Buchdruck und Normierung: Unterschied zwischen den Versionen
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| − | Die Neuerungen des Buchdruckes wirkten sich nach Giesecke in weitreichendem Maße auf den Umgang und die Weitergabe von Informationen in der Gesellschaft aus. Wissen wurde nun nicht mehr einfach wie in oralen Kulturen innerhalb kleiner, sozialer Netzwerke geteilt, sondern konnte jetzt über große Entfernungen nachhaltig verbreitet werden. Das erstellen einer typografischen Information hatte nicht einfach nur das Potential die Weitergabe von beispielsweise Kräuterwissen von Mutter zu Tochter zu ersetzen, sondern schaffte zudem die Möglichkeit solcherlei Informationen mit anderem, bereits gesammelten Wissen abzugleichen und weiterzuverarbeiten. Somit konnte ein unbegrenzter Informationsspeicher eingerichtet werden, der fähig ist stets neuen Input aufzunehmen. "Immer mehr neue Informationen müssen dem System zugeführt werden, damit es am Laufen bleibt" (Giesecke 1996: 661). Laut Giesecke bildete sich ein Informationskreislauf heraus, welcher, einmal in Gang gekommen, eine Eigendynamik entwickelte. Giesecke erläutert dies anhand eines Models nach welchem der Autor über seine Wahrnehmung Informationen aus seiner Umwelt entnimmt, diese als psychische Informationen verarbeitet und niederschreibt. Hierdurch wandelt er sie in seine private und "ikonische" (Giesecke 1996: 657) Information um. Anschließend entsteht durch das Vermarkten eine gesellschaftliche Information, da jedes Mitglied der Gesellschaft nun Zugang erlangen kann. Durch den Kauf durch eine bestimmte Person erfolgt das Umschlagen zu einer erneut privaten, ikonischen und zunächst sprachlichen Information, welche wiederum eine psychische Information formt. Beeinflusst das entnommene Wissen das nachfolgende Handeln des Lesers, welches nachfolgend wieder Einfluss auf das Wirken neuer Autoren nimmt, so entsteht ein typographischer Informationskreislauf, welchen Giesecke auch als ein "endloses Band" (1996: 657) bezeichnet. Dieser Kreislauf führt zu einem stetigen Erweitern des Systems. | + | Die Neuerungen des Buchdruckes wirkten sich nach Giesecke in weitreichendem Maße auf den Umgang und die Weitergabe von Informationen in der Gesellschaft aus. Wissen wurde nun nicht mehr einfach wie in oralen Kulturen innerhalb kleiner, sozialer Netzwerke geteilt, sondern konnte jetzt über große Entfernungen nachhaltig verbreitet werden. Das erstellen einer typografischen Information hatte nicht einfach nur das Potential die Weitergabe von beispielsweise Kräuterwissen von Mutter zu Tochter zu ersetzen, sondern schaffte zudem die Möglichkeit solcherlei Informationen mit anderem, bereits gesammelten Wissen abzugleichen und weiterzuverarbeiten. Somit konnte ein unbegrenzter Informationsspeicher eingerichtet werden, der fähig ist stets neuen Input aufzunehmen. "Immer mehr neue Informationen müssen dem System zugeführt werden, damit es am Laufen bleibt" (Giesecke 1996: 661). Laut Giesecke bildete sich ein Informationskreislauf heraus, welcher, einmal in Gang gekommen, eine Eigendynamik entwickelte. Giesecke erläutert dies anhand eines Models nach welchem der Autor über seine Wahrnehmung Informationen aus seiner Umwelt entnimmt, diese als psychische Informationen verarbeitet und niederschreibt. Hierdurch wandelt er sie in seine private und "ikonische" (Giesecke 1996: 657) Information um. Anschließend entsteht durch das Vermarkten eine gesellschaftliche Information, da jedes Mitglied der Gesellschaft nun Zugang erlangen kann. Durch den Kauf durch eine bestimmte Person erfolgt das Umschlagen zu einer erneut privaten, ikonischen und zunächst sprachlichen Information, welche wiederum eine psychische Information formt. Beeinflusst das entnommene Wissen das nachfolgende Handeln des Lesers, welches nachfolgend wieder Einfluss auf das Wirken neuer Autoren nimmt, so entsteht ein typographischer Informationskreislauf, welchen Giesecke auch als ein "endloses Band" (1996: 657) bezeichnet. Dieser Kreislauf führt zu einem stetigen Erweitern des Systems. Durch die erhöhte Reichweite der typographischen Information wurde nach Giesecke das Abwarten neuer Erfahrungen zur Erkenntnisbildung nicht mehr zwingend notwendig. So konnten industrielle Arbeitsvorgänge nun visualisiert und verbreitet werden, wodurch vorrangig sensomotorisch vorhandenes Wissen nun auch sprachlich repräsentiert wurde. Intuitive Erfahrungswerte wurden also durch logische Schlüsse ergänzt und verschriftlicht, dadurch wiederum überprüfbar und reflektierbar gemacht. In der Folge vollzog sich eine Trennung von Praxis und Theorie, welche von Giesecke als "Brauch" und "Verstand" betituliert werden. Der Austausch zwischen beiden Welten stellte einen Wendepunkt für die damals übliche Erkenntnistheorie und aus jetziger Sicht die Ausgangsbasis für die moderne Wissenschaft dar. Wurde die intensive Auseinandersetzung mit einer Kunst als Maîtrise verstanden, so erscheint diese nun als erfühlte Wissen suspekt. Es entwickelt sich die Wertschätzung einer Distanz zwischen dem Betrachter und dem Betrachteten, um weg von der üblichen Subjektivität des Alltags zu einer professionellen Objektivität zu gelangen. "Erprobt waren letztlich auch nur die Verfahren, deren Erprobung man beobachtet hatte. Das Gehörte und auch die eigene Intuition müssen noch einmal mit den Augen überprüft werden" (Giesecke: 677). Galt bislang das Erstellen von Texten in jeder Form als Kunst, geschah nun eine Herauslösung der sachlich, analytisch Verfassten und in Masse verbreiteten typographischen Medien aus dem althergebrachten Kanon der Künste. Die Wissenschaft, welche in der Gesellschaft bislang vielmehr als eine Art von Maîtrise und Weistum gesehen wurde, erlangte nun durch ihren Wandel hin zur Rationalität an Bedeutsamkeit. Aufgrund der Verbreitung durch den Buchdruck gab es nun keine Legitimation zur Geheimhaltung von Wissen mehr. Die Wissenschaft rückte merklich aus dem kleinen Kreis der Jünger der Wissenschaft in die Öffentlichkeit und galt nunmehr als Angelegenheit der Gemeinschaft. Dies hatte harsche gesellschaftliche Kritik zur Folge, wurde das Lernen aus Büchern für „unmöglich und jedenfalls verwerflich“ (Giesecke: 683) gehalten. Das Gespräch zwischen Experten und Laien solle, nach der Auffassung von Kritikern, nun vollends durch das Lesen von Sachbüchern ersetzt werden. Ein bedeutender Befürworter dieser Theorie war Valentin Ickelsamer, der Verfasser des Werks Teutschen Grammatica, welcher das Buch als Medium zum Selbststudium bzw. als Handreichung für Hausunterricht innerhalb der Familie etablieren wollte. Wurde das Ersetzen des Lehrers durch ein Buch von didaktischer Seite zunächst schwer verurteilt, so erfreute sich hingegen das Lehrwerk als ergänzender Bestandteil des Unterrichts zunehmender Beliebtheit. In der Folge galt es sich mit der Thematik auseinanderzusetzen, welche Lehrinhalte denn überhaupt sinnvoll durch Bücher vermittelt werden konnten und welche nicht. Eine weitere Problematik fand sich in dem Vorwissen, welches der einzelne Leser zum Verstehen der Schrift benötigte. Gab es in jeder Zunft eine gemeinsame Schnittmenge an Grundwissen über die behandelte Thematik, so konnte dieses nun nicht mehr als a priori vorausgesetzt gelten. Folglich mussten viele Manuskripte vor dem Druck aufgearbeitet und erweitert werden, um dem einfachen Leser grundlegende Informationen zur Thematik vor zu entlasten. |
| − | Durch die erhöhte Reichweite der typographischen Information wurde nach Giesecke das Abwarten neuer Erfahrungen zur Erkenntnisbildung nicht mehr zwingend notwendig. So konnten industrielle Arbeitsvorgänge nun visualisiert und verbreitet werden, wodurch vorrangig sensomotorisch vorhandenes Wissen nun auch sprachlich repräsentiert wurde. Intuitive Erfahrungswerte wurden also durch logische Schlüsse ergänzt und verschriftlicht, dadurch wiederum überprüfbar und reflektierbar gemacht. In der Folge vollzog sich eine Trennung von Praxis und Theorie, welche von Giesecke als "Brauch" und "Verstand" betituliert werden. Der Austausch zwischen beiden Welten stellte einen Wendepunkt für die damals übliche Erkenntnistheorie und aus jetziger Sicht die Ausgangsbasis für die moderne Wissenschaft dar. Wurde die intensive Auseinandersetzung mit einer Kunst als Maîtrise verstanden, so erscheint diese nun als erfühlte Wissen suspekt. Es entwickelt sich die Wertschätzung einer Distanz zwischen dem Betrachter und dem Betrachteten, um weg von der üblichen Subjektivität des Alltags zu einer professionellen Objektivität zu gelangen. "Erprobt waren letztlich auch nur die Verfahren, deren Erprobung man beobachtet hatte. Das Gehörte und auch die eigene Intuition müssen noch einmal mit den Augen überprüft werden" (Giesecke: 677). Galt bislang das Erstellen von Texten in jeder Form als Kunst, geschah nun eine Herauslösung der sachlich, analytisch Verfassten und in Masse verbreiteten typographischen Medien aus dem althergebrachten Kanon der Künste. Die Wissenschaft, welche in der Gesellschaft vielmehr als eine Art von Maîtrise und Weistum gesehen wurde, erlangte nun durch ihren Wandel hin zur Rationalität an Bedeutsamkeit. Aufgrund der Verbreitung durch den Buchdruck gab es nun keine Legitimation zur Geheimhaltung von Wissen mehr. Die Wissenschaft rückte merklich aus dem kleinen Kreis der Jünger der Wissenschaft in die Öffentlichkeit und galt nunmehr als Angelegenheit der Gemeinschaft. | + | |
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== Die digitale Revolution == | == Die digitale Revolution == | ||
Version vom 27. Juni 2015, 19:34 Uhr
Inhaltsverzeichnis
- 1 Der Buchdruck als Medienrevolution im 15. und 16. Jahrhundert
- 1.1 Literalität anstelle von oralen Mnemotechniken
- 1.2 Bedeutung der Sinne und der Stellung des Autors
- 1.3 Bedeutung von Literalität
- 1.4 Bedeutung der Alphabetschrift
- 1.5 Die unmittelbaren Folgen der Erfindung des Buchdrucks
- 1.6 Die Progressivität des Buchdruckes als Initiator für gesellschaftlichen Wandel
- 2 Die digitale Revolution
- 3 Die Anfänge der schriftlichen Fixierung der Grammatiken
Der Buchdruck als Medienrevolution im 15. und 16. Jahrhundert
Literalität anstelle von oralen Mnemotechniken
Kloock und Spahr (1997: 240) bezeichnen Schrift als "kulturellen 'Gedächtnisspeicher', durch welchen politische, rechtliche, religiöse und soziale Regelungen festgehalten werden. Wie laut Kloock und Spahr aus den Erkenntnissen der Oral-Poetry-Forschung hervorgeht, spielten in oralen Kulturen Rhytmus und Melodie für das Gedächtnis eine besondere Rolle, denn Sprache ist für das Gedächtnis einfacher zu replizieren, wenn sie durch Rhythmus und Melodie geleitet wird. Kloock und Spahr beziehen sich dabei auf Milman Parry. Dieser hat in den 1930er Jahren nachgewiesen, dass Ilias und Odyssee Ergebnisse einer oralen Improvisationskunst und Mnemotechnik sind. Sie basieren auf mündlichen Kompositionsregeln und sind in Form von metrisch zugeschnittene Formeln, Hexametern strukturiert. Als Beleg für die starke Betonung auf Rhythmik und Melodie nennen Kloock und Spaar nach Parry die Tatsache, dass Vorträge mit Musik und Tanz kombiniert wurden. Nach Havelock (1990: 79) zitieren Kloock und Spahr (1997: 241), dass die Griechen "die Muse, die der Kunst ihren Namen gab, ganz richtig 'Tochter der Erinnerung'" nannten. In der Folge kann Reimen als eine Mnemotechnik verstanden werden. Als Beispiel führen Kloock und Spahr das Adjektiv polymetis (klug)an, das als Attribut fortwährend bei Odysseus erscheint und ihn erst ins Metrum des Verses bettet. Mit dieser Mnemotechnik erfolgte, wie Kloock und Spahr ausführen, nach Parrys These kein wortwörtliches Memorieren, sondern nur das Erstellen eines Fundus an feststehenden Phrasen, welcher den groben Inhalt des Werkes vorgab. Dies ermöglichte dem jeweiligen Vortragenden metrisch korrekte Verse in endloser Zahl herzustellen und jeweils neu zusammenzustellen. Jeder Vortragende wurde somit auch zum Dichter. Kloock und Spahr verweisen an dieser Stelle auf Lord (1960 / 1965), welcher anhand von Tonaufzeichnungen slawischer Erzähldichtungen Parallelen zu antiken, griechischen Dichtungen zog. Abhängig vonm Publikum, der Stimmung des Poeten und anderen sozialen und psychologischen Faktoren wurden Dichtungen in Form von Liedern nie zweimal auf die selbe Weise vorgetragen.
