und Chaldäische zurück. Als Beispiel nennt er so [[Lüdtke]] (2001: 11) das italienische ''ballare'' (tanzen), welches er vom aramäischen ''bacal'' (mischen) ableitet.
 +
 
 +
=== Diachronische Sprachbetrachtung in Italien ===
 +
 
 +
Nach Lüdtke (2001: 11) war das Florentinische dabei, "sich als Schriftsprache in ganz Italien auszubreiten". Zur selben Zeit gab es laut Lüdtke (2001: 11) ein Bewusstsein "von einer nationalen Einheit, der keine politische und staatliche Einheit entsprach. Eine Symbolfigur für die Einheit von italienischer Sprache und Nation ist laut Lüdtke (2001: 11) Niccolò Machiavelli (1469-1527), der in dem zwischen 1513 und 1514 geschriebenen, aber erst 1532 veröffentlichten ''Il principe'' zur nationalen Einheit aufruft und im ''Discorso o dialogo intorno alla nostra lingua'', also ganz am Anfang der ''questione della lingua'', nicht nur der Frage nachgeht, in welcher Sprache die Florentiner im 14. Jahrhundert geschrieben haben, sondern auch nachweist, dass Dantes Sprache das Florentinische war. Bei der das ganze 16. Jahrhundert bewegenden ''questione della lingua'' geht es laut Lüdtke (2001: 11) dann aber um die Frage, in welcher Sprache zukünftig geschrieben werden sollte, im Florentinischen des 14. Jahrhunderts, im aktuellen Florentinisch, im Toskanischen oder im Italienischen. In Bezug auf diese ''questione della lingua'' vertreten die Humanisten, laut Lüdtke (2001: 11) die Position, dass die Volkssprache ein durch die Barbaren entartetes Latein ist. Die Vulgärhumanisten hingegen verstehen, so Lüdtke (2001: 11), die Volkssprache - wie Pietro Bembo (1470-1547) in ''Prose de la volgar lingua'' (1525) - als eine neue Sprache, die viele Wörter okzitanischen und französischen Ursprungs aufweist und die auch als Schriftsprache geeignet ist. Laut Lüdtke (2001: 12) ist Niccolò Machiavelli einer von wenigen, die Sprachwandel für einen natürlichen Prozess halten. Gemäß Lüdtke (2001: 12) betrachtet Claudio Tolomei (1481 / 1491-1556) das Latein zwar als die Hauptgrundlage des Toskanischen, fügt aber hinzu, dass einiges auch aus dem Germanischen sowie dem Etruskischen, das vom Latein überlagert worden war, ins Toskanische übernommen wurde. Benedetto Varchi (1503-1565) plädiert in seinem Werk ''Ercolano'' (1570 / 1564) laut Lüdtke (2001: 12) für die aristotelisch gedachte "generazione", also die Geburt einer neuen Sprache.
 +
 
 +
=== Vier Begriffe von „Etymologie“ ===
 +
 
 +
Die sich in der Renaissance als Disziplin entwickelnde Etymologie ist nach [[Lüdtke]] (2001: 12) die Voraussetzung der [[historischen Grammatik]].
 +
Was die etymologische Forschung betrifft, so lassen sich, wie [[Lüdtke]] (2001: 12) erläutert, die folgenden drei Arten von diachronischen Fragen und eine synchronischen Frage unterscheiden. Bei der ersten Art der etymologischen Frage geht es, so [[Lüdtke]] (2001: 12), um das Zurückführen eines Wortes auf andere Wörter der gleichen Sprache oder auf Lautmalerei, d. h. es wird nach der Motivation des Wortes gesucht. Dieses Verfahren findet sich laut [[Lüdtke]] (2001: 12) bei denen, die Wörter 'wörtlich' nehmen und nach ihrer eigentlichen Bedeutung suchen.
 +
Die zweite Art der diachronischen Frage ist nach [[Lüdtke]] (2001: 12)  in den meisten etymologischen Wörterbüchern zu finden. d. h. hier wird versucht, die Wörter des aktuellen Sprachgebrauchs mithilfe der "Herkunft eines Wortes aus einer bestimmten Sprache  zu erklären", also einen Anfangs- und Endpunkt anzunehmen. Die dritte Art fokussiert laut [[Lüdtke]] (2001: 12) „zusätzlich zur Herkunft eines Wortes seine Geschichte unter Berücksichtigung der formalen und der inhaltlichen Entwicklung. Neben dieser Etymologie als Wortgeschichte, wird aber, laut [[Lüdtke]] (2001: 12), in den beschreibenden Grammatiken bis zum 18. Jahrhundert auch Etymologie im Sinne von Morphologie gebraucht, auch wenn eventuell eine intuitive Unterscheidung zwischen Etymologie und Morphologie bereits vorhanden war.
 +
In der Renaissance wird nach [[Lüdtke]] (2001: 12) die zweite diachronische Frage gestellt, also „Aus welcher Sprache stammt ein Wort?“. Dabei wurde so [[Lüdtke]] (2001: 12) allerdings versucht, Ähnlichkeiten anhand von Lauten und Buchstaben aufzudecken und so die Herkunft zu bestimmen.
 +
Dieses Verfahren war, laut [[Lüdtke]] (2001: 12) "abstrakt und ahistorisch", denn es wurde dabei von einer "Verwandtschaft der Buchstaben" in allen Sprachen ausgegangen. Manche Autoren unterschieden aber, so [[Lüdtke]] (2001: 12) auch zwischen Laut und Buchstaben.
 +
Aus heutiger Sicht erscheinen die Vorgehensweisen von Etymologen zwar absurd, sie dürfen aber nach [[Lüdtke]] (2001: 12) dennoch nicht leichtfertig abgetan werden,  denn die Etymologen verfügten zur damaligen Zeit noch nicht über entsprechende Methoden und mussten so unvollkommene Hilfsmittel nutzen.
 +
 
 +
Aufgrund von fehlenden Kenntnissen in [[historischer Grammatik]] wurden, so [[Lüdtke]] (2001: 12), ältere Sprachen untereinander sowie mit dem Französischen verglichen. Dabei wurde eine enge Verwandtschaft zwischen Latein und den romanischen Sprachen nachgewiesen. Die Etymologen interessierten laut [[Lüdtke]] (2001: 12) jedoch mehr die inneren Entwicklungen der Sprachen, als die äußeren Einflüsse.
 +
 
 +
===Diachronische Sprachbetrachtung in Frankreich===
 +
 
 +
Laut Lüdtke (2001: 14) hängt die französische Sprachbetrachtung im 16. Jahrhundert von der italienischen ab. Die Herkunft des Französischen spielt nach Lüdtke (2001: 14) hierbei eine größere Rolle als in anderen romanischen Ländern, wobei jedoch angenommen wird, dass Französisch nicht allein vom Latein abstammt. Die Lösungsansätze selbst sind, so Lüdtke (2001: 14), von einer nationalen Sprachideologie geprägt, wonach eine Sprache umso wichtiger und somit überlegener ist, je älter sie ist.  Charles de Bovelles vertritt nach Lüdtke (2001: 14) beispielsweise die Ansicht, dass die Germanen der Völkerwanderungszeit für die Korruption des Lateins verantwortlich sind, was auch als Germanenthese bezeichnet wird. Dabei ist, laut Lüdtke (2001: 14) zu beachten, dass für Gelehrte, wie etwa Henri Estienne, Germanisch und Keltisch das Gleiche waren.
 +
 
 +
Der Jurist Guillaume Budé (1467-1547) und andere gehen hingegen laut Lüdtke (2001: 14) von einer griechischen Herkunft des Französischen aus und versuchen diese mit arbiträren Beispielen zu beweisen. Jacques Dubois (1478-1555) vertritt in seinem 1531 erschienenen Werk In linguam gallicam isagwge nach Lüdtke (2001: 14) zwar eine ähnliche Ansicht, nimmt aber dann doch an, dass Französisch, Italienisch und Spanisch im (korrumpierten) Latein ihre gemeinsame Grundlage haben. Die Herleitungen dieser Zeit sind laut Lüdtke (2001: 14) oftmals von nationalem Charakter und versuchen die Überlegenheit des Französischen gegenüber anderen romanischen Sprachen herauszustellen. Einen solchen Versuch unternimmt, so Lüdtke (2001: 14) weiter, auch Henri Estienne (1531-1598) in seinem Traité de conformité du language françois avec le grec (1567), wo er das Griechische als Ursprung sieht und die Sprache, die diesem Ursprung am nächsten steht, als die Reinste wertet. Da Etienne der Ansicht ist, dass das Latein, das Italienische und das Spanische dem Griechischen ferner stehen als das Französische, ist für ihn somit die Überlegenheit des Französischen gegenüber diesen Sprachen bewiesen, wobei auch er, so Lüdtke (2001: 14) eher willkürliche Etymologien anführt. In seinen späteren Werken kommt Henri Estienne laut Lüdtke (2001: 14) "den wirklichen Verhältnissen" aber näher, indem er das Vulgärlatein und das klassische Latein als sich gegenseitig beeinflussende Entitäten wahrnimmt und beim Französischen letztendlich Einflüsse aus beiden annimmt.
 +
 
 +
Zur Unterstreichung der Überlegenheit des Französischen gegenüber anderen romanischen Sprachen, versuchen nach Lüdtke (2001: 14) auch einige Renaissancephilologen die französische Sprache auf das Keltische zurückzuführen. So wird laut Lüdtke (2001: 14-15) beispielsweise von Petrus Ramus (1515-1572) argumentiert, dass die gallische Kultur noch älter als die griechische und das Französische deshalb auch ursprünglicher als andere Sprachen ist. Dabei geht Ramus laut Lüdtke (2001: 15) sogar davon aus, dass die Gallier die Lehrer der Griechen waren.
 +
 
 +
Der Ansatz jener Sprachbetrachtung hat, so Lüdtke (2001: 15), die Legitimierung des Vorrangs des Französischen zum Ziel und basiert auf der Suche nach einer anderen, weiter zurückliegenden Herkunft als der aus dem Latein. So wird versucht die Abstammung des Französischen im Griechischen, im Hebräischen und im Gallischen zu finden. Nach Lüdtke (2001: 15) hätte man das Französische auch mit einer in Frankreich gesprochenen keltischen Sprache, dem Bretonischen, vergleichen können. Da das Wissen über das Bretonische damals jedoch schlecht und nicht ausreichend fundiert ist und dessen Herkunft ebenfalls diskutiert wird (z.B. sieht François Hotman (1524-1590) das Bretonische als Fortsetzung des alten Gallischen, während Joseph-Juste Scaliger (1540-1609) das Bretonische als britisches Keltisch sieht, bleibt laut Lüdtke (2001: 15) ein solcher Vergleich aus. Nach Lüdtke (2001: 15) existiert auch eine besonderen Form der keltischen These, nach der das Französische eigenständig und geschichtlich von keiner anderen Sprache abhängig ist und schon immer in Gallien gesprochen wurde.
 +
 
 +
Im Gegensatz zu Italien und Spanien wird nach Lüdtke (2001: 15) die These der lateinischen Herkunft in Frankreich kaum ohne Einschränkungen und immer zusammen mit dem Einfluss des Semitischen, des Griechischen und des Keltischen vertreten. Claude Fauchet (1530-1601/1602) lehnt in seinem 1581 erschienenem Werk Receuil de l'origine de la langue et poesie françoise, rhyme et romans, gemäß Lüdtke (2001: 15), zwar die Verbindung zum Hebräischen ab, kombiniert jedoch die Lehrmeinungen von keltischen und germanischen Ursprüngen bzw. Einflüssen. Seiner Meinung nach hat der Kontakt des Keltischen und des Lateinischen eine korrumpierte Sprache als Ergebnis, welche nach der Invasion der Franken zum Romand geworden ist. Fauchet ist bekannt, so Lüdtke (2001: 15), dass um 600 eine vom klassischen Latein verschiedene Sprache entstanden war, nämlich das vulgaire latin, wie es in Italien heißt, oder die langue romaine ou romande, wie sie nördlich der Alpen genannt wird. Fauchet sind , laut Lüdtke (2001: 15) auch die Straßburger Eide bekannt, und zwar schon bevor Jean Bodin (1529-1596) in seinem Werk République von 1576 einen ersten Hinweis darauf gibt, denn dieser nennt als seine Quelle gerade Fauchet. Laut Lüdtke (2001: 15) sind die Straßburger Eide von da an bis heute ein wichtiger Referenztext in der französischen Sprachgeschichtsschreibung. Fauchet selbst sah die Straßburger Eide allerdings, so Lüdtke (2001: 15), als einen okzitanischen Text an und das Okzitanische als "Vorstadium des Französischen".
 +
 
 +
Etienne Pasquier (1529-1615) weist nach Lüdtke (2001: 15) in seinem Werk Les recherches de la France (1560-1621) viele Gemeinsamkeiten mit den Auffassungen Fauchets auf. Er beschreibt das Französische als eine Art Mischsprache, die hauptsächlich aus dem Romain, d. h. aus lateinischen Elementen, aus dem alten Gallischen und dem Fränkischen besteht. Desweiteren stellt Pasquier, so Lüdtke (2001: 15), Einflüsse des Keltischen, des Griechischen und im 16. Jahrhundert des Italienischen auf das Französische fest.
 +
 
 +
Die Kenntnis der Quellen bei Fauchet und Pasquier ist laut Lüdtke (2001: 15) beachtlich und die von ihnen genannten Texte bleiben auch später  bekannt. Im Gegensatz zu Italien, wo laut Lüdtke (2001: 15) die literarischen Texte des 14. Jahrhunderts Vorbilder bleiben, werden in Frankreich keine literarischen Texte des Mittelalters und nur allmählich nicht-literarische Quellen näher untersucht. Mit Jean de Nostredame und seinem Werk Les vies des plus célèbres et anciens Poètes preovensaux, qui ont floury du temps des comtes de Provence von 1575 beginnt, so Lüdtke (2001: 15) die Rezeption von okzitanischer Literatur, auch wenn er "ein allzu romantisch-phantasievolles Bild von der Literatur" gibt.
 +
 
 +
Laut Lüdtke (2001: 15) bedurfte es zunächst einer Einsicht in die Verwandtschaft der europäischen Sprachen überhaupt, um die Hypothesen vom Ursprung des Französischen ordnen zu können. Diese Einsicht liefert nach Lüdtke (2001: 15) Josephe-Juste Scaliger in  Diatriba de Europaeorum linguis 1599. Dabei widerlegt Scaliger laut Lüdtke (2001: 15) nicht nur die Hypothese der "chronologisch gereihten Verwandtschaft zwischen den europäischen Sprachen", bei der auf der einen Seite das Lateinische aus dem Griechischen hervorgeht, welches selbst wiederum aus dem Gallischen hervorgeht, und auf der anderen Seite alle drei Sprachen direkt aus dem Hebräischen abstammen, sondern er klassifiziert auch "die europäischen Sprachen nach Sprachfamilien". Scaliger gibt laut Lüdtke (2001: 15-16) an, dass in Europa elf Muttersprachen, die matrices linguae, gesprochen werden, aus denen "Abkömmlinge", die propagines, bzw. idiotismi, sogenannte "Sprechweisen" und / oder dialecti hervorgehen, denen wiederum die idiomata, die "eigentümlichen Sprachformen" untergordnet werden, die sich so Lüdtke (2001: 16) als Varietäten verstehen lassen. Die matrices linguae teilt Scaliger laut Lüdtke (2001: 16) in vier größere und sieben kleinere ein. Erstere sind laut Lüdtke (2001: 16) das Lateinische, das Griechische, das Germanische und das Slavische, welche allesamt die gleiche Bennenung für "Gott" aufweisen, zu letzteren zählen das Albanische, das Tatarische, das Ungarische, das Finnisch-Lappische, das Irische, das Altbritische und das Kantabrisch-Baskische. Scaliger leitet damit nach Lüdtke (2001: 16) eine Wende in der vergleichenden Sprachwissenschaft ein.
 +
 
 +
===Grammatiken und Sprachtraktate ===
 +
Laut [[Lüdtke]] (2001: 9) treten im 16. Jahrhundert "die romanischen Volkssprachen in den Mittelpunkt der Fragestellung". Damit kommt es so [[Lüdtke]] (2001: 10) zu geschichtlichen und etymologischen Untersuchungen. Zudem wird, so [[Lüdtke]] (2001: 10) weiter, der Humanismus vom Vulgärhumanismus abgelöst. Vorbereitet wurde diese Ablösung, so [[Lüdtke]] (2001: 10), in Italien durch die Ablösung des mittelalterlichen Lateins durch das klassische Latein, das unter den Humanisten eine Renaissance erfahren hatte. Durch den Purismus der Humanisten wurde laut [[Lüdtke]] (2001: 10) der Abstand zwischen dem Latein und den romanischen Sprachen immer größer. Aufgrund dieser Distanz hatten die romanischen Volkssprachen, laut [[Lüdtke]] (2001: 10), nun neue Aufgaben zu erfüllen, für die das Latein nicht mehr "taugte".
 +
 
 +
====Italienisch====
 +
=====Grammatiken=====
 +
Eine italienische Normgrammatik sollte anfangs nur für die Entstehung einer exemplarischen und literarisch wertvollen Schriftsprache verfasst werden, später jedoch hauptsächlich, um eine einfache und zufriedenstellende Reproduzierbarkeit zu gewährleisten (cf. Poggi [[Salani]], 1988: 781). Nach Poggi [[Salani]] musste die deskriptive Grammatik des Italienischen eine normative Grammatik sein, denn die meisten Grammatiker gehen von Überlegungen zu einer exemplarischen Schriftsprache aus und wollen ihre Reproduzierbarkeit garantieren. Dabei wurde innerhalb der Sprache mit ihrem Wortschatz, ihren grammatikalischen Besonderheiten und ihrer Syntax nicht nur gekürzt, sondern auch Neues hinzugefügt, präzisiert und verändert (Poggi [[Salani]], 1988: 781). Bei der Verfassung der Normgrammatik konkurrierten zwei verschiedene grundlegende Ansichten: die Anhänger der ersten forderten, dass die Norm  nur aus der Schriftsprache entstehen solle, während die der zweiten der Meinung waren, dass sich die Norm aus der in Florenz gesprochenen Sprache.<br />
 +
 
 +
Dabei sollte sich an dem dem Lateinischen sehr nahestehenden Toskanischen orientiert werden, wodurch Eigenheiten anderer Dialekte (z. B. "leggemo" in Siena und Rom) zugunsten der am Florentinischen orientierten Norm ("leggiamo") vereinheitlicht werden sollten (Poggi [[Salani]], 1988: 782). Letztendlich entschied man sich dazu, die deskriptive Grammatik notwendigerweise mit der normativen Grammatik abzustimmen (Poggi [[Salani]], 1988: 781: "La grammatica descrittiva dell'italiano doveva necessariamente coincidere con la grammatica normativa") und folgte somit der zweiten der oben beschriebenen Ansichten zur Normbildung.<br />
 +
 
 +
Einleitender Text:
 +
* Bedeutung des Lateinischen
 +
* Dichte von Grammatiken in der Zeit von .. bis .. 
 +
* Zusammenhang mit der Questione della lingua, ihre Sprache und Lexik ([[Dante]], [[Boccaccio]], [[Petrarca]]) 
 +
* Bezüge zu den großen Schriftstellern der Zeit
 +
* Abschnitt Normgrammatik 
 +
* Gegenseitige Beeinflussung des Buchdruckes, d.h. die von ihm hervorgebrachte  Notwendigkeit einer Sprachnormierung und der Erscheinung der Grammatiken
 +
 
 +
* ~'''1434-43''' ''Grammatichetta vaticana'' von Leon Battista [[Alberti]]
 +
* '''1516''' ''Regole grammaticali della volgar lingua'' von Giovanni Francesco [[Fortunio]]
 +
* '''1521''' ''Le vulgari elegantie'' von Niccolò [[Liburnio]]
 +
* '''1524/5''' ''Discorso o dialogo intorno alla nostra lingua'' von Niccolò [[Machiavelli]]
 +
* '''1525''' ''Prose della Volgar'' von Pietro [[Bembo]]
 +
* '''1526''' ''Le tre fontane di Messer Nicolò [[Liburnio]] in tre libri divise, sopra la grammatica, et eloquenza di [[Dante]], [[Petrarca]], et [[Boccaccio]]
 +
* '''1528''' ''Il Cortegiano'' von Baldassar [[Castiglione]]
 +
* '''1529''' ''Grammatichetta'' und ''Dialogo del Trissino intitulato Il Ccastellano: nel quale si tratta della lingua italiana'' Gian Giorgio [[Trissino]]
 +
* '''1533''' ''La grammatica volgar dell'Ateneo'' von  Marco [[Antonio]] 
 +
* '''1536''' ''Il Vocabulario di cinquemilla Vocabuli Toschi non men oscuro che utili e necessari del Furioso, [[Boccaccio]], [[Petrarca]] e [[Dante]]'' von Fabricio [[Luna]]
 +
* '''1539''' ''Le osservazioni sopra il [[Petrarca]]'' von [[Minerbi]]
 +
* '''1543''' ''Le richezze della linguar volgare sopra il [[Boccaccio]]'' von [[Minerbi]]
 +
* '''1543''' ''Vocabulario, grammatica, et ortographia de la lingua volgare [...] con ispositioni di molti luoghi di [[Dante]], del [[Petrarca]] et del [[Boccaccio]]'' von Alberto [[Acarisio]]
 +
* '''1548''' ''La fabrica del mondo'' von [[Minerbi]]
 +
* '''1549''' ''Fondamenti del parlar toscano'' von Rinaldo [[Corso]]
 +
* '''1550''' ''Osservazioni della volgar lingua'' von Lodovico [[Dolce]]
 +
* '''~1551''' ''Commentarii della lingua italiana'' (veröffentlicht 1582) von Girolamo [[Ruscelli]]
 +
* '''1552''' ''Regole della lingua fiorentina'' von Pier Francesco [[Giambullari]]
 +
* '''1555''' ''Il Cesano'' von Claudio [[Tolomei]]
 +
 
 +
 
 +
Schon '''[[Dante]]''' Alighieri, wie [[Lubello]] (2003: 208-209) ausführt, lobt zu Beginn des 14. Jahrhunderts in seiner Abhandlung '''''Convivio''''' das Volgare als die 'neue Sonne', die das seiner Meinung nach "künstliche" (''artificiale'') Latein ersetzen kann, und entwickelt in '''''De vulgari Eloquentia''''' ein regelrechtes ''vademecum'' der Rhetorik des Volgare mit Bezugnahme auf Stil, Metrum und sonstige Komponenten. Während im 15. Jahrhundert immer noch eine Mehrheit der Italiener im Schriftverkehr Latein verwendet, sind lediglich die Toscana im Allgemeinen und Florenz im Speziellen bemüht, das Volgare zu verwenden und zu verbreiten (cf. [[Lubello]] 2003: 209).
 +
 +
Das erst im 20. Jahrhundert wiederentdeckte Manuskript von Leon Battista '''[[Alberti|Albertis]]''' '''''Grammatichetta''''' von 1434-43 enthält, so [[Lubello]] (2003: 209) weiter, bereits gesammelte Erkenntnisse über die Regelmäßigkeiten, grammatikalische Regeln, und ein orthografisches System für die Lexik des Volgare. Es ist damit die erste italienischsprachige grammatische Abhandlung (cf. Poggi [[Salani]], 1988: 776). Der '''''Certame Coronario''''', ein öffentlicher Wettstreit zur Frage nach der Natur des Lateins in Rom, den Leon Battista [[Alberti]] 1441 in Florenz organisiert, soll die hohe literarische Qualität des toskanischen Volgare zeigen, während die grammatichetta praktisch erklärend vorgeht und die korrekte Nutzung der Sprache darstellt (cf. Poggi [[Salani]] 1988: 776). In der grammatichetta bezieht sich [[Alberti]] auf die vorherrschende Diskussion über die Natur des Lateinischen, und unterstreicht dabei die außerordentliche "Latinität" der Lexik des toskanischen Volgare (cf. Poggi [[Salani]] 1988: 776). Im Volgare findet er die grammatischen Kategorien des Lateins wieder, fügt allerdings, Laut Poggi [[Salani]], den bestimmten Artikel, das passato prossimo und den Konditional ein (cf. Poggi [[Salani]] 1988: 776). Die Grammatik zeigt also, so Poggi [[Salani]], zugleich den lateinischen Ursprung des Volgare und seine Regelhaftigkeit auf (cf. Poggi [[Salani]] 1988: 776). Außerdem wird nun zwischen sieben Vokalen unterschieden, die unterschiedliche Aussprache des "z" angepasst und die Nutzung des Artikels geregelt (cf. Poggi [[Salani]] 1988: 776).
 +
 
 +
So entwickelt sich, laut [[Lubello]] (2003: 209), das 16. Jahrhundert mit seinen vielzähligen Grammatiken zu einem Jahrhundert der Norm ("secolo della norma"), in dem die sogenannte Sprachenfrage ("questione della lingua")  vorherrscht (cf. Poggi [[Salani]] 1988: 776). Grundlegend für diese ist die Notwendigkeit einer Vereinheitlichung des Volgare, da nun neben Florenz auch Venedig mit den ersten Ausgaben von [[Petrarca|Petrarcas]] '''''Canzoniere''''' (1501) und [[Dante|Dantes]] '''''Divina Commedia''''' (1502) zu einem Hauptdruckzentrum wird und man nun mehr denn je auf eine einheitliche Sprache drängt (cf. [[Lubello]] 2003: 210).
 +
 
 +
Bei den nun erscheinenden Grammatiken können laut [[Lubello]] verschiedene Positionen unterschieden werden: In der ersten gedruckten italienischen Grammatik von Giovanni Francesco '''[[Fortunio]]''' ('''''Regole grammaticali della volgar lingua''''', 1516) werden Regeln zum korrekten Scheiben und Sprechen aufgestellt, die sich auf zwei Bücher verteilen: Das erste Buch behandelt die Nomen und Adjektive, Pronomen und Artikel, Verben, Adverben und Konjunktionen und weist eine eher didaktisch-monotone Schreibweise auf. Das zweite Buch dagegen befasst sich nur mit der Rechtschreibung (cf. Poggi [[Salani]] 1988: 776; cf. [[Lubello]] 2003: 210). Die Systematisierung des Volgare orientiert sich an den drei großen florentinischen Poeten [[Dante]], [[Petrarca]] und [[Boccaccio]] (cf. [[Lubello]] 2003: 210) und ist damit Vorläufer für einige weitere Grammatiken.
 +
 
 +
Neben [[Fortunio]] setzen sich auch Niccolò '''[[Liburnio]]''' ('''''Le vulgari elegantie''''', 1521) – der mit seinem Werk '''''Le tre fontane di Messer Nicolò [[Liburnio]] in tre libri divise, sopra la grammatica, et eloquenzia di [[Dante]], [[Petrarca|Petrarcha]], et [[Boccaccio]]''''' (1526) den Vorläufer für das erste Standardwörterbuch liefert – und Pietro '''[[Bembo]]''' in seinen '''''Prose della Volgar Lingua''''' (1525) für ein klassisches Volgare ein, das sich ebenfalls auf den alten, prestigeträchtigen und literarischen Texten aufbauen soll, was, so [[Lubello]], zu einer Vereinheitlichung des gesprochenen und des geschriebenen Volgare führt (2003: 210). [[Bembo|Bembos]] Werk nimmt im Gegensatz zu [[Fortunio]] eine strikte Trennung zwischen Prosa und Lyrik vor (cf. [[Lubello]] 2003: 210) und ist nicht didaktischer, sondern rhetorisch-normativer Natur. Es werden ein florentinischer Wortschatz sowie dialektische und lateinische Elemente aufgegriffen, wobei der Schwerpunkt auf den literarischen Stil der Sprache gelegt wird. [[Bembo|Bembos]] Prose bestehen aus drei Bänden, von denen der dritte trotz mangelnder Schematisierung am ehesten als Grammatik bezeichnet werden kann (cf. Lubello 2003: 210). Darüber hinaus beeinflussen sie andere Schriftsteller nachhaltig und verzeichnen somit großen Erfolg. [[Lubello]] (2003: 211) führt als Beispiel dafür Ludovico '''[[Ariosto]]''' an, der in seiner Überarbeitung des '''''Orlando Furioso''''' für die dritte Ausgabe Korrekturen nach [[Bembo|Bembos]] Grammatik vornimmt (cf. [[Lubello]] 2003: 211). Während [[Fortunio]] und [[Bembo]] laut [[Lubello]] als Vertreter eines Modells des Florentinischen des 14. Jahrhunderts angesehen werden können, orientieren sich die Werke der toskanischen Linie laut [[Lubello]] (2003: 211) an der "attenzione all'uso contemporaneo, intenti più esplicitamente glottodidattici, apertura verso il parlato".
 +
 
 +
Niccolò '''[[Machiavelli]]''' wendet sich dagegen in der Mitte des 16. Jahrhunderts in seinem '''''Discorso o dialogo intorno alla nostra lingua''''' (1555) von der Idee eines auf dem Florentinischen des 14. Jahrhunderts basierenden Volgare ab (cf. [[Lubello]] 2010), während Claudio '''[[Tolomei]]''' ('''''Il Cesano''''' (1555)) das gesamte Toskanisch ablehnt (cf. [[Lubello]] 2003: 210). Baldassar '''[[Castiglione]]''' ('''''Il Cortegiano''''', 1528) trat wiederum laut [[Lubello]] (2003: 210) für eine an den Höfen gebrauchte Version des Volgare ein, während sich '''[[Trissino]]''' für eine "italienische" Sprache aussprach, die, [[Dante|Dantes]] volgare illustre folgend, auf allen Dialekten Italiens beruhen sollte ('''''Dialogo del Trissino intitulato Il castellano: nel quale si tratta de la lingua italiana''''', 1529). [[Trissino|Trissinos]] '''''Grammatichetta''''' (1529) zeichnet sich, nach Poggi [[Salani]], durch ein grundlegendes Schema einer literarischen Sprache mit direkter Bezugnahme auf einige neue orthografische Besonderheiten und einer eher trockenen Morphologie aus (1988: 777). Dabei wollte [[Trissino]], so Poggi [[Salani]], eine ideale italienische Sprache erschaffen, bei der er sich nicht an den bisher kanonischen Werten orientierte (1988: 777).
 +
 
 +
Allen Ansätzen war, laut [[Lubello]], dennoch gemein, dass sie einen stilistischen und literarischen Idealtypus einer Sprache forderten, der sich weniger auf eine Alltagssprache, denn auf eine rhetorische Öffentlichkeits- oder Schriftsprache anwenden ließ (cf. [[Lubello]] 2003: 210). 
 +
'''''La grammatica volgar dell'Ateneo''''' (1533) von Marco Antonio '''Ateneo Carlino''' basiert laut Poggi [[Salani]] auf der Schriftsprache [[Petrarca|Petrarcas]], Jacopo [[Sannazaro|Sannazaros]] ('''''L‘ Arcadia''''') und Pietro [[Bembo|Bembos]] ('''''Asolani'''''). Aufgrund dieses Bezugsrahmens passiert es, wie laut Poggi [[Salani]] (1988: 777) [[Corti]] festgestellt hat, dass bei Ateneos Grammatik ein provinzielles Ergebnis zur literarischen Form der Prosa wird, und ein florentinisches Ergebnis zur literarischen Form der Lyrik. Die '''''Fondamenti del parlar toscano''''' (1549) von Rinaldo '''[[Corso]]''' weisen eine phonologisch-morphologische Ausrichtung auf, in der sich [[Corso]] im Hinblick auf die Auswahl der Formen ebenfalls an [[Bembo]] und den drei großen florentinischen Dichtern orientiert und sich stilistisch auf den Stil der Prosa und Lyrik beschränkt. Seine Grammatik weist eine didaktische Struktur mit kleinschrittigen Regeln auf (cf. Poggi [[Salani]], 1988: 777).
 +
 
 +
Die '''''Osservazioni della volgar lingua''''' (1550) von Lodovico '''[[Dolce]]''' behandeln im ersten Buch vor allem Aspekte der Morphologie und der Phonetik, Syntax sowie der Rhetorik. Die nachfolgenden Bücher beschäftigen sich, so Poggi [[Salani]] (1988: 777) , mit der Rechtschreibung, Zeichensetzung und der Poetik. Im Verlauf der Grammatik stimmt [[Dolce]] Lobeshymnen auf [[Bembo]] und [[Fortunio]] an, lässt jedoch in Anlehnung an [[Corso]] scharfe Bemerkungen gegen [[Trissino]] fallen und zitiert aus den Werken [[Petrarca|Petrarcas]] und [[Boccaccio|Boccaccios]], sowie einiger zeitgenössischer Autoren (Poggi [[Salani]] 1988: 777-778). Obwohl [[[[Corso]]]] auf sprachlicher Ebene Kontinuität zu den Autoren des "goldenen" Zeitalters (cf. Poggi [[Salani]] 1988: 778) erreichen will, ist seine Grammatik nicht frei von oberflächlichen Betrachtungen und Ungenauigkeiten, wie zum Beispiel die von Poggi [[Salani]] (1988: 777) genannte wenig genaue Unterscheidung vom Imperfetto, Passato Remoto und Passato prossimo, die in [[Corso|Corsos]] Worten "nur verwirrt" ("ma tutte queste differenze poi si confondono").
 +
 
 +
Die '''''Commentarii della lingua italiana''''' (~1551, veröffentlicht 1582) von Girolamo '''[[Ruscelli]]''' beschäftigten sich im fünften Buch mit dem Beseitigen zeitgenössischer Fehler, die durch die Übernahme einiger Romanismen, Toscanismen und Lombardismen in der allgemeinen Sprache häufiger auftauchten (cf. Poggi [[Salani]] 1988: 778). Während, wie bei Poggi [[Salani]] (1988: 778) dargestellt, im zweiten Buch größtenteils auf die grammatikalischen Vorläufer (unter anderem [[Bembo]] und [[Trissino]]) eingegangen wird, behandeln die restlichen commentari allgemeine Überlegungen zur menschlichen Sprache und rhetorische Beobachtungen.
 +
 