Bedeutung der Sinne und der Stellung des Autors
Mit der Erfindung des Buchdrucks kommt laut Giesecke insbesondere der optischen Wahrnehmung des Menschen eine besondere Gewichtung zu: „Je mehr Wissen die Gesellschaft nach den neuzeitlichen Prinzipien in den gedruckten Büchern gespeichert hat, desto mehr prämiert sie das Auge und wertet andere Sinneserfahrungen ab“ (Giesecke 1996: 12). Diese erkenntnistheoretische Auffassung hebt sich, so Giesecke, selbstverständlich drastisch von der durch das christliche Mittelalter geprägten Zeit ab, die auf dem Prinzip der Verkündigungstheorie beruht und somit auf ein kommunikatives Grundkonzept zurückzuführen ist (vgl. Giesecke 1996: 12). Die Vorstellung der Gläubigen vom Erwerben „wahrer Erkenntnis“ basiert hier, laut Giesecke, auf der Annahme, dass Informationen entweder unmittelbar von Gott oder von Anderen verkündet werden: „Nicht das 'äußere' Auge, mit dem die Neuzeit ihr 'wahres Wissen' produziert, sondern das Hören auf 'innere' Stimmen, ermöglicht in der alten Zeit Erkenntnisgewinn“ (Giesecke 1996: 13). Ebenso wie Maria ihre Nachrichten durch Mittler wie Engel, Tauben, Träume oder Zeichen empfängt, erhalten auch die anderen Gläubigen ihre Botschaften (vgl. Giesecke 1996: 13). So entsteht auch Gieseckes und gleichzeitig Kloock und Spahrs (vgl. 1997: 264)Frage der intersubjektiven Wahrnehmung, dass alle Leser ihre Gedanken mit dem des Autors koppeln bzw. vergleichen können, die von Kloock und Spahr sogenannte Entemotionalisierung und Entsynästhesierung eines Textes. Sodass Informationen und Wissen nur dann als wahr hingenommen werden können, wenn sie für andere nachvollziehbar bewiesen wurden. Wie kann nun die Wahrnehmung so "programmiert" werden, dass jedwede Information intersubjektiv nachvollziehbar wird? (cf. Kloock / Spahr 1997: 265). Die Antwort wird mit Dürers Methodologie des Beschreibens, Vergleichens, Typisierung und Messung gegeben. Durch die genaue Beschreibung des Ausgangspunktes, mit Hilfe der Perspektivlehre und der typographischen Medientechnik, wird die Perspektivübernahme des Autors ermöglicht.
In der Neuzeit hingegen ist Informationsbeschaffung nach Giesecke geprägt durch die Entschlüsselung der klassischen Selbsttypisierung von Autoren. Die Autoren fühlen sich, so Giesecke, "nicht mehr als 'stilum' Gottes und die Leser teilen die neue Einschätzung der Autoren“ (Giesecke 1996: 13). Das Erwachen des Autorenbewusstseins in der Neuzeit ist nach Giesecke (1996: 14) durch Wille und Sinn gekennzeichnet, die einen Schreiber „[...] zu einem unverwechselbaren Schöpfer von geistigen Werken“ machen.
Nachdem sich die Kommunikation, wie Giesecke (1996: 9) ausführt, von einer Face-to-face-Situation bei öffentlichen Reden und Ansprachen hin zu einem neuen System der Informations-Übertragung in Buchform verändert hat, müssen die Leser (die neben den Autoren den zweiten Schnittpunkt zwischen Umwelt und Druckerzeugnis markieren) dementsprechend die Vorgehensweise ("Software") des Autors nachvollziehen können, um die im Buch enthaltenen Informationen im realen Leben (der Umwelt) anwenden zu können. Dabei muss, so Giesecke (1996: 11), eine gemeinsame Sprache gefunden werden, die es dem Autoren ermöglicht, seine Geschichte so zu erzählen, dass der Leser, eine ihm völlig fremde Person, diese ohne zusätzliche Erklärungen nachvollziehen und verstehen kann, auch wenn sie durchaus Strukturen beschreiben kann, die "im Verlauf der Jahrhunderte zerstört worden sind". Um diese Sprache zu erreichen, muss der Autor, laut Giesecke (1996: 10), abgesehen von der Beherrschung der Alphabetschrift, die Perspektive beachten, die er bei dieser Geschichte einnimmt. Giesecke (1996: 10-11) erläutert dies anhand eines Holzschnitts von Albrecht Dürer, bei dem der Autor / Urheber als das Auge dient, das lediglich die Punkte festhält, die sich von der Netzhaut auf die Projektionsfläche (das Buch) übertragen lassen. Bücher werden also nach Giesecke (1996: 11) erst durch die Alphabetschrift in Kombination mit perspektivisch verständlichem Scheiben zu selbstständigen Kommunikationsmedien.
Nach Klock und Spahr wurden durch das durch Gutenberg ermöglichte Schriftsystem die Wahrnehmungs- und Darstellungsstile vereinheitlicht, sodass sich "Abstrahierung, Spezialisierung, Fragmentierung, Typologisierung, Proportionierung" allseits in der Gesellschaft durchsetzen konnten. Zudem konnten alle Informationen, die vorher nur oral zugänglich waren, nun auch visuell wiedergegeben werden. McLuhan ist, so Kloock und Spahr, allerdings der Meinung, dass dadurch unsere Wahrnehmungs- und Empfindungsvermögen verstumpfen und eine „riesige uniformierte Gedächtnismasse“ entsteht (McLuhan 1995: 265 ff; zit. n. Kloock / Spahr 1997: 255).
Bedeutung von Literalität
Bedeutung der Alphabetschrift
Kloock und Spahr (1997) greifen ebenfalls die Schrift von Giesecke (1991) auf und verdeutlichen seinen Standpunkt, dass die Verbreitung eines Mediums vor allem auch von der Bedeutung abhängig ist, die diesem zugesprochen wird (Kloock / Spahr 1997: 257-258). Durch den gemeinschaftlichen Kode konnten nun soziale Gemeinschaften und deren Begrenzungen geschaffen werden, sodass es nicht nur zur "Demokratisierung von Wissen [sondern auch zur] Utopie einer nationalen Kommunikationsgemeinschaft" (Kloock / Spahr 1997: 260) kommt. Kloock und Spahr (1997: 262-263) nehmen die Idee von Giesecke (1991) wieder auf, dass unter anderem durch die Entstehung von nationalen Kommunikationsgemeinschaften ein Nationalbewusstsein erwacht, das mit nationalen Gedanken gefüllt werden musste mit Hilfe des Buchdrucks.
Die unmittelbaren Folgen der Erfindung des Buchdrucks
Die Buchkultur als informationsverarbeitendes System verdrängte laut Giesecke die älteren skriptographischen und oralen Systeme. Der Siegeszug dieses typographischen Informationssystems wurde, so Giesecke, von vielen, sich gegenseitig beeinflussenden Faktoren begünstigt und vorangetrieben. Die Erfindung Gutenbergs war also lediglich ein Element, d.h. ein Ereignis in einem komplexen Funktionsgefüge. Neuerungen, die den Durchbruch der eingeführten Technologie begleiteten und ermöglichten, waren laut Giesecke u.a.: - Der freie Markt wird fortan als kommunikatives Netzwerk genutzt, über das die gedruckten Ergebnisse verbreitet werden - Formen von Informationen, die zuvor noch nicht handschriftlich oder mündlich tradiert wurden, werden nun für den Druck neu gewonnen. - Von den Autoren werden alternative Formen der Wahrnehmung und der Informationsdarstellung erprobt. - Käufer und Leser, von Giesecke als "Effektoren" definiert, werden in den neuen Informationskreislauf miteinbezogen (vgl. Giesecke 1996: 4). Im Folgenden sollen einige dieser Aspekte vertieft werden.
Nach Giesecke (1996: 5) wurde das Buch zu einer Ware, die sich auf dem freien Markt schnell verbreiten ließ. Der Buchdruck wurde dadurch zu einem kommerziellen Gewerbe, sodass dem Besitz von Geld bei dem Erwerb und der Verbreitung von Büchern eine größere Bedeutung zukam. Dies ist auch daran erkennbar, dass sich die Verleger in den Vorworten an den Leser als "Käufer" wandten. Giesecke arbeitet einige Unterschiede dieser neuen Strukturen im Vergleich zu der Verbreitung von Manuskripten im Mittelalter heraus: Im Mittelalter verblieben die Handschriften in den institutionellen Netzen, in denen die Schriften gemäß hierarchischer Strukturen weitergegeben wurden. Dabei mussten die Informationen jede Instanz durchlaufen. Sie wurden also zum Beispiel vom Mönch zum Abt, vom Abt zum Ordensoberen, vom Ordensoberen zum Bischof und von dort zur nächsthöheren Instanz weitergegeben. Die Handschriften dienten dabei eher der Vorbereitung und Unterstützung der Rede (vgl. Giesecke 1996: 5). Im freien Markt hingegen entscheiden nach Giesecke (1996: 6) die Autoren und Drucker, welche Informationen an die Öffentlichkeit gelangen sollen und jeder hat Zugang zu den Druckerzeugnissen. Die marktwirtschaftlichen Netze sind nicht hierarchisch, sondern haben eine "sternförmige Struktur". Dadurch wird der Instanzenweg des Mittelalters aufgehoben und es findet eine "Abkürzung der Kommunikationsbahnen" statt (vgl. Giesecke 1996: 7).
Die neuzeitlichen Autoren weisen laut Giesecke (1996: 14) in ihren Werken darauf hin, dass ihre Texte dem "Gemeinwohl" dienen. Damit verschwindet Gott als Informationsquelle und es entfällt auch die Gewohnheit, Gott für das Werk zu danken. Nach Giesecke (1996: 14) verlieren im Protestantismus mündliche Beichte oder die Sakramente an Bedeutung, während dem nunmehr gedruckten Wort die ausschlaggebende Bedeutung zukommt ("solum scriptura". Vor dem Buchdruck wurde laut Giesecke (1996: 14) das vorhandene Wissen nur innerhalb der Familie, des Handwerks und der Institutionen weitergegeben. Mit dem Buchdruck wird dieses Wissen laut Giesecke (1996: 15) öffentlich und allgemein zugänglich, sodass es überprüft werden und dazu auch Stellung bezogen werden kann. Dies war, so Giesecke, der Grundstein für die neuzeitliche beschreibende Naturwissenschaft. Viele meinten jedoch so Giesecke (1996: 15), die Vergesellschaftung des Wissens würde gerade Handwerker um ihre Kunden bringen, da diese durch den Erwerb des Fachwissens letztere nicht mehr in Anspruch zu nehmen bräuchten und diese somit ihre Lebensgrundlage verlieren würden. Durch die massenhafte Verbreitung gedruckter Texte wird das Handeln und das Erleben der Menschen nach Giesecke (1996: 15) standartisiert, da sich immer mehr Menschen nach den gleichen Beschreibungen in den Büchern richten.
In unserer Gesellschaft hat sich nach Giesecke (1996: 1) eine Umorientierung in den Leitbildern vollzogen, sodass eine Entwicklung von der "Industriegesellschaft" oder "christlichen Gesellschaft" hin zur "Computer-Kultur" oder auch "Fernsehgesellschaft" stattfand. Nach Giesecke (1996 : 1) sind gemeinschaftsbildende Faktoren unserer heutigen Gesellschaft vor allem kommunikative Prozesse und deren Medien, wobei die "Information" auch im wirtschaftlichen Kontext eine bedeutende Rolle einnimmt. Kommunikation beschreibt Giesecke (1996: 2) als einen "Spezialfall" der Informationsverarbeitung, bei dem Prozessoren aneinander gekoppelt werden um ein informatives Problem zu lösen. Diese Prozessoren müssen heute nicht mehr nur Menschen sein, sondern auch technische Prozessoren wie Computer können die Informationsverarbeitung übernehmen. Autoren nehmen in diesem System laut Giesecke (1996: 2) die Funktion einer "Schnittstelle" ein, indem sie Umweltinformationen wahrnehmen und diese in handschriftlichen Texten verarbeiten. Giesecke führt dazu aus: "Die Manuskriptform ist eine notwendige Bedingung für die weitere typographische Verarbeitung" (Giesecke 1996: 2). Durch diese nicht mehr mündlich dargebotenen Informationen kann in Druckereien und Verlagen die Gutenberg´sche Technik verwendet und Texte können vervielfältigt werden, sodass sich eine "Beschleunigung" des Informationsaustauschs vollzieht. Die rasche Durchsetzung von Gutenbergs Erfindung lässt sich mit einer positiven ideologischen Aufladung erklären und wird als Mittel zur Volksaufklärung und zum Wissenserhalt gesehen. (vgl. Giesecke 1996: 2)
Entsprechend der Renaissance, so Kloock und Spahr (1997: 263) weiter, ging es auch für Gutenberg neben seinem Primärziel, der Geschwindigkeit der Verbreitung von Information, um die Harmonie aller Teile und die Ästhetisierung der Schrift und der Intersubjektivität der Dinge, um diese Vereinheitlichung des Schriftbildes ebenfalls zu erreichen, erschuf er diese systematisch varrierbare Maschine. "Die Wiederverwendbarkeit der Form ermöglichte auch die Reproduktion identischer Lettern."(Kloock / Spahr 1997: 262). Mit diesen Lettern hat er "Artmodelle" erschaffen und diese anschließend harmonisch standardisiert und sein Ähnlichkeitsideal mit dem Druck des "monumentalsten Werk überhaupt" als erstes bewiesen: das Alte und Neue Testament (cf. Kloock / Spahr 1997: 263).