 +
Pier Francesco '''[[Giambullari]]''' präsentiert sich dann nach [[Lubello]] (2003: 211) in seinen '''''Regole della lingua fiorentina''''' (1552) als Vertreter einer neuen Ausrichtung, da er erstmalig das doppelte Erscheinungsbild einer Sprache, also neben ihrer schriftlichen Form die aktuell in Florenz gesprochene Sprache der hochgestellten Mitglieder der Gesellschaft (cf. Poggi [[Salani]] 1988: 778) fokussiert. Sein Werk richtet sich  insbesondere an "forestieri" und "giovinetti" ([[Lubello]] 2003: 211) und weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die Florentiner keine Grammatik ihrer Muttersprache brauchten. Er räumt dabei der Syntax und der Rhetorik in Bezugnahme auf die Fonetik und Morfologie in seiner Grammatik außerordentlich viel Platz ein (cf. Poggi [[Salani]] 1988: 778). Die gesprochene Sprache, die hier zum Ausdruck kommt, ist, so [[Lubello]] (2003: 211), jedoch nicht die Alltagssprache, sondern die gebildete, oder in [[Giambullari|Giambullaris]] Worten "quella dello uso comune delle persone qualificate che la parlano". Allerdings dringt [[Giambullari]], laut [[Lubello]],  mit seinem Vorschlag zu einer einheitlichen Sprache mit Orientierung am Gesprochenen nicht durch. "La scoperta della lingua parlata", so [[Lubello]] (2003: 211) kommt schließlich erst mit den Werken von Benedetto [[Varchi]] und Leonardo [[Salviati]], der die Überlegungen von [[Varchi]] aufnimmt. Außerdem wird mit dem L‘Ercolano von [[Varchi]] die führende Position des Florentinischen begründet und mit dem neuen Kennzeichen der "lingua popolare" versehen (cf. [[Lubello]] 2003: 211).
 +
 
 +
===== Wandel der Volkssprache in Italien =====
 +
 
 +
Nach [[Lüdtke]] (2001: 11) war das Florentinische dabei, "sich als Schriftsprache in ganz Italien auszubreiten". Zur selben Zeit gab es laut [[Lüdtke]] (2001: 11) ein Bewusstsein "von einer nationalen Einheit, der keine politische und staatliche Einheit entsprach. Eine Symbolfigur für die Einheit von italienischer Sprache und Nation ist laut Lüdtke (2001: 11) [[Niccolò Machiavelli]] (1469-1527), der in ''Il principe'' zur nationalen Einheit aufruft und im ''Discorso o dialogo intorno alla nostra lingua der questione della lingua'', also ganz am Anfang der ''questione della lingua'', nicht nur der Frage nachgeht,  in welcher Sprache die Florentiner im 14. Jahrhundert geschrieben haben, sondern auch nachweist, dass Dantes Sprache das Florentinische war. Bei der das ganze 16. Jahrhundert bewegenden questione della lingua geht es laut Lüdtke (2001: 11) dann aber um die Frage, in welcher Sprache zukünftig geschrieben werden sollte, im Florentinischen des 14. Jahrhunderts, im aktuellen Florentinisch, im Toskanischen oder im Italienischen. In Bezug auf diese questione della lingua vertreten die Humanisten laut Lüdtke (2001: 11) die Position, dass die Volkssprache ein durch die Barbaren entartetes Latein ist. Die Vulgärhumanisten hingegen verstehen, so Lüdtke (2001: 11), die Volkssprache - wie Pietro [[Bembo]] (1470-1547)  in ''Prose de la volgar lingua'' (1525)  -  als eine neue Sprache, die viele Wörter okzitanischen und französischen Ursprungs aufweist und die auch als Schriftsprache geeignet ist. Gemäß Lüdtke (2001: 12) betrachtet Claudio [[Tolomei]] (1481/1491-1556) das Latein zwar als die Hauptgrundlage des Toskanischen, fügt aber hinzu, dass einiges auch aus dem Germanischen sowie dem Etruskischen, das vom Latein überlagert worden war, ins Toskanische übernommen wurde. Benedetto [[Varchi]] (1503-1565) plädiert in seinem Werk ''Ercolano'' (1570/ 1564) laut Lüdtke (2001: 12) für die aristotelisch gedachte "generazione", also die Geburt einer neuen Sprache".
 +
 
 +
==== Französisch====
 +
===== Grammatikographie vom 13.-16. Jahrhundert =====
 +
Was das Französische betrifft, so gibt es laut [[Swiggers]] (1990: 843), mitunter sehr dürftige Abhandlungen zur Orthographie oder Morphologie (Substantiv und Verb) sowie einige thematische Wörterbücher, die auch Informationen zur Aussprache, liaison und élision enthalten:  <br /> 
 +
* um 1250: "Traité de la conjugaison française"
 +
* um 1300: "Tractatus orthographiae de T.H., Parisii studentis"
 +
* um 1300: "Orthographia gallica"
 +
* um 1300: Fragmente zur Grammatik und Konjugationstabellen
 +
* um 1340: "Nominale sive verbale in Gallicis cum expositione eiusdem in Anglicis"
 +
* um 1400: "Tractatus orthographie gallicane per M.T. Coyfurelly, canonicum, Aurelianum doctorem utriusque juris, de novo editus secundum modum et formam parisius" (Überarbeitung des "Tractatus orthographiae de T.H., Parisii studentis" (cf. [[Swiggers]] 1990: 844). <br />
 +
Des Weiteren gibt es, so [[Swiggers]] (1990: 844) mehrere Texte für die praktische Anwendung (Konversationsmodelle, Darstellungen der Buchstaben, Texte für Anfänger):<br />   
 +
* um 1250/1290: "Le tretiz ki Munseignur Gauter de Bitheswey fist a ma dame Dyonise de Montechensi pour aprise de langage"
 +
* Ende des 14. Jhd.: "Manières de langage"<br />
 +
Alle diese Abhandlungen entstehen, wie [[Swiggers]] (1990: 844) betont, in England (Französisch ist dort Verwaltungssprache) und zeugen von der Bemühung Französisch lernen zu wollen, wobei sich hier an der Pariser Norm orientiert wurde.<br />
 +
Laut [[Swiggers]] (1990: 844) stammt auch die älteste grammatische Abhandlung zum Französischen auf Französisch aus England, nämlich der um 1400 entstandene und unvollendet gebliebene "Donait françois", der zur Grundlage der grammatischen Beschreibung des Französischen wurde. Erarbeitet wurde der „Donait françois“ laut [[Swiggers]] von Pariser Klerikern auf Anfrage von [[Johan Barton]]. Er diente vielen folgenden Grammatiken als Vorbild z.B. 1410 „Cy comence le Donait soloum douce franceis de Paris“, 1415 „Donati liber“. <br />
 +
 
 +
Aufgebaut ist der  "Donait françois" nach [[Swiggers]] wie folgt:
 
      
 
      
 
     Introduction
 
     Introduction
Zeile 107: Zeile 522:
 
       - le pronom
 
       - le pronom
 
       - le verbe
 
       - le verbe
 +
 +
Die Buchstaben sind, so [[Swiggers]] (1990: 845) weiter, unterteilt in "cinq voielx" (fünf Vokale) und "quinse consonantez" (fünfzehn Konsonanten) und zum Teil mit Aussprachehilfen versehen. Danach folgt, so [[Swiggers]], der morphologische Teil (Derivate, Komposita, Numerus, Genus, Fälle, Modus, Tempus, etc.). Im Anschluss daran erfolgt die Analyse der Redeteile (Nomen, Pronomen, Verben: Numerus, Modus, Tempus, Konjugation der französischen Verben; Bildung der Hilfsverben).
 +
 +
Nach [[Swiggers]] ist das Besondere am "Donait françois":
 +
 +
    1. dass er die älteste Grammatik des Französischen ist
 +
 +
    2. dass man sich zwar an der Grammatik des Lateinischen orientierte, aber das französische Sprachsystem nicht
 +
      vollständig in das Lateinische übertragen werden konnte
 +
 +
    3. damit ein metalinguistisches Modell für die Argumentation, die Präsentation und die Formulierung von Beschreibungen
 +
      des Französischen eingeführt wird (cf. [[Swiggers]] 1990: 845).
 +
 +
Erst im 16. Jahrhundert erscheinen die ersten Beschreibungen des Französischen in Frankreich selbst. Diese Grammatiken orientieren sich laut [[Bierbach und Pellat]] (2003: 235) an der Sprache des französischen Königshofs und stützen sich auf die lateinischen Vorgänger des Engländers [[Linacre]], des Italieners Julius C. [[Scaliger]] und des Spaniers [[Sanctius]]. Die französische Grammatikographie des 16. Jahrhunderts ist laut [[Swiggers]] (1990: 846) durch den Wunsch einer Normalisierung charakterisiert. Dieser Wunsch schlägt sich ebenfalls in der zentralistischen Politik und somit auf der Ebene der Verwaltung und der Gerichte nieder. So sollen nach einer Anordnung von [[Louis XII]] von 1510 und der Ordonnance de Villers-Cotterêts von 1539 Register, Erhebungen, Verträge, Ausschüsse, Rechtsurteile, Testamente sowie andere gerichtliche Schriftstücke und Leistungen in französischer Sprache verkündet, aufgezeichnet und ausgestellt werden (cf. [[Swiggers]] 1990: 846).
 +
Das Französisch aber hat zu Zeiten der Renaissance nach [[Swiggers]] (1990: 846) weder eine standardisierte Orthographie, noch einen schichtspezifischen Standard. Die grammatischen Beschreibungen des 16. Jahrhunderts wollen, laut [[Swiggers]], unter Berücksichtigung der Beziehung zwischen gesprochener und geschriebener Sprache eine systematische und vereinheitlichende Beschreibung des Französischen bieten.<br />
 +
[[Swiggers]] (1990: 846) datiert die Veröffentlichung der ersten gedruckten französischen Grammatiken auf das 16. Jahrhundert. Ihre Mehrheit ist nach [[Swiggers]] deskriptiver Natur, sie zeigen dem Leser Regeln und Paradigmen auf, um ihn über die verschiedenen grammatischen Kategorien zu informieren. [[Bierbach und Pellat]] (2003: 235-236) führen dazu aus, dass sich die Grammatiker des 16. Jahrhunderts zwar am lateinischen Vorbild orientieren, aber bereits anfangen, Besonderheiten des Französischen, wie beispielsweise den Artikel hervorzuheben. Die Beschreibung der Morphologie entwickelt sich weiter, während die Syntax nach der Einschätzung von [[Bierbach und Pellat]] (2003: 236) noch einen begrenzten Platz einnimmt. Diese Beurteilung teilt auch Swiggers (2001: 486), der angibt, dass die Grammatiken von [[Palsgrave]] und [[Caucius]] sowie von [[Meigret]], R. [[Estienne]] und [[Petrus Ramus|Ramus]] zwar ausgezeichnete Beschreibungen der grammatischen Strukturen des Französischen enthalten, die syntaktischen Analyse im Allgemeinen jedoch noch unausgereift war.<br />
 +
Die Arbeit der Autoren dieser Grammatiken ist laut [[Swiggers]] dennoch sehr wichtig, zeigt sie doch, dass das Französische wie das Latein Regeln besitzt und fähig ist die Rolle einer Kultursprache zu spielen. Nach [[Swiggers]] (1990: 846) ordnet sich die Arbeit dieser Grammatiker deshalb auch implizit in das humanistische Projekt der Verteidigung und Veranschaulichung der Volkssprachen ein. Die Mehrheit der französischen Grammatiken des 16. Jahrhunderts geht laut [[Swiggers]] (1998: 847) direkt aus dem auf der Lektüre und Analyse von Texten basierenden Unterricht des Französischen hervor und ist praktischer Natur.<br />
 +
Eine Zusammenstellung der bei [[Swiggers]] (1990: 847; 2001: 485-486) und [[Bierbach und Pellat]] (2003: 235) genannten Grammatiken und Sprachbeschreibungen des Französischen des 16. Jahrhunderts ergibt folgende Aufstellung:<br />
 +
* Geoffroy [[Tory]] (1529): Champ Fleury, Paris
 +
* Anonym (1529): Tres utile et compendieux traite de l’art et science d’orthographie gallicane
 +
* John [[Palsgrave]] (1530): Lesclarcissment de la langue françoyse compose par maistre Jehan Palsgrave Anglos natyf de Londres et gradue de Paris
 +
* Jacques [[Dubois]] (1531): Jacobi Sylvii Ambiani in Linguam Gallicam Isagwge, unà cum eiusdem Grammatica Latino-Gallica, ex Hebraeis, Graecis, & Latinins authoribus
 +
* Gilles [[Du Wes]] (1532): An Introductorie for to lerne to rede, to pronounce, and to speke Frenche trewly
 +
* Anonym (1533): Briefve doctrine pour deuement escripre selon la propriete du langaige francoys, Paris
 +
* Étienne [[Dolet]] (1540) : Accents de la langue francoyse, Lyon
 +
* Joannes [[Pillotus]] (1550): Gallicae linguae institutio
 +
* Louis [[Meigret]] (1550): Le tretté de la grammere françoeze, fet par Louis Meigret Lionoes
 +
* Robert [[Estienne]] (1557): Traicté de la grãmaire françoise   
 +
* Johannes [[Garnerius]] (1558): Institutio gallicae linguae, in usum juventutis germanicae
 +
* Pierre [[Petrus Ramus|de la Ramée]] (1562): Grammaire de P. De la ramee, Lecteur du Roy en l'Université de Paris 
 +
* Gérard [[Du Vivier]] (1566): Grammaire françoise, touchant la lecture, Declinaisons des Noms & Coniugaisons des Verbes
 +
* Antonius [[Caucius]] (1570): Grammatica gallica
 +
* Claude [[Fauchet]] (1581): Recueil de l'origine de la langue et poésie françoise
 +
* Jean [[Bosquet]] (1586): Elemens ou institutions de la langue françoise
 +
* Johannes [[Serreius]] (1598): Grammatica gallica<br />
 +
Die Grammatik von Jacques [[Dubois]] ist nach [[Bierbach und Pellat]] (2003: 235) die erste Grammatik des Französischen aus Frankreich. Sie ist in lateinischer Sprache verfasst und bemüht sich, die Ursprünge des Französischen aus dem Lateinischen aufzuzeigen. Dabei findet eine Orientierung an den "parties du discours" bei [[[http://www.hs-augsburg.de/~harsch/don_intr.html Donatus]]] statt, allerdings werden mit Artikeln, Präpositionen und Verbformen bereits Besonderheiten der französischen Sprache im Unterschied zum Lateinischen aufgezeigt (cf. [[Bierbach und Pellat|Bierbach / Pellat]] 2003: 235).
 +
Der tretté de la Grammere françoeze von Louis [[Meigret]] ist auf Französisch geschrieben und entfernt sich, wie [[Bierbach und Pellat]] (2003: 235) ausführen, etwas mehr vom Modell des Lateinischen. Dem Artikel wird mehr Aufmerksamkeit gewidmet, außerdem wird auch auf syntatiktische Besonderheiten wie die Wortstellung eingegangen (cf. [[Bierbach und Pellat|Bierbach / Pellat]] 2003: 235).<br />
 +
Die Schriften von [[Meigret]] haben nach [[Bierbach und Pellat]] (2003: 235) einen starken Einfluss auf die Sprachanalyse von [[Petrus Ramus]] (Pierre de la Ramée). Bei Ramus werden laut [[Bierbach und Pellat]] (2003: 235) die Analyse der Sprache mit der Analyse des Denkens verbunden. Ebenso wie bei [[Meigret]] nimmt die Analyse der französischen Syntax einen wichtigen Platz ein (cf. [[Bierbach und Pellat|Bierbach / Pellat]] 2003: 235).<br />
 +
In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts entstand nach [[Swiggers]] (2001: 486) auch die erste didaktische Grammatikographie des Französischen für die spanische Leserschaft. Dies lässt sich vor allem auf die Heirat zwischen [[Philippe II]] aus Spanien und [[Isabelle de Valois]], die eine Faszination des Hofes für Madrid mit sich brachte, zurückführen. [[Swiggers]] (2001: 487) verweist in diesem Sinne auf die Grammatik von [[Baltasar de Sotomayor]] 1565, die einer kontrastiven Grammatik zwischen dem Französischen und Spanischen entspricht.
 +
 +
=====Sprachtraktate=====
 +
 +
Nach [[Bierbach und Pellat]] (2003: 226) handelt es sich bei Sprachtraktaten im Allgemeinen um eine Auseinandersetzung mit dem Prestige der eigenen Sprache. Insbesondere stellt sich in solchen Sprachtraktaten die Frage, welches Prestige sie einerseits gegenüber den klassischen Sprachen, die seit jeher mit Prestige ausgestattet sind, und andererseits im Vergleich mit den Sprachen anderer - geographisch oder kulturell naheliegender und deshalb potentiell konkurrierender - Sprachgemeinschaften aufweisen. Im 15. und 16. Jahrhundert steht laut [[Bierbach und Pellat]] vor allem das Italienischen im Fokus. <br />
 +
 +
Jean Lemaire [[de Belges]] (1473 - 1524) hat laut [[Bierbach und Pellat]] (2003: 226) mit „La concorde des deux langaiges“ 1510 das erste programmatische Dokument veröffentlicht. In diesem Text versucht er den Wert der beiden in der Renaissance blühenden Sprachen, d.h. des Französischen und des Italienischen, gegeneinander abzugrenzen. Dabei plädiert er für die friedliche Koexistenz der französischen Sprache und der toskanischen und florentinischen Sprache, die beide aus dem Latein, der Mutter aller Eloquenz (Wortgewandheit, Redekunst), kommen und deshalb zusammen in einem liebevollen Gleichklang leben und überleben müssen. Mit diesen Worten will Jean Lemaire [[de Belges]], so [[Bierbach und Pellat]], in einer Zeit fortwährender kriegerischer Auseinandersetzungen zwischen Frankreich und Italien zur Bewahrung des Friedens aufrufen, nachdem schon die sprachliche und kulturelle Gleichwertigkeit der beiden Länder festgestellt wurde. Dennoch bleibt die konfliktgeladene Konkurrenz zwischen Frankeich und Italien im 16. Jahrhundert virulent.<br />
 +
 +
Henri [[Estienne]] (1531 - 1598) verfasste, nach [[Bierbach und Pellat]] (2003: 226), 1579 sein Buch „De la Precellence du langage Francois“ auf Veranlassung des Königs [[Henri III]]. [[Estienne]] tritt in diesem Werk, so Bierbach und Pellat, für die Überlegenheit des Französischen gegenüber dem Italienischen ein, indem er deren ästhetische und rhetorische Qualitäten miteinander vergleicht, z. B. in Bezug auf die Ernsthaftigkeit, den Wohlklang, die Anmut, die Kürze und den Reichtum der Sprache.
 +
1549 erscheint das Werk „Deffence et illustration de la langue francoyse“ von Joachim [[Du Bellay]]. [[Du Bellay]] plädiert, so [[Bierbach und Pellat]] (2003: 226-227) für die  Entwicklung der französischen Literatursprache, für die Entwicklung ihrer Eigenheit, also dieser unübersetzbaren und unveräußerlichen Charakteristik einer jeden nationalen Dichtung, von der schon die Dichtung [[Petrarca|Petrarcas]] Zeugnis ablegt.  Es ist festzuhalten, dass [[Du Bellay]], [[Bierbach und Pellat]] zufolge, in seinem Werk nicht die französische Sprache im Allgemeinen oder ihre Rolle innerhalb der Gesellschaft, sondern nur die Literatursprache behandelt.<br />
 +
 +
Nach [[Bierbach und Pellat]] (2003: 227) zeigt sich in anderen Sprachtraktaten das Argumentationsschema des Vulgärhumanismus, das exemplarisch in Pietro [[Bembo|Bembos]] Dialog "Prose della Volgar Lingua"  vorzu finden ist. Dabei geht es darum, dass besonders im Bereich der (Literatur-)Sprache hoch entwickelten und zivilisierten Kulturen geboren werden und dann wieder verschwinden und ihr Erbe der ihnen nachfolgenden Kultur übergeben, die daraus geboren wird. Die Römer sind zwar die Erbverwalter der Griechen, sie sind aber auch über sie hinausgewachsen. Das 16. Jahrhundert ist nun die Epoche der (italienischen) Volkssprache, sie ist dazu aufgerufen, die Perfektion des Modells und des Vorgängers, also des Lateinischen zu erreichen. <br />
 +
 +
Die Humanisten, die dieser Idee folgten, mussten sich, laut [[Bierbach und Pellat]] (2003: 227), an die politischen Kräfte wenden, wenn sie ihre Sorgen um eine Sprach- und Kulturpolitik umsetzen wollten. Um das zu erreichen, zeigten sie, dass bereits in der Antike, sowohl bei den Griechen als auch bei den Römern, die Machtausdehnung mit der Ausdehnung der entsprechenden Sprache übereinstimmte. Im Sinne dieser Argumentation nehmen die Humanisten, so [[Bierbach und Pellat]] weiter, die Feststellung des [[Heiligen Augustinus]] wieder auf, dass die dominierende Macht gezwungen ist, den von ihr unterworfenen Völkern ihre Sprache aufzuerlegen, und zwar um den Frieden zu garantieren. In Frankreich stimmte Claude de [[Seyssel]] (1450-1520) dieser Argumentation wohl als erster zu. Dieser Humanist und Diplomat wandte sich nämlich 1509 explizit an König Ludwig XII, indem er einer Übersetzung eines antiken historiographischen Textes eine dem König gewidmete Epistel hinzufügte, die den Monarch auffordert die französische Sprache auszubauen und zu verherrlichen. Nach Claude de [[Seyssel]] gab es, so [[Bierbach und Pellat]] (2003: 227), kein geeigneteres Mittel die Eroberungen Frankreichs in Italien zu sichern, als die Einsetzung der Sprache des Eroberers, so wie es die Griechen und Römer vorgemacht haben, deren Sprache in dem Maße an Glanz gewonnen hat, in dem sich ihre Herrschaft verbreitet hat und indem sie ihre Sprachen den Völkern der eroberten Regionen aufgezwungen haben, so wie es auch die Normannen mit den Engländern gemacht haben.<br />
 +
 +
1555 erscheint, so [[Bierbach und Pellat]] (2003: 227), „Oraison Au Roy: De la grandeur de son regne, & de l'excellance de la langue francoyse“ von Jacques Tahureau. Dieses Werk basiert auf der gleichen Verkettung von Ideen, nach der die politische Macht des Königs durch die Sprache und Kultur erreicht wird. Abschließend lässt sich also feststellen, dass bei den Humanisten stets ein Parallelismus vorherrschte, d. h. dass politische Macht stets mit Sprache einhergeht.
 +
 +
'''Bibliographie'''<br />
 +
Albrecht, Jörn (2001): &quot;Sprachbewertung. Évaluation de la langue&quot;, in: Holtus, Günter / Metzeltin, Michael / Schmitt, Christian (eds.): <i>Lexikon der Romanistischen Linguistik (LRL)</i>. Band I, 2: Methodologie (Sprache in der Gesellschaft / Sprache und Klassifikation / Datensammlung und -verarbeitung). Tübingen: Niemeyer 526-540.
 +
 +
Bierbach, Mechtild / Pellat, Jean-Christophe (2003): &quot;Histoire de la réflexion sur les langues romanes: le français / Geschichte der Reflexion über die romanischen Sprachen: Französisch&quot;, in: Ernst, Gerhard / Gleßgen, Martin-Dietrich / Schmitt, Christian / Schweickard, Wolfgang (eds.): <i>Romanische Sprachgeschichte / Histoire linguistique de la Romania</i>. Ein internationales Handbuch zur Geschichte der romanischen Sprachen / Manuel international d'histoire linguistique de la Romania 1 (= Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft 23). Berlin / New York: De Gruyter 226-229.
 +
 +
Eisenstein, Elisabeth I. (1997): <i>Die Druckerpresse</i>. Kulturrevolution im frühen modernen Europa. Wien / New York: Springer.
 +
 +
Freyer, Dieter (2003): ''Kleine Papiergeschichte, vom Papyrus zum Papier des 20. Jahrhunderts.'' <http://papiergeschichte.freyerweb.at> [15.05.2018].
 +
 +
Giesecke, Michael (1996 / 2006): "Der Buchdruck in der frühen Neuzeit. Eine historische Fallstudie über die Durchsetzung neuer Informations- und Kommunikationstechnologien. Kurzfassung für die Vorbereitung und Gestaltung des Unterrichts an allgemeinbildenden Schulen", in: Giesecke, Michael (ed.): ''Aufsätze, Rundfunkbeiträge und Dialoge zur Kulturgeschichte des Buchdrucks 1990 – 2004 auf CD-ROM''. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1-19.<br />
 +
 +
Giesecke, Michael (<sup>4</sup>2006): <i>Der Buchdruck in der frühen Neuzeit</i>. Eine historische Fallstudie über die Durchsetzung neuer Informations- und Kommunikationstechnologien. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
 +
 +
Kloock, Daniela / Spahr, Angela (1997): &quot;Oralität und Literarität&quot;, in: Kloock, Daniela / Spahr, Angela: <i>Medientheorien</i>. Eine Einführung (= UTB 1986). München: Wilhelm Fink Verlag 237-266.
 +
 +
Kloock, Daniela / Spahr, Angela (1997): &quot;Magische Kanäle. Marshall McLuhan&quot;, in: Kloock, Daniela / Spahr, Angela: <i>Medientheorien</i>. Eine Einführung (= UTB 1986). München: Wilhelm Fink Verlag 39-76.
 +
 +
Lubello, Sergio (2003): &quot;Storia della riflessione sulle lingue romanze: italiano e sardo / Geschichte der Reflexion über die romanischen
 +
Sprachen: Italienisch und Sardisch&quot;, in: Ernst, Gerhard / Gleßgen, Martin-Dietrich / Schmitt, Christian / Schweickard, Wolfgang (eds.):  <i>Romanische Sprachgeschichte / Histoire linguistique de la Romania</i>.
 +
Ein internationales Handbuch zur Geschichte der romanischen Sprachen / Manuel international d'histoire linguistique de la Romania. Berlin: De Gruyter 208-225.
 +
 +
Lüdtke, Jens (2001): &quot;Romanische Philologie von Dante bis Raynouard&quot;, in: Holtus, Günter / Metzeltin, Michael / Schmitt, Christian (eds.): <i>Lexikon der romanistischen Linguistik (LRL)</i>. Band I / 1: Geschichte des Faches Romanistik. Methodologie (Das Sprachsystem). Tübingen: Niemeyer 1-35.
 +
 +
[[Archiv]]

Aktuelle Version vom 2. Juli 2019, 18:42 Uhr

Der Buchdruck wird von vielen als die größte Medienrevolutionen vor der heute stattfindenden digitalen Revolution verstanden. Zwischen beiden Medienrevolutionen werden Bezüge hergestellt und Vergleiche gezogen. Zudem wird der Buchdruck als determinierend für die Entwicklung der heutigen Nationalsprachen betrachtet. Bevor wir uns mit dem Buchdruck selbst beschäftigen, müssen wir uns erst einmal mit der Bedeutung von Medien anhand von verschiedenen Medientheorien beschäftigen.

Bei Giesecke stimmen die Jahreszahlen nicht. Bei dem herangezogenen Buch handelte es sich um die 4. Ausgabe. Die Angaben sollten lauten (1991 / 4 2006)

--EB 20:51, 17. Apr. 2018 (CEST) Die Bibliographie muss überarbeitet werden; nicht alle Angaben sind korrekt

Inhaltsverzeichnis

Medien und Medienrevolutionen

Nach Kloock und Spahr (1997: 237) ist die Schrift eines der grundlegenden Medien in unserer Kulturgesellschaft, welches es uns ermöglicht Informationen zu erzeugen, zu speichern und zu verbreiten. Zudem ist sie "einer der 'Grundpfeiler' menschlicher (westlicher) Zivilisation." In dem Kapitel "Oralität und Literalität" wollen Kloock und Spahr die Forschungsergebnisse zu diesem Medium vorstellen. An diesen Forschungsergebnissen wird, so Kloock und Spahr (1997: 237), deutlich, "daß Reflektionen über die Medienabhängigkeit unseres Denkens, unserer Wahrnehmung, unserer Kultur so neu nicht sind."

Kategorisierung von Medien

Der Ökonom Harold A. Innis vertrat laut Kloock und Spahr (1997: 47) schon in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts die These, dass die Geschichte als Abfolge kultureller Epochen zu betrachten ist, die von den jeweils dominanten Kommunikationsmedien geprägt sind. Dies bedeutet, dass die Formen der sozialen Organisation, und im speziellen die Strukturen von Wissen und Herrschaft, von den Techniken der Kommunikation bestimmt werden.[1] Laut Innis, so Kloock und Spahr (1997: 47), verursacht nämlich jedes Medium eine spezielle Tendenz der Kommunikation.[2]

Auf Zeit oder Raum bezogene Medien

Grundsätzlich lassen sich nach Innis, so Klook und Spahr (1997: 47), Medien in zwei Kategorien unterteilen, nämlich in Medien, die sich entweder auf die Zeit oder auf den Raum beziehen. Erstere ermöglichen eine Kommunikation mit zeitlicher Orientierung und letztere eine Orientierung am Raum. Zu den zeitorientierten Medien rechnet Innis laut Kloock und Spahr (1997: 47) zum Beispiel Stein- oder Tontafeln [3] als "dauerhafte, aber schwer transportable Medien", Papier [4] als kurzlebiges und leicht transportierbares Material ordnet er dagegen den raumorientierten Medien zu. An diese Unterscheidung schließen sich, laut Kloock und Spahr (1997: 47), zwei unterschiedliche Gesellschaftsformen an. Innis verbindet nämlich zeitorientierte Kommunikationsmedien mit Gesellschaftsformen, die auf Tradition, Dauer und Religion basieren und die sozial in stabile, hierarchische Strukturen gegliedert sind, raumorientierte Kommunikationsmedien hingegen werden mit expandierenden Reichen verknüpft, in denen die organisierte Zirkulation von Wissen zu wissenschaftlichem Fortschritt führt und welche eine abstrakte politische Autorität innehaben. Als Beispiele für erstere nennt Innis, laut Kloock und Spahr (1997: 47), Ägypten, welches als stabil, statisch und entwicklungsunfähig beschrieben wird, für letztere das neuzeitliche Europa, welches zwar dynamisch und innovativ ist, jedoch auch instabil. Beide Formen der Kultur werden so Kloock und Spahr (1997: 47-48) aufgrund der Dominanz einer Kommunikationsweise von Innis als problematisch angesehen, da eine ideale Gesellschaftsform nur durch eine Harmonie der Kommunikationsformen erreicht werden kann. Als Beispiel für eine solche ideale Gesellschaftsform wird von Innis, so Kloock und Spahr (1997: 48) das antike Griechenland angeführt, da dort während des Übergangs zwischen oraler und literaler Kultur ein Gleichgewicht zwischen Raum- und Zeitorientierung hergestellt werden konnte.

Heiße und kalte Medien

Auch McLuhan unterscheidet laut Kloock und Spahr (1997: 53-54) zwischen zwei Arten von Medien, nämlich „heiße“ Medien und „kalte“ Medien. Zu den „heißen“ Medien gehören bei McLuhan zum Beispiel das Buch, das Radio, der Film und die Photographie. Bei „heißen“ Medien geht es darum, dass sie nur einen Sinn erweitern. Sie sind reich an Details. „Kalte“ Medien sind bei McLuhan zum Beispiel Comics, die Karikatur, die Sprache oder auch das Telefon. Sie sind detailarme Medien und verlangen Ergänzungen bzw. Vervollständigungen. Vor- und Nachteile der beiden Arten von Medien wägt McLuhan so Kloock und Spahr (1997: 54) aber nicht ab. Sein Konzept der Wahrnehmung ist vielmehr auf ein harmonisches Zusammenspiel der Sinne gerichtet, welches zum Beispiel durch den Tastsinn erreicht wird, den McLuhan als eine dynamische Einheit des Empfindens versteht. Für McLuhan setzt so Kloock und Spahr (1997: 55) eine komplexe Wahrnehmung die maximale Beteiligung aller Sinne voraus. [5]

Einteilungen der Geschichte

Wie Kloock und Spahr (1997: 59) ausführen, teilt McLuhan die Geschichte in vier Epochen ein: in die „orale Stammeskultur“, die „literale Manuskript-Kultur“, die „Gutenberg-Galaxis“ und das „elektronische Zeitalter“. Zäsuren zwischen den einzelnen Epochen werden dabei durch das Auftreten neuer Medien wie der Schrift, des Buchdrucks oder der Elektrizität markiert. Im Folgenden wird die Einteilung der Geschichte allgemeiner gefasst, indem die Phasen als Oralität, Literalität, Gutenberg-Galaxis und digitale Revolution bezeichnet werden.

Oralität

Die erste Epoche der „oralen Stammeskultur“ wird laut Kloock und Spahr (1997: 59-60) von McLuhan als eine „Welt des Ohres“ bezeichnet. Typische Eigenschaften dieser durch Oralität geprägten Kulturen sind für ihn „Dynamik, Diskontinuität und Simultaneität“. Das Sinnesorgan „Ohr“ erhält die größte Bedeutung für die Organisation des täglichen Lebens während andere, wie das Auge, in den Hintergrund treten. Daraus resultiert eine enge wechselseitige Abhängigkeit der verschiedenen Akteure voneinander. McLuhan geht laut Kloock und Spahr (1997: 60) sogar so weit, von einer „Tyrannei des Ohres über das Auge“ zu sprechen.

Oral-Poetry-Forschung

Wie laut Kloock und Spahr (1997: 240-241) aus den Erkenntnissen der Oral-Poetry-Forschung hervorgeht, spielten in oralen Kulturen Rhythmus und Melodie für das Gedächtnis eine besondere Rolle, denn Sprache ist für das Gedächtnis einfacher zu replizieren, wenn sie durch Rhythmus und Melodie geleitet wird. Kloock und Spahr beziehen sich dabei auf Milman Parry. Dieser hat in den 1930er Jahren nachgewiesen, dass Ilias und Odyssee Ergebnisse einer oralen Improvisationskunst und Mnemotechnik sind. Sie basieren nämlich auf mündlichen Kompositionsregeln. Diese sind in Form von metrisch zugeschnittenen Formeln, den sogenannten Hexametern strukturiert, welche aus Wortgruppen bestehen, bei denen beigefügten Adjektiven oder Attributen eine besondere Bedeutung zukommt. Als Beispiel führen Kloock und Spahr (1997: 241) das Adjektiv polymetis (klug) an, das als Attribut fortwährend bei Odysseus erscheint und ihn erst ins Metrum des Verses bettet. In der Folge kann Reimen als eine Mnemotechnik verstanden werden. Mit dieser Mnemotechnik erfolgte, wie Kloock und Spahr (1997: 241) ausführen, nach Parrys These kein wortwörtliches Memorieren, sondern nur das Erstellen eines Fundus an feststehenden Phrasen, welcher den groben Inhalt des Werkes vorgab. Dies ermöglichte dem jeweiligen Vortragenden metrisch korrekte Verse in endloser Zahl herzustellen und jeweils neu zusammenzustellen. Als Beleg für die starke Betonung auf Rhythmik und Melodie nennt Parry nach Kloock und Spahr (1997: 241) die Tatsache, dass Vorträge mit Musik und Tanz kombiniert wurden.[6]

Kloock und Spahr (1997: 241-242) verweisen an dieser Stelle auf Albert Lord, der 1960 in seinem Werk The Singer of Tales, das 1965 mit dem Titel Der Sänger erzählt auf Deutsch erschienen ist, anhand von Tonaufzeichnungen slawischer Erzähldichtungen[7] Parallelen zu antiken, griechischen Dichtungen zog. Abhängig vom Publikum, der Stimmung des Poeten und anderen sozialen und psychologischen Faktoren wurden Dichtungen in Form von Liedern nämlich nie zweimal auf die selbe Weise vorgetragen.

Orale Noetik

Mit der oralen Noetik beschäftigte sich laut Kloock und Spahr (1997: 242) zuerst Eric Havelock. Sein Interesse galt Kloock und Spahr (1997: 242) zufolge der Beschreibung der mentalen Strukturen des oralen Denkens, wobei Orale Noetik etwa mündliche Geistesverfassung bezeichnet. Laut Kloock und Spahr (1997: 243) ging Havelock aufbauend auf Parrys Forschungen davon aus, dass Wissen in der präliteraten Kultur narrativ übermittelt wurde, d. h. was als erinnernswert galt, wurde zum Inhalt von Erzählungen. Havelock meint, so Kloock und Spahr (1997: 243), dass der Mensch in einer schriftlosen Gesellschaft über komplexere Ursache-Wirkungsprinzipien nicht nachdenken und sie sich nicht merken muss. Deshalb galt in oralen Kulturen auch oft das Prinzip des "Deus ex machina", d. h. nicht erklärbare Phänomene wie Wettererscheinungen werden den Göttern zugeschrieben. Dies ist für Havelock, so Kloock und Spahr (1997: 243), ebenfalls die Ursache für den Animismus sogenannter primitiver schwarzer Völker. Oralen Kulturen fehlt nämlich laut Havelock die Fähigkeit zu einem kausalen Denken und zur Abstraktion, weshalb sie seiner Ansicht nach auch zu keinen großen technischen Leistungen wie dem Bau oder der Reparatur einer Maschine in der Lage sind. Weiterhin fehlen präliteraten Kulturen Objektivität und eine kritische Distanz. Sie werden stattdessen dominiert von Bildhaftigkeit und Emotionalität. In diesen Zusammenhang stellt Havelock nach Kloock und Spahr (1997: 244) auch die Tatsache, dass Angehörige oraler Kulturen sich nicht als autonomes Ich erfahren, sie also nicht in der Lage sind, sich zu erinnern, zu denken oder eigene Standpunkte zu vertreten. Dies erleichtert das Durchsetzen von moralischen Prinzipien und sozialen Regeln, da es zu keiner inhaltlichen Auseinandersetzung kommen kann. Havelock sieht nach Kloock und Spahr (1997: 244) den Dichter in oralen Kulturen in der Rolle des "unhinterfragte[n], geistige[n] Führer[s], der in seinem Gedächtnis das verbindliche Wissen speicherte, verwaltete, organisierte und publizierte". Er spielte damit eine wichtige Rolle für das kulturelle Gedächtnis, wobei das wiedergegebene Wissen jedoch nicht kritisch, analytisch oder individuell hinterfragt wurde.

Auch Jack Goody beschäftigt sich mit der oralen Noetik. Jack Goody weist, so Kloock und Spahr (1997: 244), darauf hin, dass die auf das Mündliche bezogenen Kommunikationsformen geprägt werden durch eine stärkere Direktheit und Konkretizität. Goody sieht dies, laut Kloock und Spahr (1997: 244), in einem positiveren Kontext als Havelock, denn seiner Meinung nach wird hierbei Wissen gründlicher sozialisiert. Benannt wird, so Goody, lediglich, was von sozialer Bedeutung ist, der Rest wird vergessen. So kann es vorkommen, dass Mythen, Gottheiten und heiliges Wissen gemäß ihrer sozialen Funktion im Laufe der Zeit verschwinden oder sich verändern. Goody beschreibt, so Kloock und Spahr (1997: 245), die Speicherung von Wissen illiterater Kulturen damit, dass die Gegenwart ihre Ökonomie der Erinnerung einschreibt: Genealogien verändern sich beispielsweise zum Zwecke der Klärung von Rechtsstreitigkeiten, denn ohne Aufzeichnungen und Chronologien kann die Gesellschaft nicht in Konflikt mit ihrer Vergangenheit kommen.

Walter J. Ong relativiert diese Sichtweise. Er sieht laut Kloock und Spahr (1997: 245) einen Zusammenhang zwischen der Mentalität oraler Kulturen und deren Artikulationsweise. Die Faktoren, an denen sich Ong dabei orientiert, sind nach Kloock und Spahr (1997: 245):

  1. ein additiver Satzstil
  2. ein weniger syntaktischer Satzstil
  3. die Kennzeichnung des Satzstils durch Klischees (wiederkehrende Formeln)
  4. die Redundanz

Letztere wird hierbei als das markanteste Merkmal hervorgehoben.

Redundanz steht für Ong, so Kloock und Spahr (1997: 245-246) im Zusammenhang mit der Flüchtigkeit der gesprochenen Worte, welche unmittelbar nach ihrem Ausspruch verfliegen. Um erinnert zu werden, muss eine Aussage also nicht nur eingängig und formelhaft sein, sondern mehrfach wiederholt werden. Diese Notwendigkeit führt Ongs Meinung nach, so Kloock und Spahr (1997: 246), zu einer traditionalistischen und konservativen Denkweise, denn neues Wissen zu erringen und dieses zu speichern ist mühsam und aufwändig. Skepsis gegenüber intellektuellen Experimenten und neuen Denkweisen ist die Folge. Geistige Arbeit bedeutet in oralen Kulturen vielmehr Erinnerungsarbeit. So besitzen diese auch keine analytischen Kategorien, sondern das Denken geschieht stets in einem unmittelbaren Lebens- und Handlungszusammenhang.

Alexander Romanowitsch Lurija hatte, so Kloock und Spahr (1997: 246-247) schon 1931/32 Feldstudien in Usbekistan und Kirgisien durchgeführt, in welchen er feststellte, dass illiterate Kulturen oder Personen keine Abstraktion kennen, sondern beispielsweise für geometrische Figuren stets Bezeichnungen von vertrauten Objekten verwenden. Weiterhin fand Lurija laut Kloock und Spahr (1997: 247) heraus, dass kategoriales Denken für illiterate Kulturen oder Personen unwichtig ist und sie nicht zu Syllogismen - also "Schlußfolgerungen auf Grund von übermittelten Aussagen" - in der Lage sind. Ihr Denken ist dagegen geprägt durch konkrete Lebenserfahrungen. Weiterhin fehlen ihnen Selbsteinschätzung und Selbstwahrnehmung: Sie können ihre Persönlichkeit oder ihren Charakter nicht selbst benennen.

Für Ong zeigen laut Kloock und Spahr (1997: 247) die Forschungen von Alexander Romanowitsch Lurija, dass sich illiterate Kulturen nicht mit Dingen wie geometrischen Figuren, abstrakten Kategorien, formallogischen Denkprozessen, Definitionen oder zergliedernden Selbstanalysen auseinandersetzen, da diese dem text- bzw. schriftgeprägten Denken entspringen. Der orale Mensch lebt stattdessen in einer Welt der Intersubjektivität und Ganzheitlichkeit.

Über den Unterschied zwischen nicht schriftlicher und schriftlicher Informationsüberlieferung philosophierte, so Kloock und Spahr (1997: 247), schon Plato. Für ihn garantierte, laut Kloock und Spahr (1997: 248) ausschließlich die mündliche Rede eine zuverlässige Übermittlung und Aneignung von Wissen. Der Kern liegt hier in der Interaktion zwischen Redner (Lehrer) und Gegenüber (Schüler), von denen stets einer weiß und der andere Fragen stellt. Texte hingegen, so Plato nach Kloock und Spahr (1997: 248), antworten nicht, wenn man ihnen Fragen stellt. Die Schrift bedeutete für Plato nach Kloock und Spahr (1997: 249) die Trennung des Wissenden vom Wissen, sie war für ihn oberflächlich, undialektisch, unanalytisch und erzeugte Missverständnisse, außerdem schwächte sie das Gedächtnis.

Literalität

Mit der Einführung der Schrift, besonders der phonetischen Alphabetschrift, die aufgrund der Bedeutungslosigkeit des einzelnen Zeichens einen hohen Grad an Abstraktion aufweist, findet, so Kloock und Spahr (1997: 60), für McLuhan der Wandel hin zur „Manuskript-Kultur“ statt. Die nun vorhandenen Möglichkeiten zur räumlichen Darstellung und Wahrnehmung von Wissen bilden laut McLuhan „die Grundlage für das Erkennen von Regel- und Gesetzmäßigkeiten“. Während in der Oralen Kultur vor allem das Ohr als Sinnesorgan bedeutsam war, so McLuhan, laut Kloock und Spahr (1997: 61-62) weiter, sind in der Manuskript-Kultur nun mehrere Sinne beteiligt, da mittelalterliche Handschriften aufgrund ihrer Beschaffenheit vor allem laut vorgelesen werden. Bücher sind noch kein Massenprodukt, sondern wertvolle Einzelstücke, die in mühevoller Handarbeit kopiert werden. Dabei kommt es oft zu Veränderungen oder Ergänzungen durch den Abschreibenden, sodass diese Texte im Ergebnis oft eine große Heterogenität an sprachlichen Stilen und rhetorischen Mitteln aufweisen.

Schrift als Notationssystem

Vor etwa 7000 Jahren begann, wie Kloock und Spahr (1997: 237) unter Bezug auf Harald Haarmanns Universalgeschichte der Schrift von 1990 ausführen, die Schriftkultur der Menschheit. Die meisten Sprachen besitzen, laut Kloock und Spahr (1997: 237), aufgrund fehlender Verschriftlichungen keine Literatur, weshalb es auch keine Zeugschaft ihrer Existenz gibt. Lediglich 13% aller lebenden Sprachen sind, so Kloock und Spahr (1997: 237) verschriftet. Die ältesten dokumentierten Schriftfunde stammen, so Kloock und Spahr (1997: 237) aus Ägypten und Mesopotamien. Dabei handelt es sich um Zeichen, Erinnerungsspuren und Wiedererkennungsmerkmale.

Die Schriftforschung unterscheidet, laut Kloock und Spahr (1997: 237-238), zwischen piktographischen, ideogrammatischen Schriften und Silbenschriften und deren Mischformen. Kloock und Spahr (1997: 238) geben zu Bedenken, dass nicht jedes semiotische Zeichen laut sprachwissenschaftlicher Definition auch als Schrift gilt, Schrift erfordert nämlich ein System visueller Zeichen, welches genau kodiert sein muss. Von Schrift kann erst gesprochen werden, "wenn Schriftzeichen beginnen, Phoneme zu repräsentieren, also die menschliche Rede selbst, ihr Klang, notiert wird." Nach Kloock und Spahr (1997: 239) geben Buchstabenzeichen, die für Einzellaute stehen, Sprache am genauesten wieder.

Die Buchstabenschrift der Phönizier gilt als erste Buchstabenschrift und bildet, so Kloock und Spahr (1997: 239) die Basis für viele andere semitische Schriften. Die semitischen Schriftsysteme kennen laut Kloock und Spahr (1997: 239) jedoch keine Buchstaben für Vokale, erst die Griechen konnten diese in ihr Alphabet einbetten. Mit ihrem Alphabet konnten die Phoneme nun so sortiert werden, dass sie mit Hilfe eines Zeichensystems, welches 20 bis 30 Zeichen umfasst, eindeutig darstellbar und lesbar waren. Nicht phonetische Schriftsysteme benötigen im Gegensatz dazu einen riesigen Vorrat an Zeichen.

Die Schrift stellt, laut Kloock und Spahr (1997: 240) für viele Gesellschaften den zentralen kulturellen "Gedächtnisspeicher" dar, d. h. Schrift als solche ist eine Mnemotechnik, die einen Akt des Wiedererkennens und Erinnerns garantiert.

Phonetisches Schriftsystem

Indem er die Überlegenheit der gesamten westlichen Kultur als Ergebnis eines Mediums, nämlich des phonetischen Schriftsystems begreift, vertritt Havelock nach Kloock und Spahr (1997: 250) die weitreichendste medientheoretische These. Die Griechen schufen seiner Meinung nach nicht nur ein besonderes Schriftsystem, sondern auch die Grundlage für Literalität und die literale Grundlage des modernen Denkens.

Nach Havelock besteht, wie Kloock und Spahr (1997: 250) ausführen, die Einzigartigkeit dieses Schriftsystems in der vollständigen und flüssigen Wiedergabe von gesprochener Rede. Diese Wiedergabe war zum ersten Mal kontextunabhängig, da sich das Alphabet ausschließlich auf den Klang bezieht. Dieser wird in kleinste Einheiten gespalten und direkt auf räumliche Äquivalente reduziert. Wenige, aber präzise Schriftzeichen bedingen eine gute Lesefertigkeit, die eine enorme Demokratisierung ermöglichen kann. Literalität verliert so ihren Elitestatus, Schreiber und Beamte werden abgelöst und das Schreiben an sich wird nicht mehr als geheime und magische Fähigkeit begriffen.

Die akustische Effizienz des Alphabetes ermöglicht nach Havelock, so Kloock und Spahr (1997: 250-251), die Automatisierung des Lese- und Schreibprozesses, da die einzelnen Zeichen bedeutungslos und eindeutig festgelegt sind, weshalb sie schnell erkannt und flüssig gelesen werden können. Einen weiteren Vorteil des Alphabets sah Havelock, laut Kloock und Spahr (1997: 251) darin, dass nun auch andere Sprachen im selben Schriftsystem ausgedrückt, Übersetzungsprozesse beschleunigt und immer mehr Texte zwischen verschiedenen Kulturen ausgetauscht werden konnten. Zudem lagen aufgrund der Ablösung oraler Mnemotechniken durch die flüssige Transkription mündlicher Berichte Aussagen nun als Artefakte vor und mussten nicht mehr gemerkt werden. Die damit verbundene Freisetzung geistiger Energien führte nach Havelock, wie Kloock und Spahr (1997: 251-252) sagen, zu einer starken Expansion des Wissens, denn dem Menschen wurde dadurch nicht nur die Last des Erinnerns genommen, sondern neue, unerwartete und unvertraute Aussagen und Ideen wurden produziert, die dann auch wieder gelesen werden konnten.

Nach Kloock und Spahr (1997: 252-253) gewinnt der abendländische Mensch bei Havelock vor allem Verfügungsgewalt über sein Gedächtnis. Sowohl eine kritische Distanzierung zwischen Wahrnehmen und Denken als auch eine Art Selbstbewusstsein werden ermöglicht. Die Schrift bringt also die Selbstreflektion mit sich, der Mensch nimmt sich als autonomes Selbst und nicht mehr als ein der Natur und dem Schicksal ausgeliefertes Wesen wahr. Das Gedächtnis des Menschen wird erstmals frei für individuelle Reflexion und Erinnerung, womit auch die These einhergeht, dass Schrift und Seele eine Allianz darstellen.

Orale Gesellschaften passen sich nach Kloock und Spahr (1997: 252) stets aktuellen Gegebenheiten an und löschen nicht mehr benötigtes oder widersprüchliches Wissen. Dieser Vorgang wird laut Kloock und Spahr (1997: 252) von Goody und Watt als "strukturelle Amnesie" bezeichnet. In einer Schriftkultur hingegen wächst, so Kloock und Spahr (1997: 252), das Repertoire an Büchern und Quellen stetig, wodurch die Selektion aus der Masse zunehmend problematisch wird. Kloock und Spahr (1997: 252) nennen zwei Bereiche intellektueller Techniken, die die Griechen nach Goody entwickelten: die Epistemologie, welche Wahrheit von Meinung zu trennen versucht, und die Taxonomie, welche Gebiete des Wissens und der Erkenntnis unterscheidet.

Die genannten Medientheorien schreiben nach Kloock und Spahr (1997: 253) also der Alphabetschrift eine grundlegende Transformation sowohl der Wahrnehmung und des Denkens als auch der Struktur kultureller Überlieferungen zu. Sprache wurde durch diese Alphabetschrift objektiviert und standardisiert. Darüber hinaus ermöglicht sie die Herausbildung komplexerer gesellschaftlicher Organisationsformen und strukturiert Politik, Ökonomie und Religion. Schrift wird als Mittel der "Wirklichkeitsbewältigung und der herrschaftlichen Repräsentation" gesehen. Gesetze und Anordnungen werden festgehalten, Verhaltensregeln und Kommunikationsanweisungen fixiert. Die Schrift wird zum beherrschenden, ordnenden und kontrollierenden Medium.

Kloock und Spahr (1997: 254) gehen zum Schluss noch auf die Kritik von Lévi-Strauss ein. Dieser sieht, so Kloock und Spahr (1997: 254), die Schrift nämlich nicht als das kulturbringende Moment an, sondern die Entdeckung der Landwirtschaft und Viehzucht. Durch die Schrift änderte sich seiner Meinung nach das Wissen nur, es wuchs aber nicht wirklich an. Lediglich die Gründung von Städten und Reichen sieht er als Folge der Entwicklung der Schrift, ebenso wie die Integration vieler Menschen und deren Einteilung in Klassen. Lévi-Strauss verweist in diesem Zusammenhang laut Kloock und Spahr (1997: 254) besonders auf China und Ägypten, da dort seiner Meinung nach tausende Menschen zugunsten des Baus von Denkmälern ausgebeutet wurden, was nur in Schriftkulturen möglich ist.

Die Gutenberg-Galaxis

Die Erfindung und Entwicklung des Buchdrucks und die damit einhergehende „Mechanisierung der Schreibkunst“ lässt, wie Kloock und Spahr (1997: 62-63) ausführen, in den Augen von McLuhan das Buch von einem einmaligen Wertgegenstand zu einem „Massenprodukt“ und „Konsumgut“ werden. Mit der maschinellen Umsetzung einer ehemaligen "Handfertigkeit" verändert sich für ihn aber nicht nur die Produktion von Büchern, sondern es geht damit auch eine gewisse Statik des Denkens einher. Die Merkmale dieser Technologie und somit der neuen Epoche sind nach Kloock und Spahr (1997: 63) für McLuhan „Kontinuität, Homogenität und Wiederholbarkeit“. Gleichzeitig findet wieder eine Konzentration auf ein einzelnes Sinnesorgan statt, nämlich das Auge, weshalb Kloock und Spahr (1997: 63) von einer "Dominanz des Gesichtssinns" sprechen. An die Stelle der offenen Wissensstrukturen der oftmals anonymen Manuskripte treten laut McLuhan, so Kloock und Spahr (1997: 63), nun Autoren, die einen festen Standpunkt vertreten. Mit dieser Individualisierung sind nach McLuhan, wie Kloock und Spahr (1997: 63-64) fortfahren, auch das Auftauchen "starrer Haltungen" sowie die Konzentration auf bestimmte Aspekte unter Vernachlässigung anderer verbunden. Mit der neuen Art, Wissen zu verbreiten und zu vervielfältigen, geht so Kloock und Spahr (1997: 64) für McLuhan auch eine neue Art und Weise zu denken einher, die ebenso wie die Typografie einem Uniformierungsprozess unterliegt. Des Weiteren spielen laut McLuhan nach Kloock und Spahr (1997: 64-65) durch den Buchdruck ermöglichte räumliche, systematisierende Darstellungen wie Schemata und Diagramme eine wichtige Rolle bei der Entwicklung einer zunehmend rationalen und formalisierten Wissenschaft. Diese neuartige Wissenschaft, die sich auf der Grundlage der vom Buchdruck angestoßenen Uniformierungsprozesse in Sprache, Denken und Wissen entwickelt, orientiert sich laut McLuhan, so Kloock und Spahr (1997: 65), zunehmend am empirisch Messbaren, an der mathematischen Logik und einer formalisierten Beweisführung. Dabei konstatiert McLuhan so Kloock und Spahr (1997: 65) eine "Trennung von Gefühl und Verstand".

Die Einführung der gedruckten Schrift führt nicht nur zu einer Vereinheitlichung des Schriftsystems, sondern laut Kloock und Spahr (1997: 255), die sich hierbei auf McLuhan beziehen, auch zu einer "Uniformierung der Wahrnehmungs- und Darstellungsstile" der westlichen Zivilisation auf Kosten verschiedenster "Bedeutungs- und Wahrnehmungsmöglichkeiten". Eine Begleiterscheinung des Buchdrucks, so McLuhan, Kloock und Spahr (1997: 255) zufolge, ist der Durchbruch der euklidischen Perspektive, die einerseits zum Charakteristikum der Moderne wird und andererseits eine fixierte Sichtweise der Menschen auf die Welt erzeugt. Damit einher geht für McLuhan, Kloock und Spahr zufolge (1997: 255), die Verstumpfung und Unterentwicklung des synästhetischen Empfindungsvermögens hin zu einer sich visuell quantifizierenden und homogenisierten Gesellschaft; oder wie es Kloock und Spahr (1997: 255) ausdrücken: "Mit der Typographie als Leitmedium einer Kultur werden Welten von Bedeutungs- und Wahrnehmungsmöglichkeiten geopfert". Der Buchdruck nämlich ist für McLuhan nach Kloock und Spahr (1997: 255) Auslöser für die hegemoniale Stellung des "quantifizierenden Augensinns" gegenüber den anderen Sinnen, die in oralen Kulturen sehr viel ausgeprägter zu sein scheinen. Eben diese durch die Typographie hervorgerufene Homogenisierung schafft, so Kloock und Spahr (1997: 256) nach McLuhan die Grundpfeiler für ein "umfassendes Markt- und Preissystem", welches wiederum den Prozess der Vereinheitlichung durch seine Verbreitungsmöglichkeiten begünstigt.

Einen weiteren wesentlichen Einfluss der Druckerpresse stellt McLuhan nach Kloock und Spahr (1997: 65-66) bei der Herausbildung von Nationalbewusstsein fest. Der Buchdruck hat nämlich in seinen Augen zu einer Vereinheitlichung von Orthografie und Grammatik und somit zu einer Normierung der Sprache geführt, welche die Grundlage für Nationalliteratur bildet. Zudem wird die Landessprache zum „Massenmedium“, zu einem Mittel „der zentralen staatlichen Lenkung der Gesellschaft“. Medien wie Flugschriften und Bücher können schließlich durch den Buchdruck schnell vervielfältigt werden und somit eine große Zahl von Menschen erreichen. Für McLuhan werden nach Kloock und Spahr (1997: 66) dadurch zwei gegensätzliche Effekte hervorgerufen: Einerseits wird mit dem Auftauchen des modernen "Autors" die Entwicklung des Individualismus begünstigt, andererseits führt das Massenmedium Buch auch zu einem "rigorosen Zentralismus".

Auch historische Ereignisse wie die Französische Revolution sind, so Kloock und Spahr (1997: 66-67), McLuhan zufolge auf den Buchdruck zurückzuführen. So entspricht beispielsweise die Forderung nach Gleichheit der durch das moderne Buch vorangetriebenen „Gleichschaltung des Lebens und der Einzelnen“. Wenn gleiche Rechte für alle gefordert werden, so ist dies, so Kloock und Spahr (1997: 67), für McLuhan nur durch Anpassung der Einzelpersonen an ein gemeinsames Schema möglich. Wer sich dieser Anpassung nicht unterziehen möchte, erfährt Ausgrenzung. Den freien Bürger charakterisiert McLuhan laut Kloock und Spahr (1997: 67) wie folgt: "'individuell, uniform, gleichgeschaltet, angepaßt' und 'visuell'". Diese „Enge der Uniformität“ ist für McLuhan ein Negativmerkmal der „Gutenberg-Galaxis“, der er, so Kloock und Spahr (1997: 67), insgesamt äußerst kritisch gegenübersteht.

In ihrem zweibändigen Werk The Printing Press as an Agent of Change – Communication and Culture Trasnformations in Early-Modern Europe, das 1979 veröffentlicht wurde, betrachtet Elizabeth Eisenstein laut Kloock und Spahr (1997: 256) die Geschichte des Buchdrucks unter einem zivilgeschichtlichen Blickwinkel, wobei sie versucht die gesellschaftlichen Veränderungsprozesse in der Wirtschaft, Politik und Reformation näher zu durchleuchten.

Michael Giesecke greift, so Kloock und Spahr (1997: 256) einige zentrale Ansatzpunkte von Eisenstein in seinem 1991 erschienenen Buch Der Buchdruck in der frühen Neuzeit auf. Giesecke will, so Kloock und Spahr (1997: 257) die Typographie als Leitmedium in ein "komplexes System bzw. Kommunikationsmodell" eingebettet wissen, denn nur so sei es möglich zu verstehen, weshalb der Buchdruck in Europa von so großem Erfolg geprägt war und welche gesellschaftlichen Veränderungen er mit sich brachte, während sich beispielsweise in Asien, wo die Technik des Druckens bereits lange vor Gutenbergs Erfindung bekannt war, die Kommunikationsverhältnisse nicht änderten.[8] Für Giesecke steht nämlich, so Kloock und Spahr (1997: 257-258) weiter, der Erfolg einer Technologie in interdependeter Beziehung zu der ihr von der Gesellschaft bei der Umsetzung gesellschaftlicher Ansprüche beigemessenen Bedeutung. Nach Giesecke gelingt es dem Buchdruck, so Kloock und Spahr (1997: 258), zwei wesentliche Bestrebungen der damaligen Gesellschaft zu befriedigen. Zum einen die Demokratisierung des Wissens und zum anderen die Vision einer nationalen Kommunikationsgemeinschaft.

Die Verallgemeinerung des Wissens lässt sich laut Giesecke, wie Kloock und Spahr (1997: 258) fortfahren, allerdings nur aufgrund einer sich abzeichnenden Marktwirtschaft denken, die nunmehr das Wissen reguliert. Zuvor oblag laut Giesecke, so Kloock und Spahr (1997: 258), die Kontrolle des Informationsflusses in den Händen sogenannter "Verkündigungsinstanzen", die darüber entschieden, worüber und wie die Bevölkerung informiert wurde. Als Beispiel führen Kloock und Spahr (1997: 258) mit Giesecke die theologische "Verkündigungsinstanz" an, die vordergründig durch die päpstliche Kirche in Rom repräsentiert wurde und dabei monopolisierend die Produktion sowie Rezeption von theologischen Texten regulierte. Durch die Entwicklung des Buchdrucks wurde Giesecke zufolge, wie Kloock und Spahr (1997: 258) fortfahren, dieser Form von Machtanspruch ein Ende gesetzt, schließlich ermöglichte er eine Umschichtung der Kommunikationsverhältnisse, denn von nun an lag es in der Macht der freien Marktwirtschaft zu entscheiden, welche Informationen sich durchsetzen und welche nicht. Damit vollzieht sich laut Kloock und Spahr (1997: 259) in den Augen Gieseckes "der Übergang von einem autoritär und hierarchisch organisierten Informationssystem hin zu einer Selbstregulation", denn die freie Entfaltung von Wissen erforderte auch die Entwicklung – von Seiten der Konsumenten – einer bestimmten Selbstständigkeit, die das Nutzen der Informationsverbreitung ermöglichen sollte. Um autonom dessen Nützlichkeit zu erkennen und umzusetzen, musste nach Giesecke, so Kloock und Spahr (1997: 259) zunächst beim Buchdruck eine Form von Generalisierung garantiert werden, sodass die gedruckten Informationen für jeden lesbar und verständlich waren. Im Gegensatz zu bisherigen Kommunikationssystemen (mündlichen oder skriptographischen), die keinen Wert auf eine territorial übergreifende Standardisierung legten, sollte von nun an die Schrift überall identisch verbreitet werden. Laut Giesecke, so Kloock und Spahr (1997: 259), ist eine Standardisierung von Benennungen, Orthographie und Zeichensystem ausschlaggebend für die Verbreitung von Wissen. Erst durch diese Standardisierung können sich, so Kloock und Spahr (1997: 259) mit Giesecke, "Kodierungsformen" entwickeln, über die sowohl Sender, Empfänger und Prozessoren gleichsam verfügen, sodass Informationen flächen- und sprachenübergreifend kommuniziert werden können.

Auch das gesellschaftliche Verlangen nach einer nationalen Kommunikationsgemeinschaft sieht Giesecke, so Kloock und Spahr (1997: 259-260), durch den Buchdruck begünstigt, denn die Gutenberg-Erfindung "technisiert ein Zeichensystem, indem es in Blei gegossen und als Lettern in einem Setzkasten abgelegt wird". Damit kommt es laut Giesecke, so Kloock und Spahr (1997: 260) zu einer "endgültigen Standardisierung der Phonem-Graphem-Beziehung" und zu einem "Bedürfnis nach einer beständigen Reflexion der Schreib- und Sprachnormen", das sich in speziellen Handbüchern, Grammatiken, Wörterbüchern etc. niederschlägt und mit der Zeit zu verbindlichen Regeln des Sprachgebrauchs in den Köpfen der Menschen führt. Zudem wird, so Kloock und Spahr (1997: 260), wie Giesecke sagt, der "römisch-lateinische Zentralcomputer" durch "dezentrale nationale Speicher" abgelöst. Dadurch dass die typographischen Standardsprachen sich zum "Symbol der Einheit" entwickeln, kann nach Giesecke, so Kloock und Spahr (1997: 260-261) die Sprache nun zum "Identitätsstifter der Nation" und zum Bilder einer Sprachgemeinschaft werden. "Dem Kode des Typographeums" wird also, wie Kloock und Spahr (1997: 261) es ausdrücken, die Macht zugeschrieben, "soziale Gemeinschaften zu schaffen und zu begrenzen".

Jedoch nicht allein die genannten gesellschaftlichen Faktoren begründen bei Giesecke, wie Kloock und Spahr (1997: 262) fortfahren, den Erfolg des Buchdrucks, sondern auch das von Gutenberg optimierte Druckverfahren spielt dabei eine wichtige Rolle. Besonders hervorzuheben gilt es dabei nach Giesecke, so Kloock und Spahr (1997: 262), die Verwendung von Blei als Material für die Lettern sowie die Erfindung der Gießform als austauschbares und wiederverwendbares Instrument: "Die Gießform muß also als der eigentliche Kern der Gutenberg-Erfindung gesehen werden. In ihr materialisiert sich das wesentliche Prinzip aller späteren automatischen Maschinen". Gutenbergs Motivation war laut Giesecke nach Kloock und Spahr (1997: 262-263) jedoch eine andere, denn ihm ist es vielmehr um die Verbesserung des Schreibens und um eine Ästhetisierung der Schrift gegangen. Ganz im Sinne des Zeitgeistes der Renaissance strebte er nämlich die proportionale Harmonie der verschiedenen Lettern an, damit sie auch als einzelne Schrifttypen zu fassen waren.

Für Giesecke stellt sich aber, so Kloock und Spahr (1997: 263-264) noch eine andere Frage, die er in den bisherigen Forschungen vernachlässigt sieht und zwar, "wie ein nicht-orales Informationssystem Wahrnehmungsprozesse so regelt, daß sie intersubjektiv wiederholbar und überprüfbar werden". Laut Giesecke war das, wie Kloock und Spahr (1997: 264) ausführen, nur möglich, weil Modelle gefunden wurden, die Informationen intersubjektiv nachvollziehbar machten und weil gerade der "Gesichtssinns als Ausgangspunkt für die Modellierung der Wahrnehmung" gewählt wurde. Schon in der Antike hatte sich ja gezeigt, dass das Auge ein besonders leicht zu technisierendes und normierendes Sinnesorgan ist. Dieses Auge gerät nach Giesecke, wie Kloock und Spahr (1997: 264-265) fortfahren, nun auch in den Fokus von Albrecht Dürer, Leon Battista Alberti und Leonardo da Vinci, die "differenzierte Modelle, normative Regelungen des Sehens" schufen, welche "sich sukzessive in der Malerei und der Wissenschaft durchsetzten". Dementsprechend basiert nach Giesecke, so Kloock und Spahr (1997: 265), "die neuzeitliche Wahrnehmungs und Erkenntnistheorie auf dieser sich damals herausbildenden monosensualen Wahrnehmung". Laut Giesecke kann, so Kloock und Spahr (1996: 265-266), der "Durchbruch des typographischen Informations- und Kommunikationssystems" nur durch die Kenntnisnahme dieser "Kodierungs- und Standardisierungsleistungen der Wahrnehmung" verstanden werden und wenn die modernen "Konzepte von Wissen, Wahrheit und Wissenschaft" stets in Relation mit der typographischen Medientechnik gesehen werden. Geistesgeschichte muss deshalb auch neu geschrieben werden "als eine Geschichte der typographischen Information".

Das elektronische Zeitalter

McLuhan war laut Kloock und Spahr (1997: 41) überzeugt, dass nach dem Ende der Gutenberg-Galaxis die wissenschaftlichen Methoden, die mit dem Medium Buch in Zusammenhang stehen, nicht mehr gültig sind, sondern dem neuen Leitmedium Elektrizität eine "neue Form des Denkens" folgen musste.

Laut Kloock und Spahr (1997: 41) war McLuhan aber nicht daran gelegen, eine konsistente Theorie nach dem Vorbild der dominierenden Wissenschaftsauffassung zu präsentieren. Sein theoretisches Universum setzt sich vielmehr, so Kloock und Spahr (1997: 41), aus einem "kaleidoskopartigen Gebilde von Ideen" zusammen, das mit der gängigen Form der Linearität bricht und diese durch die Figur des Mosaiks ersetzt. Mittels des Mosaiks, bei dem der Analogieschluss eine wichtige Rolle spielt, will er laut Kloock und Spahr (1997: 42) eine gewisse Lebendigkeit in das Theoretische einfließen lassen und eine aktive Beteiligung und Kreativität der Lesenden fordern. Kloock und Spahr (1997: 42) sehen hier eine Nähe zu Oswald Spengler, der in "Formel", "Gesetz" und "System" mathematische Denkfiguren sieht, die nur in Bezug auf tote Formen Geltung erlangen, wohingegen die Analogie das Mittel zum Verstehen des Organischens und Lebendigens ist. McLuhan ist nach Kloock und Spahr (1997: 42) generell der Meinung, dass die Kunst "eher in der Lage [ist], mit der medialen Situation des 20. Jahrhunderts umzugehen als jede Art von Theorie". Eine wissenschaftliche Reflexion von einem festen Standpunkt aus sah McLuhan dagegen, so Kloock und Spahr (1997: 43) weiter, als ein Produkt des Buchdrucks und deshalb als überholt an, da die Elektrizität eine weltweite Verbindung der Menschen zum "global village" bewirkt und die Menschen heute in mehreren Kulturen zeitgleich leben lässt.