Die Progressivität des Buchdruckes als Initiator für gesellschaftlichen Wandel
Die Neuerungen des Buchdruckes wirkten sich nach Giesecke in weitreichendem Maße auf den Umgang und die Weitergabe von Informationen in der Gesellschaft aus. Wissen wurde nun nicht mehr einfach wie in oralen Kulturen innerhalb kleiner, sozialer Netzwerke geteilt, sondern konnte jetzt über große Entfernungen nachhaltig verbreitet werden. Das erstellen einer typografischen Information hatte nicht einfach nur das Potential die Weitergabe von beispielsweise Kräuterwissen von Mutter zu Tochter zu ersetzen, sondern schaffte zudem die Möglichkeit solcherlei Informationen mit anderem, bereits gesammelten Wissen abzugleichen und weiterzuverarbeiten. Somit konnte ein unbegrenzter Informationsspeicher eingerichtet werden, der fähig ist stets neuen Input aufzunehmen. "Immer mehr neue Informationen müssen dem System zugeführt werden, damit es am Laufen bleibt" (Giesecke 1996: 661). Laut Giesecke bildete sich ein Informationskreislauf heraus, welcher, einmal in Gang gekommen, eine Eigendynamik entwickelte. Giesecke erläutert dies anhand eines Models nach welchem der Autor über seine Wahrnehmung Informationen aus seiner Umwelt entnimmt, diese als psychische Informationen verarbeitet und niederschreibt. Hierdurch wandelt er sie in seine private und "ikonische" (Giesecke 1996: 657) Information um. Anschließend entsteht durch das Vermarkten eine gesellschaftliche Information, da jedes Mitglied der Gesellschaft nun Zugang erlangen kann. Durch den Kauf durch eine bestimmte Person erfolgt das Umschlagen zu einer erneut privaten, ikonischen und zunächst sprachlichen Information, welche wiederum eine psychische Information formt. Beeinflusst das entnommene Wissen das nachfolgende Handeln des Lesers, welches nachfolgend wieder Einfluss auf das Wirken neuer Autoren nimmt, so entsteht ein typographischer Informationskreislauf, welchen Giesecke auch als ein "endloses Band" (1996: 657) bezeichnet. Dieser Kreislauf führt zu einem stetigen Erweitern des Systems. Durch die erhöhte Reichweite der typographischen Information wurde nach Giesecke das Abwarten neuer Erfahrungen zur Erkenntnisbildung nicht mehr zwingend notwendig. So konnten industrielle Arbeitsvorgänge nun visualisiert und verbreitet werden, wodurch vorrangig sensomotorisch vorhandenes Wissen nun auch sprachlich repräsentiert wurde. Intuitive Erfahrungswerte wurden also durch logische Schlüsse ergänzt und verschriftlicht, dadurch wiederum überprüfbar und reflektierbar gemacht. In der Folge vollzog sich eine Trennung von Praxis und Theorie, welche von Giesecke als "Brauch" und "Verstand" betituliert werden. Der Austausch zwischen beiden Welten stellte einen Wendepunkt für die damals übliche Erkenntnistheorie und aus jetziger Sicht die Ausgangsbasis für die moderne Wissenschaft dar. Wurde die intensive Auseinandersetzung mit einer Kunst als Maîtrise verstanden, so erscheint diese nun als erfühlte Wissen suspekt. Es entwickelt sich die Wertschätzung einer Distanz zwischen dem Betrachter und dem Betrachteten, um weg von der üblichen Subjektivität des Alltags zu einer professionellen Objektivität zu gelangen. "Erprobt waren letztlich auch nur die Verfahren, deren Erprobung man beobachtet hatte. Das Gehörte und auch die eigene Intuition müssen noch einmal mit den Augen überprüft werden" (Giesecke: 677). Galt bislang das Erstellen von Texten in jeder Form als Kunst, geschah nun eine Herauslösung der sachlich, analytisch Verfassten und in Masse verbreiteten typographischen Medien aus dem althergebrachten Kanon der Künste. Die Wissenschaft, welche in der Gesellschaft bislang vielmehr als eine Art von Maîtrise und Weistum gesehen wurde, erlangte nun durch ihren Wandel hin zur Rationalität an Bedeutsamkeit. Aufgrund der Verbreitung durch den Buchdruck gab es nun keine Legitimation zur Geheimhaltung von Wissen mehr. Die Wissenschaft rückte merklich aus dem kleinen Kreis der Jünger der Wissenschaft in die Öffentlichkeit und galt nunmehr als Angelegenheit der Gemeinschaft. Dies hatte harsche gesellschaftliche Kritik zur Folge, wurde das Lernen aus Büchern für „unmöglich und jedenfalls verwerflich“ (Giesecke: 683) gehalten. Das Gespräch zwischen Experten und Laien solle, nach der Auffassung von Kritikern, nun vollends durch das Lesen von Sachbüchern ersetzt werden. Ein bedeutender Befürworter dieser Theorie war Valentin Ickelsamer, der Verfasser des Werks Teutschen Grammatica, welcher das Buch als Medium zum Selbststudium bzw. als Handreichung für Hausunterricht innerhalb der Familie etablieren wollte. Wurde das Ersetzen des Lehrers durch ein Buch von didaktischer Seite zunächst schwer verurteilt, so erfreute sich hingegen das Lehrwerk als ergänzender Bestandteil des Unterrichts zunehmender Beliebtheit. In der Folge galt es sich mit der Thematik auseinanderzusetzen, welche Lehrinhalte denn überhaupt sinnvoll durch Bücher vermittelt werden konnten und welche nicht. Eine weitere Problematik fand sich in dem Vorwissen, welches der einzelne Leser zum Verstehen der Schrift benötigte. Gab es in jeder Zunft eine gemeinsame Schnittmenge an Grundwissen über die behandelte Thematik, so konnte dieses nun nicht mehr als a priori vorausgesetzt gelten. Folglich mussten viele Manuskripte vor dem Druck aufgearbeitet und erweitert werden, um dem einfachen Leser grundlegende Informationen zur Thematik vor zu entlasten.
Die digitale Revolution
Weiterentwicklung des Urheberrechts
Die Anfänge der schriftlichen Fixierung der Grammatiken
Nach Bierbach und Pellat (2003: 234-235) war im Mittelalter die Sprache der Kultur und der Kommunikation in Europa das Latein. Als Beispiele lateinischer Grammatiken werden Donats Ars (grammatica) und Prisciens de Césarées Institutionum grammaticarum libri XVIII genannt (vgl. Bierbach / Pellat 2003: 235).
Nach Swiggers (1988: 843) entstehen die ersten grammatischen Beschreibungen einer romanischen Sprache (l'ancien provençal) erst im 13. Jh.