Nach Kloock und Spahr (1997: 43-44) wertete der Medientheoretiker McLuhan auch vorzeitliches Denken oder "anderes" Wissen nicht als primitiv ab, sondern kritisierte die Moderne und den Eurozentrismus. Veranschaulicht wird diese neue Art des Denkens laut Kloock und Spahr (1997: 44-45) in der 1967 erschienen Schrift "The Medium Is The Message", in der das Medium Buch im Buch selbst durch das Aufbrechen von Lesegewohnheiten aufgehoben werden soll (keine Seitenzahlen, wechselndes Layout, Spiegelschrift) und ein Mosaik aus Textpassagen, Karikaturen, Fotos usw. entsteht, das eine mehrdimensionale Auslegung seiner Behauptungen ermöglicht. Durch wiederkehrende Widersprüche, die Geduld und Phantasie fordern, sollen die Lesenden zum eigenen Denken angeregt und kulturelle und wissenschaftliche Grenzen überwunden werden.

Nach Kloock und Spahr (1997: 48) ist die Grundlage von McLuhans Medientheorie die Annahme, dass jedes Medium oder jede Technik die Dimensionen von Raum und Zeit verändert und generell die Schemata, in denen die Welt wahrgenommen wird, bestimmt. Deshalb ist, so Kloock und Spahr (1997: 48) weiter, nach McLuhan die Botschaft eines Mediums, was es mit dem Menschen macht und nicht dessen Inhalt, so wie es auch der programmatische Titel "The medium is the Message" seiner Schrift Understanding Media von 1964 suggeriert. Für McLuhan ist laut Kloock und Spahr (1997: 49) der „Inhalt“ eines Mediums ein anderes Medium. So ist Sprache also der Inhalt der Schrift, die Schrift selbst ist wiederum Inhalt des Buchdrucks und der Buchdruck ist der Inhalt des Telegrafen und dieser Inhalt verschleiert die Wirkungsweise der Medien und lenkt von ihren eigentlichen Effekten ab.

Ausweitung des Körpers

Um die Wirkungsweise und das Wesen medialer Botschaften zu charakterisieren, nutzt McLuhan laut Kloock und Spahr (1997: 49) physiologische und wahrnehmungstheoretische Thesen. Für McLuhan ist, wie laut Kloock und Spahr (1997: 50) schon aus dem Untertitel "The extensions of man" von Understanding Media hervorgeht, jede Technik eine Ausweitung des menschlichen Körpers. Eine solche Ausweitung ist für McLuhan, so Kloock und Spahr (1997 : 51), selbst wieder das Resultat einer "Amputation", die einen schweren Eingriff in den Körper darstellt und dem Mensch seine Fähigkeit zu Erkenntis nimmt. Eine solche "Selbstamputation" schließt also "Selbsterkenntnis aus". McLuhan behandelt, laut Kloock und Spahr (1997: 52) diese Verbindung von Körper und Technik als anthropologische Tatsache, d. h. er macht daran eine Veränderung des körperlichen Zustandes und damit der Wahrnehmung fest. Die Technik bestimmt, so Kloock und Spahr (1997: 53) für McLuhan die Art und Weise, wie der Mensch die Welt wahrnimmt und erfährt. Medien bezeichnet McLuhan laut Kloock und Spahr (1997: 53) deshalb auch als Metaphern, die Erfahrungen eine Form geben.

Im Medium Computer sieht McLuhan, so Kloock und Spahr (1997: 73), eine Ausweitung des menschlichen Gehirns, welche nun immer mehr die Steuerung im Bereich Technik übernimmt. Nach Kloock und Spahr (1997: 74) sieht McLuhan im Programmieren eine Möglichkeit, die Einflüsse der Medienpluralität auf die Gesellschaft im Gleichgewicht zu halten, sodass die Wahrnehmung nicht manipuliert werden kann. Der technische Fortschritt eröffnet somit den Horizont eines selbstbestimmten Körpers. Programmierer erschaffen Produkte gänzlich durch ihre Programmierung, sodass der Mensch die Natur übertrumpft und nun selbst erschafft. Dabei ist für McLuhan, nach Kloock und Spahr (1997: 75), der kreativ spielende Mensch - der Künstler - notwendig, um die neuen Möglichkeiten der Programmierung für die Gesellschaft zu erschließen. Nach McLuhan, so Kloock und Spahr (1997: 75) würden Menschen im automatisierten Weltdorf Produkte ausschließlich durch Programmierung erschaffen, da in der (informations-)technischen Welt alle Stoffe transformiert oder produziert werden können. In dieser vom Lernen und Wissen geprägten Welt ist der Mensch dann nicht mehr Arbeiter, sondern Schöpfer.

The Global Village

Nach Kloock und Spahr (1997: 68-69) ist für Marshall McLuhan das Ende der Gutenberg-Galaxis mit dem Aufkommen der Elektrizität erreicht, da mit der Elektrizität nicht mehr nur einzelne Teile des Körpers ausgeweitet werden, wie bei früheren Medien, sondern der ganze Körper, und an die Stelle der Zerlegung von Bewegungsabläufen nun eine "organische Einheit von ineinandergreifenden Abläufen" tritt. McLuhan sieht, nach Kloock und Spahr (1997: 69), in dieser umfassenden Ausweitung die Möglichkeit, die Technik und damit auch den Menschen in der technologischen Welt zu erkennen. Die Verbindung zwischen sinnlicher Wahrnehmung und den neuen technologischen Medien ist, so Kloock und Spahr (1997: 70), für McLuhan unauflösbar und notwendig, um einen bewussten Umgang mit diesen Medien zu ermöglichen.

Laut Kloock und Spahr (1997: 70) sieht McLuhan im 20. Jahrhundert einen Übergangs- und Umbruchprozess, der anfangs von einem Miteinander von alt und neu und später von einer Ablösung zugunsten letzterem gekennzeichnet ist. Dabei spielen Ängste vor den neuen Medien sowie auftretender Konservatismus im Denken und Handeln der Menschen eine nicht zu unterschätzende Rolle. McLuhan sieht, nach Kloock und Spahr (1997: 70), in seiner Zeit ein völliges Rückspiegeldenken, das heißt, es wird versucht "die Aufgaben von heute mit den Werkzeugen von gestern und den Vorstellungen von gestern zu lösen". In diesem rückwärtsgewandten Blick sieht McLuhan, so Kloock und Spahr (1997: 70), eine Gefahr. Durch seine Schriften, in denen er sowohl alte wie auch neue Medien beschreibt, versucht er laut Kloock und Spahr (1997: 70) die Menschen zum emanzipativen Mediengebrauch und somit zu ihrer eigenen Emanzipation anzuleiten.

Nach McLuhan, so Kloock und Spahr (1997: 72), wird dadurch eine neue Form der Politik möglich, durch die alle aktiv am öffentlichen Geschehen teilnehmen können. Damit ist die Zeit der bloßen Addition im wesentlichen privater Individuen ab dem Zeitpunkt vorüber, wo die elektrische Schaltungstechnik Menschen im Globalen Dorf unmittelbar verstrickt, gegenseitige Abhängigkeiten schafft und dadurch eine Anteilnahme am anderen sowie gegenseitige Verantwortung fordert. Kloock und Spahr (1997: 72) weisen darauf hin, dass für McLuhan das Fernsehen das Medium ist, das eine solche Partizipation ermöglicht.

Kritische Rezeption

Laut Kloock und Spahr (1997: 39) erlangte der Anglist Marshall McLuhan durch seine provokanten Thesen zur Medientheorie große Popularität. Die zentrale Hauptaussage seiner Theorie lautet "The medium is the message". Die beiden Hauptschriften von Marshall McLuhan, die Anfang der 1960er Jahre unter den Titeln "The Gutenberg Galaxy" (1962) und "Understanding Media" (1964) erschienen, fielen, so Kloock und Spahr, zunächst vor allem in Kanada und in den USA auf fruchtbaren Boden.

In der BRD fanden nach Kloock und Spahr (1997: 40) die Schriften von McLuhan dagegen zu dieser Zeit wenig Anklang, weil ein großer Teil der Linken, u. a. Hans Magnus Enzensberger, "in ihm einen politischen Gegner sah". Erst in den 1980er Jahren wurden, so Kloock und Spahr (1997: 40), die Ansichten McLuhans neutral und gründlich diskutiert. Heute stützen sich laut Kloock und Spahr (1997: 40) fast alle medientheoretischen Ansätze, explizit oder implizit, auf seine Thesen. Dabei fällt, so Kloock und Spahr (1997: 40), allerdings auf, dass seine Schriften nicht als einheitliche Theorie behandelt werden, "sondern eher als Steinbruch, aus dem bestimmte Ideen genutzt werden können und andere nicht."

Kloock und Spahr (1997: 57-58) erwähnen auch, dass McLuhan die Begriffe „Medium“ und „Technik“ oft als Synonyme gebraucht, was zu Ungereimtheiten führen kann, v. a. wenn man pauschalisiert. Die Betrachtung von Kultur und Gesellschaft lässt bei McLuhan tatsächlich keinen Raum für soziale, politische oder ökonomische Faktoren, was laut Kloock und Spahr (1997: 58) zu einem universalistischen Anspruch für die Medientheorie führt, für welchen McLuhan mehrmals Kritik bekommen hat. So hat laut Kloock und Spahr (1997: 58-59) zum Beispiel Umberto Eco die These von McLuhan „The Medium Is the Message“ als vage und vieldeutig betitelt, da hier sowohl der Code als auch der Kanal die Botschaft ausmachen können.

Der Buchdruck

Die Anfangsphase einer Umstellung mit weitreichenden Folgen

Eisenstein untersucht den Veränderungsprozess, der mit der Erfindung des Buchdrucks in Europa Einzug hielt. Der Buchdruck, so Eisenstein (1997: 13), steht für einen "Komplex von Erfindungen", der beträchtliche Auswirkungen auf die Quantität sowie die Qualität der Buchproduktion, die Gestaltungsmöglichkeiten der Bücher, den Berufsstand der Buchproduktion sowie eine Veränderung in der Wissenskultur nach sich zog.

Hinsichtlich der Erfindung geht es Eisenstein (1997: 12) aber nicht um die Vorgänge in der Werkstatt s, sondern sie konzentriert sich vielmehr auf die dadurch entstehende Berufsgruppe, die auf dem vorherrschenden Absatzmarkt ihre Nische fand und so ihren Profit steigern wollte. Innerhalb von etwa 50 Jahren etablierte sich laut Eisenstein (1997: 13) nämlich ein ganzer Berufsstand, der Einzug "in jedem wichtigen Gemeindezentrum" hielt.

Eisenstein (1997: 13) spricht von einer "Revolution im Bereich der Medien und der Kommunikation". Diese Revolution besteht, so Eisenstein (1997: 13), aus einer Vielzahl von Erfindungen und Entwicklungen im Laufe des 15. Jahrhunderts. Eine dieser Entwicklungen ist die Verkürzung der Arbeitszeit, die nötig war, um ein Buch zu erstellen und die damit gegebene Möglichkeit mehr Bücher zu produzieren. Bislang ging man, so Eisenstein (1997: 13), von einer stetigen Zunahme der Buchproduktion aus, was nach einer evolutionären Entwicklung klingt. Tatsächlich muss man aber, so Eisenstein (1997: 13), von dieser Entwicklung ein eher revolutionäres Bild haben, da die Buchproduktion explosionsartig zunahm.

Ungleiche Produktionsweisen handschriftlicher und gedruckter Bücher

Die genaue Anzahl der handschriftlichen Bücher oder auch der Arbeitsstunden, die für die Erstellung einer handschriftlichen Kopie eines Buches von Nöten waren, ist heute, so Eisenstein (1997: 13-14), zwar kaum noch feststellbar, ein paar Vergleiche lassen sich aber anstellen. So produzierte die Rispoli-Druckerei in der Zeit, in der ein Schreiber ein einziges Exemplar kopieren konnte, 1025 Kopien. Auch die Qualität einer Kopie, also einer identischen handschriftlichen Anfertigung, muss, so Eisenstein (1997: 16), vor Erscheinen des Buchdrucks als fragwürdig angesehen werden. Besonders schwierig war es, so Eisenstein (1997: 16-17), eine identische Kopie eines naturwissenschaftlichen Werkes herzustellen, da sich hier gebildete Männer mit dem Kopieren von Tafeln, Diagrammen und unbekannten Termini befassen mussten. Mit dem Buchdruck bekamen die Gelehrten laut Eisenstein (1997: 17) dagegen "Zeit zu Beobachtung und Forschung".

Nach Eisenstein (1997: 17-18) gilt es zu beachten, dass die Einführung des neuen Werkstoffs Papier im 13. Jahrhundert nicht vergleichbare Auswirkungen hatte. Durch das Papier wurde zwar, so Eisenstein (1997: 18), sowohl der Briefverkehr, als auch die Zahl der geschriebenen Werke erhöht, doch die eigentliche Arbeitszeit wurde nicht verkürzt. Durch die Nachfrage nach Papierwaren entstanden, so Eisenstein (1997: 18), Schreibwarenhändler, genannt Cartolai. Diese vertrieben, so Eisenstein (1997: 18) zwar manchmal ebenfalls Bücher, jedoch eher beiläufig. Auch Buch-Einzelhändler wie Vespasiano da Bisticci erkannten laut Eisenstein (1997: 18) ihre Verkaufsnische, doch ließen sich damit keine großen Summen an Geld verdienen.

Mit dem Aufkommen des Buchdrucks, wurden Buch-Einzelhändler, die nur auf handgeschriebene Werke schworen, so Eisenstein (1997: 19) nach und nach aus dem Geschäft verdrängt, darunter auch Vespasiano da Bisticci, der 1478 sein Geschäft schließen musste. Nach 1478 treten dann nach Eisenstein (1997: 19) auch die ersten Buchgroßhändler auf. Durch das Aufkommen des Buchdrucks verloren, so Eisenstein (1997: 19), nicht nur handgeschriebene Bücher mehr und mehr an Wert, sondern Buchbinder, Rubrikatoren, Buchmaler und Kalligraphen bekamen viel mehr Arbeit als vorher. Zeitgenössischen Beobachtern erschien nach Eisenstein (1997: 19) "die Steigerung der Produktion [...] so bemerkenswert, daß sie Anspielungen auf ein Eingreifen übernatürlicher Kräfte machten."

Was die Qualität der gedruckten Bücher betrifft, so waren, laut Eisenstein (1997: 20) die frühen Drucke so stark an die Originale angelehnt, dass Unterschiede kaum erkennbar waren. Trotz der Bemühungen, "Handschriften möglichst originaltreu" zu reproduzieren, waren aber, so Eisenstein (1997: 20), die Verfahrensweisen bei der Herstellung völlig andere, als die, die die Schreiber anwandten. Statt sich an der "augenscheinlichen Kontinuität" aufzuhalten, bietet es sich laut Eisenstein (1997: 20) geradezu an, "den Unterschied zwischen den beiden ungleichen Produktionsweisen" zu unterstreichen. Während nämlich, so Eisenstein (1997: 20-21), die äußere Form und damit ebenmäßige Spationierung, einheitliche Lettern und symmetrisches Design für die Handschriftenschreiber besonders wichtig waren, brauchten Schriftsetzer andersgeartete Anweisungen, die auf einer mehrmaligen Durchsicht des Textes basierten. Das Ziel, das diese Durchsicht leitete, änderte sich laut Eisenstein (1997: 21) innerhalb nur einer Generation radikal. Die Buchdrucker erkannten nämlich, dass sie sich an die Bedürfnisse der Leser anpassen mussten, wenn sie ihren Absatz vergrößern wollten.

Neuartige Gestaltungsmöglichkeiten gedruckter Bücher

Bereits vor 1500 stand, laut Eisenstein (1997: 21), den Schriftsetzern eine Vielzahl an Möglichkeiten zur Verfügung, mit denen sie ihre Texte gestalten konnten. So gab es skalierte Buchstaben, Kapitelüberschriften, Fußnoten, Inhaltsverzeichnisse, hochgestellte Ziffern, Querverweise und vieles mehr. Die immer mehr zur Regel werdenden Titelseiten begünstigten, laut Eisenstein (1997: 21) das Anlegen von Bücherlisten, die Herstellung von Katalogen und die Eigenwerbung. Auch konnten, so Eisenstein (1997: 21), durch Holzschnitte und Kupferstiche Illustrationen einfacher vervielfältigt werden, als durch Handzeichnungen, was nicht zuletzt die naturwissenschaftliche Fachliteratur revolutionierte. Zwar gab es bei den verwendeten Holzblöcken Verschleißerscheinungen, doch konnte deren Haltbarkeit, nach Eisenstein (1997: 22) enorm verlängert werden, wenn man die abgenutzten Stellen erneut schärfte oder Konturen wieder hervorhob. Zudem konnten laut Eisenstein (1997: 22) so neben Buchstaben und Zeichnungen auch mathematische Tafeln, Zahlen und Formeln leichter vervielfältigt werden. Auch wurden, so Eisenstein (1997: 22), Bilder Texten zugeordnet, indem Inschriftbänder, Ziffern-Buchstabenschlüssel, Hinweiszeilen verwendet wurden, was wiederum für die naturwissenschaftliche Fachliteratur besonders wichtig war. Eisenstein (1997: 23) hebt die Bedeutung der Kombination von Buchstaben, Ziffern und auch Bildern hervor, denn durch die wechselseitige Wirkung erlangten sie eine noch größere Bedeutung, als jeweils für sich allein.

Veränderungen im Berufsstand

Die Berufsgruppen der Schreiber und Illuminatoren sind, so Eisenstein (1997: 23), durch die Kombination verschiedener Drucktechniken in Bedrängnis gekommen. Mit der Einführung des Buchdrucks wurden laut Eisenstein (1997: 23) auch verschiedene Berufsgruppen zusammengeführt, die zuvor getrennt voneinander agiert haben. So kam es zu einer "Neukoordinierung der Kopf- und Handarbeit". Im Bereich des Buchdrucks arbeiteten laut Eisenstein (1997: 23) Vertreter aus den Bereichen Kirche und Universität, sowie Metallarbeiter, Mechaniker, Astronomen, Kupferstecher, Ärzte und Maler zusammen. Auch finanzielle Fragen förderten nach Eisenstein (1997: 23) den Kontakt der am Buchdruck interessierten Gruppen. So kamen reiche Kaufleute und Gelehrte über das Medium Buch in Kontakt. Eine neue Verbindung zwischen Stadt und Universität entstand. Die Organisation und Regulierung von Arbeitskräften, Finanzmitteln und lukrativen Auftraggebern gehörten, nach Eisenstein (1997: 23-26) zu den Aufgaben von Druckermeistern. Ihre Werkstätten wurden, so Eisenstein (1997: 26), zu Kulturzentren, die "bodenständige Literaten und berühmte Ausländer" anzogen und die "sowohl einen Ort der Begegnung wie auch der Nachrichtenübermittlung für eine sich ausdehnende kosmopolitische Gemeinschaft der gelehrten Welt" darstellten. Drucker, wie Aldus Manutius können laut Eisenstein (1997: 26) als Prototypen der frühen Kapitalisten gesehen werden, deren Aufgabenbereiche vielfältiger waren, als die der Handschriftenschreiber.

"Der Wandel vom Handschriftenschreiber zum Buchdrucker" stellt, so Eisenstein (1997: 26) "einen beruflichen Entwicklungssprung dar". Viele der bahnbrechenden Aktivitäten standen nach Eisenstein (1997: 26), mit dem Wandel vom Einzelhandel zum industriellen Großhandel in Verbindung. Damit einher gehen, so Eisenstein (1997: 26) Markterschließung, das Zurückdrängen von Konkurrenten durch die Herstellung besserer Produkte oder Werbung sowie die Pflege von Kontakten. Auch Managementaufgaben, so Eisenstein (1997: 27-28) angefangen bei Rohstofforganisation über Auslastungskapazitäten von Maschinen bis hin zu Personalmanagement gehören dazu. Der kommerzielle Aspekt dieser Arbeit erreichte einen ganz anderen Stellenwert als der früherer Handschriftenschreiber. Auch ihre Werke versahen die Drucker, laut Eisenstein (1997: 28) auf der ersten Seite mit Werbung für ihre Arbeit und ihre Arbeitsstätte, anders als die Handschriftenschreiber vor ihnen, die sich erst in der letzten Zeile ihres Werkes benannten. Von dieser Neuordnung profitierten, so Eisenstein (1997: 28), nicht nur die Drucker, sondern auch Autoren, Künstler, Rechenmeister, Instrumentenmacher, Professoren und Prediger, da sie so ihren Wirkungskreis und damit ihre Berühmtheit enorm steigern konnten. Wie diese neue Art der Werbung auch andere Unternehmen begünstigte und deren Absatzmarkt erweiterte, sollte laut Eisenstein (1997: 28) noch viel mehr untersucht werden.

Die Rezeption der Drucke

Hinsichtlich der Rezeption der Drucke in der Bevölkerung kann man, nach Eisenstein (1997: 28-29), kaum Aussagen treffen, da nicht genügend Quellen vorliegen, die uns Aufschluss über die Alphabetisierungsrate geben könnten. Eisenstein (1997: 29) konzentriert sich daher vorrangig auf die Entwicklungen bei den alphabetisierten Bevölkerungsgruppen und auf deren soziale Zusammensetzung. Sie kommt dabei zu dem Ergebnis, dass Schriftlichkeit nie dem Adel und dem höheren Klerus vorbehalten war, und dass durch die Entwicklung der Druckerpressen auch nicht die arbeitende, bäuerliche Bevölkerung zum Lesen gebracht wurde. Wahrscheinlicher ist es, so Eisenstein (1997: 29), "dass viele ländliche Gegenden erst nach dem Eintritt ins Eisenbahnzeitalter von dieser Entwicklung berührt wurden" und anfangs nur eine "relativ kleine und überwiegend urbane Bevölkerungsgruppe" von der Verlagerung des Handschriftenwesens auf den Buchdruck betroffen war.

Was die schreib- und lesefähige Bevölkerung, das Lesepublikum oder die Vorlieben für bestimmte Genres betrifft, so warnt Eisenstein (1997: 30) davor, hier eine Zuordnung zu bestimmten Ständen, Berufen oder Schichten vorzunehmen. Plausibel scheint Eisenstein (1997: 30) dagegen, dass alle Schichten "eine Abneigung gegen die lateinische Pedanterie teilten". Auch ist es laut Eisenstein (1997: 30) schwierig, den sozialen Status mit dem Lesen von in Latein oder in der Landessprache geschriebenen Büchern zu verbinden, da zwischen Lateinkenntnissen und sozialen Schichten keine eindeutige Beziehung festgestellt werden kann. In Acht nehmen muss man sich laut Eisenstein (1997: 30-31) auch bezüglich der Buchtitel. So ist die Biblia pauperum praedicatorum beispielsweise nicht an arme Menschen gerichtet, sondern an Prediger, deren Latein-Kenntnisse nicht ausreichend waren und die so illustrierte Bücher zu Hilfe zogen, um die Bibel leichter verstehen zu können. Auch muss, so Eisenstein (1997: 31) eine Unterscheidung zwischen den tatsächlichen Lesern und Käufern der Bücher und der anvisierten Zielgruppe gemacht werden. Hinweise auf die Zielgruppe, die in Buchtiteln und Vorworten enthalten sind, zeigen uns, so Eisenstein (1997: 31), gerade noch nicht die tatsächlichen Leser und Leserinnen. Laut Eisenstein (1997: 32) lohnt es sich daran zu erinnern, "dass die Kluft zwischen Werkstättenpraxis und Klassenzimmertheorie" im ersten Jahrhundert des Buchdrucks sichtbar wurde.

Umbruch der Wissenskultur

Auch eine Unterscheidung zwischen Lese- und Schreibfertigkeit und "gewohnheitsmäßigem Bücherlesen" muss, so Eisenstein (1997: 32), bedacht werden. Durch den Buchdruck war die Möglichkeit sich selbst nur durch das Lesen eines Textes Dinge beizubringen, weitaus größer als noch zu Zeiten des Handschriftenwesens. So war es laut Eisenstein (1997: 32) durch fleißiges Studieren möglich, sich mehr Wissen anzueignen, als der Lehrmeister besaß. Auch wurde durch den Buchdruck nach Eisenstein (1997: 32-33) die gesamte Art zu Denken verändert. So war es nicht mehr nötig, sich mit Gedächtnisstrategien wie Reim und Rhythmus Dinge zu merken oder sich anhand von Bildern Gedanken herzuleiten. Auch der Status von Bildern veränderte sich laut Eisenstein (1997: 33) durch den Buchdruck. So flammte in christlichen Kreisen der Bilderstreit erneut auf, da Reformatoren wie Calvin auf das 2. Gebot Bezug nahmen, wonach Bilder von Gott nicht zulässig waren. Die Ansicht, dass gerade Bilder für Analphabeten einen wichtigen Zugang zum Verständnis darstellten, wies Calvin laut Eisenstein (1997: 33) zurück und forderte stattdessen dazu auf, ihnen das Lesen zu lehren. Deutlich wird hier, so Eisenstein (1997: 33), der Wandel "von der Bildkultur zur Wortkultur". Gleichzeitig verloren aber so Eisenstein (1997: 33) weiter, Bilder gerade nicht an Bedeutung, sondern ihr Druck nahm zu und auch die protestantische Propaganda bediente sich Bildern. Allerdings, so Eisenstein (1997: 34) veränderte sich durch den Buchdruck der Wirkungsbereich von Bildern und es entstanden neue Möglichkeiten für Bilder schaffende Künstler. Des Weiteren entstand so Eisenstein (1997: 34) in Folge des Buchdrucks ein ganz neues Genre, nämlich das didaktische Bilderbuch für Kinder. Auch in wissenschaftlichen Bereichen wie der Architektur, Geometrie oder Geographie nahm so Eisenstein (1997: 35) die Bedeutung der Bilder im Vergleich zur Schrift zu. Durch den Buchdruck entstanden zudem, so Eisenstein (1997: 35) Möglichkeiten, sowohl das Anschauungsmaterial zu vermehren, als auch die Art der Instruktionen zu vereinfachen. Gerade der Bereich der ikonographischen und nichtphonetischen Kommunikation entwickelte sich rasch und gewann an Bedeutung. Der Wandel "von der Bildkultur zur Wortkultur" muss nach Eisenstein (1997: 35) also neu überdacht und erweitert werden. Zudem lässt sich, so Eisenstein (1997: 35-36) eine einfache Formel, die die Entwicklungen, welche der Buchdruck mit sich brachte, eindeutig beschreibt, gerade nicht finden.

Einige Grundzüge der Druckkultur

In ihren Ausführungen zu den Grundzügen der Druckkultur kritisiert Eisenstein (1997: 39) die lediglich randläufige Erwähnung der weitereichenden Folgen des Buchdrucks in der ihr vorliegenden Forschungsliteratur. Die Theoretiker ihrer Zeit gingen, nach der Auffassung Eisensteins (1997: 39), zu wenig auf die Einflüsse der Standardisierung im Bereich der Wissenschaften ein und ließen sich vorschnell zu der Erklärung hinreißen, die große Anzahl von Vervielfältigungen älterer Theorien in den Anfängen des Buchdruckzeitalters sei Beweis dafür, dass der Buchdruck keine Auswirkung auf die Verbreitung neuer Theorien gehabt hätte, sondern lediglich ältere Theorien standardisiert und flächendeckend verbreitet hätte. Laut Eisenstein (1997: 39) kann aber die Formulierung neuer Theorien sowohl auf "eine vermehrte Produktion alter Texte", als auch auf Charakterzüge, durch die sich die Buchproduktion nun von der vor dem Buchdruck üblichen unterschied, zurückgeführt werden.

Ein näherer Blick auf die weite Verbreitung: Vermehrte Produktion und veränderte Rezeption

Eisenstein (1997: 39) merkt an, dass in bisherigen Abhandlungen über den Buchdruck diverse Aspekte hinter dominanten Fragestellungen zurückbleiben. Beispielsweise liegt, so Eisenstein (1997: 39-40), ein starker Fokus auf der Verbreitung der Alphabetisierung, während es nur wenige Untersuchungen zu den Auswirkungen des Buchdrucks auf bereits alphabetisierte Sektoren gibt. Des Weiteren wird nach Eisenstein (1997: 40) der Buchdrucker zu einem "Presseagenten" degradiert, bei welchem die Leistung allein durch die Höhe der Auflagen und den "Grad der Verbreitung der Publikationen" gemessen wird. Zwar ist es, so Eisenstein (1997: 40), richtig, dass "durch eine gedruckte Ausgabe mehrere Kopien eines bestimmten Textes 'in alle Himmelsrichtungen verbreitet wurden'", es wurden aber gleichzeitig "auch verschiedene Texte, die sich zuvor in alle Richtungen verloren hatten, jetzt zur Konvenienz eines einzelnen Lesers in größere Nähe zueinander gebracht." Laut Eisenstein (1997: 40) konnten Bücher nun überall, zu vergleichsweise niedrigen Preisen, erworben und mitgenommen werden, zum Beispiel in das häusliche Arbeitszimmer oder in die eigene Bibliothek und "ein ernsthafter Student" konnte sich nun viel mehr Lehrmaterial durch private Lektüre erarbeiten, als ein Student oder ein Gelehrter es hätte tun können, bevor durch den Buchdruck Bücher in "'reicher Auswahl wohlfeil zur Verfügung standen.'" Für die Konsultation verschiedener Bücher musste man, so Eisenstein (1997: 40) nun kein "umherziehender Scholar" mehr sein und selbst sesshafte Forscher gaben die Tendenz auf, sich nur mit einem Text ausführlich zu befassen und diesen zu erklären, da sie nun zwischen verschiedenen Quellen Bezüge herstellen konnten, um Sachverhalte zu klären. Eisenstein (1997: 40) bezeichnet dies als den Beginn der „Ära intensiver Querverweise zwischen einem Buch und dem nächsten“.

Laut Eisenstein (1997: 40-41) führte die Verfügbarkeit und Vergleichbarkeit von viel mehr Büchern auch dazu, dass ein höheres Ausmaß an "Widersprüchen und Meinungsvielfalt" wahrgenommen wurde, als dies bei den mittelalterlichen Kommentatoren der Fall war. Weiterhin trug laut Eisenstein (1997: 41) die vermehrte "Produktion atristotelischer, alexandrinischer und arabischer Texte" dazu bei, dass bisher verschlüsselte Informationen verfügbar und dadurch entschlüsselt wurden. Zudem trafen nun, so Eisenstein (1997: 41), zum Beispiel Karten unterschiedlicher Gegenden und aus unterschiedlichen Zeiten aufeinander, oder es kamen verschiedene Fachtexte in den Bücherschränken bestimmter Ärzte und Astronomen zusammen, was wiederum zu Zweifeln am Althergebrachten, zur Entwicklung neuer Ansätze und zur Kombination verschiedener "Ideensysteme und Wissenschaftszweige" führte.

Laut Eisenstein (1997: 41) sollte auch daran gedacht werden, dass "die für die Produktion gedruckter Ausgaben verantwortlichen neuen Berufsgruppen als erste an einem interkulturellen Austausch teilhatten." Als neue Berufsgruppen führt Eisenstein (1997: 41) die folgenden auf: Buchstabengießer, Korrektoren, Übersetzer, Redakteure, Illustratoren, Druckwarenhändler, Verfasser von Registern etc. Eisenstein (1997: 41-42) weist zudem darauf hin, dass in der Anfangszeit die Buchdrucker die ersten waren, die das in ihrer Druckerei gedruckte Buch lasen und sich diese auch selbst wertvolle Sammlungen von gedruckten Büchern aufbauten. Die Druckerwerkstätten übten laut Eisenstein (1997: 42) auch eine hohe Anziehungskraft auf Gelehrte und Literaten aus. Dies kann, so Eisenstein (1997: 42), erklären, warum so oft bemerkt wird, dass "ein beachtlicher Anteil an innovativer Arbeit sowohl auf dem Gebiet der Wissenschaft wie auch auf dem [sic] Gelehrsamkeit außerhalb der akademischen Zentren" in der frühen Neuzeit geleistet wurde. Auch der neue und sich als so fruchtbar erweisende "Erfahrungsaustausch zwischen Künstlern und Gelehrten oder Praktikern und Theoretikern" lässt sich laut Eisenstein (1997: 42) durch die Anziehungskraft der Buchdruckereien erklären. Der Buchdruck förderte, nach Eisenstein (1997: 42), also "Formen kombinatorischer Aktivität" (sozialer und intellektueller Natur) und wandelte die "Beziehungen sowohl zwischen Gelehrten als auch zwischen Ideensystemen".

Eisenstein (1997: 42) weist jedoch auch darauf hin, dass der interkulturelle Austausch eine widersprüchliche Stimulation geistiger Aktivitäten zur Folge hatte. Für "Verwirrung sorgende Querströme" ergeben sich nach Eisenstein (1997: 42) aus dem Umstand, "daß neue Bindeglieder zwischen den Wissensgebieten geschmiedet wurden, noch ehe die alten durchtrennt waren." So waren, nach Eisenstein (1997: 42), "im Zeitalter des Handschriftenwesens" magische und okkulte Künste mit technischem Handwerk und mathematischen Formeln verbunden. Als der Buchdruck erfunden war, wurden, so Eisenstein (1997: 42), auch okkulte Überlieferungen gedruckt. Nach Eisenstein (1997: 42) erklärt sich das noch immer hohe Ansehen, das okkulte Künste in "der gelehrten Welt während der frühen Neuzeit" hatten, wenn bedacht wird, wie Aufzeichnungen "aus den alten Kulturen des Nahen Ostens [...], im Zeitalter des Handschriftenwesens überliefert worden sind." Während sich einige dieser Aufzeichnungen laut Eisenstein (1997: 42) nämlich "zu in ihrer Bedeutung überschätzten Fragmenten reduziert" hatten, welche jedoch weiterhin "in bestimmten Berechnungssystemen" (z.B. Medizin, Landwirtschaft, etc.) eine Rolle spielten, waren andere "zu unergründlichen Zeichen geschrumpft." Da aber kosmische Zyklen und Lebenszyklen zur Erfahrung aller gehören, ließen sich laut Eisenstein (1997: 42) in "den Fragmenten und Zeichen gemeinsame Elemente entdecken", was die Annahme eines gemeinsamen Ursprungs, einer gemeinsamen Quelle plausibel erscheinen lies. Diese Annahme eines Urtextes, welcher vom "Erfinder der Schrift niedergeschrieben worden sei und angeblich alle Geheimnisse der Schöpfung enthielt", schien, so Eisenstein (1997: 42), ebenso wie die Annahme einer Verfälschung der "in diesem Urtext enthaltenen Lehren [...] im Verlauf der Invasionen barbarischer Völker", einleuchtend. Als Beispiel führt Eisenstein (1997: 44-45) den Corpus Hermeticorum an, der zwar erst in der nachchristlichen Ära kompiliiert worden war, von dem aber lange geglaubt wurde, dass er in der Zeit vor Platon entstanden sei und Platon selbst beeinflusst habe.

Der Buchdruck brachte, laut Eisenstein (1997: 45), zudem gleichzeitig sowohl eine Mystifizierung als auch eine Entmystifizierung verschiedener Schriftsysteme mit sich. Verloren, nach Eisenstein (1997: 45), Schriften wie das Griechische, Hebräische oder Westaaramäische einen Teil ihres geheimnisvollen Charakters, verstärkte sich dieser bei anderen Schriften (z.B bei den Hieroglyphen) noch. Nach Eisenstein (1997: 45) wurde den Hieroglyphen, "[welche] mehr als drei Jahrhunderte vor ihrer Entzifferung in Drucktypen gesetzt [wurden]", von Unwissenden willkürliche Bedeutungen zugewiesen oder sie wurden von "Architekten und Kupferstechern einfach als Ornamente verwendet". Moderne Wissenschaftler können, nach Eisenstein (1997: 45), nicht verstehen, weshalb die Hyroglyphen während des Zeitalters der Aufklärung überall erschienen. Eisenstein (1997: 45) resümiert: "Wenn wir uns mit den Auswirkungen des Buchdrucks auf die Gelehrsamkeit befassen, dürfen wir also nicht nur an neue Formen der Aufklärung denken: Der Buchdruck förderte auch neue Formen der Mystifikation." Weiterhin ergänzt Eisenstein (1997: 45), dass nicht nur neues, gesichertes Wissen durch den Buchdruck verbreitet wurde, sondern auch esoterische Schriften, welche auf Humbug basierten.

Die am weitesten verbreiteten Bücher waren in den Anfangszeiten des Buchdrucks laut Eisenstein (1997: 45) praktisch orientierte Werke wie Kalender, Elementarbücher und Katechismen. Zudem gingen die Fortschritte in der Wissenschaft nach Eisenstein (1997: 45-46) einher mit einer neuen, stark fokussierten und zielorientierten Frömmigkeit sowie mit einem erhöhten Bedürfnis nach Anleitung und Rat in Bezug auf Leben und Alltag. Ratgeber, die von Alltagshinweisen bis zu (vornewtonschen) Erklärungen des Universums alles beinhalteten, enthielten laut Eisenstein (1997: 46) oft unbewiesenes, okkultes und irreführendes Material.

Insgesamt muss, so Eisenstein (1997: 46), davon ausgegangen werden, dass "viele unterschiedliche Auswirkungen, jede davon mit wichtigen Konsequenzen, mehr oder minder zur selben Zeit erfolgten." Würde das mehr beachtet, so wäre laut Eisenstein (1997: 46) auch besser zu verstehen, dass der Buchdruck sowohl eine stärkere Loslösung von der Kirche als auch eine verstärkte Bindung an dieselbe hervorgerufen hat. Zudem würden verschiedene Periodisierungsdebatten überflüssig. Durch den Buchdruck rückten, so Eisenstein (1997: 46), "einige alte und vielbenutzte Texte mehr ins Licht" und viele "mittelalterliche bildliche Darstellungen der Welt" wurden viel mehr verbreitet als im Mittelalter selbst. Neue Medien, wie Holzschnitt und Kupferstich, sind laut Eisenstein (1997: 47) als Teil eines komplexen Prozesses zu sehen, "mit dessen Hilfe lange existierende Schemata in neuen visuellen Formen präsentiert wurden.“

All diese Aspekte werden laut Eisenstein (1997: 47) durch den Begriff der „Standardisierung“, die häufig als Hauptauswirkung des Buchdrucks dargestellt wird, nicht ausreichend erfasst. Während Standardisierung in diesem Zusammenhang die Tatsache beschreibt, dass der Buchdruck vielen den Zugang zu ein und demselben Text ermöglichte, sollte laut Eisenstein (1997: 47) nicht außer Acht gelassen werden, dass durch den Buchdruck auch einzelnen der Zugang zu vielen verschiedenen Texten ermöglicht wurde.

Gedanken zu einigen Auswirkungen der Standardisierung

Eisenstein (1997: 47) untersucht den Begriff der „Standardisierung“ gründlicher, wobei ihrer Meinung nach beachachtet werden sollte, dass der Begriff irreführend sein kann, da er zu leicht dazu verleitet, von heutigen Druckmethoden und -erzeugnissen auszugehen. Andererseits sollten laut Eisenstein (1997: 47) die frühen Druckerpressen auch nicht unterschätzt werden, indem sie beispielsweise den handschriftlichen Vervielfältigungsverfahren gleichgestellt werden. Zwar gab es, so Eisenstein (1997: 47) die Möglichkeit "Standard"-Ausgaben zu publizieren, wie wir sie heute kennen, bei den Druckmethoden der Anfänge noch nicht, und es entstanden innerhalb kurzer Zeit auch immer neue Druckvarianten, die notwendigen Druckfehlerberichtigungen oder "Errata" konnten aber auch selbst wieder veröffentlicht und verbreitet werden. Auch war es -im Gegensatz zum Handschriftenzeitalter jetzt, wie Eisenstein (1997: 47) fortfährt, zum einen möglich, Fehler in den Texten "exakt zu lokalisieren" und andererseits 'standardisierte' Fehler zu machen, wie etwa den, der 1631 zur „wicked bible“ führte. Ein Schriftsetzer hatte nämlich, so Eisenstein (1997: 47-48) ausgerechnet im siebten der zehn Gebote ein „not“ ausgelassen und damit eine Bibel kreiert, die zum Ehebruch aufforderte.

Bei der Standardisierung denkt Eisenstein (1997: 48) aber nicht, wie sie selbst sagt, "nur an Fehler und textliche Richtigstellungen", sondern auch an Kalender, Wörterbücher, Nachschlagewerke und Anschauungsmaterial wie Karten, Schaubilder und Diagramme, denn die Möglichkeit Bilder und Notationssysteme der Musik und Mathematik identisch zu vervielfältigen, hat ihrer Einschätzung nach eventuell die Fächer Arithmetik, Geometrie, Astronomie und Musik, also des Quadriviums, mehr verändert, als die Fächer des Triviums, Grammatik, Rhetorik und Dialektik.

Von der Standardisierung war laut Eisenstein (1997: 48-49) jeder Vorgang betroffen, der mit der Druckgestaltung zu tun hatte, also der Guss von Typen ebenso wie die Herstellung passgenauer Holzschnitte. Dadurch dass "verstreute Leser" immer wieder mit identischen Drucktypenstilen, drucktechnischen Kunstgriffen und Verzierungen von Titelseiten konfrontiert wurden, übte die Standardisierung, so Eisenstein (1997: 49) auch auf diese ihren Einfluss aus. Auch die Schönschrift wurde, laut Eisenstein (1997: 49), in Mitleidenschaft gezogen, denn Schriftprobenmusterbücher führten wie Stilbücher für die Typographie, Musterbücher für die Damenschneiderei, für Möbel, architektonische Motive oder für die Gartenarchitektur zur Vereinheitlichung von Stilen. Nach Eisenstein (1997: 49) darf angenommen werden, dass durch den Buchdruck die "eigentümlichen Züge" von Handschriften oder Handzeichnungen betont und Abweichungen vom "klassischen Kanon" durchsichtiger wurden.

Das Verschwinden der vielen Handschriftenstile führte, laut Eisenstein (1997: 49), zur "Polarisierung der typografischen Stile in zwei unterschiedliche Gruppen von Drucktypenschriften", nämlich 'gotisch' und 'romantisch'. Dank einheitlich hergestellter Landkarten mit einheitlicheren Ortsnamen entstand, nach Eisenstein (1997: 49) auch ein größeres Bewusstsein für regionale Grenzen.Ein größeres Bewusstsein entstand, laut Eisenstein (1997: 49-50) auch für Lokale Sitten, Gesetze, Sprachen und Kleidung. Insgesamt ging, so Eisenstein (1997: 51-52), "die Standardisierung mit einer zunehmenden Entdeckung der Verschiedenheit Hand in Hand" und es entstanden Stereotypen in den regionalen Kleidungsstilen. Für Eisenstein (1997: 52) lässt sich das neu entstandene Gefühl für das Individuelle als eine Auswirkung der Standardisierung sehen, denn "Je standardisierter der Typus, umso zwingender ist de facto das Gefühl für ein eigentümliches persönliches Selbst." Laut Eisenstein (1997: 53-54) war es Michel de Montaigne (1533-1592), der mit seinem Werk "Essais"ein neues Genre begründete und damit die Voraussetzung schuf, um mit einem unbekannten Publikum persönlichen Kontakt aufzunehmen,und diesem zu erklären, dass es mit dem Gefühl der einzelnen Eigenartigkeit nicht allein ist. Andere Literaturgenres legten dagegen, so Eisenstein (1997: 54) menschliche Idealtypen (Priester, Kaufmann, adelige Herren und Damen, wohlerzogene Mädchen und Knaben) fest. Laut Eisenstein (1997: 54) ist es zudem denkbar, dass durch den Druck von immer wieder gleichen Bildern "soziale wie auch regionale Trennlinien" bewusster wurden. Auch Herrscher nutzten, laut Eisenstein (1997: 54), die exakte Vervielfältigung ihrer eigenen Porträts, unter anderem auf Papiergeld, um ihre Präsenz ihren Untertanen viel mehr einzuprägen, als dies durch die nicht sehr detaillierte Prägung auf Münzen möglich war. Eisenstein (1997: 54) erwähnt, dass die Mitarbeiter der Buchdruckwerkstätten diejenigen waren, die sich zuerst mit den zu druckenden Werken auseinandersetzten und bei denen sich demzufolge als erstes ein Bewusstsein von Individuellem und Typischem einstellte. So verstärkte sich laut Eisenstein (1997: 54-56) die Aufmerksamkeit für passende Dekor- und Musterelemente und die Bewusstheit von Ort und Epoche besonders bei denjenigen, die die Druckvorlagen vorbereiteten. Trotz dieser erhöhten Bewusstheit für typische Details, regionale oder individuelle Besonderheiten kam es, so Eisenstein (1997: 56-58) vor, dass durch 'ökonomisch' arbeitende Drucker dieselbe Druckplatte mit derselben Abbildung für verschiedene Städte, Persönlichkeiten oder Pflanzen verwendet wurde. Eine Abbildung konnte nach Eisenstein (1997: 58) aber auch bewusst wiederverwendet werden. Eisenstein (1997: 58) nennt als Beispiel dafür die 1483 erschienene Ausgabe der Nürnberger Chronik, in der ein und dieselbe Druckplatte zum Beispiel siebenunddreißigmal verwendet wurde. Gründe dafür waren laut Eisenstein (1997: 58) einerseits die kostengünstige und materialsparende Wiederverwendbarkeit der Platten, andererseits aber auch die bewusste Wiederverwendung typischer Motive zur Strukturierung des Werkes und als Orientierungshilfe für die Lesenden. Dabei förderte die Standardisierung der Darstellungen, so Eisenstein (1997: 58), ein Bewusstsein für die besonderen, individuellen Merkmale bestimmter Städte, Gesichter, Pflanzen etc. Eisenstein (1997: 58) weist an dieser Stelle erneut darauf hin, dass das Druckverfahren damals bedeutend anders vonstattenging als in der heutigen Zeit, denn während ein gedrucktes Werk heute ein Produkt der Arbeitsteilung ist, waren in den Anfängen des Buchdrucks Drucker, Herausgeber, Händler, Übersetzer, Redakteur, Verfasser von Registern, Lexikograph und Chronist häufig ein und dieselbe Person. Unter den Druckern waren, so Eisenstein (1997: 58-59) auch nicht nur solche, die ökonomisch dachten, sondern auch solche, die durch ihren Ehrgeiz von ihren eigenen Entwicklungen profitierten und Ratgeber für den persönlichen Erwerb aller möglichen Fertigkeiten publizierten.

Einige Auswirkungen der Umgestaltung von Texten und Nachschlagewerken: die Rationalisierung, Kodifizierung und Katalogisierung von Daten

Unter Bezug auf McLuhans Theorie, dass die optische Wahrnehmung von Texten das Denken der Lesenden beeinflusst, schreibt Eisenstein (1997: 59): „Entscheidungen, die von Druckern der Frühzeit in bezug auf Layout und Präsentation ihrer Produkte getroffen wurden, trugen vermutlich zu einer Neuorganisation des Denkens der Leser bei.“ Eine dieser Neuorganisationen waren laut Eisenstein (1997: 60) alphabetische Anordnungen, die erst im frühen Buchdruckerzeitalter zum Standard wurden. Bereits im handschriftlichen Zeitalter hatte es, so Eisenstein (1997: 60), zwar Versuche gegeben, Ordnungssysteme zu erschaffen, wie etwa gereimte Bücherlisten zeigen, in diesen musste aber zur Einhaltung des Metrums gegebenenfalls Titel weggelassen werden. Andere Bibliothekskataloge waren laut Eisenstein (1997: 60) nach überhaupt keinem erkennbaren Prinzip geordnet. Die Erstellung von Katalogen wird, nach Eisenstein (1997: 60), der Einführung von Papier zugeschrieben, welche die Kosten für das Anlegen von Registern senkte. Jedoch mussten diese, so Eisenstein (1997: 60) immer wieder händisch abgeschrieben werden. Da Register in der Regel für den Eigengebrauch angelegt wurden und es keinen Anreiz gab, sich mit anderen Bibliothekaren abzustimmen, wurden nach Eisenstein (1997: 60) auch keine allgemeinen Ordnungssysteme verwendet, sondern die Listen wurden frei nach persönlichem Geschmack angeordnet. Erst die Einführung des Buchdrucks und die damit verbundene Notwendigkeit von Verkaufskatalogen machten es laut Eisenstein (1997: 61) wünschenswert, Buchbestände nach schlüssigen Kriterien zu katalogisieren, um potentielle Käufer anzuziehen. Zudem ermöglichte es der Buchdruck, wie Eisenstein (1997: 61) forfährt, Register mehrfach schnell zu verfielfältigen, sodass die Last des händischen Abschreibens entfiel. Der Konkurrenzdruck und der Wille, ständig verbesserte Produkte anzubieten, wirkte dabei, so Eisenstein (1997: 61) einer alteingesessenen Trägheit in Bezug auf Veränderung entgegen. Weiterhin ermöglichte die Rationalisierung der Formate laut Eisenstein (1997: 61) die wissenschaftliche Systematisierung diverser Gebiete. Eisenstein (1997: 61) weist jedoch auch ausdrücklich darauf hin, dass es bereits vor der Erfindung des Buchdrucks Ansätze zur Systematisierung und Kodifizierung gegeben hatte. Querverweise, Glossare und Anmerkungen waren, so Eisenstein (1997: 62-63), gerade nicht unüblich, doch erst der Buchdruck förderte deren einheitliche Anwendung und die systematische Organisation von Texten. Dabei entstanden, laut Eisenstein (1997: 64) auch lexikographische Abhandlungen und Wörterbücher in verschiedenen Sprachen. Entwickelt wurden sie, laut Eisenstein (1997: 64), aus praktischen und religiösen Impulsen, beispielsweise als Nebenprodukt der Arbeit an einer Bibel oder aus dem Bedürfnis zugewanderter Geschäftstreibender nach Nachschlagewerken.

Nach Eisenstein (1997: 64-65) ermöglichte der Buchdruck nicht nur das Ordnen von Werken durch Register, sondern auch die Ordnung und Umstrukturierung von Texten und Werken an sich. Vor der Einführung des Buchdruckes waren, so Eisenstein (1997: 65) Texte häufig nur stückweise kopiert oder mündlich präsentiert worden. Durch die Ordnungsarbeit in den Buchdruckwerkstätten wurden laut Eisenstein (1997: 65) nun Zusammenhänge zwischen Texten und Werken deutlich und es kam zu einer Übertragung der klassischen, aus Reden, Poesie und Kunst bekannten Kriterien, Einheit, innere Stimmigkeit und Harmonie "auf die Neuorganisation großer Kompilationen und auf ganze Wissensgebiete". Als Beispiel hierfür führt Eisenstein (1997: 65) den Corpus Juris an, welcher eine große Rolle an juristischen Fakultäten spielte. Dieser war so Eisenstein (1997: 65-66) handschriftlich lediglich in Teilen verfügbar und wurde in verschiedenen Vorlesungsreihen gelehrt, deren Veranstaltungen wiederum zeitlich limitiert waren, sodass die Lesung noch weiter in kleine Teile zersplittert wurde, womit Zusammenhänge verloren gingen. Auch konnte, so Eisenstein (1997: 66), der gesamte Corpus lediglich auf Pilgerfahrten nach Pisa besichtigt werden, jedoch in der Regel nur für sehr kurze Zeit und unter strenger Bewachung. Erst seine Veröffentlichung 1553 erlaubte es, laut Eisenstein (1997: 66), Unklarheiten zu beseitigen, den textlichen Zusammenhang herzustellen, Fehler zukorrigieren und ein Register hinzuzufügen. Als der Codex aber dann Ende des 16. Jahrhunderts schließlich vollständig und von den vielen Kommetaren befreit zur Verfügung stand, wurde er, so Eisenstein (1997: 66), zugleich für die zeitgenössische Anwendung irrelevant.

Eisenstein (1997: 66) zufolge wurde die Gesetzgebung und damit auch die Rechtssprechung durch den Buchdruck erleichtert. So wurden, wie Eisenstein (1997: 66-67) erklärt, königliche Proklamationen nicht mehr nur an öffentlichen Orten zur Schau gestellt, sondern konnten auch in geordneter Form gesammelt und abgedruckt und mit einem Inhaltsverzeichnis versehen werden, sodass sie dauerhaft als Orientierung dienen konnten. Zudem stand damit ein geordneter Gesetzeskörper dem Staat zur Verfügung. Das vermehrte Drucken brachte aber nach Eisenstein (1997: 67) auch noch weitere Veränderungen mit sich. So wurden nach Eisenstein (1997: 67) erstmals Inhaltsverzeichnisse, Seitenzahlen mit arabischen Ziffern, Zwischentitel, Register, Satzzeichen, Absätze und vor allem die für die Katalogisierung wichtigen Titelseiten vermehrt verwendet. Diese Standardisierung der Formate führte laut Eisenstein (1997: 67) wiederum bei Lesern aller Berufe zu einer neuen Vertrautheit mit der systematischen Abfassung von Texten, womit auch deren Denkweisen entscheidend beeinflusst wurden.

Das neue Verfahren der Datenerfassung: Von der verfälschten zur verbesserten Ausgabe

Während in Vorworten und Klappentexten eine stetige Verbesserung der Werke versprochen wurde, war, wie Eisenstein (1997: 68) erklärt, vor allem in den Anfängen des Buchdrucks eher das Gegenteil der Fall. Texte wurden nämlich, so Eisenstein (1997: 68), unverbessert kopiert oder gar von Unkundigen ergänzt und korrigiert. Zudem kam es bei einigen Werken zu noch mehr Entstellungen als schon vor dem Einsatz der Drucktechnik, zum Beispiel durch die Nutzung qualitativ minderwertiger Blöcke oder durch Fehlinterpretationen verschwommener Bildunterschriften, welche dann in den Folgejahren in ebendieser Form kopiert und weiter vervielfältigt wurden. Als Beispiel führt Eisenstein (1997: 68) eine Serie gedruckter Pflanzenbücher aus der Pionierzeit an, die immer weiter entstellt wurde. Das neue Medium machte aber, laut Eisenstein (1997: 68), durch die Beschleunigung gleichzeitig diesen Deformationsprozess für Gelehrte auch transparenter und trug dadurch zu seiner Überwindung bei. Während nämlich unkundige und profitgierige Drucker Werke umso schneller deformierten, konnten technisch versierte Meister aus ihren Beobachtungen der Grenzen handschriftlicher Verfahren lernen und so der Verfälschung und Entstellung von Werken entgegenwirken.

Hierbei sind laut Eisenstein (1997: 68) auch die Leser der Werke von großer Bedeutung. Einige Herausgeber und Verleger forderten nämlich, so Eisenstein (1997: 68), in ihren Werken offen zu kritischem Feedback durch ihre Leserschaft auf, teilweise sogar unter dem Versprechen, dass jene, die Beiträge zur Verbesserung oder Korrektur eines Werkes lieferten, namentlich genannt würden. In der Folge wurden, laut Eisenstein (1997: 69), nicht nur existierende Werke verbessert und ergänzt, sondern es kam zu neuen Publikationsserien, da die Aufrufe der Verleger zu eigenen Forschungen animierten. Auf diese Art und Weise konnte, so Eisenstein (1997: 69) das Wissen, welches in den Werken enthalten war, noch um ein Vielfaches erweitert werden. Um beim Beispiel der Pflanzenführer zu bleiben, führt Eisenstein (1997: 69) weiter aus, dass den Europäern durch die Beiträge von Lesern aus aller Welt auch exotische Pflanzen bekannt gemacht wurden und dass dadurch selbst wiederum auch die heimische Flora noch detaillierter beschrieben werden konnte. Es kam so Eisenstein (1997: 70) zu einem stetigen Anwachsen des Wissens, welches in Nachschlagewerken verfügbar gemacht wurde. Zudem gab es nach Eisenstein (1997: 70) jetzt zum ersten Mal ein echtes "Feedback" zu den geschriebenen Texten, das so vor der Einführung des Buchdrucks nicht möglich war.

Die weiter oben bereits angesprochene Nennung der Namen jener, die zu einem Werk beigetragen hatten, geschah laut Eisenstein (1997: 70) nicht aus noblen Motiven, sondern weil die namentliche Nennung durch den Buchdruck befriedigender war, als vorher. Einerseits wurde, so Eisenstein (1997: 70-71) durch diese neue Druckkultur der Weg in Richtung wissenschaftlicher Zusammenarbeit aufgezeigt und geebnet, andererseits konnten beispielsweise Handwerker auf diesem Weg Werbung für ihre Werkstätten betreiben und dadurch möglicherweise neue Kunden für ihre Produkte anziehen. Auch gab es so Eisenstein (1997: 71) in dieser Hinsicht keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen Professoren und Handwerkern.

Quellenangaben und Namensnennung beschränkten sich, wie Eisenstein (1997: 71) dabei auch nicht auf die Naturwissenschaften, sondern sie war auch in anderen Teilgebieten zu finden. So entwickelten sich, wie Eisenstein (1997: 71) fortfährt, die Bibliographie und die Zoologie nicht nur nebeneinander zu eigenständigen wissenschaftlichen Disziplinen, sondern sie gehen sogar beide auf den gleichen Mann zurück.. Eisenstein (1997: 71) kommt hierbei auf einen bereits zuvor angeführten Punkt zurück: neue Erkenntnisse verbreiteten sich nicht schlagartig durch die Einführung des Buchdrucks, sondern erst mit einer Verzögerung. Dies ist laut Eisenstein (1997: 72) darauf zurückzuführen, dass zu Beginn ältere Theorien verbreitet wurden und somit einer Verbesserung und Ergänzung zur Verfügung standen. Statt auf Fragmenten aufzubauen oder ohne jede Basis eigene Theorien zu entwickeln, konnten, so Eisenstein (1997: 72) nachfolgende Generationen nun aus einem bereits vorhandenen Wissenspool schöpfen und ihre Forschungen auf dem aufbauen, was ihre Vorgänger bereits zusammengetragen hatten. Ohne die, wie Eisenstein (1997: 72) es nennt, "typographische Persistenz" des Buchdrucks wäre dies aber so nicht möglich gewesen.

Gedanken zur Kraft der Konservierung im Buchdruck: Beständigkeit und kumulative Veränderung

Eisenstein (1997: 72) klassifiziert die Eigenschaft des Buchdrucks, zur Konservierung von Werken beizutragen, als möglicherweise wichtigsten Charakterzug des neuen Verfahrens. Handschriftliche Texte waren dagegen, so Eisenstein (1997: 72) schlecht konservierbar, weil sie einerseits der Verfälschung durch Kopisten ausgesetzt waren, andererseits vom aktuellen Bedarf der Eliten und der Verfügbarkeit von Schreibern abhingen. Hinzu kamen, nach Eisenstein (1997: 72), der durch den regelmäßige Gebrauch verursachte Verschleiß und die negativen Auswirkungen von Umwelteinflüssen auf gelagerte Texte (Feuchtigkeit, Ungezieferbefall). Weitere Bedrohungen für handschriftliche Texte waren laut Eisenstein (1997: 72) Diebstahl und Feuer, welche Texte unwiederbringlich auslöschen konnten, oder das Abhandenkommen trotz sorgfältiger Aufbewahrung. All dies beeinträchtige, so Eisenstein (1997: 72) die Weitergabe von Informationen an folgende Generationen.

Eisenstein (1997: 73) widerlegt die Einschätzung, dass Handschriften die Vergangenheit dauerhaft festhalten denn dies wäre nur möglich, wenn ein auf Pergament festgehaltenes Dokument nie mehr benutzt worden wäre. Dieser Eindruck wurde, wie Eisenstein (1997: 73) vermutet unter anderem dadurch verstärkt, dass einzelne Dokumente in Krügen oder unter Lava die Zeit überdauert hatten und im Gegensatz dazu der Verfall, dem regelmäßig in Benutzung befindliche Handschriften ausgesetzt waren, unterschätzt wurde. Man konnte demnach, so Eisenstein (1997: 73) davon ausgehen, dass von Dokumenten viel erhalten bleibt, wenn man wenig geschrieben hat und wenig erhalten bleibt, wenn man viel geschrieben hat.

Die Haltbarkeit von Texten wurde, nach Eisenstein (1997: 73),auch wesentlich durch das Material beeinflusst. Das beim Buchdruck verwendete Papier hat laut Eisenstein (1997: 73) sicher eine geringere Haltbarkeit als Papyrus oder Velin, die Haltbarkeit von Texten wurde aber, so Eisenstein (1997: 73) weiter, im Zeitalter des Buchdrucks gerade durch ihre Vervielfältigung massiv erhöht. Statt wertvolle Texte aufzubewahren, bis sie möglicherweise verloren gingen, plädierten laut Eisenstein (1997: 74) zum Beispiel Thomas Jefferson dafür, Informationen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen und so oft zu vervielfältigen, dass keine äußeren Einflüsse zum kompletten Verlust des Textes führen konnten. Einen weiteren Beitrag zur Konservierung leisteten, so Eisenstein (1997: 75) Typographie und Standardisierung der literarischen Landessprachen, da dadurch die sprachliche Fluktuation eingedämmt wurde. Gleichzeitig wurden dadurch, laut Eisenstein (1997: 75-76), die Landessprachen kodifiziert und standardisiert und die auf natürlichem Wege erworbene Muttersprache wurde optisch mit einem eindeutigen Schriftbild verbunden.

Eisenstein (1997: 76) verbindet mit dem Buchdruck auch die Aufspaltung der lateinischen Christenheit. Herrscher konnten nun, so Eisenstein (1997: 76), selbst die Anschauungen durchsetzen, die in ihrem Herrschaftsgebiet gelten sollten indem sie lokale Firmen, die nicht der päpstlichen Kontrolle unterstanden, mit Privilegien versahen, wenn diese sie mit Druckwerk gemäß den Bedürfnissen des nationalen Klerus versorgten. Eisenstein (1997: 76) nennt den spanischen König als Beispiel, welcher die Priester in seinem Land von einem Drucker aus Antwerpen mit 15.000 Exemplaren eines Breviers beliefern ließ, welches im Vergleich zur päpstlichen Fassung geringfügig geändert worden war. Die Durchsetzung von religiösen Anschauungen über den Klerus lag damit, so Eisenstein (1997: 76), in den Händen der herrschenden Dynastien. Auch Erlässe wurden nach Eisenstein (1997: 76) durch ihre gedruckte Veröffentlichung unwiderruflicher gegenüber früher, als zum Beispiel die Magna Charta von der Grafschaft zwei Mal im Jahr ausgerufen wurde und schon 1237 nicht mehr eindeutig war, um welche Charta es sich eigentlich handelte.

Die Beständigkeit des Gedruckten führte, laut Eisenstein (1997: 77) auch zu Fragen des Urheberrechts und der Patentierung, denn Erfinder konnten nun Ansprüche auf ihre Innovationen erheben. So kam es nach Eisenstein (1997: 77) bereits um 1500 zur Arbeit an juristischen Fiktionen, die sich mit dem literarischen Urheberrecht und Patentfragen bei Erfindungen auseinandersetzten. Auch Fragen des Monopols, des illegalen Nachdrucks und des Copyright kamen, so Eisenstein (1997: 77) erst durch den Buchdruck auf, denn die hohe Verbreitung und die lange Haltbarkeit von Büchern versprache nun Ruhm und Bekanntheit.

Wie Eisenstein (1997: 78-79) annimmt, wurden die auf dem Buchdruck basierenden Konzepte auch auf antike Texte wie die heilige Schrift oder die Werke von Aristoteles übertragen, denn es wurde die Frage auch nach ihrer Autorschaft gestellt und damit letztendlich der Respekt, der alten Werken entgegengebracht wurde, abgeschwächt.

Eisenstein (1997: 79) hält es zudem für möglich "daß Begriffen wie alt und modern, Entdeckung und Wiederentdeckung, Erfindung und Nachahmung unterschiedliche Bedeutungen zugewiesen wurden, bevor wichtige Abweichungen vom herkömmlichen Verständnis dauerhaft festgehalten werden konnten", denn die ganze Zeit davon wurden überlegene Techniken eher wiederentdeckt als neu entdeckt. Wissen wurde schließlich, so Eisenstein (1997: 79), häufig aus antiken Werken und Überlieferungen wiedergewonnen. Neuentdeckungen als solche zu erkennen, war, laut Eisenstein (1997: 80), vor dem Buchdruck aufgrund mangelnder schriftlicher Fixierungen oder deren Verlust und Verfälschung schwierig. Da mit dem Buchdruck die Bewahrung des kulturellen Gedächtsnisses nicht mehr so dringlich war, verloren, so Eisenstein (1997: 80) auch alte Traditionen wie Erinnerungstechniken an Bedeutung und konnten sogar aufgegeben werden. Auch Bilder und Symbole verloren laut Eisenstein (1997: 80-81) ihre traditionelle Funktion als Wissensspeicher und Ästhetik wurde sozusagen nicht mehr gebraucht. Zugleich wurde aber auch, so Eisenstein (1997: 81), das ursprünglich mit deformierten Handschriften verbundene Thema "Verfall der Natur" von moderne Propheten, die meinten, dass die neusten Entwicklungen nicht mehr zu kontrollieren seien, wieder aufgenommen.

Erweiterung und Verstärkung: Die Beharrlichkeit von Stereotypen und soziolinguistischen Grenzlinien

Die Begriffe Stereotyp und Klischee stammen, so Eisenstein (1997: 82), von typographischen Prozessen. So wurden Eisenstein (1997: 82) zufolge in den letzten fünf Jahrhunderten verschiedene handschriftliche Quellen immer wieder herangezogen und zitiert, sodass sich deren alte Botschaften verstärkten und erheblich häufiger überliefert wurden als andere, neuere Quellen. Je mehr Texte ein Leser zur Kenntnis nahm, umso häufiger begegnete er identischen Fassungen, die sich auf die gleiche Quelle bezogen, wie beispielsweise auf bekannte Zitate, so Eisenstein (1997: 82). Eisenstein (1997: 82) betont in diesem Zusammenhang, dass die ursprüngliche Lektüre, in denen das Zitat oder Ähnliches zuerst auftrat, die modernere Lektüre in den Schatten stellt.. Dadurch wurden laut Eisenstein (1997: 82) vor allem alte Quellen besonders prägend für die Ausbildung von Symbolen, Zitaten oder Arten der Berichterstattung. Gleichzeitig spielten dabei jedoch, Eisenstein (1997: 82) zufolge auch die "Fixierung literarischer Sprachgrenzen" und das nationale Gedächtnis eine große Rolle, da nicht allerorts die gleichen Quellen herangezogen wurden, sondern unterschiedliche Autoren an verschiedenen Orten immer andere Schwerpunkte bei der Übersetzung und Zitation setzten. So wurden, laut Eisenstein (1997: 83) innerhalb der landessprachlichen Literatur diverse Stereotypen geprägt, die lediglich für diesen speziellen Raum galten. Parallel dazu kam es, so Eisenstein (1997: 83) zu einer Verbreitung der Respublica Litterarum und damit zur Sprachgrenzen überschreitenden Übermittlung von Botschaften in lateinischer (später französischer) Sprache, oder, wie im naturwissenschaftlichen Bereich, unter einfachem Einbezug von bildlichen und mathematischen Aussagen an ein internationales Publikum. Auch die Religion hatte Eisenstein (1997: 83) zufolge Einfluss darauf, welche Texte in welchem Umfang verbreitet wurden. So wurden, wie Eisenstein (1997: 83) fortfährt, landessprachliche Fassungen von Bibeltexten eher in protestantischen als in katholischen Gegenden verbreitet. Weitere Faktoren, die bei der Verbreitung von Botschaften innerhalb einer Sprachgruppe von großer Bedeutung waren, sind, nach Eisenstein (1997: 83) der unterschiedliche Grad der Literarisierung, die unterschiedlichen Lesegewohnheiten sowie die "ungleiche Verteilung von teuren neuen Büchern und billigen Nachdrucken von alten in verschiedenen gesellschaftlichen Sektoren".