Italienische Grammatiken und Sprachtraktate
DIE NORMGRAMMATIK Eine italienische Normgrammatik sollte anfangs nur für die Entstehung einer exemplarischen und literarisch wertvollen Schriftsprache verfasst werden, später jedoch hauptsächlich, um eine einfache und zufriedenstellende Reproduzierbarkeit zu gewährleisten (vgl. Poggi Salani, 1988: 781). Nach Poggi Salani musste die deskriptive Grammatik des Italienischen eine normative Grammatik sein, denn die meisten Grammatiker gehen von Überlegungen zu einer exemplarischen Schriftsprache aus und wollen ihre Reproduzierbarkeit garantieren. Dabei wurde innerhalb der Sprache mit ihrem Wortschatz, ihren grammatikalischen Besonderheiten und ihrer Syntax nicht nur gekürzt, sondern auch Neues hinzugefügt, präzisiert und verändert (Poggi Salani, 1988: 781). Bei der Verfassung der Normgrammatik konkurrierten zwei verschiedene grundlegende Ansichten: die Anhänger der ersten forderten, dass die Norm nur aus der Schriftsprache entstehen solle, während die der zweiten der Meinung waren, dass sich die Norm aus der in Florenz gesprochenen Sprache. Dabei sollte sich an dem dem Lateinischen sehr nahestehenden Toskanischen orientiert werden, wodurch Eigenheiten anderer Dialekte (z. B. "leggemo" in Siena und Rom) zugunsten der am Florentinischen orientierten Norm ("leggiamo") vereinheitlicht werden sollten (Poggi Salani, 1988: 782). Letztendlich entschied man sich dazu, die deskriptive Grammatik notwendigerweise mit der normativen Grammatik abzustimmen (Poggi Salani, 1988: 781: "La grammatica descrittiva dell'italiano doveva necessariamente coincidere con la grammatica normativa") und folgte somit der zweiten der oben beschriebenen Ansichten zur Normbildung.
Einleitender Text:
- Bedeutung des Lateinischen
- Dichte von Grammatiken in der Zeit von .. bis ..
- Zusammenhang mit der Questione della lingua, ihre Sprache und Lexik (Dante, Boccaccio, Petrarca)
- Bezüge zu den großen Schriftstellern der Zeit
- Abschnitt Normgrammatik
- Gegenseitige Beeinflussung des Buchdruckes, d.h. die von ihm hervorgebrachte Notwendigkeit einer Sprachnormierung und der Erscheinung der Grammatiken
Grammatiken
- ~1434-43 Grammatichetta vaticana von Leon Battista Alberti
- 1516 Regole grammaticali della volgar lingua von Giovan Francesco Fortunio
- 1525 Prose della Volgar von Pietro Bembo
- 1529 Grammatichetta Giovan Giorgio Trissino
- 1533 La grammatica volgar dell'Ateneo von Marco Antonio
- 1549 Fondamenti del parlar toscano von Rinaldo Corso
- 1550 Osservazioni della volgar lingua von Lodovico Dolce
- ~1551 Commentarii della lingua italiana (veröffentlicht 1582) von Girolamo Ruscelli
- 1552 Regole della lingua fiorentina von Pierfrancesco Giambullari
1. Die grammatichetta vaticana (1434-1443), ein von Leon Battista Alberti verfasstes Manuskript und die erste italienischsprachige grammatische Abhandlung (vgl. Poggi Salani, 1988: 776), war vorher lange in Vergessenheit geraten und wurde, so Poggi-Salani, erst im 19. Jahrhundert wiederentdeckt. Der Certame Coronario, ein öffentlicher Wettstreit zur Frage nach der Natur des Lateins in Rom, den Alberti 1441 in Florenz organisierte, sollte die hohe literarische Qualität des toskanischen Volgare zeigen (vgl. Poggi-Salani 1988: 776), während die grammatichetta praktisch erklärend vorging und die korrekte Nutzung der Sprache darstellte. In der grammatichetta bezog sich Alberti auf die vorherrschende Diskussion über die Natur des Lateinischen, und unterstrich dabei die außerordentliche "Latinität" der Lexik des Volgare (vgl. Poggi-Salani 1988: 776). So findet die Grammatik im toskanischen volgare die grammatischen Kategorien des Lateins wieder, fügt den bestimmten Artikel, das passato prossimo und den Konditional hinzu und unterstreicht die grundsätzliche Latinität der toskanischen Lexik. Die Grammatik zeigt also, so Poggi-Salani, zugleich den lateinischen Ursprung des volgare und die Regelhaftigkeit des volgare auf (vgl. Poggi-Salani 1988: 776). Außerdem wurde nun zwischen sieben Vokalen unterschieden, die unterschiedliche Aussprache des "z" angepasst und die Nutzung des Artikels geregelt (vgl. Poggi-Salani 1988: 776).
2. Die Regole grammaticali della volgar lingua (1516) wurden nach Poggi-Salani von Giovan Francesco Fortunio geschrieben und waren die erste gedruckte italienische Grammatik. Sie orientiert sich stark an den im volgare geschriebenen Werken der Florentiner Dante, Petrarca, Boccaccio und wurde im Zusammenhang der Sprachenfrage ("questione della lingua") (vgl. Poggi Salani 1988: 776), die das 16. Jahrhundert bestimmte, verfasst (vgl. Poggi-Salani 1988: 776). Es werden darin Regeln zum korrekten Scheiben und Sprechen aufgestellt, die sich auf zwei Bücher verteilen: Das erste Buch behandelt die Nomen und Adjektive, Pronomen und Artikel, Verben, Adverben und Konjunktionen und weist eine eher didaktisch-monotone Schreibweise auf. Das zweite Buch dagegen befasst sich nur mit der Rechtschreibung (vgl. Poggi-Salani 1988: 776).
3. Die Prose della volgar (1525) von Pietro Bembo basieren auf der Schriftsprache von Giovanni Boccaccio und Francesco Petrarca (obwohl diese z.B. "semo" und "avemo" nutzen, was eigentlich nicht dem klassischen Italienisch entsprach, jedoch trotzdem aufgrund der Einbürgerung in die Sprache anerkannt werden musste [ich finde das, was Sie hier sagen, nicht an der angegebenen Stelle. Woher stammt das?] (vgl. Poggi Salani, 1988: 776). Es wurden ein florentinischer Wortschatz sowie dialektische und lateinische Elemente aufgegriffen, wobei der Schwerpunkt auf den literarischen Stil der Sprache gelegt wurde. Bembos Prose bestehen aus drei Bänden, von denen der dritte die Grammatik behandelt. [auf der Seite 776 steht dazu nichts; wenn es aus einem der anderen Artikel stammt, dann geben Sie es doch an].
4. Die Grammatichetta (1529) von Giovan Giorgio Trissino bringt nach Poggi Salani ein grundlegendes Schema einer literarischen Sprache mit direkter Bezugnahme auf einige neue orthografische Besonderheiten und einer eher trockenen Morfologie. Dabei wollte Trissino. so Poggi Salani, eine ideale italienische Sprache erschaffen, bei der er sich nicht an den bisher kanonischen Werten orientierte (vgl. Poggi Salani, 1988: 777).
5. La grammatica volgar dell'Ateneo (1533) von Marco Antonio Ateneo Carlino basiert laut Poggi Salani auf der Schriftsprache Petrarcas, Jacopo Sannazaros in seinem Werk Arcadia und Pietro Bembos in seinem Werk Asolani. Aufgrund dieses Bezugrahmens passiert es, wie laut Poggi Salani Corti (1969: 246) festgestellt hat, dass bei Marco Antonio Ateneo Carlino eine provinzielle Form zur literarischen Form der Prosa wird, und eine florentinische Form zur literarischen Form der Lyrik.] (vgl. Poggi Salani 1988: 777).