Bedeutung der Sinne und der Stellung des Autors

die Angaben zu Giesecke müssen überprüft werden

Mit der Erfindung des Buchdrucks kommt laut Giesecke insbesondere der optischen Wahrnehmung des Menschen eine besondere Gewichtung zu: „Je mehr Wissen die Gesellschaft nach den neuzeitlichen Prinzipien in den gedruckten Büchern gespeichert hat, desto mehr prämiert sie das Auge und wertet andere Sinneserfahrungen ab“ (Giesecke 1996: 12). Diese erkenntnistheoretische Auffassung hebt sich, so Giesecke, selbstverständlich drastisch von der durch das christliche Mittelalter geprägten Zeit ab, die auf dem Prinzip der Verkündigungstheorie beruht und somit auf ein kommunikatives Grundkonzept zurückzuführen ist (cf. Giesecke 1996: 12). Die Vorstellung der Gläubigen vom Erwerben „wahrer Erkenntnis“ basiert hier, laut Giesecke, auf der Annahme, dass Informationen entweder unmittelbar von Gott oder von Anderen verkündet werden: „Nicht das 'äußere' Auge, mit dem die Neuzeit ihr 'wahres Wissen' produziert, sondern das Hören auf 'innere' Stimmen, ermöglicht in der alten Zeit Erkenntnisgewinn“ (Giesecke 1996: 13). Ebenso wie Maria ihre Nachrichten durch Mittler wie Engel, Tauben, Träume oder Zeichen empfängt, erhalten auch die anderen Gläubigen ihre Botschaften (cf. Giesecke 1996: 13). So entsteht auch Gieseckes und gleichzeitig Kloock und Spahrs (cf. 1997: 264)Frage der intersubjektiven Wahrnehmung, dass alle Leser ihre Gedanken mit dem des Autors koppeln bzw. vergleichen können, die von Kloock und Spahr sogenannte Entemotionalisierung und Entsynästhesierung eines Textes. Sodass Informationen und Wissen nur dann als wahr hingenommen werden können, wenn sie für andere nachvollziehbar bewiesen wurden. Wie kann nun die Wahrnehmung so "programmiert" werden, dass jedwede Information intersubjektiv nachvollziehbar wird? (cf. Kloock / Spahr 1997: 265). Die Antwort wird mit Dürers Methodologie des Beschreibens, Vergleichens, Typisierung und Messung gegeben. Durch die genaue Beschreibung des Ausgangspunktes, mit Hilfe der Perspektivlehre und der typographischen Medientechnik, wird die Perspektivübernahme des Autors ermöglicht.

In der Neuzeit hingegen ist Informationsbeschaffung nach Giesecke geprägt durch die Entschlüsselung der klassischen Selbsttypisierung von Autoren. Die Autoren fühlen sich, so Giesecke, "nicht mehr als 'stilum' Gottes und die Leser teilen die neue Einschätzung der Autoren“ (Giesecke 1996: 13). Das Erwachen des Autorenbewusstseins in der Neuzeit ist nach Giesecke (1996: 14) durch Wille und Sinn gekennzeichnet, die einen Schreiber „[...] zu einem unverwechselbaren Schöpfer von geistigen Werken“ machen.

Nachdem sich die Kommunikation, wie Giesecke (1996: 9) ausführt, von einer Face-to-face-Situation bei öffentlichen Reden und Ansprachen hin zu einem neuen System der Informations-Übertragung in Buchform verändert hat, müssen die Leser (die neben den Autoren den zweiten Schnittpunkt zwischen Umwelt und Druckerzeugnis markieren) dementsprechend die Vorgehensweise ("Software") des Autors nachvollziehen können, um die im Buch enthaltenen Informationen im realen Leben (der Umwelt) anwenden zu können. Dabei muss, so Giesecke (1996: 11), eine gemeinsame Sprache gefunden werden, die es dem Autoren ermöglicht, seine Geschichte so zu erzählen, dass der Leser, eine ihm völlig fremde Person, diese ohne zusätzliche Erklärungen nachvollziehen und verstehen kann, auch wenn sie durchaus Strukturen beschreiben kann, die "im Verlauf der Jahrhunderte zerstört worden sind". Um diese Sprache zu erreichen, muss der Autor, laut Giesecke (1996: 10), abgesehen von der Beherrschung der Alphabetschrift, die Perspektive beachten, die er bei dieser Geschichte einnimmt. Giesecke (1996: 10-11) erläutert dies anhand eines Holzschnitts von Albrecht Dürer, bei dem der Autor / Urheber als das Auge dient, das lediglich die Punkte festhält, die sich von der Netzhaut auf die Projektionsfläche (das Buch) übertragen lassen. Bücher werden also nach Giesecke (1996: 11) erst durch die Alphabetschrift in Kombination mit perspektivisch verständlichem Scheiben zu selbstständigen Kommunikationsmedien.

Nach Klock und Spahr wurden durch das durch Gutenberg ermöglichte Schriftsystem die Wahrnehmungs- und Darstellungsstile vereinheitlicht, sodass sich "Abstrahierung, Spezialisierung, Fragmentierung, Typologisierung, Proportionierung" allseits in der Gesellschaft durchsetzen konnten. Zudem konnten alle Informationen, die vorher nur oral zugänglich waren, nun auch visuell wiedergegeben werden. McLuhan ist, so Kloock und Spahr, allerdings der Meinung, dass dadurch unsere Wahrnehmungs- und Empfindungsvermögen verstumpfen und eine „riesige uniformierte Gedächtnismasse“ entsteht (McLuhan 1995: 265 ff; zit. n. Kloock / Spahr 1997: 255).

Die unmittelbaren Folgen der Erfindung des Buchdrucks

Die Buchkultur als informationsverarbeitendes System verdrängte laut Giesecke die älteren skriptographischen und oralen Systeme. Der Siegeszug dieses typographischen Informationssystems wurde, so Giesecke, von vielen, sich gegenseitig beeinflussenden Faktoren begünstigt und vorangetrieben. Die Erfindung Gutenbergs war also lediglich ein Element, d.h. ein Ereignis in einem komplexen Funktionsgefüge. Neuerungen, die den Durchbruch der eingeführten Technologie begleiteten und ermöglichten, waren laut Giesecke u.a.: - Der freie Markt wird fortan als kommunikatives Netzwerk genutzt, über das die gedruckten Ergebnisse verbreitet werden - Formen von Informationen, die zuvor noch nicht handschriftlich oder mündlich tradiert wurden, werden nun für den Druck neu gewonnen. - Von den Autoren werden alternative Formen der Wahrnehmung und der Informationsdarstellung erprobt. - Käufer und Leser, von Giesecke als "Effektoren" definiert, werden in den neuen Informationskreislauf miteinbezogen (cf. Giesecke 1996: 4). Im Folgenden sollen einige dieser Aspekte vertieft werden.

Nach Giesecke (1996: 5) wurde das Buch zu einer Ware, die sich auf dem freien Markt schnell verbreiten ließ. Der Buchdruck wurde dadurch zu einem kommerziellen Gewerbe, sodass dem Besitz von Geld bei dem Erwerb und der Verbreitung von Büchern eine größere Bedeutung zukam. Dies ist auch daran erkennbar, dass sich die Verleger in den Vorworten an den Leser als "Käufer" wandten. Giesecke arbeitet einige Unterschiede dieser neuen Strukturen im Vergleich zu der Verbreitung von Manuskripten im Mittelalter heraus: Im Mittelalter verblieben die Handschriften in den institutionellen Netzen, in denen die Schriften gemäß hierarchischer Strukturen weitergegeben wurden. Dabei mussten die Informationen jede Instanz durchlaufen. Sie wurden also zum Beispiel vom Mönch zum Abt, vom Abt zum Ordensoberen, vom Ordensoberen zum Bischof und von dort zur nächsthöheren Instanz weitergegeben. Die Handschriften dienten dabei eher der Vorbereitung und Unterstützung der Rede (cf. Giesecke 1996: 5). Im freien Markt hingegen entscheiden nach Giesecke (1996: 6) die Autoren und Drucker, welche Informationen an die Öffentlichkeit gelangen sollen und jeder hat Zugang zu den Druckerzeugnissen. Die marktwirtschaftlichen Netze sind nicht hierarchisch, sondern haben eine "sternförmige Struktur". Dadurch wird der Instanzenweg des Mittelalters aufgehoben und es findet eine "Abkürzung der Kommunikationsbahnen" statt (cf. Giesecke 1996: 7).

Die neuzeitlichen Autoren weisen laut Giesecke (1996: 14) in ihren Werken darauf hin, dass ihre Texte dem "Gemeinwohl" dienen. Damit verschwindet Gott als Informationsquelle und es entfällt auch die Gewohnheit, Gott für das Werk zu danken. Nach Giesecke (1996: 14) verlieren im Protestantismus mündliche Beichte oder die Sakramente an Bedeutung, während dem nunmehr gedruckten Wort die ausschlaggebende Bedeutung zukommt ("solum scriptura". Vor dem Buchdruck wurde laut Giesecke (1996: 14) das vorhandene Wissen nur innerhalb der Familie, des Handwerks und der Institutionen weitergegeben. Mit dem Buchdruck wird dieses Wissen laut Giesecke (1996: 15) öffentlich und allgemein zugänglich, sodass es überprüft werden und dazu auch Stellung bezogen werden kann. Dies war, so Giesecke, der Grundstein für die neuzeitliche beschreibende Naturwissenschaft. Viele meinten jedoch so Giesecke (1996: 15), die Vergesellschaftung des Wissens würde gerade Handwerker um ihre Kunden bringen, da diese durch den Erwerb des Fachwissens letztere nicht mehr in Anspruch zu nehmen bräuchten und diese somit ihre Lebensgrundlage verlieren würden. Durch die massenhafte Verbreitung gedruckter Texte wird das Handeln und das Erleben der Menschen nach Giesecke (1996: 15) standartisiert, da sich immer mehr Menschen nach den gleichen Beschreibungen in den Büchern richten.

In unserer Gesellschaft hat sich nach Giesecke (1996: 1) eine Umorientierung in den Leitbildern vollzogen, sodass eine Entwicklung von der "Industriegesellschaft" oder "christlichen Gesellschaft" hin zur "Computer-Kultur" oder auch "Fernsehgesellschaft" stattfand. Nach Giesecke (1996 : 1) sind gemeinschaftsbildende Faktoren unserer heutigen Gesellschaft vor allem kommunikative Prozesse und deren Medien, wobei die "Information" auch im wirtschaftlichen Kontext eine bedeutende Rolle einnimmt. Kommunikation beschreibt Giesecke (1996: 2) als einen "Spezialfall" der Informationsverarbeitung, bei dem Prozessoren aneinander gekoppelt werden um ein informatives Problem zu lösen. Diese Prozessoren müssen heute nicht mehr nur Menschen sein, sondern auch technische Prozessoren wie Computer können die Informationsverarbeitung übernehmen. Autoren nehmen in diesem System laut Giesecke (1996: 2) die Funktion einer "Schnittstelle" ein, indem sie Umweltinformationen wahrnehmen und diese in handschriftlichen Texten verarbeiten. Giesecke führt dazu aus: "Die Manuskriptform ist eine notwendige Bedingung für die weitere typographische Verarbeitung" (Giesecke 1996: 2). Durch diese nicht mehr mündlich dargebotenen Informationen kann in Druckereien und Verlagen die Gutenberg´sche Technik verwendet und Texte können vervielfältigt werden, sodass sich eine "Beschleunigung" des Informationsaustauschs vollzieht. Die rasche Durchsetzung von Gutenbergs Erfindung lässt sich mit einer positiven ideologischen Aufladung erklären und wird als Mittel zur Volksaufklärung und zum Wissenserhalt gesehen. (cf. Giesecke 1996: 2)

Entsprechend der Renaissance, so Kloock und Spahr (1997: 263) weiter, ging es auch für Gutenberg neben seinem Primärziel, der Geschwindigkeit der Verbreitung von Information, um die Harmonie aller Teile und die Ästhetisierung der Schrift und der Intersubjektivität der Dinge, um diese Vereinheitlichung des Schriftbildes ebenfalls zu erreichen, erschuf er diese systematisch varrierbare Maschine. "Die Wiederverwendbarkeit der Form ermöglichte auch die Reproduktion identischer Lettern."(Kloock / Spahr 1997: 262). Mit diesen Lettern hat er "Artmodelle" erschaffen und diese anschließend harmonisch standardisiert und sein Ähnlichkeitsideal mit dem Druck des "monumentalsten Werk überhaupt" als erstes bewiesen: das Alte und Neue Testament (cf. Kloock / Spahr 1997: 263).

Die Progressivität des Buchdruckes als Initiator für gesellschaftlichen Wandel

Die Neuerungen des Buchdruckes wirkten sich nach Giesecke in weitreichendem Maße auf den Umgang und die Weitergabe von Informationen in der Gesellschaft aus. Wissen wurde nun nicht mehr einfach wie in oralen Kulturen innerhalb kleiner, sozialer Netzwerke geteilt, sondern konnte jetzt über große Entfernungen nachhaltig verbreitet werden. Das erstellen einer typografischen Information hatte nicht einfach nur das Potential die Weitergabe von beispielsweise Kräuterwissen von Mutter zu Tochter zu ersetzen, sondern schaffte zudem die Möglichkeit solcherlei Informationen mit anderem, bereits gesammelten Wissen abzugleichen und weiterzuverarbeiten. Somit konnte ein unbegrenzter Informationsspeicher eingerichtet werden, der fähig ist stets neuen Input aufzunehmen. "Immer mehr neue Informationen müssen dem System zugeführt werden, damit es am Laufen bleibt" (Giesecke 1996: 661). Laut Giesecke bildete sich ein Informationskreislauf heraus, welcher, einmal in Gang gekommen, eine Eigendynamik entwickelte. Giesecke erläutert dies anhand eines Models nach welchem der Autor über seine Wahrnehmung Informationen aus seiner Umwelt entnimmt, diese als psychische Informationen verarbeitet und niederschreibt. Hierdurch wandelt er sie in seine private und "ikonische" (Giesecke 1996: 657) Information um. Anschließend entsteht durch das Vermarkten eine gesellschaftliche Information, da jedes Mitglied der Gesellschaft nun Zugang erlangen kann. Durch den Kauf durch eine bestimmte Person erfolgt das Umschlagen zu einer erneut privaten, ikonischen und zunächst sprachlichen Information, welche wiederum eine psychische Information formt. Beeinflusst das entnommene Wissen das nachfolgende Handeln des Lesers, welches nachfolgend wieder Einfluss auf das Wirken neuer Autoren nimmt, so entsteht ein typographischer Informationskreislauf, welchen Giesecke (1996: 657) auch als ein "endloses Band" bezeichnet. Dieser Kreislauf führt zu einem stetigen Erweitern des Systems. Durch die erhöhte Reichweite der typographischen Information wurde nach Giesecke das Abwarten neuer Erfahrungen zur Erkenntnisbildung nicht mehr zwingend notwendig. So konnten industrielle Arbeitsvorgänge nun visualisiert und verbreitet werden, wodurch vorrangig sensomotorisch vorhandenes Wissen nun auch sprachlich repräsentiert wurde. Intuitive Erfahrungswerte wurden also durch logische Schlüsse ergänzt und verschriftlicht, dadurch wiederum überprüfbar und reflektierbar gemacht. In der Folge vollzog sich eine Trennung von Praxis und Theorie, welche von Giesecke als "Brauch" und "Verstand" betituliert werden. Der Austausch zwischen beiden Welten stellte einen Wendepunkt für die damals übliche Erkenntnistheorie und aus jetziger Sicht die Ausgangsbasis für die moderne Wissenschaft dar. Wurde die intensive Auseinandersetzung mit einer Kunst als Maîtrise verstanden, so erscheint diese nun als erfühlte Wissen suspekt. Es entwickelt sich die Wertschätzung einer Distanz zwischen dem Betrachter und dem Betrachteten, um weg von der üblichen Subjektivität des Alltags zu einer professionellen Objektivität zu gelangen. "Erprobt waren letztlich auch nur die Verfahren, deren Erprobung man beobachtet hatte. Das Gehörte und auch die eigene Intuition müssen noch einmal mit den Augen überprüft werden" (Giesecke 1996: 677). Galt bislang das Erstellen von Texten in jeder Form als Kunst, geschah nun eine Herauslösung der sachlich, analytisch Verfassten und in Masse verbreiteten typographischen Medien aus dem althergebrachten Kanon der Künste. Die Wissenschaft, welche in der Gesellschaft bislang vielmehr als eine Art von Maîtrise und Weistum gesehen wurde, erlangte nun durch ihren Wandel hin zur Rationalität an Bedeutsamkeit. Aufgrund der Verbreitung durch den Buchdruck gab es nun keine Legitimation zur Geheimhaltung von Wissen mehr. Die Wissenschaft rückte merklich aus dem kleinen Kreis der Jünger der Wissenschaft in die Öffentlichkeit und galt nunmehr als Angelegenheit der Gemeinschaft. Dies hatte harsche gesellschaftliche Kritik zur Folge, wurde das Lernen aus Büchern für „unmöglich und jedenfalls verwerflich“ (Giesecke 1996: 683) gehalten. Das Gespräch zwischen Experten und Laien solle, nach der Auffassung von Kritikern, nun vollends durch das Lesen von Sachbüchern ersetzt werden. Ein bedeutender Befürworter dieser Theorie war Valentin Ickelsamer, der Verfasser des Werks Teutschen Grammatica, welcher das Buch als Medium zum Selbststudium bzw. als Handreichung für Hausunterricht innerhalb der Familie etablieren wollte. Wurde das Ersetzen des Lehrers durch ein Buch von didaktischer Seite zunächst schwer verurteilt, so erfreute sich hingegen das Lehrwerk als ergänzender Bestandteil des Unterrichts zunehmender Beliebtheit. In der Folge galt es sich mit der Thematik auseinanderzusetzen, welche Lehrinhalte denn überhaupt sinnvoll durch Bücher vermittelt werden konnten und welche nicht. Eine weitere Problematik fand sich in dem Vorwissen, welches der einzelne Leser zum Verstehen der Schrift benötigte. Gab es in jeder Zunft eine gemeinsame Schnittmenge an Grundwissen über die behandelte Thematik, so konnte dieses nun nicht mehr als a priori vorausgesetzt gelten. Folglich mussten viele Manuskripte vor dem Druck aufgearbeitet und erweitert werden, um dem einfachen Leser grundlegende Informationen zur Thematik vor zu entlasten.

Die typographische Vernetzung der gesellschaftlichen Kommunikation zum gemeinen Nutzen der deutschen Nation (1520-1555)

Das Handelsnetz als Medium der typographischen Kommunikation

Im Gegensatz zu älteren Formen des Warentausches, indem Waren gegen Waren getauscht werden, ist im modernen kapitalistischen System typisch Ware gegen Geld zu tauschen, somit erscheint der Markt als ein Medium mit zwei Typen von Ein- und Ausgänge, wobei der Verkäufer auf der einen Seite Waren gibt und der Käufer auf der anderen Seite diese Ware entgegennehmen kann und gibt dafür Geld als Rückkopplung (Giesecke 1996: 397). Laut Giesecke lässt sich der Wert einer Ware in Geld ausdrücken, wodurch nicht nur die menschliche Arbeitskraft, sondern auch das menschliche Wissen zu einer Ware wird, dementsprechend regelt das Geld dem Zugang zu dem Wissen, genauer gesagt gilt die Finanzkraft als Filter für die Verbreitung von Wissen bzw. Bücher. Nach Giesecke (1996: 400) ist das neue Wirtschaftssystem, wegen der Serienproduktion von Bücher, nicht mehr durch die mittelalterliche Stadt regulierbar wie es früher den Fall war. Stattdessen zeichnet sich das neue marktwirtschaftliche Medium durch eine nahezu unbegrenzte räumliche Transport- und zeitliche Speicherfähigkeit aus und ermöglichst eine globale Ausdehnung des Welthandelsnetzes (Giesecke 1996: 401).

Im Truck in die Gemein geben: Die Tektonik typographischer Kommunikation

Im einfachsten Fall erfordert die Kommunikation, so Giesecke (1996: 404), zwei Prozessoren und ein Medium, wobei die beide Prozessoren als Sender und Empfänger bezeichnet werden. Die Druckerei gilt als Vorverstärker des typographischen Mediums und ermöglichst eine enorme Verstärkerleistung des Systems, weil die Informationsblöcke öfter identisch reproduziert werden und können somit auf einer Vielzahl von Kanälen gleichzeitig verteilt werden, dadurch ist es für Drucker und Händler nicht mehr überschaubar, welche und wie viele Bücher an wen verkauft werden (Giesecke 1996: 405-406).

Grundzüge des typographischen Kommunikationskreislauf

Laut Giesecke (1996: 401): „Der einfachste Fall eines Informationskreislaufs liegt vor, wenn der Empfänger einem Sender zurückmelden kann, daß er eine Botschaft empfangen hat.“ , dabei haben zum Beispiel Gespräche von Angesicht zu Angesicht eine solche Rückkopplungsnatur. Jeder Teilnehmer an einem Gespräch an mehrere Schnittstellen, so Giesecke (1996: 410), dennoch eine einzige Schnittstelle pro Typus: ein Mund und zwei Ohren, dadurch ist es schwer mehrere Botschaften gleichzeitig zu empfangen wenn z.B. mehrere Personen zugleich reden. Der Buchdruck kann mit einer Wasserleitungsmetapher veranschaulicht werden (Giesecke 1996: 411), bei der die Information nur in eine Richtung verlaufen und bei mehrere Empfängern ankommt, der Wasserverbraucher hat zwar eine Möglichkeit zur Rückkoppelung, dennoch erfolgt es nicht direkt wie bei einer direkten wörtlichen Kommunikation zwischen zwei Personen. Im neuen System der Rückkoppelung unterschiedlichen Medien verbergen sich komplizierte Abläufe der Wahrnehmung und Kodierung von Informationen (Giesecke 1996: 417) indem Bücher nicht mehr ausschließlich in einer professionellen Eigenschaft gekauft werden, sondern auch zur Befriedigung individueller Interessen (Giesecke 1996: 422).

Normen und Programme zur Steuerung der typographischen Kommunikation

Das typographische Kommunikationssystem ist in der Tat ein selbstregulierendes System, welches aufgrund von Normen und Programmen gesteuert wird, dementsprechend hat der Buchdruck ca. 60 Jahre im Anspruch genommen um seine Normen zu stabilisieren (Giesecke 1996: 424). Es entwickelten sich dadurch verschiedene Regeln und Gesetzen um den Autor eines Werkes klar identifizierbar zu machen und ihm vor unerlaubte Kopien seines Werkes zu beschützen, damit eröffnete sich die Möglichkeit die Schriften des Autors zu kritisieren und der Bedarf an hochrangige Genauigkeit um diese Kritik zu vermeiden (Giesecke 1996: 431, 440).

Zensur und Datenschutz: Der Eingriff des politischen Systems in den Informationskreislauf

Mit dem Anfang des Buchdruckes setzen sich neue Regeln zur Informationsverbreitung durch, dadurch ändert sich die Zensurmöglichkeiten drastisch, da das Geschehen in den typographischen Netzen nicht komplett dem freien Spiel der wirtschaftliche Kräfte überlassen bleibt, haben politische bzw. juristische Kräfte Maßnahmen ergriffen um die Nachrichtenwege zu reglementieren (Giesecke 1996: 445). Der Informationskreislauf ließ sich nicht nur durch Verbote, sondern auch durch die Gewährung von Vergünstigungen gewähren, somit konnte ein Drucker zum Beispiel zu offiziellen Ratsdruck ernannt werden, darüber hinaus diese ökonomische Hebel ermöglicht die Steuerung des Informationskreislaufes (Giesecke 1996: 449).

Sprachbetrachtung

Nach Bierbach und Pellat (2003: 234-235) war im Mittelalter die Sprache der Kultur und der Kommunikation in Europa das Latein. Als Beispiele lateinischer Grammatiken werden Donats Ars (grammatica) und Prisciens de Césarées Institutionum grammaticarum libri XVIII genannt.

Nach Swiggers (1990: 843) entstehen die ersten grammatischen Beschreibungen einer romanischen Sprache (l'ancien provençal) erst im 13. Jahrhundert.

Die Trennung zwischen Grammatik und Sprachtraktat ist nicht eindeutig zu vollziehen. Im Folgenden wird dennoch der Versuch gemacht einzelne Vertreter beider Kategorien aufzulisten. Die Einordnung erfolgt auf Grundlage der Literatur von Bierbach und Pellat sowie Swiggers.

Themen der Sprachwissenschaftsgeschichte

Die Themen der Sprachwissenschaftsgeschichte werden von Jens Lüdtke (2001: 3) nicht beliebig, sondern auf Grund der wichtigsten Interessen der Gelehrten in der Vergangenheit ausgewählt. Dabei kommt Lüdtke (2001: 3-4) auf die folgenden acht Themen:

  1. Suche nach einer Standardsprache
  2. Herkunft der romanischen Sprachen aus dem Vulgärlatein
  3. Kontakt mit einer vorrömischen Sprache ("Substrat")
  4. Kontakt ab der Zeit der Völkerwanderung ("Superstrat")
  5. Wortherkunft
  6. Lautentsprechungen
  7. Sich mit der Zeit erweiternde Sprachkenntnisse
  8. Erweiterung der Quellen

Das Fragen an die Geschichte fängt, so Lüdtke (2001: 3), mit der Suche nach der Standardsprache (1) an. Diese kann auch, so Lüdtke (2001: 3), „Projektion in die Zukunft“ sein, also Sprachplanung, in der sich die „Herausbildung der sprachlichen Identität eines Volkes oder Staates“ zeigt. Für diese Identitätssuche und Identitätsbehauptung wollen die Gelehrten eine Legitimation in der Geschichte finden. Deshalb fragen sie auch nach der Entstehung der romanischen Sprachen. Daraus ergeben sich nach Lüdtke (2001: 3) weitere Themen, nämlich die Herkunft der romanischen Sprachen aus dem Vulgärlatein (2), der Kontakt mit einer vorrömischen Sprache („Substrat“) (3) und der Kontakt ab der Zeit der Völkerwanderung („Superstrat“) (4). Der Kontakt wird dabei, so Lüdtke (2001: 3), zumeist für den Verfall, die „Korruption" des Lateins verantwortlich gemacht. Sprachintern wurden die geschichtlichen Verhältnisse nach Lüdtke (2001: 3) als Etymologie im Sinne von Wortherkunft (5) und nicht Wortgeschichte verstanden und die Zusammenhänge zwischen dem Vulgärlatein und den romanischen Sprachen wurden gelegentlich durch Lautentsprechungen (6) bewiesen. Die Etymologie sowie die Lautentsprechungen sind dabei, so Lüdtke (2001: 3), als frühe Formen einer sprachwissenschaftlichen Argumentation zu verstehen. Als weiteres Thema nennt Lüdtke (2001: 3) die sich mit der Zeit erweiternden Sprachkenntnisse (7). Der Vergleich mit anderen Sprachen, der durch die in Folge des Buchdrucks einsetzende Verbreitung von Grammatiken, Wörterbüchern und Texten laut Lüdtke (2001: 3-4) erst möglich wird, lässt es zu, geschichtliche Folgerungen abzuleiten und Etymologien festzustellen. Als letztes Thema benennt Lüdtke (2001: 4) die Erweiterung der Quellen (8), da erst durch das Bekanntwerden und die Verbreitung von Sprachzeugnissen Fortschritte in der Betrachtung der romanischen Sprachen erzielt werden können.

Die Zeit von Dante bis zum Ende des 16. Jahrhunderts

Lüdtke (2001: 4) teilt die diachronische romanische Sprachwissenschaftsgeschichte in vier Epochen ein, wobei er diese durch bestimmte Werke begrenzt. Die jeweiligen Werke wurden laut Lüdtke (2001: 4) deshalb für die Abgrenzung ausgewählt, weil die darin enthaltenen Ideen zukunftsweisend für die nachfolgende Zeit waren. Von einer Sprachwissenschaftsgeschichte kann Lüdtke (2001: 4) zufolge erst gesprochen werden, "wenn sich eine Tradition gebildet hat", was sich wiederum erst im Nachhinein feststellen lässt. Das bedeutet, so Lüdtke, dass ein Werk oder eine Idee allein noch nicht wegweisend ist, sondern auf Widerhall angewiesen ist.

Als erste Epoche nennt Lüdtke (2001: 4) die Zeit von Dante bis zum Ende des 16. Jahrhunderts, die vor allem durch die "Suche nach einer Form der Standardsprache" und die Frage der Herkunft der romanischen Sprachen geprägt war. Für letztere gab es laut Lüdtke (2001: 4) verschiedene Erklärungsansätze.

Laut Lüdtke (2001: 5) ist Dantes Werk De vulgari eloquentia für die Ausbildung der volkssprachlichen Literatur sehr wichtig. In De vulgari eloquentia spiegelt sich, laut Lüdtke (2001: 5), die Anerkennung der okzitanischen und französischen Literatur in Italien wider. Diese Anerkennung hatte, so Lüdtke (2001: 5) zur Folge, dass man in Italien auch Werke in beiden Sprachen verfasste. Als Beispiel führt Lüdtke (2001: 5) das enzyklopädische Werk Li livres dou tresor des Florentiner Brunetto Latini an, welches auf Französisch verfasst wurde.

Da bei Dante, so Lüdtke (2001 : 5), Probleme der Gegenwart und der Geschichte eng miteinander verbunden sind, ist es notwendig zu zeigen, wie die Wege der Sprachbeschreibung und der Sprachgeschichte divergieren. Dafür betrachtet Lüdtke (2001: 5) die ersten Zeugnisse romanischen Sprachdenkens.

Diese ersten Zeugnisse romanischen Sprachdenkens verbinden laut Lüdtke (2001: 5) die Beschreibung einer Einzelsprache mit der Abfassung von Texten, wobei die Einwirkung der lateinischen Universalgrammatik auf die frühen Grammatiken festzustellen ist. Dies hat, so Lüdtke (2001: 5), zur Folge, dass "eine elementare Beschreibung einer Einzelsprache mit einer Lehre vom Verfassen von Diskursen in Gestalt von Versdichtung" zusammenfällt. Dieser Zusammenhang wird laut Lüdtke bis zum 18. Jahrhundert weiterbestehen.

Die Beschreibung des Okzitanischen

Voraussetzung für die romanische Sprachbeschreibung ist, laut Lüdtke (2001 : 5), das Entstehen von volkssprachlichen Literaturen. Da die erste volkssprachliche Literatur in der Romania auf Okzitanisch verfasst wurde, begann, so Lüdtke (2001: 5), die Sprachbetrachtung ebenfalls mit dem Okzitanischen. Dabei ist nach Lüdtke (2001 : 5) aber zu berücksichtigen, dass sich diese Sprachbetrachtung differenzierte, da Sprache und Literatur in verschiedenen gesellschaftliche Kreisen unterschiedlich gepflegt wurden. So wurde höfische Literatur von höfischen Dichtern reflektiert, bürgerliche Literatur dagegen in den Städten weiterentwickelt.

Das Okzitanische als schriftliche Sprache erfuhr, so Lüdtke (2001 : 5), eine weite Verbreitung über die eigenen Sprachgrenzen hinaus. So wurde Okzitanisch auch im katalanischen Sprachgebiet, in Galicien und in Oberitalien geschrieben. Diese als "Provenzalisch" bezeichnete Sprache wurde, laut Lüdtke (2001: 5), allerdings erst beschrieben, als die "Blütezeit der altokzitanischen Literatur" vorbei war. Folgende Texte belegen nach Lüdtke (2001: 5), die Verbreitung des Okzitanischen als Literatursprache:

  • Raimon Vidal aus Besalù in Katalonien (zwischen 1190 und 1213): "Razos de trobar"
  • Uc Faidit (ca. 1240) in Italien: "Donatz proensals"
  • Terramagnino da Pisa (zwischen ca. 1280 und 1290) auf Sardinien: "Doctrina d'acort"
  • Jofre Foixà (zwischen 1286 und 1291) in Katalonien: "Regles de trobar"

Je nachdem mit welcher Sprache das Okzitanische in diesen Texten implizit verglichen wird, manifestiert sich nach Lüdtke (2001: 5) ein unterschiedliches einzelsprachliches Bewusstsein. So wird das Okzitanische als vulgar oder romanz bezeichnet, wenn im Hintergrund das Latein steht. Wird das Okzitanische dagegen mit einer dem Latein ebenbürtigen Sprache verglichen, so wird das Okzitanische entweder mit vulgar provenchal wie bei Uc Faidit (1240) "gegenüber dem Latein und den anderen romanischen Sprachen gleichzeitig situiert", oder mit lemosi bzw. proensal nur innerhalb der romanischen Sprachen positioniert. Die einzelnen Sprachnamen benennen also laut Lüdtke (2001: 5) nicht das Limousin oder das Provenzalische als solche, sondern stehen wie auch romanz, romans oder roman für das Okzitanische überhaupt und werden auch variierend für diese Sprache über Jahrhunderte hinweg verwendet.

Vorbilder für die Beschreibung des Okzitanischen waren laut Lüdtke (2001: 5) das Latein und Grammatiker wie Donatus (4. Jh.) mit seiner Ars minor oder Priscians (6. Jh.) mit seinen Institutiones grammaticae. Dabei stellte sich allerdings, nach Lüdtke (2001: 5) die Frage, wie die okzitanischen Kategorien mit den Kategorien des Lateins wiederzugeben waren. Unter anderem musste nämlich so Lüdtke (2001 : 5) die Reduktion der 3 lateinischen Genera auf 2 sowie die Reduktion der ursprünglich 5 Deklinationsklassen auf 3 erkannt werden. Erkannt wird des Weiteren, laut Lüdtke (2001: 5), die Reduktion des lateinischen Kasussystems von 5 auf 2 Kasus im Okzitanische, nämlich auf den Casus Rectus (retz) und den Casus Obliquus (oblics). Für die weggefallenen Kasusfunktionen wurden so Lüdtke (2001: 5) andere funktionale Kategorien wie Artikel und Präpositionen eingeführt. Was die Terminologie betrifft, so wurden nach Lüdtke (2001 : 5) nicht nur lateinische Termini adaptiert, sondern es wurden auch oft neue Termini geschaffen. So entsteht laut Lüdtke (2001: 6) durch die Auseinandersetzung mit den griechisch lateinischen Grammatiken und den durch Strukturunterschiede bedingten Innovationen jene Grammatik, die heute "traditionell" genannt wird, die aber anders als der Begriff es vermuten lässt, in ihrem Werden zu verstehen ist und nicht als einheitliches Konzept.

Dante Alighieri

Laut Lüdtke (2001: 6) konnte Dantes De vulgari eloquentia (geschrieben 1303/1304) erst durch seine Wiederentdeckung im 16. Jahrhundert seine Wirkung entfalten. Lüdtke (2001: 6) will Dante im Hinblick auf seinen „Beitrag zum allgemeinen Sprachdenken und zur romanischen Sprachwissenschaft“ betrachten. Nach Lüdtke (2001: 6) ist Dantes Ansatz anthropologisch: „Sprache ist das Charakteristikum des Menschen [und] ein Geschenk Gottes.“ Die Entstehung der Sprachenvielfalt, so Lüdtke (2001: 6), wird auf den Turmbau zu Babel zurückgeführt, als die Menschen die ursprüngliche, göttliche Sprache vergaßen und die Sprachenvielfalt als Strafe Gottes ansahen. Dies ist laut Lüdtke (2001: 6) ein auf das Buch Genesis gestütztes Sprachdenken. Dante sah jedoch, so Lüdtke (2001: 6), die Sprachveränderungen als normal an und untersuchte ihre Entwicklung in Raum und Zeit. Dantes großer Beitrag zur Sprachwissenschaft war, so Lüdtke (2001: 6), „die Abgrenzung der romanischen gegenüber anderen in Europa gesprochenen Sprachen." Laut Lüdtke (2001: 6) unterschied Dante zwischen den folgenden drei Sprachgebieten: Das erste Gebiet, das sich „von der Mündung der Donau bis zum Westen Englands“ erstreckt, ist dadurch charakterisiert, dass es „weder zum Griechischen noch zum Romanischen" gehört und „jo" als Bejahungsartikel hat. Das zweite Gebiet ist das des Griechischen, das „östlich von Ungarn" liegt. Das dritte Gebiet, das das übrige Europa umfasst, unterteilt Dante in drei Bereiche: „lingua oc" (Spanier)*, „lingua oil" (Franzosen) und „lingua sì" (Italiener).[9]

Schwierigkeiten bezüglich der Verbreitung der damals gesprochenen Sprachen ergeben sich, laut Lüdtke (2001: 6), insofern, als dass Dante die Literatursprache als Grundlage der Betrachtung heranzog. Außerdem lässt sich, so Lüdtke (2001: 6), trotz der von Dante als Belege angeführten lateinischen Wörter nicht feststellen, ob „die drei genannten romanischen Sprachen sich für Dante vom Latein herleiten [lassen].“ Laut Lüdtke (2001: 7) unterscheidet Dante innerhalb der lingua sì „14 Dialekte zu beiden Seiten des Apennins“, wobei einzelne Teile Italiens nicht oder nur ungenau behandelt werden. Laut Lüdtke (2001: 7) ist „die Feststellung einer inneren Differenzierung, sogar in der Toskana“ insgesamt das Interessanteste an Dantes Einteilung. Nach Dantes Vorstellung sollte, so Lüdtke (2001: 7), die ideale Sprache, die er selbst schon für erkennbar hielt, in Zukunft im ganzen Land gesprochen werden. Ein Aspekt den Lüdtke (2001: 7) für noch wichtiger hält, ist Dantes „Nachdenken über die Funktion einer Gemeinsprache“, bevor es eine solche Gemeinsprache in Italien gab. Dante unterscheidet dabei, nach Lüdtke (2001: 7), zwischen einer „locutio vulgaris", die jedes Kind „ohne Regeln als natürliche Sprache“ lernt, und einer künstlichen, fixierten und sich nicht wandelnden „locutio secundaria". Laut Lüdtke (2001: 7) reflektierte Dante so „als Erster das Verhältnis zwischen geschriebener Standardsprache und gesprochener Volkssprache“. Eine solche Standardsprache bedarf nach Lüdtke (2001: 7) der Fixierung einer gramatica. Dante ist, laut Lüdtke (2001: 7), „auf der Suche nach einer italienischen Volkssprache, die alle Funktionen einer Standardsprache erfüllt“. Das Griechische und das Latein erfüllten nach Lüdtke (2001: 7) diese Funktionen. Lüdtke (2001: 8) führt weiter an, dass eine solche Sprache, nach Dante, erstens „eine Literatursprache („illustre") und zweitens eine Leitvarietät („cardinale") sein sollte, also die dominante Varietät einer Literatursprache. Des Weiteren sollte sie, laut Lüdtke (2001: 8) „aulicum", also Sprache der Herrschaftsausübung und zwar auch in der Rechtsprechung sein. Das letzte Merkmal („curiale") ist, laut Lüdtke (2001: 8), schwieriger zu deuten, kann jedoch als „höfische Sprache" bestimmt werden. Laut Lüdtke (2001: 9) sind Dantes Überlegungen zur „locutio secundaria" bis heute bemerkenswert, obgleich die Entwicklung des Italienischen, die Dante annahm, einen „anderen Gang genommen" hat. Die Grundlage von Dantes persönlichem „vulgare illustre" ist, nach Lüdtke (2001: 9), eine bestimmte Volkssprache aus dem "municipalium grex vulgarium" - nämlich das Florentinische - „dessen Geschichte [...] den größten Teil der Geschichte des Italienischen aus[macht]".

Die Korruptionsthese und ihre Gegner

Während des italienischen Humanismus stellte sich nach Lüdtke (2001: 9) das Problem des Abstands zwischen dem Latein und der damaligen Volkssprache. Als Leonardo Bruni (1374-1444) und Flavio Biondo (1392-1463) 1435 in Florenz im Vorzimmer des Papstes ein Gespräch führten, vertrat Bruni, laut Lüdtke (2001: 9), die Auffassung, dass es schon in der Zeit der Römer eine Sprache der Gebildeten und eine Volkssprache gab, welche sich in großem Maße unterschieden, und dass Cicero seine Reden in der Volkssprache gehalten und danach in der Literatursprache niedergeschrieben hat, die Volkssprache also die Grundlage der Sprache der Dichter und der Redner war. Im gleichen Zug wurde die grammatische Regelmäßigkeit des Lateins als ein Musterfall dafür gesehen, dass das Italienische ebenfalls fähig zu einer solchen Grammatik ist.

Laut Lüdtke (2001: 9) sieht Flavio Biondo dagegen nur geringfügige Unterschiede zwischen der Sprache der Gebildeteten und der des Volkes. Für Flavio Biondo ist, so Lüdtke (2001: 9), die neue Volkssprache dagegen ein von Barbaren verderbtes Latein, eine "loquela mixta". Diese These wird, so Lüdtke (2001: 9), "Korruptionsthese", "Barbarenthese", oder "Germanenthese" genannt, denn sie führt die Entstehung der romanischen Sprachen auf das Wirken von Sprachkontakt während der Völkerwanderung zurück. Übernommen wird diese Idee von Sprachmischung, die laut Lüdtke (2001: 9) eine frühe Form der viel später von Walther von Wartburg (1951) vertretenen "Superstratthese" war, auch von Leon Battista Alberti (1404-1472) und Lorenzo Valla (1407-1457). Poggio Bracciolini (1380-1459), der die Sprachmischung bereits im Latein der Antike erkannte, vertrat dagegen, laut Lüdtke (2001: 9) eine "Substratthese". Beide Seiten sind so Lüdtke (2001: 9) letztendlich am klassischen Latein interessiert, weshalb sich im 15. Jahrhundert auch nur Autoren mit dem Unterschied zwischen Latein und Italienisch beschäftigten. Die Unterschiede, so Lüdtke (2001: 9), wurden gelegentlich auch durch etruskischen oder griechischen Einfluss erklärt.

Erweiterung der Sprachkenntnisse

Ab dem Ende des 15. Jahrhunderts öffneten sich nach Lüdtke (2001: 10) die Länder einander, was dazu führte, dass die einzelnen nationalen Sprachen bekannter und miteinander vergleichbar wurden. Durch den Buchdruck dehnten sich so Lüdtke (2001: 10) zudem die Kenntnisse dieser Sprachen aus. Nach der Eroberung Konstantinopels 1453 durch die Türken flohen nach Lüdtke (2001: 10) griechische Gelehrte nach Italien und machten dort ihre Sprache und Schriften bekannt. An den Universitäten wurden, so Lüdtke (2001: 10) Lehrstühle für Griechisch eingerichtet, so zum Beispiel auch in Frankreich unter Franz I. Im 16. Jahrhundert kamen laut Lüdtke (2001: 10) nicht nur weitere ältere Sprachen wie z.B. das Hebräische, oder das Syrische hinzu, sondern auch die damals in Europa verbreiteten Sprachen. Die neu erworbenen Sprachkenntnisse, so sagt Lüdtke (2001: 10), waren die Voraussetzung dafür, dass die Herkunft der romanischen Sprachen abgesichert, eine Genealogie der Sprachen aufgestellt und die Herkunft etymologisch belegt werden konnte. Zudem führten diese Sprachkenntnisse, laut Lüdtke (2001: 10) zu einer von neuen Impulsen geprägten geschichtlichen Sprachreflexion, die versuchte Zusammenhänge zwischen den Sprachen herzustellen. Dabei wurden, gemäß Lüdtke (2001: 10), diese Vergleiche entweder synchronisch unternommen, wodurch sich Übereinstimmungen und Unterschiede zwischen den Sprachen konstatieren ließen, oder es wurde eine Genealogie der Sprachen aufgestellt. Letzteres bedingte in den darauffolgenden drei Jahrhunderten, so Lüdtke (2001: 10), dass genauere Kenntnisse über die Herkunft von Sprachen und Sprachfamilien gewonnen werden konnten.

Sprache und Nationalismus

Laut Lüdtke (2001: 10) sind die Schriften eng mit der "auf die Herausbildung von Nationalstaaten gerichteten Ideologie" verbunden, "die neue Anforderungen an den Ausbau und die Funktionen von Sprachen stellte." In Italien hatte man so Lüdtke (2001: 10) den Anspruch, „das antike Erbe fortzusetzen". In anderen Ländern versuchte man dies laut Lüdtke (2001: 10) zu übertrumpfen, denn man glaubte, nur so den "Anspruch auf sprachlichen Ausbau" der eigenen Sprache gegenüber dem Latein durchsetzen zu können. Dass die sich ausbildenden Nationalsprachen ideologisch miteinander konkurrierten, sieht Lüdtke (2001: 10) jedoch nur als Nebenschauplatz, denn der Grund für das Schreiben in der eigenen Sprache liegt laut Lüdtke in der staatlichen Unterstützung begründet. Lüdtke (2001: 10-11) zitiert hierzu Antonio de Nebrijas Aussage siempre la lengua fue compañera del imperio - die Sprache hat immer die Herrschaft begleitet. Der Ausbau der Nationalsprachen ist jedoch so Lüdtke (2001: 11) nur mittels Anleihen aus dem Latein und dem Griechischen möglich. So ruft Joachim du Bellay, gemäß Lüdtke (2001: 11) zum Plündern der klassischen Sprachen auf. Lüdtke (2001: 11) geht des Weiteren auf die Germanenthese ein, in welcher die Verachtung des Deutschen (verallgemeinernd auch der anderen germanischen Sprachen) zum Ausdruck kommt. Begründen konnte man diese Verachtung laut Lüdtke (2001: 11), indem man den germanischen „Barbaren“ den Verfall des Lateins anlastete.

Viele gingen laut Lüdtke (2001: 11) noch viel weiter in der Vergangenheit zurück und suchten die Ursprünge der Volkssprachen in der Sprache Adams, also dem Hebräischen, oder in einer der Sprachen, die vor dem Turmbau zu Babel gesprochen wurden. So leiten Lüdtke (2001: 11) zufolge Piero Valeriano (1524) das Toskanische und Pier Francesco Giambullari (1495-1555) das Florentinische aus dem Etruskischen ab. Letzterer führt das Etruskische laut Lüdtke (2001: 11) wiederum auf das Hebräische und Chaldäische zurück. Als Beispiel nennt er so Lüdtke (2001: 11) das italienische ballare (tanzen), welches er vom aramäischen bacal (mischen) ableitet.

Diachronische Sprachbetrachtung in Italien

Nach Lüdtke (2001: 11) war das Florentinische dabei, "sich als Schriftsprache in ganz Italien auszubreiten". Zur selben Zeit gab es laut Lüdtke (2001: 11) ein Bewusstsein "von einer nationalen Einheit, der keine politische und staatliche Einheit entsprach. Eine Symbolfigur für die Einheit von italienischer Sprache und Nation ist laut Lüdtke (2001: 11) Niccolò Machiavelli (1469-1527), der in dem zwischen 1513 und 1514 geschriebenen, aber erst 1532 veröffentlichten Il principe zur nationalen Einheit aufruft und im Discorso o dialogo intorno alla nostra lingua, also ganz am Anfang der questione della lingua, nicht nur der Frage nachgeht, in welcher Sprache die Florentiner im 14. Jahrhundert geschrieben haben, sondern auch nachweist, dass Dantes Sprache das Florentinische war. Bei der das ganze 16. Jahrhundert bewegenden questione della lingua geht es laut Lüdtke (2001: 11) dann aber um die Frage, in welcher Sprache zukünftig geschrieben werden sollte, im Florentinischen des 14. Jahrhunderts, im aktuellen Florentinisch, im Toskanischen oder im Italienischen. In Bezug auf diese questione della lingua vertreten die Humanisten, laut Lüdtke (2001: 11) die Position, dass die Volkssprache ein durch die Barbaren entartetes Latein ist. Die Vulgärhumanisten hingegen verstehen, so Lüdtke (2001: 11), die Volkssprache - wie Pietro Bembo (1470-1547) in Prose de la volgar lingua (1525) - als eine neue Sprache, die viele Wörter okzitanischen und französischen Ursprungs aufweist und die auch als Schriftsprache geeignet ist. Laut Lüdtke (2001: 12) ist Niccolò Machiavelli einer von wenigen, die Sprachwandel für einen natürlichen Prozess halten. Gemäß Lüdtke (2001: 12) betrachtet Claudio Tolomei (1481 / 1491-1556) das Latein zwar als die Hauptgrundlage des Toskanischen, fügt aber hinzu, dass einiges auch aus dem Germanischen sowie dem Etruskischen, das vom Latein überlagert worden war, ins Toskanische übernommen wurde. Benedetto Varchi (1503-1565) plädiert in seinem Werk Ercolano (1570 / 1564) laut Lüdtke (2001: 12) für die aristotelisch gedachte "generazione", also die Geburt einer neuen Sprache.

Vier Begriffe von „Etymologie“

Die sich in der Renaissance als Disziplin entwickelnde Etymologie ist nach Lüdtke (2001: 12) die Voraussetzung der historischen Grammatik. Was die etymologische Forschung betrifft, so lassen sich, wie Lüdtke (2001: 12) erläutert, die folgenden drei Arten von diachronischen Fragen und eine synchronischen Frage unterscheiden. Bei der ersten Art der etymologischen Frage geht es, so Lüdtke (2001: 12), um das Zurückführen eines Wortes auf andere Wörter der gleichen Sprache oder auf Lautmalerei, d. h. es wird nach der Motivation des Wortes gesucht. Dieses Verfahren findet sich laut Lüdtke (2001: 12) bei denen, die Wörter 'wörtlich' nehmen und nach ihrer eigentlichen Bedeutung suchen. Die zweite Art der diachronischen Frage ist nach Lüdtke (2001: 12) in den meisten etymologischen Wörterbüchern zu finden. d. h. hier wird versucht, die Wörter des aktuellen Sprachgebrauchs mithilfe der "Herkunft eines Wortes aus einer bestimmten Sprache zu erklären", also einen Anfangs- und Endpunkt anzunehmen. Die dritte Art fokussiert laut Lüdtke (2001: 12) „zusätzlich zur Herkunft eines Wortes seine Geschichte unter Berücksichtigung der formalen und der inhaltlichen Entwicklung. Neben dieser Etymologie als Wortgeschichte, wird aber, laut Lüdtke (2001: 12), in den beschreibenden Grammatiken bis zum 18. Jahrhundert auch Etymologie im Sinne von Morphologie gebraucht, auch wenn eventuell eine intuitive Unterscheidung zwischen Etymologie und Morphologie bereits vorhanden war. In der Renaissance wird nach Lüdtke (2001: 12) die zweite diachronische Frage gestellt, also „Aus welcher Sprache stammt ein Wort?“. Dabei wurde so Lüdtke (2001: 12) allerdings versucht, Ähnlichkeiten anhand von Lauten und Buchstaben aufzudecken und so die Herkunft zu bestimmen. Dieses Verfahren war, laut Lüdtke (2001: 12) "abstrakt und ahistorisch", denn es wurde dabei von einer "Verwandtschaft der Buchstaben" in allen Sprachen ausgegangen. Manche Autoren unterschieden aber, so Lüdtke (2001: 12) auch zwischen Laut und Buchstaben. Aus heutiger Sicht erscheinen die Vorgehensweisen von Etymologen zwar absurd, sie dürfen aber nach Lüdtke (2001: 12) dennoch nicht leichtfertig abgetan werden, denn die Etymologen verfügten zur damaligen Zeit noch nicht über entsprechende Methoden und mussten so unvollkommene Hilfsmittel nutzen.

Aufgrund von fehlenden Kenntnissen in historischer Grammatik wurden, so Lüdtke (2001: 12), ältere Sprachen untereinander sowie mit dem Französischen verglichen. Dabei wurde eine enge Verwandtschaft zwischen Latein und den romanischen Sprachen nachgewiesen. Die Etymologen interessierten laut Lüdtke (2001: 12) jedoch mehr die inneren Entwicklungen der Sprachen, als die äußeren Einflüsse.

Diachronische Sprachbetrachtung in Frankreich

Laut Lüdtke (2001: 14) hängt die französische Sprachbetrachtung im 16. Jahrhundert von der italienischen ab. Die Herkunft des Französischen spielt nach Lüdtke (2001: 14) hierbei eine größere Rolle als in anderen romanischen Ländern, wobei jedoch angenommen wird, dass Französisch nicht allein vom Latein abstammt. Die Lösungsansätze selbst sind, so Lüdtke (2001: 14), von einer nationalen Sprachideologie geprägt, wonach eine Sprache umso wichtiger und somit überlegener ist, je älter sie ist. Charles de Bovelles vertritt nach Lüdtke (2001: 14) beispielsweise die Ansicht, dass die Germanen der Völkerwanderungszeit für die Korruption des Lateins verantwortlich sind, was auch als Germanenthese bezeichnet wird. Dabei ist, laut Lüdtke (2001: 14) zu beachten, dass für Gelehrte, wie etwa Henri Estienne, Germanisch und Keltisch das Gleiche waren.

Der Jurist Guillaume Budé (1467-1547) und andere gehen hingegen laut Lüdtke (2001: 14) von einer griechischen Herkunft des Französischen aus und versuchen diese mit arbiträren Beispielen zu beweisen. Jacques Dubois (1478-1555) vertritt in seinem 1531 erschienenen Werk In linguam gallicam isagwge nach Lüdtke (2001: 14) zwar eine ähnliche Ansicht, nimmt aber dann doch an, dass Französisch, Italienisch und Spanisch im (korrumpierten) Latein ihre gemeinsame Grundlage haben. Die Herleitungen dieser Zeit sind laut Lüdtke (2001: 14) oftmals von nationalem Charakter und versuchen die Überlegenheit des Französischen gegenüber anderen romanischen Sprachen herauszustellen. Einen solchen Versuch unternimmt, so Lüdtke (2001: 14) weiter, auch Henri Estienne (1531-1598) in seinem Traité de conformité du language françois avec le grec (1567), wo er das Griechische als Ursprung sieht und die Sprache, die diesem Ursprung am nächsten steht, als die Reinste wertet. Da Etienne der Ansicht ist, dass das Latein, das Italienische und das Spanische dem Griechischen ferner stehen als das Französische, ist für ihn somit die Überlegenheit des Französischen gegenüber diesen Sprachen bewiesen, wobei auch er, so Lüdtke (2001: 14) eher willkürliche Etymologien anführt. In seinen späteren Werken kommt Henri Estienne laut Lüdtke (2001: 14) "den wirklichen Verhältnissen" aber näher, indem er das Vulgärlatein und das klassische Latein als sich gegenseitig beeinflussende Entitäten wahrnimmt und beim Französischen letztendlich Einflüsse aus beiden annimmt.

Zur Unterstreichung der Überlegenheit des Französischen gegenüber anderen romanischen Sprachen, versuchen nach Lüdtke (2001: 14) auch einige Renaissancephilologen die französische Sprache auf das Keltische zurückzuführen. So wird laut Lüdtke (2001: 14-15) beispielsweise von Petrus Ramus (1515-1572) argumentiert, dass die gallische Kultur noch älter als die griechische und das Französische deshalb auch ursprünglicher als andere Sprachen ist. Dabei geht Ramus laut Lüdtke (2001: 15) sogar davon aus, dass die Gallier die Lehrer der Griechen waren.

Der Ansatz jener Sprachbetrachtung hat, so Lüdtke (2001: 15), die Legitimierung des Vorrangs des Französischen zum Ziel und basiert auf der Suche nach einer anderen, weiter zurückliegenden Herkunft als der aus dem Latein. So wird versucht die Abstammung des Französischen im Griechischen, im Hebräischen und im Gallischen zu finden. Nach Lüdtke (2001: 15) hätte man das Französische auch mit einer in Frankreich gesprochenen keltischen Sprache, dem Bretonischen, vergleichen können. Da das Wissen über das Bretonische damals jedoch schlecht und nicht ausreichend fundiert ist und dessen Herkunft ebenfalls diskutiert wird (z.B. sieht François Hotman (1524-1590) das Bretonische als Fortsetzung des alten Gallischen, während Joseph-Juste Scaliger (1540-1609) das Bretonische als britisches Keltisch sieht, bleibt laut Lüdtke (2001: 15) ein solcher Vergleich aus. Nach Lüdtke (2001: 15) existiert auch eine besonderen Form der keltischen These, nach der das Französische eigenständig und geschichtlich von keiner anderen Sprache abhängig ist und schon immer in Gallien gesprochen wurde.

Im Gegensatz zu Italien und Spanien wird nach Lüdtke (2001: 15) die These der lateinischen Herkunft in Frankreich kaum ohne Einschränkungen und immer zusammen mit dem Einfluss des Semitischen, des Griechischen und des Keltischen vertreten. Claude Fauchet (1530-1601/1602) lehnt in seinem 1581 erschienenem Werk Receuil de l'origine de la langue et poesie françoise, rhyme et romans, gemäß Lüdtke (2001: 15), zwar die Verbindung zum Hebräischen ab, kombiniert jedoch die Lehrmeinungen von keltischen und germanischen Ursprüngen bzw. Einflüssen. Seiner Meinung nach hat der Kontakt des Keltischen und des Lateinischen eine korrumpierte Sprache als Ergebnis, welche nach der Invasion der Franken zum Romand geworden ist. Fauchet ist bekannt, so Lüdtke (2001: 15), dass um 600 eine vom klassischen Latein verschiedene Sprache entstanden war, nämlich das vulgaire latin, wie es in Italien heißt, oder die langue romaine ou romande, wie sie nördlich der Alpen genannt wird. Fauchet sind , laut Lüdtke (2001: 15) auch die Straßburger Eide bekannt, und zwar schon bevor Jean Bodin (1529-1596) in seinem Werk République von 1576 einen ersten Hinweis darauf gibt, denn dieser nennt als seine Quelle gerade Fauchet. Laut Lüdtke (2001: 15) sind die Straßburger Eide von da an bis heute ein wichtiger Referenztext in der französischen Sprachgeschichtsschreibung. Fauchet selbst sah die Straßburger Eide allerdings, so Lüdtke (2001: 15), als einen okzitanischen Text an und das Okzitanische als "Vorstadium des Französischen".

Etienne Pasquier (1529-1615) weist nach Lüdtke (2001: 15) in seinem Werk Les recherches de la France (1560-1621) viele Gemeinsamkeiten mit den Auffassungen Fauchets auf. Er beschreibt das Französische als eine Art Mischsprache, die hauptsächlich aus dem Romain, d. h. aus lateinischen Elementen, aus dem alten Gallischen und dem Fränkischen besteht. Desweiteren stellt Pasquier, so Lüdtke (2001: 15), Einflüsse des Keltischen, des Griechischen und im 16. Jahrhundert des Italienischen auf das Französische fest.

Die Kenntnis der Quellen bei Fauchet und Pasquier ist laut Lüdtke (2001: 15) beachtlich und die von ihnen genannten Texte bleiben auch später bekannt. Im Gegensatz zu Italien, wo laut Lüdtke (2001: 15) die literarischen Texte des 14. Jahrhunderts Vorbilder bleiben, werden in Frankreich keine literarischen Texte des Mittelalters und nur allmählich nicht-literarische Quellen näher untersucht. Mit Jean de Nostredame und seinem Werk Les vies des plus célèbres et anciens Poètes preovensaux, qui ont floury du temps des comtes de Provence von 1575 beginnt, so Lüdtke (2001: 15) die Rezeption von okzitanischer Literatur, auch wenn er "ein allzu romantisch-phantasievolles Bild von der Literatur" gibt.

Laut Lüdtke (2001: 15) bedurfte es zunächst einer Einsicht in die Verwandtschaft der europäischen Sprachen überhaupt, um die Hypothesen vom Ursprung des Französischen ordnen zu können. Diese Einsicht liefert nach Lüdtke (2001: 15) Josephe-Juste Scaliger in Diatriba de Europaeorum linguis 1599. Dabei widerlegt Scaliger laut Lüdtke (2001: 15) nicht nur die Hypothese der "chronologisch gereihten Verwandtschaft zwischen den europäischen Sprachen", bei der auf der einen Seite das Lateinische aus dem Griechischen hervorgeht, welches selbst wiederum aus dem Gallischen hervorgeht, und auf der anderen Seite alle drei Sprachen direkt aus dem Hebräischen abstammen, sondern er klassifiziert auch "die europäischen Sprachen nach Sprachfamilien". Scaliger gibt laut Lüdtke (2001: 15-16) an, dass in Europa elf Muttersprachen, die matrices linguae, gesprochen werden, aus denen "Abkömmlinge", die propagines, bzw. idiotismi, sogenannte "Sprechweisen" und / oder dialecti hervorgehen, denen wiederum die idiomata, die "eigentümlichen Sprachformen" untergordnet werden, die sich so Lüdtke (2001: 16) als Varietäten verstehen lassen. Die matrices linguae teilt Scaliger laut Lüdtke (2001: 16) in vier größere und sieben kleinere ein. Erstere sind laut Lüdtke (2001: 16) das Lateinische, das Griechische, das Germanische und das Slavische, welche allesamt die gleiche Bennenung für "Gott" aufweisen, zu letzteren zählen das Albanische, das Tatarische, das Ungarische, das Finnisch-Lappische, das Irische, das Altbritische und das Kantabrisch-Baskische. Scaliger leitet damit nach Lüdtke (2001: 16) eine Wende in der vergleichenden Sprachwissenschaft ein.

Grammatiken und Sprachtraktate

Laut Lüdtke (2001: 9) treten im 16. Jahrhundert "die romanischen Volkssprachen in den Mittelpunkt der Fragestellung". Damit kommt es so Lüdtke (2001: 10) zu geschichtlichen und etymologischen Untersuchungen. Zudem wird, so Lüdtke (2001: 10) weiter, der Humanismus vom Vulgärhumanismus abgelöst. Vorbereitet wurde diese Ablösung, so Lüdtke (2001: 10), in Italien durch die Ablösung des mittelalterlichen Lateins durch das klassische Latein, das unter den Humanisten eine Renaissance erfahren hatte. Durch den Purismus der Humanisten wurde laut Lüdtke (2001: 10) der Abstand zwischen dem Latein und den romanischen Sprachen immer größer. Aufgrund dieser Distanz hatten die romanischen Volkssprachen, laut Lüdtke (2001: 10), nun neue Aufgaben zu erfüllen, für die das Latein nicht mehr "taugte".

Italienisch

Grammatiken

Eine italienische Normgrammatik sollte anfangs nur für die Entstehung einer exemplarischen und literarisch wertvollen Schriftsprache verfasst werden, später jedoch hauptsächlich, um eine einfache und zufriedenstellende Reproduzierbarkeit zu gewährleisten (cf. Poggi Salani, 1988: 781). Nach Poggi Salani musste die deskriptive Grammatik des Italienischen eine normative Grammatik sein, denn die meisten Grammatiker gehen von Überlegungen zu einer exemplarischen Schriftsprache aus und wollen ihre Reproduzierbarkeit garantieren. Dabei wurde innerhalb der Sprache mit ihrem Wortschatz, ihren grammatikalischen Besonderheiten und ihrer Syntax nicht nur gekürzt, sondern auch Neues hinzugefügt, präzisiert und verändert (Poggi Salani, 1988: 781). Bei der Verfassung der Normgrammatik konkurrierten zwei verschiedene grundlegende Ansichten: die Anhänger der ersten forderten, dass die Norm nur aus der Schriftsprache entstehen solle, während die der zweiten der Meinung waren, dass sich die Norm aus der in Florenz gesprochenen Sprache.

Dabei sollte sich an dem dem Lateinischen sehr nahestehenden Toskanischen orientiert werden, wodurch Eigenheiten anderer Dialekte (z. B. "leggemo" in Siena und Rom) zugunsten der am Florentinischen orientierten Norm ("leggiamo") vereinheitlicht werden sollten (Poggi Salani, 1988: 782). Letztendlich entschied man sich dazu, die deskriptive Grammatik notwendigerweise mit der normativen Grammatik abzustimmen (Poggi Salani, 1988: 781: "La grammatica descrittiva dell'italiano doveva necessariamente coincidere con la grammatica normativa") und folgte somit der zweiten der oben beschriebenen Ansichten zur Normbildung.

Einleitender Text:

  • Bedeutung des Lateinischen
  • Dichte von Grammatiken in der Zeit von .. bis ..
  • Zusammenhang mit der Questione della lingua, ihre Sprache und Lexik (Dante, Boccaccio, Petrarca)
  • Bezüge zu den großen Schriftstellern der Zeit
  • Abschnitt Normgrammatik
  • Gegenseitige Beeinflussung des Buchdruckes, d.h. die von ihm hervorgebrachte Notwendigkeit einer Sprachnormierung und der Erscheinung der Grammatiken
  • ~1434-43 Grammatichetta vaticana von Leon Battista Alberti
  • 1516 Regole grammaticali della volgar lingua von Giovanni Francesco Fortunio
  • 1521 Le vulgari elegantie von Niccolò Liburnio
  • 1524/5 Discorso o dialogo intorno alla nostra lingua von Niccolò Machiavelli
  • 1525 Prose della Volgar von Pietro Bembo
  • 1526 Le tre fontane di Messer Nicolò Liburnio in tre libri divise, sopra la grammatica, et eloquenza di Dante, Petrarca, et Boccaccio
  • 1528 Il Cortegiano von Baldassar Castiglione
  • 1529 Grammatichetta und Dialogo del Trissino intitulato Il Ccastellano: nel quale si tratta della lingua italiana Gian Giorgio Trissino
  • 1533 La grammatica volgar dell'Ateneo von Marco Antonio
  • 1536 Il Vocabulario di cinquemilla Vocabuli Toschi non men oscuro che utili e necessari del Furioso, Boccaccio, Petrarca e Dante von Fabricio Luna
  • 1539 Le osservazioni sopra il Petrarca von Minerbi
  • 1543 Le richezze della linguar volgare sopra il Boccaccio von Minerbi
  • 1543 Vocabulario, grammatica, et ortographia de la lingua volgare [...] con ispositioni di molti luoghi di Dante, del Petrarca et del Boccaccio von Alberto Acarisio
  • 1548 La fabrica del mondo von Minerbi
  • 1549 Fondamenti del parlar toscano von Rinaldo Corso
  • 1550 Osservazioni della volgar lingua von Lodovico Dolce
  • ~1551 Commentarii della lingua italiana (veröffentlicht 1582) von Girolamo Ruscelli
  • 1552 Regole della lingua fiorentina von Pier Francesco Giambullari
  • 1555 Il Cesano von Claudio Tolomei


Schon Dante Alighieri, wie Lubello (2003: 208-209) ausführt, lobt zu Beginn des 14. Jahrhunderts in seiner Abhandlung Convivio das Volgare als die 'neue Sonne', die das seiner Meinung nach "künstliche" (artificiale) Latein ersetzen kann, und entwickelt in De vulgari Eloquentia ein regelrechtes vademecum der Rhetorik des Volgare mit Bezugnahme auf Stil, Metrum und sonstige Komponenten. Während im 15. Jahrhundert immer noch eine Mehrheit der Italiener im Schriftverkehr Latein verwendet, sind lediglich die Toscana im Allgemeinen und Florenz im Speziellen bemüht, das Volgare zu verwenden und zu verbreiten (cf. Lubello 2003: 209).

Das erst im 20. Jahrhundert wiederentdeckte Manuskript von Leon Battista Albertis Grammatichetta von 1434-43 enthält, so Lubello (2003: 209) weiter, bereits gesammelte Erkenntnisse über die Regelmäßigkeiten, grammatikalische Regeln, und ein orthografisches System für die Lexik des Volgare. Es ist damit die erste italienischsprachige grammatische Abhandlung (cf. Poggi Salani, 1988: 776). Der Certame Coronario, ein öffentlicher Wettstreit zur Frage nach der Natur des Lateins in Rom, den Leon Battista Alberti 1441 in Florenz organisiert, soll die hohe literarische Qualität des toskanischen Volgare zeigen, während die grammatichetta praktisch erklärend vorgeht und die korrekte Nutzung der Sprache darstellt (cf. Poggi Salani 1988: 776). In der grammatichetta bezieht sich Alberti auf die vorherrschende Diskussion über die Natur des Lateinischen, und unterstreicht dabei die außerordentliche "Latinität" der Lexik des toskanischen Volgare (cf. Poggi Salani 1988: 776). Im Volgare findet er die grammatischen Kategorien des Lateins wieder, fügt allerdings, Laut Poggi Salani, den bestimmten Artikel, das passato prossimo und den Konditional ein (cf. Poggi Salani 1988: 776). Die Grammatik zeigt also, so Poggi Salani, zugleich den lateinischen Ursprung des Volgare und seine Regelhaftigkeit auf (cf. Poggi Salani 1988: 776). Außerdem wird nun zwischen sieben Vokalen unterschieden, die unterschiedliche Aussprache des "z" angepasst und die Nutzung des Artikels geregelt (cf. Poggi Salani 1988: 776).

So entwickelt sich, laut Lubello (2003: 209), das 16. Jahrhundert mit seinen vielzähligen Grammatiken zu einem Jahrhundert der Norm ("secolo della norma"), in dem die sogenannte Sprachenfrage ("questione della lingua") vorherrscht (cf. Poggi Salani 1988: 776). Grundlegend für diese ist die Notwendigkeit einer Vereinheitlichung des Volgare, da nun neben Florenz auch Venedig mit den ersten Ausgaben von Petrarcas Canzoniere (1501) und Dantes Divina Commedia (1502) zu einem Hauptdruckzentrum wird und man nun mehr denn je auf eine einheitliche Sprache drängt (cf. Lubello 2003: 210).

Bei den nun erscheinenden Grammatiken können laut Lubello verschiedene Positionen unterschieden werden: In der ersten gedruckten italienischen Grammatik von Giovanni Francesco Fortunio (Regole grammaticali della volgar lingua, 1516) werden Regeln zum korrekten Scheiben und Sprechen aufgestellt, die sich auf zwei Bücher verteilen: Das erste Buch behandelt die Nomen und Adjektive, Pronomen und Artikel, Verben, Adverben und Konjunktionen und weist eine eher didaktisch-monotone Schreibweise auf. Das zweite Buch dagegen befasst sich nur mit der Rechtschreibung (cf. Poggi Salani 1988: 776; cf. Lubello 2003: 210). Die Systematisierung des Volgare orientiert sich an den drei großen florentinischen Poeten Dante, Petrarca und Boccaccio (cf. Lubello 2003: 210) und ist damit Vorläufer für einige weitere Grammatiken.