6. Fondamenti del parlar toscano (1549) von Rinaldo Corso
- phonologisch-morphologische Ausrichtung
- Lehnt sich im Hinblick auf die Auswahl der Formen an Bembo an und beschränkt sich stilistisch auf den Stil der Prosa und Lyrik
- Weist eine didaktische Tendenz mit kleinschrittigen Regeln auf (vgl. Poggi Salani, 1988: 777) [zu fortlaufendem Text umformulieren]
7. Osservazioni della volgar lingua (1550) von Lodovico Dolce
1. Buch: behandelt vor allem Aspekte der Morphologie und daneben Aspekte der Phonetik, Sytax sowie der Rhetorik - Nachfolgende Bücher: behandeln die Rechtschreibung, Zeichensetzung und die Poetik (vgl. Poggi Salani, 1988: 777)
Lobeshymnen auf Bembo, scharfe Bemerkungen gegen Trissino, Anlehnung an Corso und Dolce, Zitate aus Petrarca und Boccaccio
Auf sprachlicher Ebene Kontinuität zu den "goldenen" Autoren [des 'goldenen' Zeitalters] (Vgl: Poggi Salani 1988: 778)
8. Die Commentarii della lingua italiana (~1551, veröffentlicht 1582) von Girolamo Ruscelli beschäftigten sich hauptsächlich mit dem Beseitigen zeitgenössischer Fehler, die durch die Übernahme einiger Romanismen, Toscanismen und Lombardismen in der allgemeinen Sprache häufiger auftauchten. Während, wie bei Poggi Salani dargestellt (1988: 778), im zweiten Buch größtenteils auf die grammatikalischen Vorläufer (u.a. Bembo und Trissini) eingegangen wird, behandeln die restlichen commentari allgemeine Überlegungen zur menschlichen Sprache und rhetorische Beobachtungen.
9. Die Regole della lingua fiorentina (1552) von Pierfrancesco Giambullari ist die erste von einem florentinischen Autor verfasste gedruckte Grammatik und orientierte sich laut Poggi Salani erstmalig nicht mehr nur noch an der Sprache der Literaten Dante, Boccaccio und Petrarca, sondern auch an der aktuell in Florenz gesprochenen Sprache der hochgestellten Mitglieder der Gesellschaft (vgl. Poggi Salani 1988: 778). Giambullari räumt dabei der Syntax und der Rhetorik in Bezugnahme auf die Fonetik und Morfologie in seiner Grammatik außerordentlich viel Platz ein.
Sprachtraktate
Französische Grammatiken und Sprachtraktate
Laut Bierbach und Pellat (2003: 235) erschienen didaktische Abhandlungen über Orthographie und Morphologie des Französischen ab dem 13. Jahrhundert.
Was das Französische betrifft, so gibt es laut Swiggers z. T. sehr summarische Abhandlungen zur Orthographie oder Morphologie (Substantiv und Verb) sowie einige thematische Wörterbücher, die auch Informationen zur Aussprache, liaison und élision enthalten:
- um 1250: "Traité de la conjugaison française"
- um 1300: "Tractatus orthographiae de T.H., Parisii studentis"
- um 1300: "Orthographia gallica"
- um 1300: Fragmente zur Grammatik und Konjugationstabellen
- um 1340: "Nominale sive verbale in Gallicis cum expositione eiusdem in Anglicis"
- um 1400: "Tractatus orthographie gallicane per M.T. Coyfurelly, canonicum, Aurelianum doctorem utriusque juris, de novo editus secundum modum et formam parisius" (Überarbeitung des "Tractatus orthographiae de T.H., Parisii studentis" (vgl. Swiggers 1988: 844).
Des Weiteren gibt es, so Swiggers (1988: 844) mehrere Texte für die praktische Anwendung (Konversationsmodelle, Darstellungen der Buchstaben, Texte für Anfänger):
- um 1250/1290: "Le tretiz ki Munseignur Gauter de Bitheswey fist a ma dame Dyonise de Montechensi pour aprise de langage"
- Ende des 14. Jh.: "Manières de langage"
Alle diese Abhandlungen entstehen, wie Swiggers (1988: 844) betont, in England (Französisch ist dort Verwaltungssprache) und zeugen von der Bemühung, das Pariser Französisch wiederzugeben.
Grammatiken
Aus England stammt, so Swiggers (1988: 844) auch die älteste grammatische Abhandlung zum Französischen auf Französisch, nämlich der um 1400 entstandene und unvollendet gebliebene "Donait françois". Bierbarch und Pellat (2003: 235) geben als Entstehungsjahr des "Donait françois" 1409 an. Eben dieser "Donait françois" wurde laut Swiggers (1988: 844) zur Grundlage der grammatischen Beschreibung des Französischen. Aufgebaut ist der "Donait françois" nach Swiggers wie folgt:
Introduction
Classement des lettres
Les accidents des mots
- espèces de mots
- figures de mots
- le nombre
- la personne
- le genre
- la qualité
- le cas
- les degrés de comparaison
- le mode
- le temps
- le genre
Les parties du discours
- introduction
- suppositio des noms
- le nom
- le pronom
- le verbe
Die Buchstaben sind, so Swiggers (1988: 845) weiter, unterteilt in "cinq voielx" (fünf Vokale) und "quinse consonantez" (fünfzehn Konsonanten) und z. T. mit Aussprachehilfen versehen. Danach folgt, so Swiggers, - der morphologische Teil (Derivate, Komposita, Numerus, Genus, Fälle, Modus, Tempus, etc.). Im Anschluss daran findet sich die - Analyse der Redeteile - (Nomen, Pronomen, Verben: Numerus, Modus, Tempus, Konjugation der französischen Verben; Bildung der Hilfsverben)
Nach Swiggers ist das Besondere am "Donait francois":
1. dass er die älteste Grammatik des Französischen ist.
2. dass die lateinische Grammatik zwar als deskriptives und terminologisches Modell dient, wobei das französische Sprachsystem nicht vollständig in das Lateinische übertragen werden konnte.
3. dass damit ein metalinguistisches Modell für die Argumentation, Präsentation, und Formulierung von Beschreibungen des Französischen eingeführt wird (vgl. Swiggers 1988: 845).
Ziel dieses Werkes ist nach Bierbach und Pellat (2003: 235) die Erklärung der Schwierigkeiten des Französischen für englischsprachige Lerner.
Nach Swiggers (2001: 485) hat die französische Grammatikographie ihren Ursprung im Mittelalter. Die ältesten Abhandlungen über Morphologie und Orthographie sowie die ersten grammatischen Texte stammen aus England. In einigen Abhandlungen wird auch auf die strukturellen Unterschiede zwischen Französisch und Latein eingegangen. (vgl. Swiggers 2001: 485).