Neben Fortunio setzen sich auch Niccolò Liburnio (Le vulgari elegantie, 1521) – der mit seinem Werk Le tre fontane di Messer Nicolò Liburnio in tre libri divise, sopra la grammatica, et eloquenzia di Dante, Petrarcha, et Boccaccio (1526) den Vorläufer für das erste Standardwörterbuch liefert – und Pietro Bembo in seinen Prose della Volgar Lingua (1525) für ein klassisches Volgare ein, das sich ebenfalls auf den alten, prestigeträchtigen und literarischen Texten aufbauen soll, was, so Lubello, zu einer Vereinheitlichung des gesprochenen und des geschriebenen Volgare führt (2003: 210). Bembos Werk nimmt im Gegensatz zu Fortunio eine strikte Trennung zwischen Prosa und Lyrik vor (cf. Lubello 2003: 210) und ist nicht didaktischer, sondern rhetorisch-normativer Natur. Es werden ein florentinischer Wortschatz sowie dialektische und lateinische Elemente aufgegriffen, wobei der Schwerpunkt auf den literarischen Stil der Sprache gelegt wird. Bembos Prose bestehen aus drei Bänden, von denen der dritte trotz mangelnder Schematisierung am ehesten als Grammatik bezeichnet werden kann (cf. Lubello 2003: 210). Darüber hinaus beeinflussen sie andere Schriftsteller nachhaltig und verzeichnen somit großen Erfolg. Lubello (2003: 211) führt als Beispiel dafür Ludovico Ariosto an, der in seiner Überarbeitung des Orlando Furioso für die dritte Ausgabe Korrekturen nach Bembos Grammatik vornimmt (cf. Lubello 2003: 211). Während Fortunio und Bembo laut Lubello als Vertreter eines Modells des Florentinischen des 14. Jahrhunderts angesehen werden können, orientieren sich die Werke der toskanischen Linie laut Lubello (2003: 211) an der "attenzione all'uso contemporaneo, intenti più esplicitamente glottodidattici, apertura verso il parlato".

Niccolò Machiavelli wendet sich dagegen in der Mitte des 16. Jahrhunderts in seinem Discorso o dialogo intorno alla nostra lingua (1555) von der Idee eines auf dem Florentinischen des 14. Jahrhunderts basierenden Volgare ab (cf. Lubello 2010), während Claudio Tolomei (Il Cesano (1555)) das gesamte Toskanisch ablehnt (cf. Lubello 2003: 210). Baldassar Castiglione (Il Cortegiano, 1528) trat wiederum laut Lubello (2003: 210) für eine an den Höfen gebrauchte Version des Volgare ein, während sich Trissino für eine "italienische" Sprache aussprach, die, Dantes volgare illustre folgend, auf allen Dialekten Italiens beruhen sollte (Dialogo del Trissino intitulato Il castellano: nel quale si tratta de la lingua italiana, 1529). Trissinos Grammatichetta (1529) zeichnet sich, nach Poggi Salani, durch ein grundlegendes Schema einer literarischen Sprache mit direkter Bezugnahme auf einige neue orthografische Besonderheiten und einer eher trockenen Morphologie aus (1988: 777). Dabei wollte Trissino, so Poggi Salani, eine ideale italienische Sprache erschaffen, bei der er sich nicht an den bisher kanonischen Werten orientierte (1988: 777).

Allen Ansätzen war, laut Lubello, dennoch gemein, dass sie einen stilistischen und literarischen Idealtypus einer Sprache forderten, der sich weniger auf eine Alltagssprache, denn auf eine rhetorische Öffentlichkeits- oder Schriftsprache anwenden ließ (cf. Lubello 2003: 210). La grammatica volgar dell'Ateneo (1533) von Marco Antonio Ateneo Carlino basiert laut Poggi Salani auf der Schriftsprache Petrarcas, Jacopo Sannazaros (L‘ Arcadia) und Pietro Bembos (Asolani). Aufgrund dieses Bezugsrahmens passiert es, wie laut Poggi Salani (1988: 777) Corti festgestellt hat, dass bei Ateneos Grammatik ein provinzielles Ergebnis zur literarischen Form der Prosa wird, und ein florentinisches Ergebnis zur literarischen Form der Lyrik. Die Fondamenti del parlar toscano (1549) von Rinaldo Corso weisen eine phonologisch-morphologische Ausrichtung auf, in der sich Corso im Hinblick auf die Auswahl der Formen ebenfalls an Bembo und den drei großen florentinischen Dichtern orientiert und sich stilistisch auf den Stil der Prosa und Lyrik beschränkt. Seine Grammatik weist eine didaktische Struktur mit kleinschrittigen Regeln auf (cf. Poggi Salani, 1988: 777).

Die Osservazioni della volgar lingua (1550) von Lodovico Dolce behandeln im ersten Buch vor allem Aspekte der Morphologie und der Phonetik, Syntax sowie der Rhetorik. Die nachfolgenden Bücher beschäftigen sich, so Poggi Salani (1988: 777) , mit der Rechtschreibung, Zeichensetzung und der Poetik. Im Verlauf der Grammatik stimmt Dolce Lobeshymnen auf Bembo und Fortunio an, lässt jedoch in Anlehnung an Corso scharfe Bemerkungen gegen Trissino fallen und zitiert aus den Werken Petrarcas und Boccaccios, sowie einiger zeitgenössischer Autoren (Poggi Salani 1988: 777-778). Obwohl [[Corso]] auf sprachlicher Ebene Kontinuität zu den Autoren des "goldenen" Zeitalters (cf. Poggi Salani 1988: 778) erreichen will, ist seine Grammatik nicht frei von oberflächlichen Betrachtungen und Ungenauigkeiten, wie zum Beispiel die von Poggi Salani (1988: 777) genannte wenig genaue Unterscheidung vom Imperfetto, Passato Remoto und Passato prossimo, die in Corsos Worten "nur verwirrt" ("ma tutte queste differenze poi si confondono").

Die Commentarii della lingua italiana (~1551, veröffentlicht 1582) von Girolamo Ruscelli beschäftigten sich im fünften Buch mit dem Beseitigen zeitgenössischer Fehler, die durch die Übernahme einiger Romanismen, Toscanismen und Lombardismen in der allgemeinen Sprache häufiger auftauchten (cf. Poggi Salani 1988: 778). Während, wie bei Poggi Salani (1988: 778) dargestellt, im zweiten Buch größtenteils auf die grammatikalischen Vorläufer (unter anderem Bembo und Trissino) eingegangen wird, behandeln die restlichen commentari allgemeine Überlegungen zur menschlichen Sprache und rhetorische Beobachtungen.

Pier Francesco Giambullari präsentiert sich dann nach Lubello (2003: 211) in seinen Regole della lingua fiorentina (1552) als Vertreter einer neuen Ausrichtung, da er erstmalig das doppelte Erscheinungsbild einer Sprache, also neben ihrer schriftlichen Form die aktuell in Florenz gesprochene Sprache der hochgestellten Mitglieder der Gesellschaft (cf. Poggi Salani 1988: 778) fokussiert. Sein Werk richtet sich insbesondere an "forestieri" und "giovinetti" (Lubello 2003: 211) und weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die Florentiner keine Grammatik ihrer Muttersprache brauchten. Er räumt dabei der Syntax und der Rhetorik in Bezugnahme auf die Fonetik und Morfologie in seiner Grammatik außerordentlich viel Platz ein (cf. Poggi Salani 1988: 778). Die gesprochene Sprache, die hier zum Ausdruck kommt, ist, so Lubello (2003: 211), jedoch nicht die Alltagssprache, sondern die gebildete, oder in Giambullaris Worten "quella dello uso comune delle persone qualificate che la parlano". Allerdings dringt Giambullari, laut Lubello, mit seinem Vorschlag zu einer einheitlichen Sprache mit Orientierung am Gesprochenen nicht durch. "La scoperta della lingua parlata", so Lubello (2003: 211) kommt schließlich erst mit den Werken von Benedetto Varchi und Leonardo Salviati, der die Überlegungen von Varchi aufnimmt. Außerdem wird mit dem L‘Ercolano von Varchi die führende Position des Florentinischen begründet und mit dem neuen Kennzeichen der "lingua popolare" versehen (cf. Lubello 2003: 211).

Wandel der Volkssprache in Italien

Nach Lüdtke (2001: 11) war das Florentinische dabei, "sich als Schriftsprache in ganz Italien auszubreiten". Zur selben Zeit gab es laut Lüdtke (2001: 11) ein Bewusstsein "von einer nationalen Einheit, der keine politische und staatliche Einheit entsprach. Eine Symbolfigur für die Einheit von italienischer Sprache und Nation ist laut Lüdtke (2001: 11) Niccolò Machiavelli (1469-1527), der in Il principe zur nationalen Einheit aufruft und im Discorso o dialogo intorno alla nostra lingua der questione della lingua, also ganz am Anfang der questione della lingua, nicht nur der Frage nachgeht, in welcher Sprache die Florentiner im 14. Jahrhundert geschrieben haben, sondern auch nachweist, dass Dantes Sprache das Florentinische war. Bei der das ganze 16. Jahrhundert bewegenden questione della lingua geht es laut Lüdtke (2001: 11) dann aber um die Frage, in welcher Sprache zukünftig geschrieben werden sollte, im Florentinischen des 14. Jahrhunderts, im aktuellen Florentinisch, im Toskanischen oder im Italienischen. In Bezug auf diese questione della lingua vertreten die Humanisten laut Lüdtke (2001: 11) die Position, dass die Volkssprache ein durch die Barbaren entartetes Latein ist. Die Vulgärhumanisten hingegen verstehen, so Lüdtke (2001: 11), die Volkssprache - wie Pietro Bembo (1470-1547) in Prose de la volgar lingua (1525) - als eine neue Sprache, die viele Wörter okzitanischen und französischen Ursprungs aufweist und die auch als Schriftsprache geeignet ist. Gemäß Lüdtke (2001: 12) betrachtet Claudio Tolomei (1481/1491-1556) das Latein zwar als die Hauptgrundlage des Toskanischen, fügt aber hinzu, dass einiges auch aus dem Germanischen sowie dem Etruskischen, das vom Latein überlagert worden war, ins Toskanische übernommen wurde. Benedetto Varchi (1503-1565) plädiert in seinem Werk Ercolano (1570/ 1564) laut Lüdtke (2001: 12) für die aristotelisch gedachte "generazione", also die Geburt einer neuen Sprache".

Französisch

Grammatikographie vom 13.-16. Jahrhundert

Was das Französische betrifft, so gibt es laut Swiggers (1990: 843), mitunter sehr dürftige Abhandlungen zur Orthographie oder Morphologie (Substantiv und Verb) sowie einige thematische Wörterbücher, die auch Informationen zur Aussprache, liaison und élision enthalten:

  • um 1250: "Traité de la conjugaison française"
  • um 1300: "Tractatus orthographiae de T.H., Parisii studentis"
  • um 1300: "Orthographia gallica"
  • um 1300: Fragmente zur Grammatik und Konjugationstabellen
  • um 1340: "Nominale sive verbale in Gallicis cum expositione eiusdem in Anglicis"
  • um 1400: "Tractatus orthographie gallicane per M.T. Coyfurelly, canonicum, Aurelianum doctorem utriusque juris, de novo editus secundum modum et formam parisius" (Überarbeitung des "Tractatus orthographiae de T.H., Parisii studentis" (cf. Swiggers 1990: 844).

Des Weiteren gibt es, so Swiggers (1990: 844) mehrere Texte für die praktische Anwendung (Konversationsmodelle, Darstellungen der Buchstaben, Texte für Anfänger):

  • um 1250/1290: "Le tretiz ki Munseignur Gauter de Bitheswey fist a ma dame Dyonise de Montechensi pour aprise de langage"
  • Ende des 14. Jhd.: "Manières de langage"

Alle diese Abhandlungen entstehen, wie Swiggers (1990: 844) betont, in England (Französisch ist dort Verwaltungssprache) und zeugen von der Bemühung Französisch lernen zu wollen, wobei sich hier an der Pariser Norm orientiert wurde.
Laut Swiggers (1990: 844) stammt auch die älteste grammatische Abhandlung zum Französischen auf Französisch aus England, nämlich der um 1400 entstandene und unvollendet gebliebene "Donait françois", der zur Grundlage der grammatischen Beschreibung des Französischen wurde. Erarbeitet wurde der „Donait françois“ laut Swiggers von Pariser Klerikern auf Anfrage von Johan Barton. Er diente vielen folgenden Grammatiken als Vorbild z.B. 1410 „Cy comence le Donait soloum douce franceis de Paris“, 1415 „Donati liber“.

Aufgebaut ist der "Donait françois" nach Swiggers wie folgt:

   Introduction
   Classement des lettres
   Les accidents des mots
      - espèces de mots
      - figures de mots
      - le nombre
      - la personne
      - le genre
      - la qualité
      - le cas
      - les degrés de comparaison
      - le mode
      - le temps
      - le genre
   Les parties du discours
      - introduction
      - suppositio des noms
      - le nom
      - le pronom
      - le verbe

Die Buchstaben sind, so Swiggers (1990: 845) weiter, unterteilt in "cinq voielx" (fünf Vokale) und "quinse consonantez" (fünfzehn Konsonanten) und zum Teil mit Aussprachehilfen versehen. Danach folgt, so Swiggers, der morphologische Teil (Derivate, Komposita, Numerus, Genus, Fälle, Modus, Tempus, etc.). Im Anschluss daran erfolgt die Analyse der Redeteile (Nomen, Pronomen, Verben: Numerus, Modus, Tempus, Konjugation der französischen Verben; Bildung der Hilfsverben).

Nach Swiggers ist das Besondere am "Donait françois":

   1. dass er die älteste Grammatik des Französischen ist
   2. dass man sich zwar an der Grammatik des Lateinischen orientierte, aber das französische Sprachsystem nicht 
      vollständig in das Lateinische übertragen werden konnte
   3. damit ein metalinguistisches Modell für die Argumentation, die Präsentation und die Formulierung von Beschreibungen 
      des Französischen eingeführt wird (cf. Swiggers 1990: 845).

Erst im 16. Jahrhundert erscheinen die ersten Beschreibungen des Französischen in Frankreich selbst. Diese Grammatiken orientieren sich laut Bierbach und Pellat (2003: 235) an der Sprache des französischen Königshofs und stützen sich auf die lateinischen Vorgänger des Engländers Linacre, des Italieners Julius C. Scaliger und des Spaniers Sanctius. Die französische Grammatikographie des 16. Jahrhunderts ist laut Swiggers (1990: 846) durch den Wunsch einer Normalisierung charakterisiert. Dieser Wunsch schlägt sich ebenfalls in der zentralistischen Politik und somit auf der Ebene der Verwaltung und der Gerichte nieder. So sollen nach einer Anordnung von Louis XII von 1510 und der Ordonnance de Villers-Cotterêts von 1539 Register, Erhebungen, Verträge, Ausschüsse, Rechtsurteile, Testamente sowie andere gerichtliche Schriftstücke und Leistungen in französischer Sprache verkündet, aufgezeichnet und ausgestellt werden (cf. Swiggers 1990: 846). Das Französisch aber hat zu Zeiten der Renaissance nach Swiggers (1990: 846) weder eine standardisierte Orthographie, noch einen schichtspezifischen Standard. Die grammatischen Beschreibungen des 16. Jahrhunderts wollen, laut Swiggers, unter Berücksichtigung der Beziehung zwischen gesprochener und geschriebener Sprache eine systematische und vereinheitlichende Beschreibung des Französischen bieten.
Swiggers (1990: 846) datiert die Veröffentlichung der ersten gedruckten französischen Grammatiken auf das 16. Jahrhundert. Ihre Mehrheit ist nach Swiggers deskriptiver Natur, sie zeigen dem Leser Regeln und Paradigmen auf, um ihn über die verschiedenen grammatischen Kategorien zu informieren. Bierbach und Pellat (2003: 235-236) führen dazu aus, dass sich die Grammatiker des 16. Jahrhunderts zwar am lateinischen Vorbild orientieren, aber bereits anfangen, Besonderheiten des Französischen, wie beispielsweise den Artikel hervorzuheben. Die Beschreibung der Morphologie entwickelt sich weiter, während die Syntax nach der Einschätzung von Bierbach und Pellat (2003: 236) noch einen begrenzten Platz einnimmt. Diese Beurteilung teilt auch Swiggers (2001: 486), der angibt, dass die Grammatiken von Palsgrave und Caucius sowie von Meigret, R. Estienne und Ramus zwar ausgezeichnete Beschreibungen der grammatischen Strukturen des Französischen enthalten, die syntaktischen Analyse im Allgemeinen jedoch noch unausgereift war.
Die Arbeit der Autoren dieser Grammatiken ist laut Swiggers dennoch sehr wichtig, zeigt sie doch, dass das Französische wie das Latein Regeln besitzt und fähig ist die Rolle einer Kultursprache zu spielen. Nach Swiggers (1990: 846) ordnet sich die Arbeit dieser Grammatiker deshalb auch implizit in das humanistische Projekt der Verteidigung und Veranschaulichung der Volkssprachen ein. Die Mehrheit der französischen Grammatiken des 16. Jahrhunderts geht laut Swiggers (1998: 847) direkt aus dem auf der Lektüre und Analyse von Texten basierenden Unterricht des Französischen hervor und ist praktischer Natur.
Eine Zusammenstellung der bei Swiggers (1990: 847; 2001: 485-486) und Bierbach und Pellat (2003: 235) genannten Grammatiken und Sprachbeschreibungen des Französischen des 16. Jahrhunderts ergibt folgende Aufstellung:

  • Geoffroy Tory (1529): Champ Fleury, Paris
  • Anonym (1529): Tres utile et compendieux traite de l’art et science d’orthographie gallicane
  • John Palsgrave (1530): Lesclarcissment de la langue françoyse compose par maistre Jehan Palsgrave Anglos natyf de Londres et gradue de Paris
  • Jacques Dubois (1531): Jacobi Sylvii Ambiani in Linguam Gallicam Isagwge, unà cum eiusdem Grammatica Latino-Gallica, ex Hebraeis, Graecis, & Latinins authoribus
  • Gilles Du Wes (1532): An Introductorie for to lerne to rede, to pronounce, and to speke Frenche trewly
  • Anonym (1533): Briefve doctrine pour deuement escripre selon la propriete du langaige francoys, Paris
  • Étienne Dolet (1540) : Accents de la langue francoyse, Lyon
  • Joannes Pillotus (1550): Gallicae linguae institutio
  • Louis Meigret (1550): Le tretté de la grammere françoeze, fet par Louis Meigret Lionoes
  • Robert Estienne (1557): Traicté de la grãmaire françoise
  • Johannes Garnerius (1558): Institutio gallicae linguae, in usum juventutis germanicae
  • Pierre de la Ramée (1562): Grammaire de P. De la ramee, Lecteur du Roy en l'Université de Paris
  • Gérard Du Vivier (1566): Grammaire françoise, touchant la lecture, Declinaisons des Noms & Coniugaisons des Verbes
  • Antonius Caucius (1570): Grammatica gallica
  • Claude Fauchet (1581): Recueil de l'origine de la langue et poésie françoise
  • Jean Bosquet (1586): Elemens ou institutions de la langue françoise
  • Johannes Serreius (1598): Grammatica gallica

Die Grammatik von Jacques Dubois ist nach Bierbach und Pellat (2003: 235) die erste Grammatik des Französischen aus Frankreich. Sie ist in lateinischer Sprache verfasst und bemüht sich, die Ursprünge des Französischen aus dem Lateinischen aufzuzeigen. Dabei findet eine Orientierung an den "parties du discours" bei [[Donatus]] statt, allerdings werden mit Artikeln, Präpositionen und Verbformen bereits Besonderheiten der französischen Sprache im Unterschied zum Lateinischen aufgezeigt (cf. Bierbach / Pellat 2003: 235). Der tretté de la Grammere françoeze von Louis Meigret ist auf Französisch geschrieben und entfernt sich, wie Bierbach und Pellat (2003: 235) ausführen, etwas mehr vom Modell des Lateinischen. Dem Artikel wird mehr Aufmerksamkeit gewidmet, außerdem wird auch auf syntatiktische Besonderheiten wie die Wortstellung eingegangen (cf. Bierbach / Pellat 2003: 235).
Die Schriften von Meigret haben nach Bierbach und Pellat (2003: 235) einen starken Einfluss auf die Sprachanalyse von Petrus Ramus (Pierre de la Ramée). Bei Ramus werden laut Bierbach und Pellat (2003: 235) die Analyse der Sprache mit der Analyse des Denkens verbunden. Ebenso wie bei Meigret nimmt die Analyse der französischen Syntax einen wichtigen Platz ein (cf. Bierbach / Pellat 2003: 235).
In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts entstand nach Swiggers (2001: 486) auch die erste didaktische Grammatikographie des Französischen für die spanische Leserschaft. Dies lässt sich vor allem auf die Heirat zwischen Philippe II aus Spanien und Isabelle de Valois, die eine Faszination des Hofes für Madrid mit sich brachte, zurückführen. Swiggers (2001: 487) verweist in diesem Sinne auf die Grammatik von Baltasar de Sotomayor 1565, die einer kontrastiven Grammatik zwischen dem Französischen und Spanischen entspricht.

Sprachtraktate

Nach Bierbach und Pellat (2003: 226) handelt es sich bei Sprachtraktaten im Allgemeinen um eine Auseinandersetzung mit dem Prestige der eigenen Sprache. Insbesondere stellt sich in solchen Sprachtraktaten die Frage, welches Prestige sie einerseits gegenüber den klassischen Sprachen, die seit jeher mit Prestige ausgestattet sind, und andererseits im Vergleich mit den Sprachen anderer - geographisch oder kulturell naheliegender und deshalb potentiell konkurrierender - Sprachgemeinschaften aufweisen. Im 15. und 16. Jahrhundert steht laut Bierbach und Pellat vor allem das Italienischen im Fokus.

Jean Lemaire de Belges (1473 - 1524) hat laut Bierbach und Pellat (2003: 226) mit „La concorde des deux langaiges“ 1510 das erste programmatische Dokument veröffentlicht. In diesem Text versucht er den Wert der beiden in der Renaissance blühenden Sprachen, d.h. des Französischen und des Italienischen, gegeneinander abzugrenzen. Dabei plädiert er für die friedliche Koexistenz der französischen Sprache und der toskanischen und florentinischen Sprache, die beide aus dem Latein, der Mutter aller Eloquenz (Wortgewandheit, Redekunst), kommen und deshalb zusammen in einem liebevollen Gleichklang leben und überleben müssen. Mit diesen Worten will Jean Lemaire de Belges, so Bierbach und Pellat, in einer Zeit fortwährender kriegerischer Auseinandersetzungen zwischen Frankreich und Italien zur Bewahrung des Friedens aufrufen, nachdem schon die sprachliche und kulturelle Gleichwertigkeit der beiden Länder festgestellt wurde. Dennoch bleibt die konfliktgeladene Konkurrenz zwischen Frankeich und Italien im 16. Jahrhundert virulent.

Henri Estienne (1531 - 1598) verfasste, nach Bierbach und Pellat (2003: 226), 1579 sein Buch „De la Precellence du langage Francois“ auf Veranlassung des Königs Henri III. Estienne tritt in diesem Werk, so Bierbach und Pellat, für die Überlegenheit des Französischen gegenüber dem Italienischen ein, indem er deren ästhetische und rhetorische Qualitäten miteinander vergleicht, z. B. in Bezug auf die Ernsthaftigkeit, den Wohlklang, die Anmut, die Kürze und den Reichtum der Sprache. 1549 erscheint das Werk „Deffence et illustration de la langue francoyse“ von Joachim Du Bellay. Du Bellay plädiert, so Bierbach und Pellat (2003: 226-227) für die Entwicklung der französischen Literatursprache, für die Entwicklung ihrer Eigenheit, also dieser unübersetzbaren und unveräußerlichen Charakteristik einer jeden nationalen Dichtung, von der schon die Dichtung Petrarcas Zeugnis ablegt. Es ist festzuhalten, dass Du Bellay, Bierbach und Pellat zufolge, in seinem Werk nicht die französische Sprache im Allgemeinen oder ihre Rolle innerhalb der Gesellschaft, sondern nur die Literatursprache behandelt.

Nach Bierbach und Pellat (2003: 227) zeigt sich in anderen Sprachtraktaten das Argumentationsschema des Vulgärhumanismus, das exemplarisch in Pietro Bembos Dialog "Prose della Volgar Lingua" vorzu finden ist. Dabei geht es darum, dass besonders im Bereich der (Literatur-)Sprache hoch entwickelten und zivilisierten Kulturen geboren werden und dann wieder verschwinden und ihr Erbe der ihnen nachfolgenden Kultur übergeben, die daraus geboren wird. Die Römer sind zwar die Erbverwalter der Griechen, sie sind aber auch über sie hinausgewachsen. Das 16. Jahrhundert ist nun die Epoche der (italienischen) Volkssprache, sie ist dazu aufgerufen, die Perfektion des Modells und des Vorgängers, also des Lateinischen zu erreichen.

Die Humanisten, die dieser Idee folgten, mussten sich, laut Bierbach und Pellat (2003: 227), an die politischen Kräfte wenden, wenn sie ihre Sorgen um eine Sprach- und Kulturpolitik umsetzen wollten. Um das zu erreichen, zeigten sie, dass bereits in der Antike, sowohl bei den Griechen als auch bei den Römern, die Machtausdehnung mit der Ausdehnung der entsprechenden Sprache übereinstimmte. Im Sinne dieser Argumentation nehmen die Humanisten, so Bierbach und Pellat weiter, die Feststellung des Heiligen Augustinus wieder auf, dass die dominierende Macht gezwungen ist, den von ihr unterworfenen Völkern ihre Sprache aufzuerlegen, und zwar um den Frieden zu garantieren. In Frankreich stimmte Claude de Seyssel (1450-1520) dieser Argumentation wohl als erster zu. Dieser Humanist und Diplomat wandte sich nämlich 1509 explizit an König Ludwig XII, indem er einer Übersetzung eines antiken historiographischen Textes eine dem König gewidmete Epistel hinzufügte, die den Monarch auffordert die französische Sprache auszubauen und zu verherrlichen. Nach Claude de Seyssel gab es, so Bierbach und Pellat (2003: 227), kein geeigneteres Mittel die Eroberungen Frankreichs in Italien zu sichern, als die Einsetzung der Sprache des Eroberers, so wie es die Griechen und Römer vorgemacht haben, deren Sprache in dem Maße an Glanz gewonnen hat, in dem sich ihre Herrschaft verbreitet hat und indem sie ihre Sprachen den Völkern der eroberten Regionen aufgezwungen haben, so wie es auch die Normannen mit den Engländern gemacht haben.

1555 erscheint, so Bierbach und Pellat (2003: 227), „Oraison Au Roy: De la grandeur de son regne, & de l'excellance de la langue francoyse“ von Jacques Tahureau. Dieses Werk basiert auf der gleichen Verkettung von Ideen, nach der die politische Macht des Königs durch die Sprache und Kultur erreicht wird. Abschließend lässt sich also feststellen, dass bei den Humanisten stets ein Parallelismus vorherrschte, d. h. dass politische Macht stets mit Sprache einhergeht.

Bibliographie
Albrecht, Jörn (2001): "Sprachbewertung. Évaluation de la langue", in: Holtus, Günter / Metzeltin, Michael / Schmitt, Christian (eds.): Lexikon der Romanistischen Linguistik (LRL). Band I, 2: Methodologie (Sprache in der Gesellschaft / Sprache und Klassifikation / Datensammlung und -verarbeitung). Tübingen: Niemeyer 526-540.

Bierbach, Mechtild / Pellat, Jean-Christophe (2003): "Histoire de la réflexion sur les langues romanes: le français / Geschichte der Reflexion über die romanischen Sprachen: Französisch", in: Ernst, Gerhard / Gleßgen, Martin-Dietrich / Schmitt, Christian / Schweickard, Wolfgang (eds.): Romanische Sprachgeschichte / Histoire linguistique de la Romania. Ein internationales Handbuch zur Geschichte der romanischen Sprachen / Manuel international d'histoire linguistique de la Romania 1 (= Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft 23). Berlin / New York: De Gruyter 226-229.

Eisenstein, Elisabeth I. (1997): Die Druckerpresse. Kulturrevolution im frühen modernen Europa. Wien / New York: Springer.

Freyer, Dieter (2003): Kleine Papiergeschichte, vom Papyrus zum Papier des 20. Jahrhunderts. <http://papiergeschichte.freyerweb.at> [15.05.2018].

Giesecke, Michael (1996 / 2006): "Der Buchdruck in der frühen Neuzeit. Eine historische Fallstudie über die Durchsetzung neuer Informations- und Kommunikationstechnologien. Kurzfassung für die Vorbereitung und Gestaltung des Unterrichts an allgemeinbildenden Schulen", in: Giesecke, Michael (ed.): Aufsätze, Rundfunkbeiträge und Dialoge zur Kulturgeschichte des Buchdrucks 1990 – 2004 auf CD-ROM. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1-19.

Giesecke, Michael (42006): Der Buchdruck in der frühen Neuzeit. Eine historische Fallstudie über die Durchsetzung neuer Informations- und Kommunikationstechnologien. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Kloock, Daniela / Spahr, Angela (1997): "Oralität und Literarität", in: Kloock, Daniela / Spahr, Angela: Medientheorien. Eine Einführung (= UTB 1986). München: Wilhelm Fink Verlag 237-266.

Kloock, Daniela / Spahr, Angela (1997): "Magische Kanäle. Marshall McLuhan", in: Kloock, Daniela / Spahr, Angela: Medientheorien. Eine Einführung (= UTB 1986). München: Wilhelm Fink Verlag 39-76.

Lubello, Sergio (2003): "Storia della riflessione sulle lingue romanze: italiano e sardo / Geschichte der Reflexion über die romanischen Sprachen: Italienisch und Sardisch", in: Ernst, Gerhard / Gleßgen, Martin-Dietrich / Schmitt, Christian / Schweickard, Wolfgang (eds.): Romanische Sprachgeschichte / Histoire linguistique de la Romania. Ein internationales Handbuch zur Geschichte der romanischen Sprachen / Manuel international d'histoire linguistique de la Romania. Berlin: De Gruyter 208-225.

Lüdtke, Jens (2001): "Romanische Philologie von Dante bis Raynouard", in: Holtus, Günter / Metzeltin, Michael / Schmitt, Christian (eds.): Lexikon der romanistischen Linguistik (LRL). Band I / 1: Geschichte des Faches Romanistik. Methodologie (Das Sprachsystem). Tübingen: Niemeyer 1-35.

Archiv
  1. Kloock und Spahr (1997: 47) sehen diese Theorie als eine Mischung von Ökonomie und Epistemologie an, da aus den materiellen Eigenschaften der Medien sowohl Handlungsweisen und Machtgefüge sowie auch Möglichkeiten und Grenzen der Erkenntnis abgeleitet werden können.
  2. McLuhan wurde laut Kloock und Spahr (1997: 46-47) von diesen Thesen inspiriert. Sie gaben ihm wichtige Anstöße zum Schreiben einer Medientheorie als Kulturtheorie.
  3. [1] Hier wird ein kurzer Überblick über frühe Schriftträger gegeben.
  4. [2] Hier wird ein kurzer Überblick über Vorläufer des Papiers und deren Eigenschaften gegeben.
  5. Da McLuhans Reflexionen im Kern wahrnehmungstheoretisch sind, sind sie laut Kloock und Spahr (1997: 56) auch noch heute aktuell.
  6. Nach Kloock und Spahr (1997: 241) verweist Havelock darauf, dass die Griechen "die Muse, die der Kunst ihren Namen gab, ganz richtig 'Tochter der Erinnerung'" nannten.
  7. Diese Tonaufzeichnungen sind, so Kloock und Spahr (1997: 241) Bestandteil der Parry-Sammlung.
  8. Nach Denis Twitchett (1994: 54), war der Buchdruck in China schon sehr lange bekannt (erste Zeugnisse wurden noch vor 751 gedruckt), allerdings wurden dazu Holzdruckstöcke benutzt und nicht bewegliche Buchstaben. Jeder Druckstock umfasst, so Twitchett (1994: 54), den Text einer Doppelseite, kann allerdings nur durch Abschleifen und komplette Neuerstellung verändert werden. Nach Twitchett (1994: 60) wurden für den Druck der ersten Auflage der buddhistischen Schriften 130.000 Holzstöcke benötigt.
    Die älteste erhaltene Beschreibung der Drucktechnik mit beweglichen Buchstaben stammt nach Twitchett (1994: 60) von Shen Kua (1030-1094). Sie wird auch im Laufe der Zeit immer wieder aufgegriffen, bleibt allerdings immer ein Randphänomen. Twitchett (1994: 64) begründet dies mit der chinesischen Typographie. Der chinesische Zeichenvorrat ist nämlich praktisch unbegrenzt. Selbst heute benötigt, so Twitchett (1994: 64) weiter, ein chinesischer Drucker einen aktiven Bestand von 8.000 Zeichen, und selbst für Zeitungen werden immer noch 5.000 Zeichen benötigt. Hinzu kommen, nach Twitchett (1994: 64), noch Sonderzeichen für beispielsweise Eigennamen, die jedesmal eigens hergestellt werden müssten, weshalb auch kein chinesischer Drucker jemals einen "vollständigen" Letternsatz besessen hat, der alle chinesischen Schriftzeichen enthielt.
    Nach Twitchett (1994: 64) gab es 1313 einen chinesischen Drucker namens Wang Chen, der die Anzahl der für den normalen Druck notwendigen Lettern auf mehr als 30.000 schätzte. Nach Twitchett (1994: 64) gab dieser Drucker, Wang Chen, noch an, dass er für den Druck der offiziellen Geschichte des Bezirks Ching-te in Anhwei mehr als 60.000 Zeichen hatte schneiden lassen. Allein die Herstellung dieser enormen Menge an Druckzeichen hatte zwei Jahre gedauert.
  9. Laut Lüdtke ist die Annahme Dantes, die "lingua oc" als die der Spanier zu betrachten, neu zu bewerten, da sich Dante auf ein geographisches Gebiet bezieht, das keineswegs dem heutigen Spanien entspricht. Jedoch betont Lüdtke, dass die Annahme Dantes nur auf der Basis der Literatursprache beruht.