In der Epoche der Renaissance, so Swiggers (2001: 485), setzt sich die französische Sprache in der Verwaltung und der Gerichtsbarkeit durch. Nach Geoffroy Torys Champ Fleury 1529 entstehen zahlreiche weitere grammatische und orthographische Abhandlungen im 16. Jahrhundert. (vgl. Swiggers 2001: 485). Swiggers (2001: 485-486, 1988: 847) zählt die folgenden Abhandlungen zur Beschreibung der Grammatik und Orthographie auf:
- 1529: Tres utile et compendieux traite de l´art et science d´orthographie gallicane (anonymer Text)
- 1530: John Palsgrave, Lesclarcissement de la langue francoyse, London
- 1531: Jacques Dubois, In Linguam Gallicam Isagwge, unà cum eiusdem Grammatica Latino-Gallica, ex Hebraeis, Graecis, & Latinis authoribus, Paris
- 1532: Gilles du Wes, An Introductorie for to lerne, to rede, to pronounce, and to speke frenche trewly, London
- 1533: Briefve doctrine pour deuement escripre selon la propriete du langaige francoys (anonymer Text), Paris
- 1540: Étienne Dolet, Accents de la langue francoyse, Lyon
- 1542: Louis Meigret, Traite touchant le commun usage de l´escriture francoise, Paris
- 1550: Louis Meigret, Le tretté de la grammere francoeze, Paris
- 1550: Joannes Pillotus, Gallicae linguae institutio, Paris
- 1557: Robert Estienne: "Traicté de la gramaire francoise"
- 1562: Pierre de la Ramée: "Gramere"
Die orthographischen Texte enthalten dabei laut Swiggers (2001: 486) auch Hinweise zur Aussprache des Französischen.
Ab der Mitte des 16. Jahrhunderts, so Swiggers (2001: 486) nimmt die Zahl französischer Grammatiken zu. Den größten Anteil haben dabei Werke zur praktischen Anwendung des Französischen für Nicht-Muttersprachler. Diese enstehen vor allem in England, den alten Niederlanden und Deutschland (vgl. Swiggers 2001: 486). Als Grammatiken für das französische Publikum nennt Swiggers (2001: 486) Robert Estiennes Traicte de la gramaire francoise (Paris 1557) und Pierre de la Ramées Gramere (Paris 1562) bzw. Grammaire (Paris 1572). Bei den meisten Grammatiken, die sich an Nicht-Muttersprachler richten, steht der pädagogische Aspekt im Vordergrund und die systematische Beschreibung der Strukturen tritt in den Hintergrund (vgl. Swiggers 2001: 486). Die Grammatiken von Palsgrave, Meigret, Estienne und Ramus enthalten zwar exzellente Beschreibungen von grammatischern Strukturen des Französischen, insgesamt befindet sich, so Swiggers (2001: 486) die syntaktische Analyse noch im Anfangsstadium. Im 16. Jahrhundert entstehen auch die ersten didaktischen Grammatiken der französischen Sprache für das spanische Publikum (vgl. Swiggers 2001: 486).
Im 16. Jahrhundert erscheinen, so Swiggers (1988: 846) die ersten gedruckten Grammatiken des Französischen. Die meisten davon waren deskriptiv. Ziel war es, so Swiggers, den Leser über die verschiedenen grammatikalischen Kategorien des Französischen zu informieren. Dies geschah vor allem mittels einer Präsentation von Regeln und Paradigmen. Damit gelang es laut Swiggers den Autoren zu zeigen, dass das Französische ebenfalls Regeln besitzt., also in der Lage ist, eine Rolle als Kultursprache zu spielen (vgl. Swiggers 1988: 846). Die Mehrheit der Grammatiken im 16. Jahrhundert sind, laut Swiggers, praktische Grammatiken. Das heißt, sie dienten dem Unterricht des Französischens. (vgl. Swiggers 1988: 847).
Auch nach Bierbach und Pellat (2003: 235) erschienen die ersten grammatikalischen Beschreibung in Frankreich im 16. Jahrhundert. Die Autoren stützten sich dabei besonders auf die lateinischen Vorgänger des Engländers Linacre, des Italieners Julius C. Scaliger und des Spaniers Sanctius. Jedoch war, so Bierbach und Pellat, der deskriptive Aufbau der lateinischen Grammatiken für die französischen Grammatiken ungeeignet. Die Grammatiken des 16. Jahrhunderts verfolgten laut Bierbach und Pellat mit der Beschreibung nicht nur ein normatives Ziel, sondern auch eine pädagogische Absicht. Die erste gedruckte Grammatik des Französischen wurde nach Bierbach und Pellat in England 1530 von John Palsgrave publiziert. Palsgrave untersucht nach Swiggers (1988: 847) in seiner Grammatik besonders die Unterschiede zwischen dem Französischem und Englischem. 1531 erschien dann, so Bierbach und Pellat, die erste französischen Grammatik in Frankreich, die jedoch auf Latein geschrieben ist. Herausgeber dieser Grammatik war Jacques Dubois d'Amiens. Dubois zeigt, so Swiggers (1988: 847), Unterschiede zwischen dem Lateinischen und dem Französischen auf, indem er das Lateinsche als Grundlage für den Aufbau seiner Grammatik nimmt (vgl. Swiggers 1988: 847). Erst 1550 wurde die erste französische Grammatik, die in französisch geschrieben ist, in Frankreich gedruckt . Der Herausgeber dieses Werkes, Louis Meigret, fügte seiner Grammatik syntaxische Bemerkungen bei, die die Eigenheiten des Französischen wiedergeben. Diese Grammatik hatte, laut Bierbach und Pellat, Einfluss auf die Gramer von Petrus Ramus, der der Ansicht war, dass die Sprachanalyse der Analyse des Denkens folgt (vgl. Bierbach / Pellat 2003: 235). Nach Swiggers (1988: 847-848) betrachten die Grammatiker Meigret, Ramus und Estienne, die ebenfalls dem 16. Jahrhundert zuzuordnen sind, das Französische nicht nur in seinem konkreten Gebrauch, sondern sie halten diesen Gebrauch als in Regeln fassbar. Meigret und Ramus kommt laut Swiggers das Verdienst zu, eine methodische Beschreibung der Morphologie des Französischen versucht zu haben (vgl. Swiggers 1988: 848). Zusammenfassend halten Bierbach und Pellat fest, dass die Grammatiken des 16. Jahrhundert angefangen haben, die Besonderheiten der französischen Sprache dem Latein gegenüber herauszufiltern. Die morphologischen Beschreibungen des Französischen haben sich während dieses Zeit entwickelt. Dennoch bleibt die Syntaxt nur ein geringer Anteil dieser Grammatiken (vgl. Bierbach / Pellat 2003: 235-236).
Zusammenfassend schreibt Swiggers (1988: 848), dass den Grammatikern des 16. Jh. ein kohärentes Beschreibungssystem zu verdanken ist, das den Unterschieden zwischen dem Französischen und Latein Rechnung trägt und das sich vom latinisierenden grammatischen Modell emanzipiert. "En visée rétrospective, on appréciera l'effort de ces grammairiens [...] pour mettre en place un système cohérent de description, qui fait justice aux diférences structurelles entre le francais et le latin, et qui s'emancipe du modèle grammatical latinisant." (Swiggers 1988: 848).